(Aus: Christoph Conti: "Abschied vom Bürgertum. Alternative Bewegungen in Deutschland von 1890 bis heute" rororo 1984)
InhaltLebensreform: die Sorge um den Körper
Jugendbewegung: Natur und Gemeinschaft
Alternative Bewegungen seit den 60er Jahren
Die orthodox - marxistische Phase (1969-1974)
Ökologie- und neue Alternativbewegungen
Gemeinsamkeiten der alternativen Bewegungen
Boheme: (franz.): Zigeuner
Paris 1830-1840
Deutschland: erstmals 1890-1900 in Berlin Friedrichshagen) und München (Schwabing)
Ziele, Eigenschaften
antibürgerlicher, bewußt schockierender Lebensstil, materielle Armut, Gelegenheitsarbeiten,
aber: Freiheit des Geistes und Individualität der Lebensführung wird hochgehalten.
Rauschhafte Feste, freies Leben und Liebe. Freiheitsdrang. Treffpunkte: Cafés.
Bohemiens leben nicht nach einer Philosophie, sondern aus dem Augenblick heraus
Gemeinschaft, Feste, künstlerischer Ausdruck des Einzelnen.
abgelehnt: Berufsarbeit, Vaterland, Religion, Familie
Otto Groß: Psychoanalytiker
Erich Mühsam: Anarchist
Frank Wedekind
Joachim Ringelnatz: Schriftsteller
Gräfin zu Reventlov: Roman "Herrn Dames Aufzeichnungen"
Walter Heymel: finanziert "Die Insel", daraus hervorgegangen: "Insel
- Verlag"
Leonhard Frank: Maler, Schriftsteller
Else Lasker- Schüler:
Hugo Ball:
August Strindberg:
Edvard Munch: Skandinave, Künstlergruppe "Blauer Reiter"
Paul Klee:
Künstlergruppe "Blauer Reiter"
Wassily Kandinsky:
Künstlergruppe "Blauer Reiter"
Franz Marc:
Künstlergruppe "Blauer Reiter"
Bildalmanach
des "Blauen Reiter"
Gruppen
"kosmische Runde": Diskussionsrunde um Schuler, Wolfskehl, Klages (34)
"Neue Gemeinschaft": bewußte Landkommune. 1899 in Berlin gegründet, 1902 Umzug nach Schlachtensee-
Theoriendie Gesellschaftsstruktur macht krank (31)
elterliche Autorität zerstört Freiheit und Schöpferkraft des Kindes
Gesellschaftsveränderung ist nur möglich durch persönliche und politische
Veränderung
Matriarchat: kennt keine sexuellen Verbote, keinen Besitz und keine Macht
"Fortschritt" bringt nur Machtzuwachs, keine innere Befriedigung
An Stelle der Weisheit tritt das Denken und damit der Rationalismus
Rationalismus: Fremdheit, zerstörend, analysierend (37)
Das Ende
Einsamkeit: durch ständige Ausenseiterrolle und Argwohn gegenüber Einkehr der
"Normalität". "Du gehörst zu niemandem und niemand gehört dir.
Du bist allein und ganz überflüssig." (46)
Nothilfe: Größenwahn. (daher: "Café Größenwahn" in Berlin)
Viele melden sich unerwartet freiwillig zum 1. Weltkrieg.
Die Bohémes waren zwar gegen den bürgerlichen Idealismus, hatten aber dennoch ein bürgerliches Idealbild: der freie, von keinerlei Zwängen eingeschränkte Einzelne.
Lebensreform: die Sorge um den Körper
"Wir essen Salat, ja wir essen Salat,
Und essen Gemüse früh und spat.
Und schimpft ihr den Vegetarier einen Tropf,
So schmeißen wir euch eine Walnuß an den Kopf." (Erich Mühsam spöttisch
zu den Vegetariern)
seit ca. 1895
Ziele, EigenschaftenVeränderung der Alltagsgewohnheiten, naturgemäße Lebensweise. Kritisieren negative
Folgen von Verstädterung und Industrialisierung. Ausgang aus der Naturheilkunde,
gegen Monopolstellung der Schulmedizin, für die ganzheitliche Betrachtung
Vegetarismus, Nacktkulturbewegung
Personen
Sebastian Kneipp: eigene Kuranstalten, entwickelt Ernährung und Bewegungstherapien
Vincenz Prießnitz: untersucht Heilwirkungen des Wassers
Johannes Schroth:
Fidus: Maler
Richard Ungewitter: Theoretiker, Philosoph
Heinrich Pudor: Theoretiker, Philosoph
Gusto Gräser: "der Urhippie", hatte Kontakte zu Herrmann Hesse
Gruppen
erste Landkommune in Höllriegelskreut bei München um Wilhelm Diefenbach. Ehe und Privatbesitz waren aufgehoben, zeitweise antiautoritärer Kindergarten
Vegetarische Obstbaukolonie "Eden" bei Oranienburg / Berlin (1893 gegründet): wichtigste und produktivste Siedlung, genossenschaftlich organisiert.
Monta Verita in Ascona / Tessin: wichtigster Treffpunkt der verschiedensten Reformer.
Theorien
Das Ende
Auch nach 1918 blieb Ascona Begegnungsort für Künstler und Lebensreformer, doch es war nicht mehr "alternativ", die deutsche alternative Szene hatte sich mit dem ersten Weltkrieg aufgelöst.
Jugendbewegung: Natur und Gemeinschaft
1896: erste "Wandervogel- Bewegungen" Berliner Schüler. Hinaus in die Natur, fort von elterlichen und autoritären Bevormundungen. zuerst nur Jungen, ab 1905 auch Mädchenwandergruppen, ab 1910 gemischte Gruppen.
Gruppen
"Wandervögel": absichtlich unintellektuell, Nähe
zu gefühlsmäßigem Erleben
"Hamburger Wanderverein": 1905 gegründet. bewußte
Form gesellschaftlicher Jugendkultur, Umgestaltung der Lebensführung der großstädtischen
Jugend. Fabriken und Werkstätten kennenlernen, Lebensführung diskutieren, Literaturgruppen
beide Gruppen haben sich bekämpft und dadurch gegenseitig angeregt.
1906 "Akademische Freischar" in Göttinger Universität
"Sera-Kreis" in Jena
1912 "Akademische Vereinigung Marburg"
wenden sich gegen Fechten, Saufen und akademisches Spießertum mit Wandern,
Gespräch, Musizieren, Theater'
Liederbuch "Zupfgeigenhansel"
Als Kontrast zur Sauffeier "100 Jahre Völkerschlacht in Leipzig" wird 1. Treffen der neuen deutschen Jugendbewegung 1913 in Nordhessen organisiert und vermittelt ein neues Gemeinschaftsgefühl der Jugendlichen.
Landkommunen
"Es scheint, als habe jede Landkommune eine besondere Form des Gottesreichs
herbeiführen zu wollen und sich selbst als erste Keimzelle zu sehen. (115)
1918-1920 hunderte Versuche, kurze Dauer: ökonomische Probleme, Abkapselung
von Umwelt, innere Streitigkeiten, Probleme beim Zusammenleben
religiös motivierte Kommunen halten länger und sind stabiler als politisch-sozial
motivierte.
Unmöglichkeit solcher Experimente innerhalb einer kapitalistischen
Wirtschaftsordnung erkannt: Selbstversorgung fast unmöglich, Abhängigkeit von
reichen Geldgebern, oft politische Verdächtigungen und Verfolgungen, eigener
Schulunterricht verboten etc.
Blankenburger Kommune politisch, ca. 20 Mitglieder
Kommune Barkenhoff Worpswede /Bremen, politisch
Lindenhof kommunistisch, ca. 20
Kommune Donnershag rechtspolitisch, Volks- und Lebenserneuerung,
Mehrehe, ca. 50
Sannerz bei Schüchtern /Hessen christlich-religiös, "Brüderhöfe"
Schwarzerde/Rhön Frauenkommune, viele Kontakte mit der Außenwelt,
langewährend
"Es gehört etwas dazu, moralische Entscheidungskraft nämlich, um in Verbindung mit der kapitalistischen Außenwelt das zu sein und zu bleiben und immer mehr zu werden, was man ist." schrieb Marie Buchhold über die Schwierigkeiten des Siedelns. Die meisten Kommunarden hatten diese Kraft nicht, sie glaubten, sich nur dann reinhalten zu können, wenn sie sich von der Außenwelt weitmöglichst abgrenzten. Unter den vielen Gründen für das Scheitern jugendbewegter Siedlungen war dieser gewiß einer der wichtigsten. Isoliert konnte keine dieser Kommunen bestehen; die "Gegenkultur" der Jugendbewegung war nicht stark genug, als daß sie , wirtschaftlich und menschlich, die Siedlungen hätte tragen können. In irgendeiner Weise war der Kontakt zur "kapitalistischen Außenwelt" unumgänglich: man mußte seine Erzeugnisse verkaufen, man mußte sich mit Dingen auseinandersetzen und sie womöglich akzeptieren, die man dieser Außenwelt zurechnete: Geld und Technik, Organisation und Wirtschaftsführung, Fachkenntnisse und Planung. Solche Auseinandersetzung und Kompromißbereitschaft mußten eine Siedlung nicht notwendigerweise korrumpieren; vielmehr haben nur diejenigen Kommunen auf Dauer überlebt, die bereit waren, sich auf die widrigen Realitäten einzustellen."(132)
Andere
Die Landsassen-Werkgemeinschaft: versuchen, gemeinschaftliches
Leben und Arbeiten in der Stadt zu verwirklichen. 1921 beginnen 20 "Wandervögel"
Werkstätten aufzubauen: Druckerei, Buchbinderei, Schusterwerkstatt, Schneiderei,
Metallkunst, Prägerei, Wirkerei
wohnen nicht zusammen, arbeiten und wirtschaften, essen und treffen sich zu
Fahrten, Festen und Besprechungen gemeinsam.
gemeinsame Kasse, gleicher Lohn, "Hausstandsfond" für besondere Bedürfnisse,
"Fürsorgefond" bei Krankheit
Arbeitsplatzwechsel möglich
große Fluktuation, Gemeinschaft zerfiel allmählich, übrigblieb gemeinsame Arbeit
und Organisation
Auflösung nach wirtschaftlichen Rückschlägen
Die Neue Schar: um Drechsler Friedrich Muck-Lamberty.alternatives
Tanzspektakel mit 25 Jugendlichen, die durch Thüringen ziehen und die Menschen
begeistern. Ausgang: Kronach. Tausende werden tanzend mitgerissen. Flugblatt
"Besinnt euch!". Winter 1920: Leuchtenburg / Jena - Werksgemeinschaft:
Tischler, Schneider, Schuster. Ende durch Bekanntwerden des Liebeslebens von
Muck. Einzige alternative Gruppe, die auf Banknoten verewigt wurde (Notgeld
Kahla 1923)
Entschiedene Jugend: linksradikalste, theoretische Gruppe.
Deren Ideen tauchen 1970 wieder als "brandaktuell" auf. 1921 resignierte
Auflösung wegen erkannter Wirkungslosigkeit
Erziehungsreform
Mit der Jugendbewegung ging eine Erziehungsreform einher.
Kinder sollten als eigenständige Persönlichkeiten geachtet werden, das Recht
zu einem eigenen Willen haben, eigene Gedanken denken können und eigene Erkenntnisse
erarbeiten können, "mit einem Worte aufhören, in den Schulen die Rohstoffe
der Persönlichkeiten zu ersticken, denen wir dann im Leben vergebens zu begegnen
hoffen." (Ellen Kay, nach: Jakob R. Schmid: Freiheitspädagogik, Reinbeck
1973, S. 95)
Reformpädagogische Privatschulen:
- 1898 Herrmann Lietz: Landerziehungsheim "Pulvermühle" im Harz
- 1906 Gustav Wyneken "Freie Schulgemeinde Wickersdorf" in Saalfeld
/ Thüringen. Angeleitet von Erwachsenen sollen die Schüler ihre eigenen Lebensformen
finden und ihrem eigenen Geiste entsprechend leben (eigenständige Jugendkultur).
Die "Schulgemeinde", die freie Versammlung von Schülern und Lehrern
traf sich regelmäßig zur freien Aussprache über die Probleme des Gemeinschaftslebens.
Lehrer und Schüler hatten weitestgehend gleiche Rechte und Pflichten.
- 1906 Berthold Otto "Hauslehrerschule" nach abgebrochener Universitätskarriere.
Keine Vorbestimmung des Unterrichts, Lernen soll sich aus den Fragen und Interessen
der Kinde spontan entwickeln. Verschieden starke Gruppen, keine festen Klassen,
keine Zeugnisse, kein Sitzenbleiben. Die natürlich vorhandene Neigung der Kinder
zum Lernen muß nur unterstützt werden.
- 1919 "Lebensgemeinschaftsschulen" auch in Dresden!
Ziele: natürliche Entwicklung, schöpferische Kräfte wecken, Bildung der Persönlichkeit, Erziehung zur Gemeinschaft, Nähe zur Natur, Verbindung Schule - Leben
Theorien
Bewegung wächst ohne Programm und Ziele, nur das Wandern vereint
Veränderung der Gesellschaft durch Kultur, nicht durch Politik!
Wollen ihr Handeln oft nicht systematisch erklären, sondern aus dem Leben, dem
Erleben heraus erkennen.
Kennzeichen der Erwachsenenwelt sei gerade, daß alles in hohlen Phrasen beredet
und "erklärt" wird.
aber: Heilwirkung der Natur setzt zum einen eine in städtischen Leben kultivierte Empfindungsfähigkeit voraus, zum anderen eine bestimmte Bereitschaft oder einen Leidensdruck. (102)Der Nur- Landmensch (Bauer) empfindet auch nicht fortschrittlicher.
"Meißnerformel": " Die Freideutsche Jugend will nach eigener Bestimmung vor eigener Verantwortung mit innerer Wahrhaftigkeit ihr Leben gestalten. Für diese innere Freiheit tritt sie unter allen Umständen geschlossen ein.
unkapitalistisch: Glaube an den "neuen Menschen",
Abkehr von Geldsteuerung aller Dinge
religiös: Edda, Laotse, Meister Eckehart,
Rudolf Steiner, außereuropäische Religionen diskutiert
Körperwahrnehmung: Bewegung, Kleidung, Sexualität, Anlehnung
an "Lebensreform"
Alternative Bewegungen seit den 60er Jahren
1933: Ende aller Alternativbewegungen
erste Nachkriegsjahrzehnte: keine alternativen Lebensformen
60er Jahre: Gedanken der Beatniks und Hippies (USA) werden übernommen.
1964: Gammler: gegen bürgerliche Ideale Arbeit und Ordnung, Sauberkeit und Strebsamkeit,
Fleiß und Disziplin
Neuer Musikgeschmack: Beatles, Rolling Stones, Blues: Symbol des Zerbruchs abendländischer
Werte
Die antiautoritäre Studentenbewegung
"Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren"
Ziele, Eigenschaften
Erstrebt politische und kulturrevolutionäre Veränderungen
Geschichte
1966/67 sozialistischer deutscher Studentenbund gegründet. Gegen Uni- Hierarchie,
Ausbeutung der 3. Welt. Gewaltlos, bis am 2.6.67 Benno Ohnesorg bei einer
Demo gegen den Besuch des Schahs von Persien in Berlin von einem Polizisten
erschossen wird. Auslöser de Studentenbewegung in Deutschland.
Aktionen für Mitbestimmung an Hochschulen, gegen Vietnamkrieg: Medienmanipulation,
Fehlinformationen gegen die Studenten. Protest richtet sich gegen Presse,
Springer- Konzern.
Ostern 1968 schießt ein Arbeitsloser den Studentenführer Rudi Dutschke nieder.
In den "Osterunruhen" versuchen zehntausende Studenten, die Auslieferung
der "Springer- Zeitungen" zu verhindern.
Mai 1968: Pariser Mai- Aufstand: Arbeiter und Studenten verbünden sich
Mai 1969: Deutschland erläßt Notstandsgesetze; Arbeiter verbünden sich in D
nicht mit den Studenten; Ende der antiautoritären Bewegung
Personen
Benno Ohnesorg
Rudi Dutschke: Studentenführer
Gruppen
"Kommune 2" in Berlin
Theorien
Antiautoritär. Gesellschaft ist repressiv, soll demokratisiert werden,
Selbstverwaltung ohne Unterdrückung. Unterdrückung wirkt verschleiert, nur deutlich
in 3. Welt. Manipulationsmechanismen: oberflächliche Erscheinung demokratisch
und tolerant ("depressive Toleranz").
Hauptangriffspunkte: Medien, Dritte Welt, kreative Provokationen (sit
- ins, go - ins, Besetzungen, Spaziergangsdemonstrationen, Seifenblasen bei
offiziellen Empfängen)
Kritische Theorie: Herbert Marcuse ("der eindimensionale Mensch"),
Theodor W. Adorno ("das Verschwinden des bürgerlichen Individuums"),
Max Horkheimer, Jürgen Habermas betonen den repressiven Charakter der Gesellschaft
auf das Innere des Menschen
Selbstveränderung: neue Lebensformen sind nicht ohne weiteres zu verwirklichen,
wenn an sich gefangen fühlt in Besitzdenken, Ehrgeiz, Eifersucht, Machtwünschen,
Minderwertigkeitsgefühlen. Eigene Gefühle, Schwierigkeiten gingen in öffentliche
Diskussionen ein.
Das Ende
Französischer Mai- Aufstand schuf Hoffnung, daß sich auch die deutschen Arbeiter
mit den Studenten verbünden würden. Doch Notstandsgesetze werden erlassen, ohne
daß sich die Arbeiter solidarisieren.
Enttäuschung über scheinbare Erfolglosigkeit der Rebellion führt zu ihrem Ende.
Studenten glauben, die mangelnde Durchsetzungskraft der APO (Außerparlamentarische
Opposition) läge am Fehlen geeigneter Organisationsformen.
Ab 1969 neue Phase des Protestes: orthodox-marxistisch.
Politische Ziele nicht erreicht, aber neue Lebens- und Denkmuster zum Durchbruch verholfen. Wohngemeinschaften, Sexualmoral, Kleidung, Bewegung und Umgangston, Musikgeschmack, Jargon; neue Subkultur.
Die orthodox-marxistische Phase (1969-1974)
Ziele, Eigenschaften
Die Enttäuschung und das Gefühl, zu unorganisiert gewesen zu sein, bewegte die Studenten nun dazu, die "Klassiker" zu studieren und Parteien und Organisationen aufzubauen, die die Arbeiterklasse auf den rechten Weg führen sollte.
Personen
Theorien
Der Grundwiderspruch von Lohnarbeit und Kapital bestimmt die Gesellschaft.
Das Ende
Die neuen, kommunistisch geschulten Revolutionäre behielten die alten Lebensformen aus der antiautoritären Phase bei und so standen die klaren Linien der Theorie den langen Haaren, dem freien Sexleben, dem Haschischrauchen entgegen. "Die theoretische Selbstauffassung als Klassenkämpfer war nur Maskerade, eine Vereinfachung, welche komplizierten und undurchschauten Prozessen der Veränderung übergestülpt war. Sie zerfiel im Laufe der Jahre an ihrer eigenen Schwäche, aber auch unter dem Eindruck zweier sich neu aus der Protestbewegung entwickelnden Richtungen: der Frauenbewegung und der Ökologiebewegung." (159)
Geschichte
1971 Aktion "Wir haben abgetrieben": 374 Frauen bekannten sich im
"Stern" dazu, selbst abgetrieben zu haben.
Öffentliche Diskussion um §218 und über Frauenfragen allgemein kam in Gang
1972 erster "Bundesfrauenkongress"
halten die antiautoritären Impulse lebendig.
Ab 1975 Aufbau einer Gegenkultur: Frauenhäuser, Frauenkneipen, Frauenbuchläden,
Frauenverlage, Sommeruniversitäten, feministische
Wissenschaft
Zeitschrift "Courage" ab 1976,
"Emma" ab 1977
Ziele, Eigenschaften
Gruppen Gespräche über persönliche Erfahrungen
Personen, Literatur
Betty Friedans: Weiblichkeitswahn
Kate Millett: Sexus und Herrschaft
Shulamith Firestone: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution
Verena Stefan: Häutungen
Theorien
Frauen müssen sich selbst organisieren, um ihre eigenen Probleme erkennen
zu können und lernen, ihre Interessen zu vertreten. Männer sind von Grund auf
privilegiert, Frauen müssen zu einem Machtfaktor in den Auseinandersetzungen
werden.
Universeller als der Kapitalismus ist die Männerherrschaft, das Patriarchat.
Frauen sollen sich von den erlernten Rollenmustern befreien.
Ökologie- und neue Alternativbewegungen
Geschichte
1975 Auseinandersetzungen um den Bau des KKW Wyhl in Südbaden (Gorleben),
nun bildeten sich in der BRD Umweltschutzgruppen. Widerstand gegen Zerstörung
städtische Wohnviertel, Straßen, Zersiedelung, Industrialisierung.
Hausbesetzungen
"Die Tageszeitung" (taz) seit 1979,
das "Netzwerk Selbsthilfe" seit 1978
"Die Grünen" als Partei
Ziele, Eigenschaften
Beteiligung an den Auseinandersetzungen in der aktuellen Tagespolitik waren
eigentlich von den Linken nicht beabsichtigt, jedoch zeigte sich, daß es aussichtsreicher
und weniger frustrierend war, als auf die erhoffte Revolution zu warten. Mit
Entstehung der Ökologiebewegung verloren die orthodox marxistischen Erklärungsmodelle
ihren beherrschenden Einfluß. Ein "Niedergang des politischen Bewußtseins"
wird beklagt. Keine umfassend erklärende Gesellschaftstheorie mehr, aber politische
Aktivität. "Hier und Jetzt" ist bedeutsam. Subjektivität, Erfahrungshunger.
Heute will man sich ein neues Leben aufbauen, eine Revolution ist zu unvorstellbar;
man will nicht auf sie warten. Zweifel, ob gesellschaftliche Veränderung glücklicher
macht. Das eigene Leben ist wichtiger: spirituelle Trips, Beziehung zur
Natur. Politische Aktivität nur noch aus eigener Betroffenheit heraus.
Rationalität unwichtiger; Gefühle, Sinnlichkeit, Intuition.
Läden, Handwerkskollektive, Stadtzeitungen, politische Gruppen, "freie" Schulen, Theatergruppen, Therapiegruppen, Wohngemeinschaften (1980 ca. 30 000, 15 000 Bewohner), alternative Cafés und Kneipen.
Ziele, Eigenschaften
Der größte Teil der Protestbewegung hörte auf, auf die Revolution zu warten
und begann stattdessen, das eigene Leben und die eigne Arbeit neu zu organisieren.
Quellen waren zumeist WG´s. Bioläden, Taxikollektive, fahrende Künstlergruppen,
Einkaufskooperative, Alternativkneipen, Schrotbäckereien, Theaterprojekte, Gemeinschaftspraxen
von Ärzten. Nur wenige sichern den Lebensunterhalt selbst.
Gesucht werden neue Formen der Integration von Arbeit und Leben,
gemeinschaftliche Produktion,
ohne Chefs und äußere Zwänge,
jeder soll alles machen, bei allem mitentscheiden,
Arbeit soll wieder einen Sinn bekommen.
Jeder ist nicht kleines Rädchen im großen Getriebe, sondern ein Mitgestalter;
Arbeit als Selbstausdruck, Ergebnis steht nicht im Vordergrund.
Ökonomisch nicht marktfähig; nur in Nischen und für Sympathisanten; Überschätzung des "Jeder kann alles", Ausufern gruppendynamischer Prozesse. Gruppendiskussionen als Dauerkonflikt. Fehlender äußerer Druck kann ausgenutzt werden.
Personen, Literatur
"Alternativkatalog" gibt Informationen über Alternativprojekte heraus
"Alternatives Adreßbuch"
"Alternatives Vorlesungsverzeichnis" vermittelt Angebote und Nachfrage
nichtinstitutionalisierter Bildung
"Stattbuch" Berlin, Hamburg, München , Düsseldorf geben Überblick über Projekte
der Städte
"Die Tageszeitung"
"Netzwerk Selbsthilfe" Agentur zur Umverteilung von Geld innerhalb
der Alternativszene. Erhält freiwillige Beiträge und verteilt Zuschüsse und
Darlehen. Sorgt für Kontakte und Informationsaustausch. 1978 in Berlin gegründet.
Theorien
Körperliche Lockerheit
Ungezwungene Kleidung
Sprechen über den Körper und seine tabuisierten Funktionen
Verhältnis zur Sexualität
Ziele, Eigenschaften
Es hat sich ein Bewußtsein vom Körper entwickelt; er soll nicht mehr
eingezwängt werden in Verhaltensweisen und starre Kleidung. Panzer und Verkrampfungen,
die vom anderen trennen, sollen abgebaut werden
Wilhelm Reich: seelische Verkrampfungen und Verdrängungen schlagen sich in Körperspannungen
nieder. Lockerung des Charakter- und Körperpanzers, die den Menschen erst wieder
lust- und glücksfähig machten. Abbau der körperlichen Distanz zum Anderen.
Im industriellen Arbeitsprozeß bildet der Leib häufig nur ein Anhängsel der
Maschine, nach deren Willen er sich bewegt, demgegenüber verstehen die Alternativen
den Körper als Ausdrucksmedium und Lustquelle. Der Prozeß der Zivilisation .
das hat vor allem Norbert Elias gezeigt - hat seit dem ausgehenden Mittelalter
(Norbert Elias: Mittelalter: Seitensprung relativ selbstverständlich, Unterdrückung
der Fürze gilt als gesundheitsschädlich, Rülpsen und Ausspucken haben keinerlei
Aufsehen erregt, bei Tisch aus einer Schüssel mit gemeinsamem Besteck gegessen
etc.) eine zunehmende Einengung der körperlichen und gefühlsmäßigen Ausdrucksmöglichkeiten
mit sich gebracht; in einer jahrhundertelangen Entwicklung ist der moderne Körper-
und Affektpanzer entstanden. Diese Panzerung versuchen die Alternativen zu lockern.(199)
Großindustrie entzieht den Menschen die Lebensgrundlagen.
Identität aus dem Inneren. Anders als die Eltern. Definition über die
Negation. Was er nicht sein will, ist klar, das kommende noch unbekannt. Abgelehnt
werden Berufsarbeit und Geld, blinder Konsum und Anpassung, Unterdrückung und
Reglementierung, Polizei und Kapital. Das Abgelehnte ist oft faszinierend für
die Szene: Polizeiübergriffe oder Kerntransporte werden ausgeschlachtet und
bilden so einen wichtigen Definitionspunkt der Szene, ohne die sie sich schlechter
definieren könnte. Die Themen wechseln, die Struktur bleibt gleich: das etablierte
System zerstört seelisches und psychisches Leben. Die alternative Bewegung sucht
danach, wer sie wirklich ist, was sie wirklich will und sucht damit nach den
Gründen des Menschseins, nach Identität. Die gesellschaftlichen Rollen bleiben
für sie "Hülle", Zwang, sie verwirklichen sich nicht in ihnen. Der
alternative Mensch kann seine Identität nur finden, wenn ihm alle Möglichkeiten
offenstehen, er will sich nicht einschränken lassen, sich nicht festlegen.
Daher die Ablehnung langfristiger Planung, festgelegter Berufskarrieren, sozialer
Rollen. Es entsteht eine neue Utopie, ...eine Utopie der Unbestimmtheit, des
Vagierens, der Strukturlosigkeit und Entgrenzung. Jederzeit muß jede Veränderung
möglich sein. Vor dem Hintergrund dieser Utopie erscheint alles, was nach Bestimmung,
Schema, Identität aussieht, schon auf den ersten Blick als Inbegriff von Einschränkung
und Entfremdung." (Michael Rutschky: Erfahrungshunger, Frankfurt 1982,
S. 43). Die häufige Einstreuung des Füllworts "irgendwie" entspricht
diesem Programm. Das Unbestimmte, das Chaos sind Durchgangsstationen auf dem
Weg zu Ich.
Verwirklichung in den Beziehungen, in der Liebe, im Ausdruck, künstlerisch oder
handwerklich.
Identität bildet sich aus dem eigenen Inneren. Dort liegt die Wahrheit, nicht
in den Zuordnungen durch die Außenwelt. Spirituelle, psychologische Trips, Drogen,
Erschöpfungstänze.
Spirituelle Szene: Interesse für östliche Religionen, Reisen nach Indien, Suche
nach dem Kern in allen Religionen, der das Individuum in einen größeren Zusammenhang
hebt. Der christliche Gott ist und bleibt tot, eher wird von "Erleuchtung",
"Energie", "Ausstrahlung" und "Liebe" gesprochen.
"Kosmische Energie erfüllt das Weltall, es kommt darauf an, sich ihr zu
öffnen, sich einzustimmen in den großen Rhythmus. Durchlässig werden es fließen
lassen." (190)
Personen
Wilhelm Reich: Bioenergetik
Carlos Castaneda: Die Lehren des Don Juan, Eine andere Wirklichkeit. Berichtet über seine Lehrzeit bei einem indianischen Medizinmann. Meistgelesene Bücher in der Alternativszene
Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea, Neuauflage Berlin 1973. Fiktiver Bericht eines durch Europa reisenden S., der Kleidung, Wohnen, Geld und Konsum des Europa aus seinem Stnadpunkt heraus kritisiert.
Gemeinsamkeiten der alternativen Bewegungen
| Naturgemäße Lebensweise | Lebensreform | 80er Jahre |
| Schulversuche | 1920 | 1980 |
| Modellhaftes Leben in kleinen Gemeinschaften | "Neue Gemeinschaft" 1899 | Immer wieder |
| Leben im Jetzt | Bohéme | Heute |
Es scheint, als wiederholten sich die Themen deutscher Alternativbewegungen. Sie entstehen zwar jeweils neu, nicht aus der Rückbesinnung auf das Vergangene, aber bleiben sich in vielem gleich. Die deutsche Gesellschaft des 20. Jahrhunderts erzeugt in Abständen alternative Denk- und Lebensweisen. Das Erscheinen des alternativen Lebensmodells scheint selbst Bestandteil der gesellschaftlichen Strukturen zu sein.
Gemeinsamkeiten der Modelle: Entwicklung nichtbürgerlicher Lebensformen, Alternativen
zur Kleinfamilie, zur normalen Berufsarbeit
Betonung der Gemeinschaft und gleichzeitig des Individuellen
Nähe zur Natur
menschlicher Körper
Ganzheit, Echtheit, Authentizität
rationales Denken wird begrenzt eingeordnet
Scheinbar alles Kennzeichen der Ablehnung der "modernen" Gesellschaftsstrukturen.
Moderen Gesellschaftsstrukturen: zunehmende Zweckrationalität der gesellschaftlichen
Prozesse
Trennung der institutionellen Bereiche
Arbeitsteilung und Spezialisierung
anonymes Rollenhandeln, Rechenhaftlichkeit und Verrechtlichung des gesellschaftlichen
Handelns
"Die Gesellschaft unterliegt einem Vorgang der Rationalisierung, der nach
und nach fast alle ihre Bereiche ergreift." (195)
Die modernen Gesellschaften bringen den "Techniker" hervor, aber
auch dessen Gegenteil, den "Künstler". Mit der Auflösung der Wirtschaftseinheit
"ganzes Haus" gliedert sich das Subjektive aus, weil Arbeit rational
durchorganisiert sein muß. Weil sie die Bedürfnisse und Erfahrungen der Beteiligten
nicht mehr berücksichtigt, bleibt sie ihnen rein äußerlich, es entsteht der
Raum des "Privaten", den es so vorher nicht gab. Die persönliche Identität
wird im wesentlichen Privatsache. Die Kleinfamilie wird zum Ort der Geborgenheit
und Gefühle, der Betrieb zum Ort der Vernunft. Nun entwickeln sich durch die
Trennung beide Bereiche weiter: erstmals beginnen sich die Menschen gleichermaßen
für ihre Gefühle wie für das Rationale zu interessieren. Wahrnehmung und Kenntnisse
des Psychischen sind enorm gewachsen, der Anspruch auf Selbstausdruck und Selbstverwirklichung
ist selbstverständlich geworden.
"Objektives" und "Subjektives" haben sich also in der Moderne
getrennt und stehen sich nun als spannungsreiche Pole gegenüber.
| Spannung | Rationalität | Subjektivität |
| Natur | Ausbeutung | Naturbewußtsein |
| Körper | Diszipliniert, beraubt | Sexuelle Befreiung, Wahrnehmung |
| Liebe | Medien, Klischees, Porno | Individualisiert, von Zwängen befreit |
| Kindheit | Verschwindet, Anti-pädagogik | Betonung der Eigenständigkeit |
| Religion | Unvereinbar mit Rationalisierung | Meditation, Selbsterfahrung |
| Kunst | Marktgesetze | Charakteristisch für Sensibilität und Erneuerung |
Der Prozeß der Zivilisation ist also auf Rationalität und Rationalisierung
ausgerichtet.
Die alternative Bewegung beansprucht nun den "öffentlichen Platz"
der Gesellschaft, der bisher nur von der Ratio bestimmt war, in gleicher Weise
für das Subjektive.
Alternative befinden sich auf einer Bühne, sie spielen ihre Andersartigkeit aus. Aber in ihrer Andersartigkeit liegt auch Verwandtschaft mit dem Publikum; ohne grundlegenden Bezug hätte man sich nichts zu sagen. "Möglich wäre, daß die Alternativbewegungen Veränderungen szenisch darstellen - indem sie Tendenzen ausleben, welche sich unbewußt in der gesamten Gesellschaft finden."(210)