"Leben ohne Arbeit- Arbeit als Los?"
Disputation an der Martin- Luther- Universität Halle - Wittenberg
Hans Herrmann Hartwich:
daß uns die Arbeit ausgeht (Hanna Ahrendt), stimmt nicht, denn die Arbeitsgesellschaft
ist in den letzten 30 Jahren nicht zusammengebrochen, vielmehr konnte sie ihren
Reichtum kräftig steigern. Aber richtig ist, daß für die Produktion des Wohlstandes
immer weniger Menschen benötigt werden.
Antike Philosophie: Arbeit und frei verantwortliche Lebensgestaltung
sind nicht zu vereinen. Vita activa gegen Vita contemplativa. Arbeit als Sache
der Sklaven, die Politik eine Angelegenheit freier Bürger.
Die christliche Mönchskultur des Mittelalters mit ihrem "ora et
labora" kann vermutlich in diesem Sinne als "vita contemplativa durch
Arbeit" angesehene werden.
Die Neuzeit gibt mit ihrem technisch- wissenschaftlichen Entwicklungsglauben
und Erfolg der Arbeit die zentrale Stellung im Leben des einzelnen und eine
anderen Funktion für die vom wirtschaftlichen Erfolg abhängige Gesellschaf6t.
"Befreiung von der Arbeit durch Arbeit" sagt Karl Marx und entwirft
die marxistische Geschichtsphilosophie als eine grandiose Opferphilosophie.
(57) Sie sog. "Weltwirtschaftskrise" von 1930 bis 1933 wird als Konjunkturerscheinung
definiert, seit den siebziger Jahren zwingen die dauerhaft hohen Arbeitslosenzahlen,
diese Phänomen als Strukturproblem der Arbeitsgesellschaft zu bezeichnen.
Fragen:
Langanhaltende, dauerhafte Arbeitslosigkeit führt zur Orientierungskrise
bei den Menschen und zur Instabilität der Gesellschaft.
Der Ökonom sagt: Es gibt genügend Arbeit, aber sie ist zu teuer geworden. Nur
deswegen fehle es an der Nachfrage nach Arbeit.
Drei Beispiele, wie in anderen Ländern mit Arbeitslosigkeit umgegangen wird:
Da in Deutschland die Arbeitsgesellschaft zugleich eine sozialstaatlich verfaßte
Gesellschaft ist (mit der Grundlage, daß viele Gesellschaftsmitglieder arbeiten
und damit die Leistungen für die anderen finanzieren), kann es passieren, wenn
die Zahl der Finanzierenden mangels Arbeit schrumpft, daß die noch arbeitenden
höhere Beiträge zahlen müssen.
Leben ohne Arbeit ist vorstellbar, aber wie soll das "Nichtarbeiten"
finanziert werden? Sollen High-tech-Betriebe zahlen (geringer Personaleinsatz,
mehr produzieren)? Aber besteuert man erfolgreiche High-Tech-Bereiche einer
Wirtschaft, so entzieht sich die Gesellschaft ihre Existenzgrundlage.
Normatives Problem: solange Erwerbsleistende die Sozialleistungen finanzieren,
wird ein hoher Maßstab an diejenigen gelegt, die nicht zu arbeiten brauchen.
Leben ohne Arbeit bedarf einer besonderen Legitimation.
Nachsatz: Wie kann "Nichtarbeit" bezahlt werden? Von wem, in welcher Höhe, nach welchen Kriterien? Es gibt keine Arbeit für alle, aber wir benötigen die Arbeit, um allen ein Leben in würde, d.h. ohne die dringlichsten Existenzsorgen zu finanzieren. Ein Leben ohne Angst ist nicht möglich, ohne daß dazu jemand die nötigen Mittel aufbringt. D.h. wir brauchen die Erwerbsarbeit und ausreichende Erwerbseinkommen, also die traditionelle Arbeitsgesellschaft, solange alle Vorsorgeleistungen im Arbeitslohn verankert sind und bleiben
Friedrich Schorlemmer:
Arbeit = wertschaffende oder werterhaltende Tätigkeit.
Was sind diese Werte? Werte lassen sich durch das bemessen, was honoriert
wird. Honorierung erfolgt immer aufgrund eines bestimmten Wertesystems der Gesellschaft,
das Wertesystem der Gesellschaft ist offensichtlich das Geld.
Wird eine Tätigkeit honoriert, wird damit gesagt, daß es wertvoll und wichtig
ist, was jemand tut. Mehr und mehr aber werden lebenswichtige menschliche Tätigkeiten
abgewertet, soweit sie ohne ein Arbeitsverhältnis ausgeübt werden. Nur ein Arbeitsverhältnis
gibt Subsistenz.
Manfred Riedel (Philosoph)
These: Die Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit ausgegangen ist, ist nicht mehr die Gesellschaft, in der wir leben, sonder die Gesellschaft einer klassischen Nationalökomomie eines Adam Smith in England. Die heutige Gesellschaft ist anders: die Arbeitsgesellschaft ist die moderne Industriegesellschaft ist nationalen Kriegen und stark arbeitskraftintensiven Kriegsindustrie. Seit 1989 Reduzierung der Arbeitsplätze in der Kriegsindustrie Die Gesellschaft der Arbeitsteilung von heute: Arbeit ist nicht gleichbedeutend mit Erwerbsarbeit, Industriearbeit oder werteschaffender Arbeit.
Kreckel
Priorität: Suche nach einem würdigen Leben ohne Arbeit. Streben nach Wachstum
um jeden Preis kann kein sinnvoller Weg mehr sein. (Aufgabe der Sozialarbeit:
diese Formen zu finden und zu fördern. Kann das Sozialarbeit überhaupt?)
Kann die Arbeit geteilt werden nimmt sie immer weniger Bedeutung im Leben der
Menschen ein, und es kann sein, daß die Identität der Menschen sich immer weniger
aus diesem Bereich herleitet, zumal es sich dabei um abhängige, nicht um frei
verbrachte Lebenszeit handelt. So wächst die Chance einer neuen, pragmatischeren
Verteilung der Arbeit, wobei Leistung und freie Zeit unverkrampfter zueinander
in Verbindung gebracht werden müssen.
Alfred Schellenberger
Betont die Bedeutung der pädagogischen Erziehung in der Kindheit und Jugend hin zur Fähigkeit, mit Nichtarbeitszeit umzugehen, Selbstarbeit zu finden.