Wie wir arbeiten werden

Der neue Bericht an den Club of Rome

Orio Garini und Patrick M. Liedtke

Vorbemerkung

Wir sind, was wir produzieren. Der Wert von Arbeit und Tätigkeit

 

Vorbemerkung

Je näher die Jahrtausendwende rückt, desto stärker verbreitet sich im Westen ein Gefühl der Ungewißheit und Angst, obwohl wir inzwischen das Ende des Kalten Krieges miterlebt haben. Diese Unruhe liegt zum großen Teil in dem tiefgreifenden Wandel begründet, der sich vor unseren Augen vollzieht, hin zu einer Globalgesellschaft oberhalb und jenseits des traditionellen Nationalstaats. Was eine Minderheit von Bürgern als eine Chance betrachtet, sieht die Mehrheit als Bedrohung. Nirgendwo wird dies deutlicher als auf dem globalen Arbeitsmarkt. Die offizielle Zahl der erwerbslosen Menschen in den industrialisierten Ländern hat einen historischen Höchststand von annähernd 35 Millionen erreicht, unzählige sind aus der Statistik herausgefallen und werden nicht mehr berücksichtigt. Gleichzeitig leben weitere 1,3 Milliarden Menschen in Entwicklungsländern in elender Armut, und ihre Zahl steigt jedes Jahr um 25 Millionen. Die Schaffung von Arbeitsplätzen für diese Hunderte Millionen Menschen ist lebensnotwendig, um künftig in der ganzen Welt Wachstum und Sicherheit zu erreichen. Von den Arbeitnehmern im Westen wird dies jedoch auch als eine Bedrohung empfunden; sie sehen die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes gefährdet durch das enorme Potential an Billigarbeitskräften in den Entwicklungsländern. Viele fragen sich bereits: Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Können wir Stellen für beide schaffen? Der Club of Rome mit seinen einhundert Mitgliedern aus über fünfzig Ländern aus allen Erdteilen betrachtet sich als Katalysator des Wandels und als Zentrum von Innovation und Initiative. Aus diesem Grund hat der Club of Rome die vorliegende Studie zur globalen Beschäftigungsproblematik in Auftrag gegeben. Der Bericht greift weit in die Geschichte der Arbeit und in die historische und aktuelle Wirtschaftstheorie zurück. Er analysiert eingehend die moralischen, gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Aspekte der Arbeit in verschiedenen Regionen und Ländern der Welt. Er richtet sein Augenmerk auf die breite Viel- falt der Arbeit in der modernen industriellen und postindustriellen Gesellschaft, welche die Autoren als die Dienstleistungsgesellschaft bezeichnen, wo andere bereits von einer Informationsgesellschaft sprechen. Der Bericht bietet hier reichlich Ansatzpunkte für ausgiebige Debatten und Diskussionen: Wir sind uns darüber im klaren, daß viele der dargelegten Gedanken wahrscheinlich umstritten sind. Zum Beispiel werden die Vorschläge der Autoren zu einem mehrschichtigen Arbeitsmodell, in dem nichtmonetarisierte und monetarisierte Tätigkeiten integriert sind und der Wohlstand der Gesellschaft neu definiert werden soll, wie die Autoren am Ende des Berichts betonen, nicht als eine neue Utopie präsentiert, sondern als ein erster Anstoß für eine Flut neuer Ideen. Die Vorschläge und Schlußfolgerungen des Berichts sind Gegenstand intensiver Diskussionen unter den Mitgliedern des Club of Rome gewesen. Weil das Beschäftigungsdilemma und die Neuentdeckung der Arbeit derart komplex sind, bleiben einfache und schnelle Lösungen von vornherein ausgeschlossen. Aus diesem Grund begrüßt der Club of Rome diesen Bericht als einen wichtigen Beitrag zu der notwendigen öffentlichen Auseinandersetzung über eines der grundlegenden Themen der Gegen- wart, auch wenn nicht alle seine Mitglieder uneingeschränkt mit ihm übereinstimmen. Wegen des ganzheitlichen Ansatzes und der vielen innovativen Ideen sind wir davon überzeugt, da0 dieser Bericht die grö6te öffentliche Aufmerksamkeit verdient, vor allem all jener, die sich – als politische Entscheidungsträger, Wissenschaftler, Arbeitgeber und Arbeitnehmervertreter, Meinungsführer in Bildung und Medien – um die Beschäftigung, die soziale Gerechtigkeit und die Stabilität der Demokratie Sorgen machen. Die Mitglieder des Exekutivkomitees des Club of Rome »... Traditionell gehörte es zu den grundlegenden Aufgaben der Volkswirtschaftslehre, über das Problem der Vollbeschäftigung nachzudenken. Ungefähr seit 1966 haben die Wirtschaftswissenschaftler dieses Thema abgeschrieben; ich meine, das ist eine ganz falsche Einstellung. Es kann kein unlösbares Problem sein. Es mag schwierig sein, aber gewiß nicht unlösbar. (...) Unsere erste Aufgabe ist der Frieden. Die zweite ist es, dar- über zu wachen, dal3 niemand Hunger leidet, und die dritte ist eine hinreichende Vollbeschäftigung. Die vierte ist, natürlich, die Bildung. (...) Es ist unsere Pflicht, optimistisch zu sein. Nur von solch einem Standpunkt aus können wir aktiv sein und tun, was in unseren Möglichkeiten liegt.«

Karl Popper Auszüge aus einem Interview vom 29. Juli 1994, wenige Wochen vor seinem Tod

 

Wir sind, was wir produzieren. Der Wert von Arbeit und Tätigkeit

Vom Humankapital vor allem hängt unser Wohlstand und er künftiger Generationen ab.

Bildung von Humankapital muß deshalb die höchste Priorität erhalten, da andere Produktionsfaktoren ohne menschliches Wissen wenig oder nichts produzieren können

Die Definition des Wertes der Arbeit als ihre Kapazität, knappe Güter und Dienstleistungen zu produzieren, ist unangemessen. Arbeit als Symbol und ihr Wert in der Gesellschaft. Es fehlt immer noch eine anerkannte Definition dieser menschlichen Tätigkeit. Arbeit ist eine Tatsache, in Abgrenzung von anderen Tätigkeiten. Der Wert der Arbeit bemißt sich anhand des Überlebenserfolgs und dem Erhalt der menschlichen Gattung

Geschichtliches

Griechische Götter lehrten den Menschen, wie er zu arbeiten hatte. Athene brachte ihnen bei, Tiere zu züchten und sie an den Wagen zu spannen. Demeter baute das erste Getreide an und schlachtete eine Kuh. Die Götter führten die Menschen in die Arbeit eine und diese Tätigkeit mußte immer auf die selbe Weise betrieben werden, genau wie ein Ritual. Somit ist Arbeit die ständig erneuerte, andauernd verwirklichte Erscheinung der göttlichen Weltordnung.

Das Christentum trennt Mensch und Gott, indem sie ihn in eine andere Welt versetzt. Die Mühen und Qualen der Arbeit gelten als Sühne für die Ursünde und Folge der Vertreibung aus dem Paradies. Der Mensch soll Gottes Arbeitsrhythmus - sechs Tage Arbeit, eine Tag Ruhe - nachahmen. Arbeit wird zur Buße, zur Unterwerfung unter den Willen Gottes.

Bei Luther wird die Arbeit zum vorherrschenden Mittel moralischer Selbstvergewisserung, für Calvin ist Arbeit der Hauptzweck des Lebens und führt schließlich zur Erlösung. Fleiß, Wirtschaftlicher Erfolg aufgrund harter und ehrlicher Arbeit sind Tugenden, die das Auge Gottes erfreuen. Calvin gibt der vita activa absoluten Vorrang vor de vita contemplativa.

Das Wesen der heutigen kapitalistisch orientierten Gesellschaft gründet zum großen Teil auf dieser protestantischen Lehre von der Arbeit als Quelle aller Werte.

Agrargesellschaft: Arbeit wird der Mehrzahl der Menschen durch eine Reihe von Notwendigkeiten aufgezwungen. Wenig entlohnte Arbeit, vor allem mit Naturalien. Großer Anteil an Eigenproduktion. Umfang und Intensität hängen von Wetter und Jahreszeit ab. Mit der Einführung der Landwirtschaft gewann der Mensch zum ersten Mal die Mittel, seine Umwelt zu verändern und sich bessere Überlebenschancen zu sichern, der Mensch wurde seßhaft.

Industrielle Revolution Materiellen Objekten wird elementarer ökonomischer Wert zugeschrieben, der auf dem Tauschwert beruht. Entlohnung in de Regeln nur noch für Produktionsarbeit. Effizienz der Produktion bemißt sich nach der Menge der in einem bestimmten Zeitraum produzierten Einheiten. Arbeit wird von natürlichen Bedingungen unabhängig. Die industrielle Produktion von Gütern bestimmte den Reichtum einer Nation, je mehr Güter eine Gesellschaft produzieren konnte, desto reicher wurde sie. Die Effizienz der Produktion entschied über die Konkurrenzfähigkeit. Um ein besseres Kosten- Nutzenverhältnis zu erreichen, konnte der Hersteller entweder die Produktionskosten senken (Arbeitszeit verlängern: 10-12h 1800, 11-14h 1820, 14-16h 1830-1860 (Seifert, E. (1982) Industrielle Arbeitszeiten in D, S. 4)und Produktivität steigern: nicht mehr dem eigenen Rhythmus folgen, sondern sich dem Takt der Maschine unterordnen) oder den Preis seiner Produkte erhöhen.

Da der Wohlstand einer Gesellschaft von ihrer Fähigkeit abhängt, eine große Menge Güter zu produzieren, mußte sich die Wirtschaftspolitik um den Wohlstand zu mehren, das Ziel setzen, Investitionen in der Industrie, d.h. in der Güterproduktion zu stimulieren oder zu begünstigen. Sozialpolitik: Gewerkschaften erreichten Sozialreformen: Arbeitslosenunterstützung, Gesundheits- und Unfallschutz, Rente usw.

Dienstleistungsgesellschaft: Abkehr von der Herstellung hin zu Dienstleistungstätigkeiten. Formen nichtentlohnter Arbeit nehmen zu, sie werden im Tausch mit anderen Vegünstigungen geleistet. Produktivität = Qualität und Leistung über die Zeit (nicht mehr ex- und hopp- Produkte). Umfang entlohnter Arbeit schrumpft aufgrund rationeller Produktionstechniken. Die Schaffung von Wohlstand muß um eine minimale Basis vergüteter (monetarisierter) Arbeit herum organisiert werden. Zusätzliche,. Unbezahlte freiwillige oder wohltätige und eigenproduktive Tätigkeiten tragen ebenfalls zum Funktionieren der Wirtschaftssysteme bei, obwohl sie sich außerhalb des monetarisierten Marktes bewegen.

Unterteilung der Wirtschaft in drei Sektoren: Landwirtschaft, Güterproduktion, Dienstleistung. Unbezahlte, freiwillige oder wohltätige und eigenproduktive, nicht entlohnte Tätigkeiten können nicht mehr als vernachlässigbare Faktoren unserer Wohlfahrt betrachtet werden. Dienstleistungen wurden vernachlässigt, welche die Produkte und Gebrauchssysteme ergänzen und keineswegs eine Gruppe für sich bilden. Wir brauchen einen anderen Ansatz.

Ende 18. Jh.: 40% Primärsektor, 35 % Sekundärsektor,

1950: 45% Sekundärsektor, bleibt konstant

Tertiärsektor bis 1950 <1/3, heute 50% (Gruhler, E. 1990 Dienstleitungsbestimmter Strukturwandel in deutschen Industrieunternehmen, S. 20)

Der Anteil der Dienstleitungen im Sekundärbereich stieg von <15% 1950 auf 30% 1990. Nur ein schrumpfender Teil der bezahlten Arbeit (heute 20%) steht noch im engeren Zusammenhang mit Güterherstellung im engeren Sinne. Dienstleistung im Produktionssektor sind: Forschung, Entwicklung, Qualitätskontrolle, Wartung, Finanzierung, Versicherung, Werbung, Distribution, Kundendienst, Recycling.

Der Wert eines Produkts oder einer Dienstleistung ist nicht mehr streng von den Produktionskosten abhängig, sondern von der erwarteten Leistung über eine gewisse Zeitspanne. Produktionskosten beginnen bei den ersten Vorschlägen bei Forschung und Entwicklung bis zum Moment der Entsorgung oder Aufbereitung nach Gebrauch. Dieser Prozeß hat zu einer Steigerung des Umfangs unbezahlter Arbeit geführt. Da die Produzenten von Dienstleistungen und Gütern versuchen, den Konsumenten einen Teil der Arbeit zu übertragen (Selbstbedienungsrestaurants, Bankautomaten). Alvin Toffler: "Verwandlung des Konsumenten in den Prosumenten"

Die Menge der nichtbezahlten Produktion wächst, besonders im Hinblick auf die Nutzung komplexer Produkte, Dienstleistungen oder Systeme.

Sieht man den Wert der Arbeit in einem Umfassenden Sinn, so ist ja jedes produzierte Gut die Voraussetzung dafür, daß eine anderes Gut erzeugt werden kann.

Das wichtigste ökonomische Ziel ist Schaffung von Wohlstand, nicht die Steigerung des Bruttoinlandsprodukts.

Angebots- oder Nachfrageökonomie

Klassische Ökonomie (Adam Smith): Angebot: Knappheit von Gütern, Notwendigkeit, die Produktion zu fördern. "Das Angebot schafft sich seine eigene Nachfrage."

Nachfrage: "Die Nachfrage schafft sich ihr Angebot." Durch Glauben an wissensch.- techn. unbegrenzte Elastizität der Produktion, seit 20er Jahren

Neoklassische Ökonomie: "Nutzen": Eigenschaft de Waren/Dienstleistungen, die die Individuen veranlaßt, sie kaufen zu wollen.

Allgemeines Gleichgewicht: Vorstellung von Wirtschaftswissenschaftlern, die Wirklichkeit in einem und als einen Zustand des Gleichgewichts zu erklären und jede Krise als Abweg vom Gleichgewicht zu deuten.

Die Methodologie der neoklassischen Ökonomie (478)

Annahme der Neoklassik: Ein sich selbst überlassenes Wirtschaftssystem strebt auf einen stabilen Zustand der Vollbeschäftigung zu. Märkte werden geräumt, da alle Preise, eingeschlossen der für Arbeit, sich aneinander anpassen, soda0ß Angebot und Nachfrage zur Deckung kommen. Die Wirtschaft stabilisiert sich selbst, die Regierung hat sich neutral zu verhalten. Gleichgewicht, Determinismus. Das Angebot gleicht der Nachfrage. Der Begriff des allgemeinen Gleichgewichts ist aus dem Gewißheitsstreben des 19. Jh. Entstanden. Gewißheit = wissenschaftlicher Beweis. Doch wirtschaftliche Entwicklung ist nicht vorhersagbar, ist keine Gleichung. Wenn ein Produkt erfolgreich auf dem Markt ist, sind eine große Zahl von Versuchen gescheitert.

Das Gleichgewichtssystem (63)

Preise sollen den Gleichgewichtspunkt von Angebot und Nachfrage zu einem bestimmten Zeitpunkt angeben. Hier stellen alle Preise zusammen da allgemeine Gleichgewicht dar. Die klassische Ökonomie betont die Angebotsseite, die neoklassische Schule die Nachfrageseite, doch beide nehmen das Gleichgewichtssystem in Anspruch. Aus einer Seite der Gleichung kann man die andere schließen. Doch die wirtschaftliche Entwicklung ist ungewiß und unerforschbar. Der klassischen Ökonomie ist Ungewißheit gleich unzulänglicher Information, als ob diese Information jemals vollständig sein könnte. Im Fall der Dienstleistungswirtschaft und des Leistungswerts ist Ungewißheit und allgemeines Ungleichgewicht Voraussetzung für die Entwicklung dynamischer Systeme.

Das Gleichgewichtssystem beruht auf einer deterministischen Philosophie. Der Begriff des Risikos ist nicht gleichbedeutend mit Gefahr, sondern mit Chance.

Risikomangement, Störanfälligkeit und Unbeständigkeit (65)

Die Störanfälligkeit des modernen Produktionssystems erfordert, diese Risiken genauer zu untersuchen. Diese Risiken haben nichts zu tun mit ökonomischen oder finanziellen Risiken, wie sie von der Umwelt abhängen und außerhalb der Einflußsphäre von wirtschaftlichen und sozialen Akteuren eintreten. Sie spiegeln einfach die Störanfälligkeit des Systems wider. In den 70er Jahren begannen, die nominalen Wachstumsraten in den Industrieländern zu sinken,. De Begriff der Störanfälligkeit wurde daher auf die sozialen Systeme und den Sozialstaat im allgemeinen ausgedehnt. Ausgehend von dieser Analyse bietet sich ein Weg für die Neukonzeption einer angemessenen Sozialpolitik der Zukunft, welche die sich wandelnde Bedingungen der wirtschaftlichen Entwicklung, der Steigerung des Wohlstandes der Nationen und der Risiko und Störungsbewältigung berücksichtigt.

1973 war das Jahr der ersten Ölkrise. Die Inflationsraten schossen in die Höhe. Es brauchte einige Zeit, um zu erkennen, daß diese Inflation kein zyklisches, sondern ein strukturelles Problem ist. Man hoffte auf einen kommenden normalen Aufschwung mit einem jährliche Wachstum von 6 % wie nach dem zweiten Weltkrieg bis 1970, daß alles wieder in eine Art Gleichgewicht zurückkehrt. Alle großen sozialen Konflikte der industrialisierten Länder sind diesem Fehler geschuldet. Konzept des Risikomanagement. Strategie des Risikomanagement scheint entscheidend zu sein, um den Wohlstand der Nationen in allen Richtungen und Sektoren wirtschaftlicher Tätigkeit zu fördern.

Die Rolle der Nachfrage (69)

Die Nachfrage regelt nicht wieder da Gleichgewicht ein, sondern sie hat eine Selektionsfunktion. In der wirtschaftlichen und biologischen Realität kommt es ständig zu einer riesigen Zahl nicht abgesicherter Produktionsakte, deren Ergebnisse dann von der Nachfrage nach ihrem Nutzen ausgewählt werden. Die Selektionsfunktion der Nachfrage ist eine absolute Notwendigkeit, eine Ergänzung der Produktionsfunktion. Ein ökonomisches System ist verpflichtet, aufgrund von Hypothesen zu produzieren, vielleicht sogar aufgrund von Träumen oder jedes anderen Prozesses, der Handeln und Initiative anregt. Die Selektionsfunktion der Nachfrage, mag sie zuzeiten auch schwierig erscheinen und das große Maß an Ungewißheiten und Risiko für die Produktion erzeugen, ist dennoch wesentlich. Produktion ohne die Kontrolle durch Selektion kann wie Krebs ausufern bis zu einem Punkt, wo sie das gesamte System zerstört. Krebs ist eine biologische Form unkontrollierter Eigenproduktion ohne den Mechanismus einer wirksamen Selektion.

Die Nachfrage bestimmt im Verlauf der Zeit, ob verfügbare Produkte nützlich sind. Konsumenten in der modernen Dienstleistungsökonomie sind nicht mehr nur passive Käufer, sondern leisten durch ihre Selektion einen aktiven Beitrag zu Produktnutzung und Wohlstandserzeugung.

Wissenschaft und Technik in der Wirtschaftgeschichte (76)

Management von Unwägbarkeiten der modernen Technik (78) Von 1947 bis 1973 hatten die Industrieländer eine Wachstumsrate von 6% jährlich. Wegen der erstmaligen starken Durchdringung von Wissenschaft und Technik. Doch die Wirtschaft hat sinkende Ertragszuwächse, bis durch eine neue revolutionäre Technik, deren Entwicklung nicht planbar und vorhersehbar ist, kann der Nutzen eines Produkts wieder für eine Zeitlang erhöht werden, bis deren Entwicklung bis zu ihrem Maximum ausgereizt ist; wenn z.B. die Kosteneinsparung durch Ausweitung der Produktion von Logistik- und Transportpreisen überrollt wird.

Man konnte auf die Ölkrise nicht mit der Findung und Befolgung neuer Wirtschaftstheorien reagieren, sondern mit pragmatischem Erfahrungshandeln. Bei der Ölkrise erwartete man eine Revolution auf einem bestimmten Gebiet, um die Krise zu beheben. Neue fundamentale Entdeckungen, die in dieser Zeit notwendig gewesen wären, blieben aus; statt dessen gab es einen Entwicklungssprung auf einem Gebiet, das man nicht erwartet hatte: in der Informationsverarbeitung und Dienstleistung. Diese fundamentalen Entwicklungen liegen nicht im System, sondern außerhalb und sind unbeeinflußbar. Wir wissen nicht, wo und wie sie stattfinden werden; sie sind nicht planbar. So kann eine Wirtschaftspolitik nicht darauf vertrauen, daß ein bestimmtes technisches Wunschziel erreicht wird, sondern sie muß innerhalb der Grenzen des derzeit machbaren operieren.

Das Gefühl der Ohnmacht und Unzulänglichkeit de gegenwärtigen Wirtschaftspolitik ist nicht die Folge der Herausforderung durch die Realität, sondern unsere Fähigkeit, diese adäquat zu verstehen. Gegen Ende des letzten Jh. Ermöglichten wissenschaftliche Entdeckungen die Entwicklung neuer Technologien und Techniken. Dieses Schlüsselphänomen - die Verzahnung von Wissenschaft und Technik, war die Ursache für die einzigartige Wachstumsrate der Industrieländer nach dem zweiten Weltkrieg. Durch die Abhängigkeit der Technik von Ingenieuren und Spezialisten ist sie zunehmend angewiesen auf exogene Einflüsse. Es nützt nichts, die Preise anzuheben, wenn die Erfindung noch nicht erfunden ist. Es ist wie beim Pilzesammeln: Wo man sucht, findet man nichts; und geht man ahnungslos in den Wald, kommt man mit einer Regenjacke voller Pilze nach Hause.

Produktive Arbeit im System der industriellen Revolution (89)

Einführende historische Analyse

In der vorindustriellen Gesellschaft wurde die Mehrzahl der produktiven Tätigkeiten, die Nahrung und Schutz lieferten, in Eigenleistung ausgeübt.

Industrielle Revolution: Hochspezialisierte Fabrikarbeiter sind nicht mehr zu Eigenproduktion in der Lage, mußten entlohnt werden. Es entstanden Gesellschaften, in denen die Eigenleistung vernachlässigt wurde und nichtproduktive Tätigkeiten lediglich als Ausdruck des guten Willen galten. Folge dieser Entwicklung sind, daß heutzutage beinahe automatisch produktive Tätigkeiten und die Vorstellung von Beschäftigung mit Arbeitsstellen gleichgesetzt wird, für die man bezahlt wird (Erwerbsarbeit).

Das Paradox des Paradieses: Das Paradies ist ein Ort, wo die technische Entwicklung so weit fortgeschritten, daß es möglich ist, alle materiellen Waren praktisch ohne jegliche Kosten herzustellen. Der Haken an der Sache ist, daß in einer solchen Situation niemand bezahlt werden könnte mit dem Ergebnis: kein Geldeinkommen und 100% Arbeitslosigkeit.

Arbeitslosigkeit und Sozialpolitik (128)

Maßnahmen, die Regierungen gegen hohe Arbeitslosigkeit ergreifen:
- Mobilisierung des Angebeots an Arbeitskräften Programme für schwervermittelbare, Weiterbildung und Training für alo Erwachsene, Jugendliche, Rehabilitation)
- Entwicklung von beschäftigungsorientierten Fertigkeiten (Arbeitgeber, Bildungssystem)
- Förderung der aktiven Suche (Erleichterung der Kontaktierung, Sonderprogramme für Langzeitalo)
- direkte Schaffung von Arbeitsplätzen (ABM, öffentlich, gemeinnützig: kostspielig, wenig effizient, aber wichtig für Behinderte)

Die Integration monetarisierter und nichtmonetarisierter Tätigkeiten (141)

Vor industrieller Revolution: nichtmonetarisiertes System; Eigenproduktion und -konsumtion.
Industrielle Revolution beschleunigt Prozeß der Spezialisierung und des Austausch (Austausch = monetarisierter Teil einer Wirtschaft). Wert ausgetauschter Güter entweder implizit (nichtmonetisiert) oder explizit (monetisiert) ausgedrückt.
Monetisierter Austausch ist Grundlage für Sparen und Investitionen (kapitalistisches System).
Bewertungsmaßstäbe für produktive Arbeit müssen geändert werden.
Produktive Arbeit bekommt einen bestimmten Wert, einen Lohn, einen Preis und trägt zum Bruttosozialprodukt eines Landes bei. Nichtproduktive Arbeit hat diesen Wert nicht zugeordnet bekommen.

  • *Kinderbetreuung auf zwei Weisen möglich: System von professionellen Kindergärten oder Betreuung durch Großeltern. Wieso bekommt die gleichwertige Arbeit der Kindergärtner einen Wert zugemessen und die der Großeltern nicht?
    *Ein Junggeselle beschäftigt eine Haushälterin. Nachdem er sie heiratet, wird ihre zuvor bezahlte Arbeit nicht mehr bezahlt. Sie trägt nun nicht mehr zum Nationaleinkommen bei (wir wollen hier mal den Faktor der Ausbeutung der Ehefrau durch den Ehemann vernachlässigen).
  • Was für das Industriesystem die Produktivität war, ist für die Dienstleistungssystem die Qualität. In der Dienstleistungsgesellschaft ist tatsächlich ein steigender Anteil nichtmonetisierter Tätigkeiten eine Form produktiver Tätigkeit geworden, denn er trägt zum Wohlstand der Nationen bei. Jede Strategie für die Entwicklung von Beschäftigung und produktiven Tätigkeiten muß alle drei Formen der Produktion parallel fördern (Produktion, Eigenproduktion, nichtbezahlte Tätigkeit)(145)

    Der Wandel des Dienstleistungssektors (153)

    Durch die Effizienz des auf Technik beruhenden Produktionsprozesses sind gegenwärtig fast alle Produktionsprozesse zu 70 - 80 % von Dienstleistungen abhängig. Folglich sanken die Arbeitsplätze in der Produktion, die in der Dienstleistung stiegen.

    Die neue Wirklichkeit der Dienstleistungssektors (155)

    Die Produktivität von Dienstleistungen kann nicht mit den herkömmlichen Meßmethoden ausgedrückt werden. Nicht mehr Waren- oder Finanzströme sollten gemessen werden, sondern Wertzuwächse, Niveaus oder Endresultate ("Resultatqualität").

  • *Erhöhung der Anzahl von Autos, die in einem Produktiosprozeß hergestellt werden, ist etwas anderes asl die Anzahl von Patienten, die ein Arzt behandelt oder die Anzahl von Schülern, die ein Lehrer unterrichtet. Hier sinkt die Qualität bei steigender Anzahl.
  • Das Problem der immateriellen Natur der Diesntleistungen (159)

    Bei jeder Art wirtschaftlicher tätigkeit gab es schon immer eine Kombination von materiellen und immateriellen Ressourcen. Während der industiriellen revolution wurde dem materiellen Aspekt zurecht der Vorrang gegeben ("produzieren wir zunächst Dinge und denken dann später über ihre Nutzung nach, denn in der Welt herrscht die Knappheit, und es wird sich schon eine sinnvolle Verwendung finden."). In der heutigen Dienstleistungsgesellschaft machen die Produktionskosten nur einen geringeren Teil der Gesamtkosten aus, deshalb fand eine Bedeutungsverlagerung hin zum immateriellen Konzept der Funktion von Werkzeugen.
    In der neuen Dienstleistungsgesellschaft geht es um die wachsende Bedeutung solcher immaterieller Aspekte wie Wissen und Kultur, die notwendig sind, um materielle Werkzeuge optimal zu nutzen.

    Der Trend zur dezentralisierten Produktion (160)

    Die industrielle Revolution hat ein ökonomisches System geschaffen, bei dem die Produktionskosten nur einen sehr kleinen Teil der Kosten ausmachen, die entstehen, bis dem Kunden das Produkt zur Verfügung steht. Die Produktionsmenge eines Produkts kann nicht unendlich steigen; dann fallen zwar die Kosten für die Produktion selbst, aber Lagerung, Versand, Organisation der Verteilung und Einbindung der Dienstleistungsaufgaben im Umfeld haben dabei unverhältnismäßig steigende Kosten. Dem Konzentrationsprozeß und den aus ihm resultierenden Produktivitätssteigerungen scheinen Grenzen gesetzt zu sein.
    In der Informationsgesellschaft spielt die Entfernung keine Rolle mehr; praktisch kostenlos werden die Arbeitsergebnisse, die Daten übertragen. Produzent und Konsument können praktisch an beliebigen Plätzen sein. Die Bedeutung sozialer Kontakte am Arbeitsplatz wird dadurch abnehmen, während die anderer Bereiche des menschlichen Zusammenlebens zunimmt. Arbeit wird immer mehr ins Privatleben vordringen und sich durchdringen.

    Arbeit und Umwelt (171)

    Längere Lebensdauer und bessere Qualität von Produkten ist ein entscheidender Faktor für Ressourcenschonung und geringere Umweltbelastung. Gleichzeitig entstehen neue Arbeitsplätze, weil ressourcenschonende Herstellungsverfahren meist arbeitsintensiver sind. Nicht mehr der Besitz eines Produkts, sondern Lösungen werden favorisiert.

  • *Carsharing, gemeinsamer Besitz von Waschmaschinen, Werkzeugausleihe
  • Organisation gewinnt an Bedeutung. Vermietung von Produkten fördert das Interesse des Vermieters an der Langlebigkeit der Produkte. Remanufacturing, bei dem nur die Verschleißteile ausgewechselt werden. Erweiterte Produkthaftung und eine Rücknahmepflicht zwingen Hersteller zu einer wirtschaftlicheren Verfahrensweise. Oft ist aber dennoch Neuproduktion billiger als Reparatur. Begründet ist dies auf der Nichtinternalisierung externer Kosten. Der Produktionsfaktor Konsument muß einen stärkeren Beitrag leisten. Die Kostenvorteile der Supermärkte auf der grünen Wiese werden dem Konsumenten auf ein vielfaches höher aufgebürdet. Statt einen LKW in ein Wohnviertel zu fahren, bewegen sich nun hunderte PKW bis vor die Tore der Stadt. Der Konsument muß eine hohe Investitionssumme einsetzen (PKW), um eine Leistung zu empfangen.

    Die Notwendigkeit eines Grundeinkommens (176)

    Ein allgemeines Grundeinkommen würde die gegenwärtig überaus komplexen Steuer- und Sozialversicherungssysteme zusammenfassen und vereinfachen. Zur Zeit verteilt der Staat mehr Geld in Form von Steuerabschreibungen als in Sozialleistungen.
    Bei dem System eines Grundeinkommens würde das gesamte Einkommen aus allen Quellen besteuert werden; jeder würde nach seinem Alter und seiner Gesundheit Sozialbeiträge zahlen. Dieses System umgeht die Armutsfalle (steigt das Einkommen Niedrigverdiener, verlieren sie Anspruch auf Sozialleistungen) und die Arbeitslosenfalle (oft ist es unrentabler, wieder eine Arbeit anzunehmen). Ein allgemeines Grundeinkommen würde die individuelle Risikobereitschaft und die Innovationsfreudigkeit erhöhen. Völlige Armut und das Risiko dazu ist ein Hemmschuh für Risikobereitschaft und schöpferische Tätigkeit.Gegenargumente: Kosten, Arbeitsanreize

    Beschäftigung und Persönlichkeit

    Heutige Arbeitszeit: Hälfte im Vergleich zu vor 100 Jahren. Falsch wäre es, die Arbeitsstunden nochmals um die Hälfte zu verringern. Die Tätigkeiten, die nicht bezahlt sind, habe enorm zugenommen. Jeder Mensch muß eine angemessene Tätigkeit ausüben können.

    Die Durchdringung von Arbeit und Lernen muß gewährleistet werden, z.B. durch Integrierung von Teilzeitstellen in die Phase der Bildung und die Erhöhung des Anteils der Bildung und Fortbildung während der Erwerbsphase.