Karl-Werner Brand: Neue soziale Bewegungen.

Entstehung, Funktion und Perspektive neuer Protestpotentiale.

Eine Zwischenbilanz.

Westdeutscher Verlag Opladen, 1982


Die Motive westlicher Zivilisationskritik der neuen sozialen Bewegungen

Gängige politische Zuordnungen (12)

Richard Löwenthal (repräsentatives Beispiel einer entschieden modernistischen Argumentation)

Das Urteil aus der Perspektive marxistisch- leninistischer Positionen

Neuere Analysen

z.B. Bernd Guggenberger;

Zugrundeliegende These

Analytische Bezugsmodelle (S. 29)

Konzept der relativen / politischen Deprivation

Die analytischen Modelle von Rammstedt / Hegner

Ablauf- und Phasenmodell sozialer Bewegungen
Die historisch- gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen der neuen sozialen Bewegung
Struktur und Dynamik neuer Formen sozialer Organisation (46)

Hegner

 

Erklärungsansätze zur Entstehung und zur gesellschaftlichen Bedeutung der neuen sozialen Bewegungen (50)

Berber/Berger/Kellner

Lineare (evolutionäre) Erklärungsansätze (58)

Politisch institutionelle Ursachen (58)

Guggenberger, Offe

Überschießende Erwartungen und Bedürfnisse (rising demands) (63)

A. Die Theorie des Wertwandels

Inglehart, Greven, Hildebrandt, Dalton

B. Die staatlich produzierte Anspruchsdynamik

Klages

C. Die sozialen Grenzen des Wachstums

Hirsch

D. Der Durchbruch der hedonistischen Ethik

Bell, Leineweber, Schibel

Reaktion auf verschärfte Problemlagen (need defence)

A. Gesellschaftwandel und Kulturkrise

Löwenthal

B. Die Krise der industriellen Zivilisation

Raschke

C. Die Kolonialisierung der Lebenswelt

Habermas, Horn, Schülein, Breuer

Die Heterogenisierung sozialer Konflikte

Hirsch

Ökosozialistische Erklärungsansätze (S. 120)

Gorz, Huber

Grenzen der konventionellen Problemlösungsstrategien

Die sozialstrukturelle Verankerung der neuen Protestpotentiale (S. 153)

A. Entstehung aufgrund eigener Betroffenheit durch die Folgelasten der industriellen Modernisierung

B. Entstehung aufgrund spezifische Sensibilitäten gegenüber den Folgeproblemen der industriellen Zivilisationsweise

Eine zweite Kultur? (S. 162)

Clarke, Hall, Jefferson

Die politische Relevanz der neuen sozialen Bewegungen (S. 170)

Die politische Durchsetzungschancen (S. 189)


 

Die Motive westlicher Zivilisationskritik der neuen sozialen Bewegungen

(Brand, Karl- Werner: aus der Einleitung, S. 7)

Diese Erfahrungen begründen:

Leitbild ist der antimodernistische Mythos des "natürlichen Lebens": einfach und überschaubar, spontan und bedürfnisorientiert.

Gängige politische Zuordnungen (12)

(R. Löwenthal: Gesellschaftswandel und Kulturkrise. Frankfurt / Main 1979)

Richard Löwenthal (repräsentatives Beispiel einer entschieden modernistischen Argumentation)

Die Bewahrung der grundlegenden Werte des westlichen Zivilisationsmodells; der Glaube an die Autonomie der Vernunft und die Einzigartigkeit des Individuums; der bindende Charakter freiwillig eingegangener Gemeinschaften; Grenzziehung zwischen individuellem Wollen und gemeinschaftlicher Notwendigkeit durch rechtliche Satzung; Wertschätzung der Arbeit als Verdienst und Sinnerfüllung des Lebens ermöglicht eine Bewältigung der krisenhaften Folgeprobleme der beschleunigten Industrialisierung.
Die aufgetretenen Krisensymptome sind Folge einer bisher mißlungenen Anpassung innergrundlegender Werte sowie der davon abgeleiteten Institutionen und Verhaltensnormen an die immer schnellere Veränderung unserer Lebensbedingungen.
Krisensymptome wie der Niedergang der Arbeitsethik, Verteufelung der produktiven Leistung, der anarchische Ultra-individualismus, die Flucht aus Individualität und bewußter Selbstkontrolle in die Drogenkulte, aber auch die bewußte Abwendung der Ökologie- und Alternativbewegung von zentralen Aspekten des westlichen Zivilisationsmodells geraten so nur spiegelbildlich als sinnlos- anomische Revolte, als irrationale Verwerfung rationaler Errungenschaften ins Blickfeld.

Das Urteil aus der Perspektive marxistisch- leninistischer Positionen

Subjektivismus, Individualismus, Flucht in die Privatisierung, Rückgriff auf lebensphilosophische Glaubenssysteme mithilfe irrationaler Erkenntnisfeindlichkeit, Mittelklassecharakter der Bürgerbewegungs- und Ökologiebewegung.

("Linker Konservatismus?" Ästhetik und Kommunikation, Heft 36, Juni 1979)

Neuere Analysen

z.B. Bernd Guggenberger;
verdoppeln nur das epochale Selbstverständnis der Ökologie- und Alternativbewegung. In Verbindung mit der epochalen Umbruchssituation von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft erwächst aus der Abwehr eines zweifelhaft gewordenen angsterzeugenden, über die Maßen belastenden Fortschritts der neue Wertehinmmel einer Gegengesellschaft.
Die traditionellen Richtwerte: Leistung, Effizienz, Hierarchie, Gehorsam, Qualifikation, Produktivität, technische Perfektion, Disziplin, Lustaufschub, Karriere, Macht und Status.
Die Neuen Werte: Partizipation, Humanverträglichkeit, Solidarität, Lebensqualität, Selbstbestimmung, Kreativität, Mitmenschlichkeit, Persönlichkeitserweiterung.
Die gegenüber der industriellen Leistungswelt humanere Dienstleistungswelt begünstige autonom -dezentrale Organisationsformen, direkte Mensch- zu Mensch- Beziehungen, sie verlange in besonderem Maße Phantasie, Kreativität und umfassende Teilhabe. durch die ungeheure Expansion der Freizeitkultur werde das Ethos der Leistung, der Konkurrenz und des Wachstums Schritt für Schritt durch ein Ethos des sozialen Wohlbefindens, der immateriellen Lebensqualität und der humanen Zuträglichkeit ersetzt.

Zugrundeliegende These

(Brand, S. 26)

Die Ökologiebewegung, wie sie sich in den siebziger Jahren herausgebildet hat, ist ein spezifisches Phänomen hochindustrialisierter reformkapitalistischer Gesellschaften. Ihre Ursachen scheinen weniger in der Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen zu liegen, als es ihr Selbstverständnis suggeriert.
Zerstörung sozialer Lebensräume durch wirtschaftlichen Raubbau gab es in großem Maßstab auch zu anderen Zeiten (Verkarstung des Mittelmeerraumes, Fabrikhallen und Mietskasernen in den frühkapitalistischen Industriestädten)

Fragen:

Den Zielen eines dezentralisierten, weitgehend selbstorganisierten und selbstbestimmten Lebens kommt dies wohl kaum entgegen.

Wenn die Zielvorstellungen der Ökologiebewegung weder durch die "Verbesserung des Kapitalismus" noch durch Öko-Diktatur erreicht werden können, bleibt es fraglich, ob die Probleme ökologischer und gesundheitlicher Bedrohung tatsächlich einen so zentralen Stellenwert im alltäglichen Lebens- und Erfahrungszusammenhang besitzen, daß von innen her das System "wirtschaftliches Wachstum" insgesamt in Frage gestellt wird. Hier scheint diese ökologische Krise in einen umfassenden Komplex hochindustrieller Vergesellschaftung eingebettet zu sein, dessen Folgen zur Erschütterung des technisch- industriellen Fortschrittsglaubens und damit zur Kritik der industriellen Entwicklung als solcher geführt haben. Stimmt diese These, lassen sich die neuen sozialen Bewegungen der späten sechziger, siebziger und achtziger Jahre auf eine säkulare Entwicklungstendenz industrieller reformkapitalisitscher Vergesellschaftung und der dadurch geschaffenen krisenhaften Folgeprobleme zurückführen; so ginge es nunmehr darum, den damit verbundenen Komplex neuer Problemlagen und neuer krisenhafter Erfahrungen zu entschlüsseln.

Analytische Bezugsmodelle (S. 29)

(Brand, S. 29)

Unter welchen Bedingungen führen diese neuen Problemlagen und krisenhaften Erfahrungen nicht nur zu individuellen Reaktions- und Fluchtsymptomen, sondern zu sozialen Protestbewegungen?

Konzept der relativen / politischen Deprivation

(M. Kaase: Bedingungen unkonventionellen politischen Verhaltens. PVS 17. Jg. 1976, S. 182)

Diskrepanz zwischen kollektiven Werterwartungen und Wertrealisierungschancen.(Gurr, 1970)

Politische Unzufriedenheit, von der ein nennenswerter Teil der Bevölkerung betroffen ist,

führt zu unkonventionellem politischem Verhalten, wenn

Die analytischen Modelle von Rammstedt / Hegner

(O. Rammstedt: Soziale Beweguhng - Modell und Forschungsperspektiven. In: H. Matthöfer (Hrsg.): Bürgerbeteiligung und Bürgerinitiativen. Argumente zur Energiediskussion 3. Villingen 1980)

zur Analyse von Bürgerbewegungen

Ablauf- und Phasenmodell sozialer Bewegungen

Phase 1: Krise als kollektive Erfahrung (Lernprozeß erhöhter Kommunikation läßt die Krise zur kollektiven Erfahrung werden. Die Wahrscheinlichkeit dieses Lernprozesses ist um so größer, je mehr Kommunikationsmöglichkeiten bestehen)

Phase 2: Propagierung der Krisenfolgen

Phase 3: Artikulation des Protestes (findet legal statt; die protestierenden Gruppen beginnen sich als soziale Bewegung zu begreifen)

Phase 4: Intensivierung der sozialen Bewegung (Das Anliegen des Protests wird nun als öffentlich bekannt vorausgesetzt. Für oder gegen den Protest muß Stellung bezogen werden)

Phase 5: Artikulation der Ideologie (Ist es der Protestbewegung nicht gelungen, sich legal durchzusetzen, um die Krisenfolgen zu beseitigen, so ist sie bestrebt, dem eigenen Handeln einen übergreifenden Sinn zu geben.)

Phase 6: Ausbreitung der sozialen Bewegung (Gewinnung und Mobilisierung breiterer Massen)

Phase 7: Organisation der sozialen Bewegung

Phase 8: Institutionalisierung

Die historisch- gesellschaftlichen Entstehungsbedingungen der neuen sozialen Bewegung

(Brand, S. 40)

Abstraktionsebenen

Bezugsebenen

(Entstehungs-
bedingungen
neuer
Protestpotentiale)

1. Hintergrundmerkmale des Verhältnisses von Gesellschaft und natürlicher Umwelt

2. Hintergrundmerkmale der internationalen Beziehungen

3. Gesamtgesellschaftliche Hintergrundmerkmale

4. Interpersonale und soziale Hintergrundmerkmale

5. Intrapersonale Hintergrundmerkmale

A: Generelle Rahmen-
bedingungen

 

 

 

 

 

B: Konkrete Entstehungs-
bedingungen

 

 

 

 

 

C: Vermittlung
durch
nationale / regionale Besonderheiten

 

 

 

 

 

D: Ortsspezifische Auslöse-
bedingungen

 

 

 

 

 

Struktur und Dynamik neuer Formen sozialer Organisation (46)

Hegner, F. : Historisch- gesellschaftliche Entstehungsbedingungen und politisch soziale Funktionen von Bürgerinitiativen. In: V. Hauff (Hrsg.): Bürgerinitiativen in der Gesellschaft. Argumente zur Energiediskussion.9. Vilingen 1980
Inwieweit überkommene Ordnungsprinzipien und soziale Interaktionsmuster tatsächlich infrage gestellt und durch neue Prinzipien ersetzt werden, oder ob nur die herrschenden Eliten ausgewechselt werden oder komplementäre, die überkommene Ordnung stabilisierende Organisationsformen entwickelt werden, hängt nach Hegner von der Struktur und Dynamik der neuen Kommunikations- und Organisationsformen ab.
Zeitlich quantitative Veränderungen (vermehrtes Auftreten von Protestgruppen) ,die in der Struktur ihres Aufbaus überlieferten Institutionen und Organisationen entsprechen, gefährden nur die machthabenden Eliten. Soziale und qualitative Veränderungen: die spezifische Form einer sozialen Gruppe bestimmt sich durch:

Erklärungsansätze zur Entstehung und zur gesellschaftlichen Bedeutung der neuen sozialen Bewegungen (S. 50)

Berber/Berger/Kellner: "Das Unbehagen in der Modernität". Frankfurt/New York 1975
Unterschieden werden grob:

Der ökologische und gegenkulturelle Protest kann zweitens unterschieden werden in

Als primäre Träger der Modernität erscheinen B/B/K

Merkmale sind funktionelle Rationalität, Machbarkeit, Komponentialität (Zerlegung der Wirklichkeit in technisch komponierbare Einheiten), Trennung von Mitteln und Zielen, Verdopplung in eine anonyme und eine konkrete Individualität, Multirelationalität (flexible Anpassungs- und Orientierungsbereitschaft in komplexen Zusammenhängen)
Die dadurch geschaffene Lebenswelt ist in hohem Maße segmentiert.

Mit der geschichtlichen Herausbildung dieser Strukturen ist die Befreiung des Individuums verbunden. Befreiung aus einengenden Kontrollen der Familie, der Sippe, des Stammes und der kleinen Gemeinschaft. Sozialisation hochindividualisierter Personen.
Diese Befreiung hat jedoch einen hohen Preis: funktionelle Rationalisierung, Notwendigkeit emotionaler Kontrolle führt zu psychischen Spannungen und Frustrationen. Komponentionalität, auf soziale Beziehungen übertragen, bewirkt eine ständige Drohung der Anomie und der Sinnlosigkeit. Bürokratisierung des sozialen Lebens verstärkt die Erfahrung der Anonymität. Die Pluralisierung der Lebenswelten läßt ein Gefühl der Heimatlosigkeit entstehen.
Die Lösung der modernen Gesellschaft für diese Unbehagen ist die Schaffung der Privatsphäre als eine Art Ausgleichsmechanismus. Diese Lösung bleibt aber prekär: die Privatsphäre ist unterinstitutionalisiert; sie hat zu wenige Institutionen, die das menschliche Tun fest und verläßlich strukturieren.
Nun kann man die Bewegung der sechziger/siebziger Jahre als genaues Gegenteil der strukturellen Merkmale der Modernität deuten:

funktionelle Rationalität

Gefühl, Spontaneität, Kreativität, Natürlichkeit, extatische Hingabe; Entindividualisierung und Befreiung von rationaler Kontrolle

Komponentionalität

Sehnsucht nach Ganzheit, Einheitlichkeit und Überschaubarkeit

abstrakte Zeitlichkeit der Uhr, des Kalenders

Betonung der Unmittelbarkeit des Jetzt

 

Ablehnung der Tugenden der Nüchternheit, der Sparsamkeit und Rechtschaffenheit sowie des Ehrgeizes, zu Ansehen, Macht und Reichtum zu kommen.

Mutirationalität, Vielfalt und Oberflächlichkeit

Erfahrung der Tiefe sozialer Beziehungen in kleinen Gruppen

technische Machbarkeit

passive Hingabe und Anpassung

bürokratische Organisierbarkeit sozialer Systeme

spontan erlebte Gemeinschaft

Problem an dieser Sichtweise: Modernität wird von Leuten angegriffen, deren Bewußtsein eben diese Modernität voraussetzt. Die Konzeption des "nackten Ich", jenseits der Institutionalität und Rollen, ist eine zentraler Vorstellung der Modernität. Die anthropologischen Grundannahmen der Auflehnung sind zutiefst modern. Doch hat der Widerspruch an Schärfe, an Destruktivität der Folgen nicht zugenommen? Ist nicht durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte eine Neuartigkeit der Problemlage entstanden?

Lineare (evolutionäre) Erklärungsansätze (58)

Industrie-, bürokratie- und wachstumskritische Bewegung stehen nicht notwendig im Gegensatz zu den ordnungspolitischen Prinzipien der Demokratie. Sie reichen von der totalen Verweigerungsstrategie bis hin zu parlamentarischer Vetretung.

Politisch institutionelle Ursachen (58)

B. Guggenberger: Bürgerinitiativen in der Parteiendemokratie. Stuttgart 1980
Guggenberger/Kempf (H.): Bürgerinitiativen und repräsentatives System. Opladen 1978

Strukturelle Repräsentationsdefizite

Das ergibt eine Unfähigkeit, langfristige substantielle Probleme zu lösen, was einen stetigen Verlust an Glaubwürdigkeit zur Folge habe (Guggenberger). Die historische Transformation des liberalen Repräsentationsprinzips in eine überwiegend funktionale Interessenvermittlung in eine neokorporatistisch organisierte Form der Verflechtung von gesellschaftlichen Interessen und staatlicher Politik ist vermutlich der Preis, der für die Regierbarkeit in hochindustrialisieten arbeitsteiligen Industriestaaten gezahlt werden muß (U. v. Ahlemann, Die Zeit, 39/1980)
Diese Repräsentationsdefizite müssen aber keineswegs automatisch zu Unzufriedenheit und Legitimationsentzug führen, solange nicht das wirtschaftliche Wachstum das Netz von privatistisch- konsumtiven Entschädigungsleistungen absichert.

C. Offe leitet die Entstehung der neuen sozialen Bewegung aus der Herausbildung der Volks- und Konkurrenzparteien und aus der institutionellen Entwicklung massendemokratischer Verkehrsformen ab. Die Entwicklung der Parteien zu weltanschauungsneutralen Machterwerbsorganisationen, die ihren sozialen Einzugsbereich generalisieren und den Bürgern nur noch als abstraktes Willenssubjekt, als Wählerstimme, ansprechen, hat den Zusammenhang zwischen politischen und gesellschaftlichen Lebenssphären zerrissen und damit zu einer Zerstörung kollektiver Identität geführt (C. Offe: Konkurrenzpartei und kollektive politische Identität in: R. Roth (Hrsg.): Parlamentarisches Ritual und politische Alternativen. Frankfurt 1980).

Die Notwendigkeit, gesellschaftliche Lage und politische Willensbegründung in einen intern schlüssigen Zusammenhang zu setzen, sind damit keineswegs entfallen, sie bleibt als individuelle Zumutung, als individuell zu lösendes Problem bestehen. Offe vermutet nun, daß die subjektiven Belastungen, die mit der fortschreitenden Ausdifferenzierung der politischen Strukturen einhergehen, einen Punkt erreicht haben, an dem massive Gegenbewegungen in Richtung auf Entdifferenzierung eintreten, welche Kristallisationspunkte für die Herausbildung neuer kollektiver Identitäten bilden. Legitimationsentzug und Protest könnten jedoch erst dann erwartet werden, wenn wirtschaftliches Wachstum und die daran gekoppelten privatistisch-konsumtiven Entschädigungsleistungen ausbleiben oder wenn neue Problemlagen und Bedürfnisse entstehen, die sich den wachstums- und verteilungspolitischen Lösungsstrategien entziehen, ja deren Grundlage selbst infrage stellen. Weil in der Bundesrepublik der Beginn der Studentenbewegung mit der ersten größeren wirtschaftlichen Nachkriegsrezession zusammenfällt, könnte sich die Vermutung aufdrängen, daß es wirtschaftliche Krisenerscheinungen sind, die seit Mitte der sechziger Jahre verstärkt zum Auftreten kapitalismus-, bürokratie- und industriekritischer Bewegungen geführt haben. Im internationalen Vergleich ist dieses Zusammentreffen eher zufällig. Für die BRD ist diese zeitliche Reihenfolge jedoch bedeutend, denn die Ideologie des Antikommunismus mit dem Fundament des krisenfreien wirtschaftlichen Wachstums wird erschüttert. Die auf diesem Verständnis aufbauenden kulturrevolutionär geäußerten neuen Bedürfnisse und Werte wurden als Reaktion auf Studentenunruhen in politische Reformprogrammatiken transformiert. Die Reformerwartungen und die dadurch freigesetzte Anspruchsdynamik wird auf breiter Front enttäuscht. Es erfolgt ein Rückzug auf alternative Reproduktionszusammenhänge oder meditative Lebensformen. Hinzu kommen die seit Anfang der siebziger Jahre krisenhaft wahrgenommenen neuen Probleme (ökologische Krise, sichtbar gewordene Grenzen des Wachstums).

Überschießende Erwartungen und Bedürfnisse (rising demands) (63)

Frage: Kommt es zu alternativen Bewegungen, weil die Menschen zu hohe Erwartungen haben, die von der gegenwärtigen Wirtschaft und Politik nicht erfüllbar sind, oder sind sie eine Reaktion auf wirklich bestehende, sich verschärfende Problemlagen?

A. Die Theorie des Wertwandels

R. Inglehart: The silent revolution. Changing values and political styles among western publics. Princeton 1977
R. Inglehart: Wertwandel und politisches Verhalten. In: J. Matthes (Hrsg.): Sozialer Wandel in Westeuropa. Frankfurt/ New York 1979
R. Inglehart: Wertwandel in den westlichen Gesellschaften. Politische Konsequenzen von materialistischen und postmaterialistischen Prioritäten. In: Klages/ Kmeciak (Hrsg.): Wertwandel und gesellschaftlicher Wandel. Frankfurt/ New York 1979
M. Th. Greven: Parteiensystem, Wertwandel und neue
Marginalität. In: J. Matthes (Hrsg.): Sozialer Wandel in Westeuropa. Frankfurt/ New York 1979
K. Hildebrandt/ R. J. Dalton: Die neue Politik. In: Wahlsoziologie heute. PVS 1977 Heft 2/3
R. Inglehart: Wertwandel in den westlichen Gesellschaften
P. Kmieciak: Wertstrukturen und Wertwandel in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen 1976

Nach Guggenberger und Offe bildet sich im Konflikt zu dem alten industriellen Wachstumsparadigma ein Wertewandel heraus hin zur "Lebensweise" des Menschen, in dem schlicht das "Prinzip Leben" im Mittelpunkt steht.
Unter diesem Wertewandel sind auch die Konfliktkanalisiserungsmöglichkeiten der parlamentarische repräsentativen Parteiendemokratie Stück für Stück außer Kraft gesetzt (Mehrheitsprinzip). Setzt man die Zersetzung des Herrschaftsprinzips mit der neuartigen Verflechtung von staatlichen und industriellen Herrschaftsapparaten in Verbindung, so läßt sich begründen, warum sich der wachstums- und industriekritische Protest überwiegend als außer- bzw. antiparlamentarische Bewegung formiert.
Für Greven deutet sich so in der Ökologie- und Alternativbewegung eine Krise der Repräsentation und des arbeitsteiligen delegierenden, auf die bloße Aggregation und Befriedigung von Interessen gerichteten politischen Handelns an.

Die Postmaterialismustheorie von R. Inglehart: Wenn materielle Versorgungs- und Sicherheitsinteressen gedeckt sind, rücken nichtmaterielle Werte wie Selbstverwirklichung, Partizipation, ästhetische Bedürfnisse in den Vordergrund. Das beträfe einen erheblichen und zunehmenden Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Westeuropa und den USA.

Hildebrandt/ Dalton unterscheidet die Themen der alten und die Themen der neuen Politik.
Themen der alten Politik: wirtschaftliche, soziale und militärische Sicherheit sowie die öffentliche Ordnung sicherzustellen
Themen der neuen Politik: Probleme der Lebensqualität, Partizipation, Gleichberechtigung der Geschlechter, individueller Selbstverwirklichung usw.
Da die Postmaterialisten eine Minderheit sind, besteht eine hohe Bereitschaft zu politischem Protest.

Kritik an Inglehart: zu pauschal, es gibt keine Wertehierarchie ('erst das Fressen und dann die Moral').

Kmieciak z.B. geht von einer Werteerosion aus. Eine neue Wertordnung hat sich noch nicht klar abgezeichnet. Wesentliches Kennzeichen der gegenwärtigen Situation ist für Kmieciak die Verunsicherung des modernen Menschen.

B. Die staatlich produzierte Anspruchsdynamik

H. Klages: Verdrossene Bürger - überlasteter Staat. Frankfurt 1980

Veränderung der Einstellung des Bürgers zum Staat. Trotz einem empirisch konstatierbarem wachsenden Interesse an Politik wird dieses Interesse nicht als das eines mündigen Bürgers interpretiert, sondern als Interesse des ungeduldigen Kunde, der bedient werden will.
Das Herausfallen des Menschen aus den Lebensbezügen, denen er einstmals auf pflicht- und leistungsethischer Grundlage verbunden war, bringt ihm, daß sich alle nun herrenlos gewordenen Bedürfnisse nach Kontakt, nach Bindung, Anerkennung, sinnvoller Betätigung, Selbstverwirklichung in die Freizeit, die Privatzeit verlegen, die dort aber kaum verarbeitet werden können.
Klages sieht in der Entwicklung des Staats als Sozialstaat zum Staat der Daseinsvorsorge die Entwicklung einer Anspruchsdynamik, die die Leistungsmöglichkeiten des Staats überfordert. Der Staat hat sich in eine Rolle des zuständigen Adressaten für Sozialansprüche begeben und hat damit auch Ansprüche (gesetzmäßig oder bürokratisch) definiert und damit auch in maßgeblicher Weise hervorgebracht. Die Parteienkonkurrenz trägt zur Verschärfung bei, indem die politischen Probleme einer Gesellschaft in politische Programmatiken übersetzt werden.
Der Staat produziert seine eigene Selbstüberforderung und somit seine Entstabilisierung.
Die Reformen und Modernisierungsleistung des vergangenen Jahrzehnts führten zu einer Verringerung der Selbsteingrenzungs- und Selbständigkeitswerte und steigender Erwartung von Glücksgewährleistungen durch äußere Instanzen, also zu Wertverunsicherung und Unzufriedenheit. Lösung wäre eine aufgeklärte Politik, der ein realistisches Menschenbild zugrunde liegt. Menschen entwickeln Zufriedenheit in den Lebensbereichen, die sie selbständig gestalten und kontrollieren, während sie unzufrieden auf anonyme Versorgung von außen (durch Staat oder Gesellschaft) reagieren.
Fraglich ist, ob der Sozialstaat an der Anspruchsexplosion schuld ist. Sind die eingetretenen Bedürfnisse und der Wertwandel wirklich eine Anspruchsexplosion? Ist das Konzept des selbständig handelnden Individuums unter den komplizierten Existenzbedingungen moderner Gesellschaften für jeden lebbar und meisterbar?

C. Die sozialen Grenzen des Wachstums

F. Hirsch: Die sozialen Grenzen des Wachstums. Reinbek 1980

Der Wirtschaftsliberalismus wird das Opfer seiner eignen Versprechen, die er allen gegeben hat. Versprechen: der, der sich anstrengt, bekommt auch einen Lohn. Durch das Versprechen wurden Bedürfnisse geweckt, die nicht mehr eingedämmt werden können. Sobald aber die sozialen Grenzen des Wachstums nicht mehr für jeden diese Leistung erreichbar machen, entbrennt ein verschärfter Verteilungskampf, welcher die demokratisierenden Versprechen des Wirtschaftswachstums entlarvt.
Die wirtschaftsgesellschaftliche Organisation "Leistung lohnt sich" wird zunehmend ineffektiv und stößt an soziale Grenzen.

D. Der Durchbruch der hedonistischen Ethik

D. Bell,
B. Leineweber, K. L. Schibel: Die Revolution ist vorbei - Wir haben gesiegt. Berlin 1975

Die Zerstörung der religiös- moralischen Grundlagen der liberalen Gesellschaftsordnung durch die universelle Verbreitung der Marktrationalität und des Prinzips des individuellen Eigennutzes. Widersprüchliche Verhaltensanforderungen im Produktions- (Tugenden der protestantischen Ethik) und Konsumbereich (systemstimulierend durch hedonistische Einstellungen).
Nach Leineweber/ Schibel wird es für die Generation der großen Depression zur dramatischen Erfahrung, daß es zwar Arbeit gibt, diese aber bedeutungslos und langweilig ist und daß man zugleich davon so gut wie noch nie zuvor leben kann. Das Gefühl der Bedeutungslosigkeit wird im Konsum von minderwertigen Waren und stumpfsinnigen Freizeitbeschäftigungen genährt.

Reaktion auf verschärfte Problemlagen (need defence)

Die krisenhaft erfahrenen Problemlagen werden aus unterschiedlicher theoretischer und politischer Perspektive gedeutet.

A. Gesellschaftwandel und Kulturkrise

R. Löwenthal: Gesellschaftwandel und Kulturkrise. Frankfurt 1979

Die Ursachen der langfristigen kulturellen Krise, der Krise der Weltstellung des Westens (Folge der imperialen Zerstörung nichtwestlicher traditioneller Gesellschaften und Kulturen), der ökologischen Krise sind die expansive Dynamik der kapitalistischen Produktionsprozesse und ihre destruktiven Folgewirkungen.
Kulturelle Krise: Weltbildverlust, Erschütterung des Glaubens an den erkennbaren Sinn des menschlichen Lebens und der gesellschaftlichen Entwicklung im ganzen. Die Zerstörung der Gewißheit eines wertorientierten gesellschaftlichen Fortschritts konfrontiert den Einzelnen ohne weltanschauliche Stütze mit einer in ihrer Komplexität zunehmend undurchschaubaren und bedrohlichen Welt. Bindungsverlust Zunehmende Erschwerung von Sozialisation und Identitätsbildung durch die stetig beschleunigte Veränderung der Lebensformen und Verhaltensnormen.
Lösung für die Krisen: Revitalisierung des gesellschaftlichen Rationalisierungsprozesses; moralische Postulate, höhere psychische und soziale Anstrengungen; Rückbesinnung auf die klassischen Tugenden. es wäre genauer zu differenzieren, die Preisgabe traditioneller Werte des westlichen industriellen Zivilisationsmodells mit der Preisgabe humaner Entwicklung schlechthin gleichzusetzen.

B. Die Krise der industriellen Zivilisation

J. Rasche: Politik und Wertwandel in den westlichen Demokratien. In: Aus Politik und Zeitgeschichte.6.9.1980

3 strukturelle Krisentendenzen industrieller Entwicklung:
Zunehmende Selbstdestruktivität: Zerstörung der natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens, Zunahme psychosozialer Selbstzerstörung, Anwachsen des militärischen Vernichtungspotentials, selbstzerstörerische Dynamik des Nord- Südkonflikts
Abnehmende Gesamteffizienz: den steigenden ökonomischen, physischen, psychischen, sozialen und ökologischen Kosten steht der fallende Nutzen überflüssiger und im Überfluß vorhandener industrieller Güter gegenüber.
Abnehmende Lösungskompetenz: Die aus der industriellen Entwicklung resultierenden Probleme können nicht mehr ohne sozialschädliche, gesundheitlich und ökologisch gefährliche Folgewirkungen auf dem Wege wissenschaftlich- technischer Innovationen gelöst werden.

Diese Krisentendenzen fördern die Skepsis am technischen Fortschritt, Zweifel an der Struktur des Industriesystems und den Zerfall des mit ihm korrespondierenden Wertsystems.

Karl- Werner Brand kritisiert die Argumentation folgendermaßen: die empirischen Befunde des Wertwandels sollten nicht zu einem neuen alternativen Werthorizont aufgebläht werden, sondern, bescheidener, wäre festzuhalten:

C. Die Kolonialisierung der Lebenswelt

J. Habermas: Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus. Frankfurt 1973
J. Habermas (Hrsg.): Stichworte zur geistigen Situation der Zeit. Frankfurt 1979, 2. Band
W. D. Narr: Hin zu einer Gesellschaft bedingter Reflexe. In: J. Habermas (Hrsg.):Stichworte zur geistigen Situation der Zeit.. Frankfurt, 1979, 2. Band
K. Horn (Hrsg.): Gruppendynamik und der "subjektive Faktor". Repressive Entsublimierung oder politisierende Praxis. Frankfurt 1973
K. Horn/ J. A. Schülein: Politpsychologische Bemerkungen zur Legitimationskrise. PVS Sonderheft 1976
T. H. Ziehe: Pubertät und Narzißmus. Frankfurt 1975
J. A. Schülein: Von der Studentenrevolte zur Tendenzwende oder der Rückzug ins Private. Kursbuch 48, 1977
S. Breuer: Subjektivitität und Maschinisierung. Leviathan 1/1978

Mit dem Zusammenbruch der systemintegrativen Funktionen des Marktes ist eine Repolitisierung der Klassenverhältnisse notwendig (Verantwortung des Staates für die gesamtkapitalistische Bestandserhaltung und gleichzeitig für die Befriedigung legitimer Bedürfnisse). Durch diese Konstellation erhöhte Gefahr des Legitimitätsentzugs. Dieser Legitimitätsentzug kann nur abgemildert werden durch Strukturen einer entpolitisierten Öffentlichkeit (Aufrechterhaltung eines staatsbürgerlichen und beruflich- familialen Privatismus, systemkonforme Entschädigungsleistungen sichern eine unspezifische Folgebereitschaft), doch gerade diese entpolitisierte Öffentlichkeit kann aufgrund der Eigendynamik der spätkapitalistischen Entwicklung aber immer weniger erfüllt werden (beruflich- familialer Privatismus wird systematisch zerstört).

Begründung:

  1. Bürgerlich- privatistische Motivationsmuster sind abhängig von der Einbettung in vorbürgerliche Traditionen (Untertanenmentalität, familistische Orientierung, religiöse Überlieferung)
  2. Durch sozialstrukturelle Zwänge des ökonomisch- administrativen Systems und die kognitiven wissenschaftlichen Einstellungen lösen siesich immer weiter auf.
  3. Bestandteile bürgerlicher Ideologie verlieren an Bedeutung (Leistungsideologie, Besitzindividualismus, Tauschwertorientierung)

Habermas hat diese Argumentation modifiziert.

"An die Stelle der Überlastung des ökonomisch-politischen Systems durch überschießende Legitimationsansprüche tritt die Abwehr auf eine gesellschaftliche Modernisierung, die unter dem Druck von Wirtschaftswachstum und staatlichen Organisationsleistungen immer weiter in die Ökologie gewachsener Lebensformen und die kommunikative Binnenstruktur geschichtlicher Lebenswelten eingreift." J. Habermas: Die Moderne- ein unvollendetes Projekt. In: DIE ZEIT Nr. 39, 19.9.1980

Das führt zu:

  1. Reizzonen des Unbehagens
  2. Zu ins Private und Psychische verschobenen Konflikten
  3. Zu aktivem Protest
  4. Zu latentem Einstellungswandel.

Kolonialisierungsprozesse der Lebenswelt

Erkennbar an der Zerstörung der urbanen Umwelt, Industrialisierung und Vergiftung der Landschaft, Monetarisierung von Beziehungen und Diensten, Bürokratisierung und Verehelichung privater informeller Handlungsbereiche.

Habermas` Beurteilung der Ökologie- und Alternativbewegung:
Deutung der Moderne: Mit dem Zerfall der traditionalen Weltbilder entwickeln sich Wissenschaft, Moral und Kunst als autonome, eigensinnige gesellschaftliche Bereiche. Das "Projekt der Moderne" versteht Habermas als das Bemühen, die objektivierenden Wissenschaften, die universalistischen Grundlagen von Moral und Recht, die autonome Kunst in ihrem jeweiligen Eigensinn weiterzuentwickeln, aber gleichzeitig auch die kognitiven Potentiale aus ihrer esoterischen Form zu entbinden und für die Praxis, d.h. für eine vernünftige Gestaltung der Lebensverhältnisse, zu nutzen. Der Irrtum dieser Versuche liegt darin, eines dieser verselbständigten Momente mit der Alltagspraxis kurzschließen zu wollen, ohne zu berücksichtigen, daß sich in den Verständigungsprozessen der Lebenswelt kognitive Deutungen, moralische Erwartungen, Expressionen und Bewertungen zwanglos durchdringen können müssen.

Die Notwendigkeit einer differenzierten Rückkoppelung von Wissenschaft, Ästhetik und Moral, jedoch fortschreitende Zerstörung lebensweltlicher Kommunikationsprozesse. Die differenzierte Rückkoppelung ist aber nur möglich, wenn die Lebenswelt aus sich Institutionen entwickeln kann, die die systematische Eigendynamik des wirtschaftlichen und administrativen Handlungssystems begrenzt. Die These, daß die Kritik an der Moderne die sozialen Bewegungen, in denen sich diese Kritik aktualisiert, sind Reaktionen auf die ökonomische und administrative Kolonialisierung der Lebenswelt die Gefährdung der personalen Identität (beleuchten die als Kolonialisierungsthese beleuchteten Vergellschaftungsprozesse und deren subjektive Folgen etwas näher)

Narr fragt: ist die Ausbildung einer tragfähigen Identität gesellschaftlicher Individuen unter den Bedingungen einer umfassenden kapitalistischen und bürokratischen Rationalisierung aller Lebensbereiche überhaupt noch möglich?

Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft war verbunden mit Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols und des psychischen Disziplinierungsapparates (Kontrolle der eigenen Triebstruktur im Dienste längerer, differenzierterer und längerfristig orientierter Handlungsketten). Durch Überziehen aller gesellschaftlicher Bereiche mit Regelungen wird auch der Pol der psychischen Selbststeuerung aufgelöst. An die Stelle persönlicher individueller Verarbeitungsformen treten Reizreaktionsmechanismen. Je zentraler und komplizierter die herrschenden Institutionen strukturiert sind, desto mehr sind sie auf ein möglichst eckenloses Verfahren angewiesen, desto weniger können Konflikte riskiert werden. Die Chancen, eigene Erfahrungen auszubilden, verringern sich. Medial vermittelte Reize und Informationen verstärken die Vereinzelung des Individuums. Psychatrisierung gesellschaftlicher Probleme. Immer dichteres Netz polizeilicher Prävention. Gefahr einer Gesellschaft bedingter Reflexe, deren Individuen allenfalls zu irrationalen Ausbrüchen fähig sind. Der nicht mehr faßlichen Komplexität der Verhältnisse entspricht eine theoretische und praktische Resignation (Irrationalismus und Alternativbewegung). Das Scheitern einer großen Gesamterklärung, die eine emanzipative Entwicklung verbürgt eine "neue Bescheidenheit", eine Konzentration aufs Kleine und Alltägliche.

Nach K. Horn tendenziell neue Form der Subjektkonstitution:

- Verlagerung der planerischen Aktivitäten von der Handlungs- auf die Systemebene entzieht dem Einzelnen die Möglichkeit zu ziel- und zukunftsorientiertem Handeln.
- anstelle rationaler Lebensplanung tritt die Unmittelbarkeit des Jetzt (Konsum, Verschleiß, spontan gelebte Bedürfnisse)
- Fähigkeit zur kollektiven Selbstreflexion, zur wirklichen politischen Praxis, geht verloren.
- privatistische konsumtive Existenzform, Einschränkung der Möglichkeit libidinöser Objektbeziehungen durch Dominanz rein instrumenteller, sachrationeller Beziehungen. Das Leben wird zur Begierde ohne konkreten Gegenstandsbezug auf der Suche nach Ersatzbefriedigungen. Produziert eine ständige Zukunftsangst, Apathie und diffuse Aggressivität.
- Rasch wechselnde austauschbare Interpretation und Deutung des Lebens durch sozialtechnologische Sinnersatze (Reklame, Massenmedien, privatisierte Religionen, Psychohygiene, Gruppendynamik, Therapieformen, Drogen) sozialfunktionale Existenzformen, in der zwischen Arbeit, konsumtiver Befriedigung kein vom Subjekt gestifteter kommunikativer, praktischer, politisch wirksamer Sinnzusammenhang tritt.
- chronische Passivität in einer Versorgungshaltung. Ist die Versorgung gestört (Weltwirtschaftskrise, ökologische Krise), werden massive Ängste und Schuldgefühle mobilisiert bei objektiver Schwierigkeit und subjektiver Unfähigkeit, rational politisch zu reagieren.
- Strukturveränderungen des Über-Ich (verinnerlichte Trieb- und Affektkontrolle)
- eine infantil bleibende psychische Struktur. Das Selbstwertgefühl des Menschen ist heute an die kommunikativen Erfahrungen gebunden. "Zwischen dem omnipotenten Anspruch des Ich- Ideals und den realen Möglichkeiten des schwachen Ichs entsteht ein unversöhnlicher Bruch, der zum psychischen Hauptkonflikt wird. Die Schuldgefühle, die sich angesichts des relativen Versagens vor einem Ich- Ideal bilden, müssen durch Verdrängung abgewehrt werden. "

Verdrängungsstrategien:
1. Narzißtisches Vermeidungsverhalten: Suche nach Möglichkeiten der Vermeidung von Unlust durch Reduzierung der Ich- Funktionen, Vermeidung von narzißtisch kränkenden Realitätserfahrungen.
2. Ein Verhalten, das von Omnipotenz versprechenden Introjektionen geleitet wird: phantastische Versöhnung von Ich und Ich- Ideal durch Erfahrung primär narzißtischer Allmachtsgefühle (Verschmelzung mit einem als omnipotent empfundenen aggressiven Objekt oder Inanspruchnahme von Erlebnisqualitäten, die den Zustand des unbegrenzten Befriedigtseins reproduzieren (Geborgenheit der Peer- groups).Der Hunger nach diesen Erfahrungen schafft und verstärkt nun seinerseits eine warenästhetisch- konsumtive Außenlenkung. Das Subjekt reagiert auf situative Stimuli oder warenästhetische Signale mehr als durch die Vermittlungsinstanzen des Ich.

Kritik an der Deutung: Die Veränderungen und Entdifferenzierungsprozesse des psychischen Apparates werden nur als Desorganisations- bzw. als blockierte Organisationsprozesse verstanden. Die positiven Potentiale werden zu gering geschätzt (Rehabilitation der Prägenitalität, angstfreies neues Verhältnis zur Sexualität, Auflösung der durch Über- Ich- Angst gebildeten rigiden Persönlichkeitsstruktur, neue gruppenbezogene Formen der Identitätsbildung) Die Thesen der politischen Psychologie bieten keine direkte Erklärung der Soziogenese ökologischer und alternativer Bewegungen, sondern sie verweisen auf gesamtgesellschaftliche, im Gefolge der kapitalistisch- bürokratischen Rationalisierung der Lebenswelt eingetretene subjektive Strukturveränderungen.

Die Heterogenisierung sozialer Konflikte

J. Hirsch: Alternativbewegung- eine politische Alternative? In: R. Roth (Hrsg.): Parlamentarisches Ritual und politische Alternativen. Frankfurt 1983
J. Hirsch: Krise der Kapitalverwertung, Veränderungen der Reproduktionsbedingungen und gesellschaftliche Konflikte. In: Brandes/ Hirsch/ Roth (Hrsg.): Leben in der Bundesrepublik. Berlin 1980.
J. Hirsch/ R. Roth: "Modell Deutschland" und neue soziale Bewegungen. Prokla 1980, Heft 40
J. Hirsch: Der Sicherheitsstaat. Frankfurt 1980

Ausgangspunkt ist der Krisenzusammenhang der kapitalistischen Produktionsweise, die jedoch weder in einem umfassenden ökonomischen Zusammenbruch gipfelt, noch im industriellen Proletariat den Vollstrecker revolutionärer Umwälzungen erzeugt, sondern seinen Profit und seine Existenz sichern kann durch permanente Reorganisation seiner ökonomischen, technischen, politischen und sozialen Verwertungsbedingungen, jedoch nur um den Preis einer immer mehr beschleunigten Tendenz zur gewaltsamen Umstrukturierung aller gesellschaftlichen Sphären im Weltmaßstab (technische Veränderung der Arbeitsprozesse, permanente Umschichtung und Überzähligmachung der lebendigen Arbeitskraft, Arbeitsintensivierung bei gleichzeitiger Freisetzung von Arbeitskräften, massenhafte Zusammenballung von Menschen und Kapital in Zentren bei gleichzeitigem Niedergang und Verödung ganzer Regionen, progressive Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen Grundlagen).
Mit der Massenproduktion von Konsumgütern wird der Reproduktionsbereich durchkapitalisiert. Daraus folgt eine beschleunigte Auflösung traditioneller Vergesellschaftungsformen, ein fortschreitender Prozeß sozialer Desintegration, der die soziale Basis der gesellschaftlichen Konfliktstrukturen wesentlich verändert. Durch Rationalisierung und Computerisierung der Arbeitsprozesse erfolgt eine Angleichung der Arbeit (Zersetzung klassenbezogener Milieus); andererseits neue gesellschaftliche Spaltungstendenzen zwischen produktivem Leistungskern und marginalisierten, herausgefallenen Gruppen, welche sich ergeben aus permanenter krisenhafter Umstrukturierung des Produktionsprozesses, Ausbreitung peripherer Arbeitsmärkte, struktureller Arbeitslosigkeit, Zwangsmobilität, Dequalifizierung, Arbeitsintensivierung. So "ergibt sich das Bild einer in ihrer Klassenstruktur sowohl objektiv als bewußtseinsmäßig vielfach geschichteten, gegliederten und gespaltenen Gesellschaft", "daß sich soziale Konflikte und Bewegungen immer stärker quer zu den Klassengrenzen entwickeln, uneinheitlicher, dezentraler und in ihren Zielen und Perspektiven vielgestaltiger werden". Dies führt auch zur Veränderung des Verhältnisses von Gesellschaft und Staat. Grundlage ist die Strategie einer staatlich abgestützten Modernisierung der Volkswirtschaft, Sicherung der technologischen Spitzenstellung der westdeutschen Wirtschaft, zum andern die Notwendigkeit, die sozial desintegrativen Folgen administrativ aufzufangen. Das führt zu einer forcierten staatlichen Vermittlung des gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses, einer "Durchstaatlichung der Gesellschaft". Der Staat garantiert notdürftig den Zusammenhalt einer sich im ökonomischen Reproduktionszusammenhang auflösenden Gesellschaft. Durch das dichter werdende Netz von Institutionen und Organisationen vollzieht sich die Transformation des Staates in einen integralen Sicherheitsstaat. Je stärker die normale Sozialisation der Individuen in die bürgerliche Gesellschaft verhindert wird, desto dichter wird das Netz präventiver Überwachung und Kontrolle geknüpft, desto direkter wird der Zugang der polizeilichen Sicherheitsapparate auf das gesellschaftliche Leben.
Hirsch sieht die neuen sozialen Bewegungen als Produkte eines gesellschaftlichen Umwälzungsprozesses, die politisch weitertreibende, aber auch zutiefst widersprüchliche politische Momente enthalten. "Die Prozesse der Spaltung und Ausgrenzung, die Zerstörung der Naturgrundlagen, die Auflösung sozialer Zusammenhänge, die in Warenform gepreßten Bedürfnisse und Beziehungen, die Untergrabung von Wertmustern und die Beseitigung historischen Bewußtseins, all dies bildet die Grundlage für die augenscheinliche Zerfaserung gesellschaftlicher Konflikte, für die Dezentralisierung und Segmentierung von sozialen Bewegungen. Wir müssen deshalb davon ausgehen, daß die Herausbildung sozialrevolutionärer Bewegungen und Prozesse heute weniger denn je einer objektiven Logik ökonomischer und gesellschaftlicher Entwicklungen gehorcht. Da die kapitalistische Gesellschaft weder ihren eigenen Totengräber produziert noch ein direkt erwachsendes revolutionäres Subjekt hervorbringt, so eröffnet nur noch ein radikaler Reformismus die Möglichkeit eines revolutionären Wandels (Konsequente Durchsetzung von Selbstorganisation und autonomer Interessenwahrnehmung bei praktischer Veränderung der Arbeits- und Lebensverhältnisse, Konsequenter Verzicht, mithilfe des Staates emanzipatorische Vorhaben zu betreiben)."
Dies bedeutet zuallererst, daß man die Bedingungen für die Entstehung, Artikulation und Realisierung anderer, nicht durch den Mechanismus der bürgerlichen Gesellschaft deformierter Erlebnismöglichkeiten und Bedürfnisse schaffen muß. Durch Abkoppelung von Zwängen der Lohnarbeit und des Markts kollektiv selbstverwaltete Produktion, Abbau von Hierarchie und Arbeitsteilung, Experimentieren mit neuen Technologien, Produktionsformen, Kommunikationsweisen, Einführung nicht deformierter und zwangsweise zurechtgebogener Verkehrsformen, Ausbildung sozialer Kreativität, solidarische Selbsthilfe(S. 154). Hirsch ist es wichtig, der Gefahr der Integration in die herrschenden Strukturen entgehen zu können als auch neue nichtbürgerliche Formen der Vergesellschaftung entwickeln zu können. Dennoch scheint es ihm illusorisch, sich von der Gesellschaft und ihren politischen Prozessen einfach abkoppeln zu wollen. Durch eine institutionelle Politik sollen die Bedingungen geschaffen und die Spielräume gesichert werden, um die Erfahrungs- und Lernprozesse zu ermöglichen. Ein solches taktisches Verhältnis zu den politischen Institutionen sei allerdings nur dann möglich, wenn es eine tragfähige Infrastruktur gegengesellschaftlicher Arbeits- und Lebensformen gäbe.
Bewertung der konkreten Situation der alternativen Bewegung: Zentrales Problem der Gegenökonomie (Frage nach der Möglichkeit der Überwindung des Kapitalismus durch die allmähliche Ausbreitung gegenökonomischer Inseln).
Dilemma: entweder Herauslösung aus dem gesellschaftlichen Produktionsprozeß (ökonomische Schranken) > kümmerliche Subsistenzwirtschaft (Unterkapitalisierung bringt Tendenz zur Selbstausbeutung > Scheitern oder Abhängigkeit) oder sich den Zwängen des Marktes und der Konkurrenz auszusetzen (ökonomische Stabilisierung und Effizienz, fast zwangsläufige Übernahme kapitalistischer Formen der Arbeitsgliederung und des Arbeitsprozesses). Die erhebliche Unfähigkeit zur Produktion von Produktionsmitteln führt dazu, daß gegenökonomische Projekte nur in unrentablen Produktionszweigen, Nischen und Hinterhöfen der kapitalistischen Ökonomie koexistieren und damit einige ihrer Defizite abdecken und damit in Gefahr laufen, zu einem Stabilisations- und Integrationsmoment der kapitalistischen Gesellschaft zu werden.
Falls nicht klar wird, daß die Form des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses insgesamt zur Debatte steht, steht die Alternativbewegung in der Gefahr, durch bewußte Selbstabgrenzung, Marginalisierung, durch Tendenzen des gesellschaftlichen Erfahrungsverlustes, der Festschreibung rigider, gruppeninterner Herrschaftsstrukturen zu einer "unmittelbarkeitsideologischen Sekte" zu entwickeln: ausgegrenzt, politisch harmlos oder reaktionär funktionalisierbar, degradiert zu einer subkulturellen Folklore, die sich der Bewußtseins- und Konsumindustrie als Objekt der Ausschlachtung und Vermarktung anbietet (politisch- ideologische Ambivalenz)
Kritik: Wie soll die Alternativbewegung herauskommen aus ihrem Experimentalcharakter für neue Formen des Lebens und Arbeitens und sich gesellschaftlich durchsetzen? Wie soll es gelingen, nichtkapitalistische Strukturen gesamtgesellschaftlich durchzusetzen? Laut Hirsch könnte das nur gelingen, wenn sich die konkreten Ansätze zu unmittelbarer Interessenwahrnehmung ausbreiten und so Lernprozesse ermöglichen, die radikale gesellschaftliche Veränderungen nicht nur als notwendig, sondern als notwendig erscheinen lassen. Wenn sie den Bereich der marginalen Zonen und Inseln überschreiten und die gesellschaftliche Kernstruktur, was vor allem heißt: die Arbeiterklasse berühren. Wie das gelingen soll, bleibt hier ungeklärt.

Ökosozialistische Erklärungsansätze (S. 120)

A. Gorz: Abschied vom Proletariat. Frankfurt 1980
J. Huber: Wer soll das alles ändern? Die Alternativen der Alternativbewegung. Berlin 1980

Andre Gorz stellt einige entscheidende Prämissen sozialistische Analysen infrage, ohne auf die Überwindung kapitalistischer Produktions- und Lebensverhältnisse zu verzichten:

- aus der bewußten wirklich "gesellschaftlichen Organisation" des Arbeitsprozesses erwächst die allseitige Entfaltung und Betätigung individueller Fähigkeiten, das allseitig entwickelte Individuum. Durch die Existenz "gesellschaftlicher Individuen" harmonisieren sich die privaten und gesellschaftlichen Interessen (Gesellschaft nach einem einheitlichen sozialistischen Organisationsprinzip gestalten, Wiederaneignung der Arbeit durch die Produzenten). Beides erscheint Gorz als illusionär. Der Charakter des Produktionsprozesses ermöglicht keine Verwirklichung in der Arbeit mehr. Die Arbeit wird vom gesellschaftlichen Produktionsapparat verteilt und programmiert und bleibt den Individuen, denen sie auferlegt wird, äußerlich. Arbeit in Dienstleistung und Industrie bleibt heteronome Arbeit. Die Heteronomität gewährleistet die programmierte, geplante Produktion all dessen, was für die Gesellschaft notwendig ist, so wirksam wie möglich, mit dem geringsten Aufwand und minimalen Ressourcen. In der autonomen Sphäre produzieren die Individuen auf autonome Weise außerhalb des Marktes allein oder frei assoziiert nicht notwendige, aber den Wünschen und dem Geschmack des Einzelnen entsprechende Güter und Dienste. Gorz scheint allein die dualistische Lösung möglich. Die Ökologie- und Alternativbewegung hat hier einen systematischen Stellenwert in der Durchsetzung der dualistischen Gesellschaft.
Die Nichtklasse des nachindustriellen Proletariats: Der Neoproletarier ist für den ihm zugefallenen Arbeitsplatz in der Regel überqualifiziert. Jede Stelle ist zufällig und provisorisch. Es ist ihm versagt, sich mit seiner Stelle zu identifizieren. Die Alternativbewegung verstärkt gesellschaftlich bereits ablaufende Entwicklungstendenzen. Arbeit ist keine Quelle möglicher Macht mehr. Das nachindustrielle Proletariat beweist sich als Subjekt durch Verweigerung gesellschaftlicher Arbeit.
Kritik: Die Erfahrung realpolitischer Machtlosigkeit und eine resignative Abwendung von Versuchen, auf die Gesellschaft verändernd einzuwirken, wird zur Tugend der Verweigerung stilisiert. Gorz will Herrschaftsverhältnisse beseitigen, indem er der funktionalen unvermeidlichen Macht einen vorher festgelegten umgrenzten Bereich einräumt. Das bedeutet letztendlich die Preisgabe des demokratischen Projekts, denn den unvermeidlichen Herrschaftsapparat haben wir hinzunehmen. Geschichtliche Errungenschaften gegen staatliche Machtfülle wie Menschenrechte, Gewaltenteilung und Parlamentarismus scheinen an eine feste Grenze unverrückbarer bürokratischer Systeme zu stoßen. Die völlige Abkoppelung der System- von der Sozialintegration, das motivlose Funktionieren der in den Apparaten Beschäftigten läßt sich bezweifeln. Die strategisch zentrale Position der Alternativprojekte an der Nahtstelle zwischen formellem und informellem Sektor der Gesellschaft. die Stärke dieser Nahtstelle bestimmt, inwieweit die "Kolonialisierung der Lebenswelt" (Habermas) voranschreitet und wieweit der informelle Sektor als Freizeit- und Konsumbereich vollends zur Schattenökonomie der Megamaschine herabgewürdigt wird. Ziel ist die besser balancierte Dualwirtschaft.
Huber ordnet die Projekte 3 Arten zu:
- professionelle Projekte (Einkommen= Existenz)
- duale Projekte
- Freizeit- oder Eigenarbeitsprojekte (unbezahlte Arbeit, auf die eigenen Bedürfnisse abgestimmt)

Huber wendet sich gegen das Trugbild der alternativen Ökonomie, die sich von einer Ausweitung und Vernetzung der Inseln alternativer Betriebe den Aufbau einer gesellschaftlichen Gegenökonomie erhofft (weitgehende Abhängigkeit der Projekte von öffentlicher Finanzierung und öffentlichem Wohlwollen).

Huber sieht zwei Gefahren bei der Entwicklung der alternativen Bewegung:
- Doppelwirtschaft: doppelter Arbeitsmarkt (durch Dilletantismus, Psychochaos, uneffektive Selbstausbeutung, extremen Konsumverzicht, Sozialstaats- und sonstige Subventionsabhängigkeit); trennt die Jobs in die regulären "guten Jobs" mit arbeitsrechtlich und tariflich gesichertem Einkommen und Arbeitsbedingungen und schlechte oder gar keine Jobs, um die sich dann eine neuer Stand von alternativen Tagelöhnern streitet.
Trägt zur Verfestigung des Systems bei.
- Dienstwirtschaft: Alternativprojekte erschließen sich den Marktbereich (Psycho- Gesundheits-, Sozial-, Bildungs- und Unterhaltungsmarkt). Dann würde die Alternativbewegung dazu beitragen, bisher noch nicht von der "Megamaschine" vereinnahmte Bereiche verstärkt zu vermarkten, zu professionalisieren und zu monetarisieren.
Trägt zur Ausdehnung des Systems bei.

Für Huber kann die Alternativbewegung besonders in ökonomischer Hinsicht ihre Aufgabe als Sozialagentur für an den Rand gedrängte, Gebrochene und Ausgestiegene nicht abschütteln. Für ihn liegt die Bedeutung der Alternativbewegung in einer allgemeinen Lebensreform, die den sozialen Unterbau der Gesellschaft, den informellen Sektor, gegenüber dem formellen Überbau neu belebt.

Grenzen der konventionellen Problemlösungsstrategien:

(Offe)Die abnehmende Lösungskompetenz (Raschke) läßt sich in folgenden Aspekten resümieren (zusammenfassen):
- Gesamteffizienz des industriellen Systems verringert sich. Die industrielle Güterproduktion fordert immer höhere ökologische, physische, psychische und soziale Kosten und bringt immer weniger Nutzen bei einem relativ hohen Versorgungsniveau. - Sachliche Überforderung von Ökonomie und Staat: Großtechnische Lösungsstrategien verschärfen durch ihre geringe physische, psychische und soziale Verträglichkeit die krisenhaften Folgewirkungen des industriellen Wachstums (Guggenberger, Raschke), ebenso die "modernistischen Reformen" (Narr). Die funktionsspezifische Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Lebensbereiche, die immer komplexer werdenden Folgewirkungen kapitalistisch- industrieller Vergesellschaftung erfordern ein immer aufwendigeres Systems zentralisierter politischer Vermittlungsleistungen, die die Steuerungsressourcen des bürokratisch- administrativen Systems in zunehmendem Maß überfordern. Die institutionelle Verankerung der Mechanismen der Konfliktregulierung und die Verpflichtung der gesellschaftlich- politischen Eliten auf Wirtschaftswachstum führt zur Selbstblockierung gegenüber neuen Problemlösungsstrategien (Raschke u.a.). Unterstützt wird dieser Mechanismus durch Machterhaltungs- bzw. Machterwerbsstrategien der Volksparteien (Guggenberger). Das führt zu einer Strategie des konfliktvermeidenden Krisenmanagements und macht substantielle Problemlösungen unmöglich.
- Soziale Überforderung: Verbürokratisierung und Verapparatung der Politik (Parteien und Verbände) Abschotten neuer Probleme verhindern, daß bestimmte Bedürfniskategorien überhaupt politisch thematisiert werden (Guggenberger 1980, S. 64). Damit erhöht sich die Wahrscheinlichkeit für das Entstehen autonomer, außerinstitutioneller Formen der Interessenvertretung oder des Protests (Hirsch, Offe). Abkoppelung der modernen Volkspartei von ihrem sozialen Herkunftsmilieu. Verlust ihrer Integrations- und Orientierungsfunktion (können keine kollektiven Identitäten begründen, können keine persönliche Lebenssituation in ein schlüssiges Gesamtbild der Politk übersetzen (Guggenberger, Offe)). Dies führt zur Herausbildung neuer kollektiver Ersatzidentitäten. Selbstüberforderung des politischen Systems durch sozialstaatlich geförderte Anspruchsüberlastung (Klages) oder nicht erfüllte Reformprogrammatik (Offe). Verstärkte Durchstaatlichung der Gesellschaft (Hirsch), die sowohl zur Modernisierung der Volkswirtschaft wie zur sozialen Absicherung der desintegrativen Folgen dieses Prozesses notwendig geworden ist, läßt den Staat immer mehr als Verursacher belastender Umwälzungen erscheinen. Mit der Beschleunigung der gesellschaftlichen Umwälzung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit anomischer Reaktionen und die Zahl der Konfliktanlässe. Durch Ausbau des sicherheitsstaatlichen Apparates versucht der Staat die Infragestellung gesellschaftlicher Normalität unter Kontrolle zu halten (Hirsch); mit zumindest ambivalenten Folgen (Angst vor Kriminalisierung, Unterminierung staatlicher Autorität)

Zusammenfassung: "Mit Offe scheint eine Tendenz zur Selbstblockierung des Systems vorzuliegen; einerseits benötigt es Wachstum, um das bisher gewohnte Maß an Stabilität weiter genießen zu können, andererseits kann es Wachstum nicht herstellen, weil die herkömmlichen Mittel der ökonomischen Steuerung nicht ausreichen. Es kann aber weiteres Wachstum gar nicht wünschen, weil die Folgen weiteren industriellen Wachstums schlicht unerträglich werden und Konflikte einer Art heraufbeschwören, die sich mit den Mitteln herkömmlicher staatlicher Politik nicht unter dem Deckel halten lassen würden. " (Interview mit Klaus Offe In: Argument 124, 1980) "Konkret in der Bundesrepublik diagnostiziert Offe als Folge dieser Problemkonstellation ein hohes Maß an Entformalisierung; alle greifen zu Aktionsformen, die aus den Schienen, die in Gestalt des politischen Systems und seiner Institutionen ausgelegt sind, herausspringen."

Die sozialstrukturelle Verankerung der neuen Protestpotentiale (S. 153)

A. Entstehung aufgrund eigener Betroffenheit durch die Folgelasten der industriellen Modernisierung:

- periphere oder nicht länger profitable Regionen
- Jugendliche mit geringerer Qualifikation
- ältere Arbeitnehmer, Frauen, Jungakademiker mit sozialwissenschatlicher Ausbildung
von Dequalifikation und Deklassierung bedroht.
- auf Gruppen, die in unmittelbarer Weise durch industrielle Großprojekte (Autobahnen, Atomkraftwerke, Flughafenbau) der durch umweltverschmutzende chemische Industrien beeinträchtigt werden.

B. Entstehung aufgrund spezifische Sensibilitäten gegenüber den Folgeproblemen der industriellen Zivilisationsweise

- Gruppen der neuen Mittelschichten ,deren materielle Grundbedürfnisse befriedigt sind, sich aber im Wettbewerb um positionelle Güter zunehmend der Beeinträchtigung durch die externen Folgen wirtschaftlichen Wachstums ausgesetzt sehen.
- im Humandienstleistungsbereich beschäftigte Gruppen, die durch ihre Tätigkeit anspruchsvollere Bedürfnisse und eine höhere Sensibilität entwickeln.
- unter den Bedingungen materieller Sicherheit sozialisierte bildungsmäßig hochqualifizierte postmaterialistisch orientierte Teilgruppe der Nachkriegsgeneration

Die neuen sozialen Bewegungen sind heterogen:
- aufgrund der Differenzierung der sozialen Konfliktlagen
- aufgrund des eher unstrukturierten Charakters der Krise, die wesentlich auf der Erschütterung und dem Zerfall der kulturellen Hegemonie und des industriellen Entwicklungsparadigmas beruht
- kein eindeutiges Kollektivsubjekt als Adressat oder Gegner der neuen Protestbewegungen auszumachen

Drei Konfliktlinien:
- industrieller Leistungskern - Peripherie (ökonomiekritische bzw. klassentheoretische Analyse)
- Materialismus - Postmaterialismus (Einstellungskonstrukt)
- Modernismus - Antimodernismus (Geschichte sozialer Bewegungen)

Bis hierhin Zitate überprüftXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX

Eine zweite Kultur? (S. 162)

J. Clarke / St. Hall / T. Jefferson / B. Roberts: Subkulturen und Klasse. In: J. Clark u.a.: Jugendkultur als Widerstand. Frankfurt 1981

Definition Kultur: (J. Clarke / St. Hall / T. Jefferson / B. Roberts: Subkulturen und Klasse. In: J. Clark u.a.: Jugendkultur als Widerstand. Frankfurt 1981)
"Die Kultur einer Gruppe oder Klasse umfaßt die besondere distinkte Lebensweise dieser Gruppe oder Klasse, die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Beziehungen, in Glaubenssystemen, in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben verkörpert sind. Kultur ist die besondere Gestalt, in der dieses Material und diese gesellschaftliche Organisation des Lebens Ausdruck findet. Eine Kultur enthält die "Landkarten der Bedeutung", welche die Dinge für ihre Mitglieder verstehbar machen. Diese "Landkarten der Bedeutung" trägt man nicht einfach im Kopf mit sich herum - sie sind in den Formen der gesellschaftlichen Organisationen und Beziehungen objektiviert, durch die das Individuum zu einem gesellschaftlichen Individuum wird. Kultur ist die Art, wie die sozialen Beziehungen einer Gruppe strukturiert und geformt sind, aber sie ist auch die Art, wie diese Formen erfahren, verstanden und interpretiert werden"

Gegenkultur steht im offenen Konflikt mit der herrschenden Klasse und versucht, ihre kulturelle Hegemonie zu erschüttern und zu brechen. Untergeordnete Kulturen können aber auch mit der dominanten Kultur koexistieren. Die kulturelle Hegemonie einer Klasse ist nie universell. Sie ist ein "bewegliches Gleichgewicht" (Gramsci) "Sie muß gewonnen und errungen, produziert, reproduziert und erhalten werden."

Subkulturen sind "kleinere stärker lokalisierte und differenzierte Strukturen innerhalb eines der größeren kulturellen Netzwerke." "Subkulturen gewinnen aufgrund distinktiver Aktivitäten und Kristallisationspunkte der Gruppengestalt; sie können lockere und festere Bindungen aufweisen. Manche Subkulturen sind nur locker definierte Strömungen oder Milieus innerhalb der Stammkultur: sie besitzen keine eigenständige Welt ", andere entwickeln eine klare kohärente Identität und Struktur.". "Die latente Funktion der Subkultur besteht darin, die Widersprüche, die in der Stammkultur verborgen und ungelöst bleiben, zum Ausdruck zu bringen und zu lösen, wenn auch in "magischer Weise". (P. Cohen: subcultural conflict and working class community zit. In: Clark u.a. a.a.O., S. 73)
In "magischer Weise" deshalb, weil die Lösung dieser Widersprüche nicht real, sondern symbolisch, imaginär in der Ausbildung eines eigenen subkulturellen Stils (Kleidung, Musik, Rituale, Umgangsformen etc.) erfolgt.
These: Die neuen sozialen Bewegungen erhalten ihre progressive Dynamik aus dem universalistischen Kern den postmaterialistischen Wert- und Bedürfnismustern. Sie besitzen nur dann eine politische Durchsetzungschance, wenn es gelingt, die aus den verschiedensten Belastungen und Bedrohungen des industriellen Modernisierungspozesses sowie aus der Blockierung neuer Wert- und Bedürfnismustern resultierenden antiindustrialistischen Affekte und Widerstandsformen in einen gemeinsamen sozialen und ideologischen Kontext einzubinden, der seine Selbstdeutung und seine Zielvorstellungen aus der Perspektive postmaterialistischer Orientierungs- und Verhaltensmuster gewinnt.

Was bedeutet überhaupt "erfolgreiche Durchsetzung"? Es geht im Wesentlichen doch um eine Änderung der Politikform, denn die Sachzwänge der großen Politik (Wirtschaftswachstum, internationale Konkurrenz, technologische Entwicklung, Sicherheit nach Innen und Außen) lassen sich nur dann wirklich wirksam unterlaufen, wenn man ihre Organisationsformen (Bürokratisierung und Zentralisierung, Abstraktion, prozeßlose Politik, telemediale Vermittlung) grundsätzlich infrage stellt und konzeptionell und praktisch mit anderen Formen experimentiert. (W. D. Narr: Zum Politikum In: Leviathan, 2/1980)
Es geht nicht nur um neue politische Zielsetzungen, sondern auch wesentlich um eine Änderung der Politikform, wenn als Ziel der neuen sozialen Bewegungen die Brechung der Eigendynamik bürokratisch- industrieller Rationalisierungs- und Subsumtionsprozesse erreicht werden soll.
Entschiedene Ablehnung der "Stellvertreterpolitik" hin zu einer sehr subjektzentrierten Form des Politischen, von der "bedürfnisorientierten" bis hin zur "Politik in erster Person", in der Ökologiebewegung eher die dezentrale, basisdemokratische Organisationsform. Bürgerinitiativen: Lösung konkreter Problemlagen im Vordergrund; Politik erst in der Kritik, wenn sich ihre Abschirmung, ihre Interessengebundenheit oder Unbeweglichkeit erwiesen hat. Die neuen Formen der Politik müssen in der Umgebung der alten entwickelt und erhalten werden, müssen sich auf die Auseinandersetzung mit den herrschenden Institutionen und Verfahren einlassen, damit aber auch auf die Gefahr, ihrer organisatorischen Eigendynamik zu erliegen. (vgl. die Referate, die auf der Tagung des Arbeitskreises "Parteien, Wahlen und Parlamente" zum Thema "Umweltparteien in Westeuropa" am 3./4. April 1981in Berlin gehalten wurden.)

Die Versuche haben einen doppelten Ansatzpunkt:
- politisch- ideologische Konfliktkonstellation: die in der gegebenen Parteienstruktur gegebenen politischen Realitäten entkoppeln und um eine neue Konfliktlinie organisieren: die alte Konfliktlinie (Links- Rechts-Achse) wird durch Materialismus/Postmaterialismus überlagert. Traditionelle Parteiloyalitäten werden jedoch geringer. Gründe: Auflösung der Verankerung in homogenen Klassenmilieus; Entwicklung zu Volks- oder Massenparteien; obrigkeitsstaatliche Orientierungsweisen werden durch hedonisitisch geprägte Verhaltens- und Orientierungsmuster ersetzt. Der Bezug zum politischen Geschehen erhält dadurch einen eher pragmatisch- instrumentellen Charakter. mit Verbreitung der Bildungschancen, Sättigung materieller Bedürfnisse, Erfahrung steigender Wohlfahrtskosten entstehen postmaterialistische Wertprioritäten, die vom bestehenden Parteien- und Verbandssystem nicht oder nur ungenügend berücksichtigt und vermittelt werden. Das führt zu einem rapiden Bedeutungsverfall der tradierten Konfliktstruktur als politische Orientierungsmöglichkeit. Zweifel und Brisanz der Sinnhaftigkeit des industriellen Wachstums, zu welchem die bürokratischen Parteien.
- Formierung als politische Kraft: Gegensatz zwischen industriellen Wachstums- bzw. technobürokratischen Herrschaftsinteressen und den Interessen an einer ökologisch orientierten sanften, in hohem Maße selbstbestimmten Lebensweise und faktische Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Initiativen, Gruppen, Bewegungen und den staatlichen Apparaten. Formiert sich um zwei soziale Brennpunkte:
- Gruppen, Projekte, Szenen und Teilbewegungen, die insgesamt ein alternatives Milieu gegenkultureller Lebensformen ausbilden
- andererseits Bürgerinitiativen, die aufgrund staatlicher oder wirtschaftlicher Relevanz eine katalysatorische Funktion für die Formierung der neuen sozialen Bewegungen als unmittelbare politische Kraft erhalten haben. Wichtig: Vernetzung.
Es geht um die Ausweitung von Freiräumen, Absicherung der sozialen und ökonomischen Reproduktionsmöglichkeiten alternativer Lebensformen, Selbsthilfe und Abwehr repressiver oder kriminalisierender staatlicher Maßnahmen. Bestreiten nicht unmittelbar die Macht der Machthaber, sondern wirken als Katalysatoren, die den Machtanspruch des Systems auf Dauer gesehen ins Leere laufen lassen.
Gefahren: von den immanenten Schranken (ökonomische Abhängigkeit, selbstzerstörerische Überlastung der Gruppen und andererseits Verschärfung staatlicher Repressionsmaßnahmen, durch finanzielle Austrocknung und Kriminalisierung

Die politischen Durchsetzungschancen (S. 189)

Geringer Grad der institutionellen Verfestigung und der ideologischen Konsistenz der neuen sozialen Bewegungen. Vorteil: ermöglicht Bildung breiter und thematisch wechselnder Koalitionen (keine Parteidisziplin, keine ideologische Abgrenzung) und Abhängigkeit von den Attraktionszyklen der Massenmedien. Notwendig ist deshalb ein Bestand an organisatorischer Infrastruktur. Notwendig ist eine Partei neuen Typs, die strukturell in der Bewegung verankert und auf dem Primat basisdemokratischer Politik beruht und bezogen bleibt, zugleich jedoch die programmatische Vereinheitlichung und organisatorische Vernetzung vorantreibt. Kann eine Partei diesen Ansprüchen genügen, solange sie verfassungsrechtlich in das parlamentarisch- repräsentative System eingebunden und den Zwängen der Parteikonkurrenz unterworfen bleibt (Eigendynamik der parlamentarischen Repräsentation, Einbindung in die Gesetzgebungs- oder Verwaltungsarbeit)?
Die Wahl der Mittel und Strategien hängt in starkem Maße von den sozialen und subkulturellen Erfahrungshorizont der Protestgruppen ab. Gelingt es nicht, breite gesellschaftliche Bündnisse herzustellen und politisch abzusichern, so ist zumindest in der Bundesrepublik die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, daß verschärfte ökonomische Krisenerfahrungen und wachsende Unsicherheit in weiten Kreisen der Bevölkerung zu einer Verstärkung obrigkeitsstaatlich- faschistoider Reaktionsmuster führen, die einer harten staatlichen Repressionsstrategie gegenüber den neuen sozialen Bewegungen ebenso den Rücken stärken wie der Durchsetzung eines forcierten Industrialisierungskurses. Die politischen Effekte eines antiindustrialistischen Protests ließen sich in diesem Falle auf absehbare Zeit durch Kriminalisierung und subkulturelle Marginalisierung neutralisieren.


Anomie: Gesetzlosigkeit, Haltlosigkeit

Deprivation: Unzufriedenheit?

heteronom: unselbständig, abhängig, fremden Gesetzen gehorchend

marginal: den Rand betreffend, am Rand befindlich

neokorporatistisch: eine neue Körperschaft (Verein, Partei) betreffend

nachindustrielles Proletariat: umfaßt die Gesamtheit der von der Produktion durch Arbeitsvernichtung Ausgestoßenen und der durch die Industrialisierung der intellektuellen Tätigkeit Unterbeschäftigten)