Westdeutscher Verlag Opladen, 1982
Richard Löwenthal (repräsentatives Beispiel einer entschieden modernistischen Argumentation)
z.B. Bernd Guggenberger;
Hegner
Berber/Berger/Kellner
Lineare (evolutionäre) Erklärungsansätze (58)
Guggenberger, Offe
Inglehart, Greven, Hildebrandt, Dalton
B. Die staatlich produzierte Anspruchsdynamik
Klages
C. Die sozialen Grenzen des Wachstums
Hirsch
D. Der Durchbruch der hedonistischen Ethik
Bell, Leineweber, Schibel
Löwenthal
B. Die Krise der industriellen Zivilisation
Raschke
C. Die Kolonialisierung der Lebenswelt
Habermas, Horn, Schülein, Breuer
Die Heterogenisierung sozialer Konflikte
Hirsch
Ökosozialistische Erklärungsansätze (S. 120)
Gorz, Huber
Clarke, Hall, Jefferson
Die politische Durchsetzungschancen (S. 189)
Die Motive westlicher Zivilisationskritik der neuen sozialen Bewegungen
(Brand, Karl- Werner: aus der Einleitung, S. 7)
Diese Erfahrungen begründen:
Leitbild ist der antimodernistische Mythos des "natürlichen Lebens": einfach und überschaubar, spontan und bedürfnisorientiert.
(R. Löwenthal: Gesellschaftswandel und Kulturkrise. Frankfurt / Main 1979)
Richard Löwenthal (repräsentatives Beispiel einer entschieden modernistischen Argumentation)
Die Bewahrung der grundlegenden Werte des westlichen Zivilisationsmodells;
der Glaube an die Autonomie der Vernunft und die Einzigartigkeit
des Individuums; der bindende Charakter freiwillig eingegangener Gemeinschaften;
Grenzziehung zwischen individuellem Wollen und gemeinschaftlicher Notwendigkeit
durch rechtliche Satzung; Wertschätzung der Arbeit
als Verdienst und Sinnerfüllung des Lebens ermöglicht eine Bewältigung
der krisenhaften Folgeprobleme der beschleunigten Industrialisierung.
Die aufgetretenen Krisensymptome sind Folge einer bisher mißlungenen Anpassung
innergrundlegender Werte sowie der davon abgeleiteten Institutionen und Verhaltensnormen
an die immer schnellere Veränderung unserer Lebensbedingungen.
Krisensymptome wie der Niedergang der Arbeitsethik, Verteufelung der
produktiven Leistung, der anarchische Ultra-individualismus, die Flucht aus
Individualität und bewußter Selbstkontrolle in die Drogenkulte, aber
auch die bewußte Abwendung der Ökologie- und Alternativbewegung von
zentralen Aspekten des westlichen Zivilisationsmodells geraten so nur spiegelbildlich
als sinnlos- anomische Revolte, als irrationale Verwerfung rationaler Errungenschaften
ins Blickfeld.
Subjektivismus, Individualismus, Flucht in die Privatisierung, Rückgriff auf lebensphilosophische Glaubenssysteme mithilfe irrationaler Erkenntnisfeindlichkeit, Mittelklassecharakter der Bürgerbewegungs- und Ökologiebewegung.
("Linker Konservatismus?" Ästhetik und Kommunikation, Heft 36, Juni 1979)
z.B. Bernd Guggenberger;
verdoppeln nur das epochale Selbstverständnis der Ökologie-
und Alternativbewegung. In Verbindung mit der epochalen Umbruchssituation von
der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft erwächst aus der Abwehr
eines zweifelhaft gewordenen angsterzeugenden, über die Maßen belastenden
Fortschritts der neue Wertehinmmel einer Gegengesellschaft.
Die traditionellen Richtwerte: Leistung, Effizienz, Hierarchie,
Gehorsam, Qualifikation, Produktivität, technische Perfektion, Disziplin,
Lustaufschub, Karriere, Macht und Status.
Die Neuen Werte: Partizipation, Humanverträglichkeit,
Solidarität, Lebensqualität, Selbstbestimmung, Kreativität, Mitmenschlichkeit,
Persönlichkeitserweiterung.
Die gegenüber der industriellen Leistungswelt humanere Dienstleistungswelt
begünstige autonom -dezentrale Organisationsformen, direkte Mensch- zu
Mensch- Beziehungen, sie verlange in besonderem Maße Phantasie, Kreativität
und umfassende Teilhabe. durch die ungeheure Expansion der Freizeitkultur werde
das Ethos der Leistung, der Konkurrenz und des Wachstums Schritt für Schritt
durch ein Ethos des sozialen Wohlbefindens, der immateriellen Lebensqualität
und der humanen Zuträglichkeit ersetzt.
(Brand, S. 26)
Die Ökologiebewegung, wie sie sich in den siebziger Jahren
herausgebildet hat, ist ein spezifisches Phänomen hochindustrialisierter
reformkapitalistischer Gesellschaften. Ihre Ursachen scheinen weniger
in der Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen
zu liegen, als es ihr Selbstverständnis suggeriert.
Zerstörung sozialer Lebensräume durch wirtschaftlichen Raubbau gab
es in großem Maßstab auch zu anderen Zeiten (Verkarstung des Mittelmeerraumes,
Fabrikhallen und Mietskasernen in den frühkapitalistischen Industriestädten)
Fragen:
Den Zielen eines dezentralisierten, weitgehend selbstorganisierten und selbstbestimmten Lebens kommt dies wohl kaum entgegen.
Wenn die Zielvorstellungen der Ökologiebewegung weder durch die "Verbesserung des Kapitalismus" noch durch Öko-Diktatur erreicht werden können, bleibt es fraglich, ob die Probleme ökologischer und gesundheitlicher Bedrohung tatsächlich einen so zentralen Stellenwert im alltäglichen Lebens- und Erfahrungszusammenhang besitzen, daß von innen her das System "wirtschaftliches Wachstum" insgesamt in Frage gestellt wird. Hier scheint diese ökologische Krise in einen umfassenden Komplex hochindustrieller Vergesellschaftung eingebettet zu sein, dessen Folgen zur Erschütterung des technisch- industriellen Fortschrittsglaubens und damit zur Kritik der industriellen Entwicklung als solcher geführt haben. Stimmt diese These, lassen sich die neuen sozialen Bewegungen der späten sechziger, siebziger und achtziger Jahre auf eine säkulare Entwicklungstendenz industrieller reformkapitalisitscher Vergesellschaftung und der dadurch geschaffenen krisenhaften Folgeprobleme zurückführen; so ginge es nunmehr darum, den damit verbundenen Komplex neuer Problemlagen und neuer krisenhafter Erfahrungen zu entschlüsseln.
(Brand, S. 29)
Unter welchen Bedingungen führen diese neuen Problemlagen und krisenhaften Erfahrungen nicht nur zu individuellen Reaktions- und Fluchtsymptomen, sondern zu sozialen Protestbewegungen?
(M. Kaase: Bedingungen unkonventionellen politischen Verhaltens. PVS 17. Jg. 1976, S. 182)
Diskrepanz zwischen kollektiven Werterwartungen und Wertrealisierungschancen.(Gurr, 1970)
Politische Unzufriedenheit, von der ein nennenswerter Teil der Bevölkerung betroffen ist,
führt zu unkonventionellem politischem Verhalten, wenn
(O. Rammstedt: Soziale Beweguhng - Modell und Forschungsperspektiven. In: H. Matthöfer (Hrsg.): Bürgerbeteiligung und Bürgerinitiativen. Argumente zur Energiediskussion 3. Villingen 1980)
zur Analyse von Bürgerbewegungen
Phase 1: Krise als kollektive Erfahrung (Lernprozeß erhöhter Kommunikation läßt die Krise zur kollektiven Erfahrung werden. Die Wahrscheinlichkeit dieses Lernprozesses ist um so größer, je mehr Kommunikationsmöglichkeiten bestehen)
Phase 2: Propagierung der Krisenfolgen
Phase 3: Artikulation des Protestes (findet legal statt; die protestierenden Gruppen beginnen sich als soziale Bewegung zu begreifen)
Phase 4: Intensivierung der sozialen Bewegung (Das Anliegen des Protests wird nun als öffentlich bekannt vorausgesetzt. Für oder gegen den Protest muß Stellung bezogen werden)
Phase 5: Artikulation der Ideologie (Ist es der Protestbewegung nicht gelungen, sich legal durchzusetzen, um die Krisenfolgen zu beseitigen, so ist sie bestrebt, dem eigenen Handeln einen übergreifenden Sinn zu geben.)
Phase 6: Ausbreitung der sozialen Bewegung (Gewinnung und Mobilisierung breiterer Massen)
Phase 7: Organisation der sozialen Bewegung
Phase 8: Institutionalisierung
(Brand, S. 40)
|
Abstraktionsebenen |
Bezugsebenen |
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(Entstehungs- |
1. Hintergrundmerkmale des Verhältnisses von Gesellschaft und natürlicher Umwelt |
2. Hintergrundmerkmale der internationalen Beziehungen |
3. Gesamtgesellschaftliche Hintergrundmerkmale |
4. Interpersonale und soziale Hintergrundmerkmale |
5. Intrapersonale Hintergrundmerkmale |
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A: Generelle Rahmen- |
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B: Konkrete Entstehungs- |
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C: Vermittlung |
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D: Ortsspezifische Auslöse- |
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Hegner, F. : Historisch- gesellschaftliche Entstehungsbedingungen und
politisch soziale Funktionen von Bürgerinitiativen. In: V. Hauff (Hrsg.):
Bürgerinitiativen in der Gesellschaft. Argumente zur Energiediskussion.9.
Vilingen 1980
Inwieweit überkommene Ordnungsprinzipien und soziale Interaktionsmuster
tatsächlich infrage gestellt und durch neue Prinzipien ersetzt
werden, oder ob nur die herrschenden Eliten ausgewechselt werden oder komplementäre,
die überkommene Ordnung stabilisierende Organisationsformen entwickelt
werden, hängt nach Hegner von der Struktur und Dynamik der neuen Kommunikations-
und Organisationsformen ab.
Zeitlich quantitative Veränderungen (vermehrtes Auftreten von Protestgruppen)
,die in der Struktur ihres Aufbaus überlieferten Institutionen und Organisationen
entsprechen, gefährden nur die machthabenden Eliten. Soziale und qualitative
Veränderungen: die spezifische Form einer sozialen Gruppe bestimmt sich
durch:
Berber/Berger/Kellner: "Das Unbehagen in der Modernität". Frankfurt/New
York 1975
Unterschieden werden grob:
Der ökologische und gegenkulturelle Protest kann zweitens unterschieden werden in
Als primäre Träger der Modernität erscheinen B/B/K
Merkmale sind funktionelle Rationalität, Machbarkeit,
Komponentialität (Zerlegung der Wirklichkeit in technisch komponierbare
Einheiten), Trennung von Mitteln und Zielen, Verdopplung in eine anonyme und
eine konkrete Individualität, Multirelationalität (flexible Anpassungs-
und Orientierungsbereitschaft in komplexen Zusammenhängen)
Die dadurch geschaffene Lebenswelt ist in hohem Maße segmentiert.
Mit der geschichtlichen Herausbildung dieser Strukturen ist die Befreiung
des Individuums verbunden. Befreiung aus einengenden Kontrollen der
Familie, der Sippe, des Stammes und der kleinen Gemeinschaft. Sozialisation
hochindividualisierter Personen.
Diese Befreiung hat jedoch einen hohen Preis: funktionelle Rationalisierung,
Notwendigkeit emotionaler Kontrolle führt zu psychischen Spannungen und
Frustrationen. Komponentionalität, auf soziale Beziehungen übertragen,
bewirkt eine ständige Drohung der Anomie und der
Sinnlosigkeit. Bürokratisierung des sozialen Lebens verstärkt die
Erfahrung der Anonymität. Die Pluralisierung der Lebenswelten läßt
ein Gefühl der Heimatlosigkeit entstehen.
Die Lösung der modernen Gesellschaft für diese Unbehagen ist die
Schaffung der Privatsphäre als eine Art Ausgleichsmechanismus.
Diese Lösung bleibt aber prekär: die Privatsphäre ist unterinstitutionalisiert;
sie hat zu wenige Institutionen, die das menschliche Tun fest und verläßlich
strukturieren.
Nun kann man die Bewegung der sechziger/siebziger Jahre als genaues Gegenteil
der strukturellen Merkmale der Modernität deuten:
|
funktionelle Rationalität |
Gefühl, Spontaneität, Kreativität, Natürlichkeit, extatische Hingabe; Entindividualisierung und Befreiung von rationaler Kontrolle |
|
Komponentionalität |
Sehnsucht nach Ganzheit, Einheitlichkeit und Überschaubarkeit |
|
abstrakte Zeitlichkeit der Uhr, des Kalenders |
Betonung der Unmittelbarkeit des Jetzt |
|
|
Ablehnung der Tugenden der Nüchternheit, der Sparsamkeit und Rechtschaffenheit sowie des Ehrgeizes, zu Ansehen, Macht und Reichtum zu kommen. |
|
Mutirationalität, Vielfalt und Oberflächlichkeit |
Erfahrung der Tiefe sozialer Beziehungen in kleinen Gruppen |
|
technische Machbarkeit |
passive Hingabe und Anpassung |
|
bürokratische Organisierbarkeit sozialer Systeme |
spontan erlebte Gemeinschaft |
Problem an dieser Sichtweise: Modernität wird von Leuten angegriffen, deren Bewußtsein eben diese Modernität voraussetzt. Die Konzeption des "nackten Ich", jenseits der Institutionalität und Rollen, ist eine zentraler Vorstellung der Modernität. Die anthropologischen Grundannahmen der Auflehnung sind zutiefst modern. Doch hat der Widerspruch an Schärfe, an Destruktivität der Folgen nicht zugenommen? Ist nicht durch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte eine Neuartigkeit der Problemlage entstanden?
Industrie-, bürokratie- und wachstumskritische Bewegung stehen nicht notwendig im Gegensatz zu den ordnungspolitischen Prinzipien der Demokratie. Sie reichen von der totalen Verweigerungsstrategie bis hin zu parlamentarischer Vetretung.
B. Guggenberger: Bürgerinitiativen in der Parteiendemokratie. Stuttgart
1980
Guggenberger/Kempf (H.): Bürgerinitiativen und repräsentatives System.
Opladen 1978
Strukturelle Repräsentationsdefizite
Das ergibt eine Unfähigkeit, langfristige substantielle Probleme zu
lösen, was einen stetigen Verlust an Glaubwürdigkeit zur Folge habe
(Guggenberger). Die historische Transformation des liberalen Repräsentationsprinzips
in eine überwiegend funktionale Interessenvermittlung in eine neokorporatistisch
organisierte Form der Verflechtung von gesellschaftlichen Interessen und staatlicher
Politik ist vermutlich der Preis, der für die Regierbarkeit in hochindustrialisieten
arbeitsteiligen Industriestaaten gezahlt werden muß (U. v. Ahlemann,
Die Zeit, 39/1980)
Diese Repräsentationsdefizite müssen aber keineswegs automatisch
zu Unzufriedenheit und Legitimationsentzug führen, solange nicht das
wirtschaftliche Wachstum das Netz von privatistisch- konsumtiven Entschädigungsleistungen
absichert.
C. Offe leitet die Entstehung der neuen sozialen Bewegung aus der Herausbildung der Volks- und Konkurrenzparteien und aus der institutionellen Entwicklung massendemokratischer Verkehrsformen ab. Die Entwicklung der Parteien zu weltanschauungsneutralen Machterwerbsorganisationen, die ihren sozialen Einzugsbereich generalisieren und den Bürgern nur noch als abstraktes Willenssubjekt, als Wählerstimme, ansprechen, hat den Zusammenhang zwischen politischen und gesellschaftlichen Lebenssphären zerrissen und damit zu einer Zerstörung kollektiver Identität geführt (C. Offe: Konkurrenzpartei und kollektive politische Identität in: R. Roth (Hrsg.): Parlamentarisches Ritual und politische Alternativen. Frankfurt 1980).
Die Notwendigkeit, gesellschaftliche Lage und politische Willensbegründung in einen intern schlüssigen Zusammenhang zu setzen, sind damit keineswegs entfallen, sie bleibt als individuelle Zumutung, als individuell zu lösendes Problem bestehen. Offe vermutet nun, daß die subjektiven Belastungen, die mit der fortschreitenden Ausdifferenzierung der politischen Strukturen einhergehen, einen Punkt erreicht haben, an dem massive Gegenbewegungen in Richtung auf Entdifferenzierung eintreten, welche Kristallisationspunkte für die Herausbildung neuer kollektiver Identitäten bilden. Legitimationsentzug und Protest könnten jedoch erst dann erwartet werden, wenn wirtschaftliches Wachstum und die daran gekoppelten privatistisch-konsumtiven Entschädigungsleistungen ausbleiben oder wenn neue Problemlagen und Bedürfnisse entstehen, die sich den wachstums- und verteilungspolitischen Lösungsstrategien entziehen, ja deren Grundlage selbst infrage stellen. Weil in der Bundesrepublik der Beginn der Studentenbewegung mit der ersten größeren wirtschaftlichen Nachkriegsrezession zusammenfällt, könnte sich die Vermutung aufdrängen, daß es wirtschaftliche Krisenerscheinungen sind, die seit Mitte der sechziger Jahre verstärkt zum Auftreten kapitalismus-, bürokratie- und industriekritischer Bewegungen geführt haben. Im internationalen Vergleich ist dieses Zusammentreffen eher zufällig. Für die BRD ist diese zeitliche Reihenfolge jedoch bedeutend, denn die Ideologie des Antikommunismus mit dem Fundament des krisenfreien wirtschaftlichen Wachstums wird erschüttert. Die auf diesem Verständnis aufbauenden kulturrevolutionär geäußerten neuen Bedürfnisse und Werte wurden als Reaktion auf Studentenunruhen in politische Reformprogrammatiken transformiert. Die Reformerwartungen und die dadurch freigesetzte Anspruchsdynamik wird auf breiter Front enttäuscht. Es erfolgt ein Rückzug auf alternative Reproduktionszusammenhänge oder meditative Lebensformen. Hinzu kommen die seit Anfang der siebziger Jahre krisenhaft wahrgenommenen neuen Probleme (ökologische Krise, sichtbar gewordene Grenzen des Wachstums).
Frage: Kommt es zu alternativen Bewegungen, weil die Menschen zu hohe Erwartungen haben, die von der gegenwärtigen Wirtschaft und Politik nicht erfüllbar sind, oder sind sie eine Reaktion auf wirklich bestehende, sich verschärfende Problemlagen?
R. Inglehart: The silent revolution. Changing values and political styles
among western publics. Princeton 1977
R. Inglehart: Wertwandel und politisches Verhalten. In: J. Matthes (Hrsg.):
Sozialer Wandel in Westeuropa. Frankfurt/ New York 1979
R. Inglehart: Wertwandel in den westlichen Gesellschaften. Politische Konsequenzen
von materialistischen und postmaterialistischen Prioritäten. In: Klages/
Kmeciak (Hrsg.): Wertwandel und gesellschaftlicher Wandel. Frankfurt/ New
York 1979
M. Th. Greven: Parteiensystem, Wertwandel und neue Marginalität.
In: J. Matthes (Hrsg.): Sozialer Wandel in Westeuropa. Frankfurt/ New York
1979
K. Hildebrandt/ R. J. Dalton: Die neue Politik. In: Wahlsoziologie heute.
PVS 1977 Heft 2/3
R. Inglehart: Wertwandel in den westlichen Gesellschaften
P. Kmieciak: Wertstrukturen und Wertwandel in der Bundesrepublik Deutschland.
Göttingen 1976
Nach Guggenberger und Offe bildet sich im Konflikt zu dem
alten industriellen Wachstumsparadigma ein Wertewandel heraus
hin zur "Lebensweise" des Menschen, in dem schlicht das "Prinzip Leben"
im Mittelpunkt steht.
Unter diesem Wertewandel sind auch die Konfliktkanalisiserungsmöglichkeiten
der parlamentarische repräsentativen Parteiendemokratie Stück für
Stück außer Kraft gesetzt (Mehrheitsprinzip). Setzt man die Zersetzung
des Herrschaftsprinzips mit der neuartigen Verflechtung von staatlichen
und industriellen Herrschaftsapparaten in Verbindung, so läßt sich
begründen, warum sich der wachstums- und industriekritische Protest überwiegend
als außer- bzw. antiparlamentarische Bewegung formiert.
Für Greven deutet sich so in der Ökologie- und Alternativbewegung
eine Krise der Repräsentation und des arbeitsteiligen
delegierenden, auf die bloße Aggregation und Befriedigung von Interessen
gerichteten politischen Handelns an.
Die Postmaterialismustheorie von R. Inglehart: Wenn materielle Versorgungs- und Sicherheitsinteressen gedeckt sind, rücken nichtmaterielle Werte wie Selbstverwirklichung, Partizipation, ästhetische Bedürfnisse in den Vordergrund. Das beträfe einen erheblichen und zunehmenden Teil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Westeuropa und den USA.
Hildebrandt/ Dalton unterscheidet die Themen der alten und die Themen
der neuen Politik.
Themen der alten Politik: wirtschaftliche, soziale und militärische
Sicherheit sowie die öffentliche Ordnung sicherzustellen
Themen der neuen Politik: Probleme der Lebensqualität,
Partizipation, Gleichberechtigung der Geschlechter, individueller Selbstverwirklichung
usw.
Da die Postmaterialisten eine Minderheit sind, besteht eine hohe Bereitschaft
zu politischem Protest.
Kritik an Inglehart: zu pauschal, es gibt keine Wertehierarchie ('erst das Fressen und dann die Moral').
Kmieciak z.B. geht von einer Werteerosion aus. Eine neue Wertordnung hat sich noch nicht klar abgezeichnet. Wesentliches Kennzeichen der gegenwärtigen Situation ist für Kmieciak die Verunsicherung des modernen Menschen.
H. Klages: Verdrossene Bürger - überlasteter Staat. Frankfurt 1980
Veränderung der Einstellung des Bürgers zum Staat.
Trotz einem empirisch konstatierbarem wachsenden Interesse an Politik wird
dieses Interesse nicht als das eines mündigen Bürgers interpretiert,
sondern als Interesse des ungeduldigen Kunde, der bedient
werden will.
Das Herausfallen des Menschen aus den Lebensbezügen, denen er einstmals
auf pflicht- und leistungsethischer Grundlage verbunden war, bringt ihm, daß
sich alle nun herrenlos gewordenen Bedürfnisse nach Kontakt, nach Bindung,
Anerkennung, sinnvoller Betätigung, Selbstverwirklichung in die Freizeit,
die Privatzeit verlegen, die dort aber kaum verarbeitet werden können.
Klages sieht in der Entwicklung des Staats als Sozialstaat
zum Staat der Daseinsvorsorge die Entwicklung einer Anspruchsdynamik,
die die Leistungsmöglichkeiten des Staats überfordert.
Der Staat hat sich in eine Rolle des zuständigen Adressaten für
Sozialansprüche begeben und hat damit auch Ansprüche (gesetzmäßig
oder bürokratisch) definiert und damit auch in maßgeblicher Weise
hervorgebracht. Die Parteienkonkurrenz trägt zur Verschärfung bei,
indem die politischen Probleme einer Gesellschaft in politische Programmatiken
übersetzt werden.
Der Staat produziert seine eigene Selbstüberforderung und somit seine
Entstabilisierung.
Die Reformen und Modernisierungsleistung des vergangenen Jahrzehnts führten
zu einer Verringerung der Selbsteingrenzungs- und Selbständigkeitswerte
und steigender Erwartung von Glücksgewährleistungen
durch äußere Instanzen, also zu Wertverunsicherung und
Unzufriedenheit. Lösung wäre eine aufgeklärte Politik, der
ein realistisches Menschenbild zugrunde liegt. Menschen entwickeln Zufriedenheit
in den Lebensbereichen, die sie selbständig gestalten und kontrollieren,
während sie unzufrieden auf anonyme Versorgung von außen (durch
Staat oder Gesellschaft) reagieren.
Fraglich ist, ob der Sozialstaat an der Anspruchsexplosion schuld ist. Sind
die eingetretenen Bedürfnisse und der Wertwandel wirklich eine Anspruchsexplosion?
Ist das Konzept des selbständig handelnden Individuums unter den komplizierten
Existenzbedingungen moderner Gesellschaften für jeden lebbar und meisterbar?
F. Hirsch: Die sozialen Grenzen des Wachstums. Reinbek 1980
Der Wirtschaftsliberalismus wird das Opfer seiner eignen Versprechen,
die er allen gegeben hat. Versprechen: der, der sich anstrengt, bekommt auch
einen Lohn. Durch das Versprechen wurden Bedürfnisse geweckt, die nicht
mehr eingedämmt werden können. Sobald aber die sozialen Grenzen
des Wachstums nicht mehr für jeden diese Leistung erreichbar machen,
entbrennt ein verschärfter Verteilungskampf, welcher die demokratisierenden
Versprechen des Wirtschaftswachstums entlarvt.
Die wirtschaftsgesellschaftliche Organisation "Leistung lohnt sich" wird zunehmend
ineffektiv und stößt an soziale Grenzen.
D. Bell,
B. Leineweber, K. L. Schibel: Die Revolution ist vorbei - Wir haben gesiegt.
Berlin 1975
Die Zerstörung der religiös- moralischen Grundlagen
der liberalen Gesellschaftsordnung durch die universelle Verbreitung der Marktrationalität
und des Prinzips des individuellen Eigennutzes. Widersprüchliche
Verhaltensanforderungen im Produktions- (Tugenden der protestantischen
Ethik) und Konsumbereich (systemstimulierend durch hedonistische Einstellungen).
Nach Leineweber/ Schibel wird es für die Generation der großen
Depression zur dramatischen Erfahrung, daß es zwar Arbeit
gibt, diese aber bedeutungslos und langweilig ist und daß
man zugleich davon so gut wie noch nie zuvor leben kann. Das Gefühl der
Bedeutungslosigkeit wird im Konsum von minderwertigen Waren und stumpfsinnigen
Freizeitbeschäftigungen genährt.
Die krisenhaft erfahrenen Problemlagen werden aus unterschiedlicher theoretischer und politischer Perspektive gedeutet.
R. Löwenthal: Gesellschaftwandel und Kulturkrise. Frankfurt 1979
Die Ursachen der langfristigen kulturellen Krise, der Krise der Weltstellung
des Westens (Folge der imperialen Zerstörung nichtwestlicher traditioneller
Gesellschaften und Kulturen), der ökologischen Krise sind die expansive
Dynamik der kapitalistischen Produktionsprozesse und ihre destruktiven Folgewirkungen.
Kulturelle Krise: Weltbildverlust, Erschütterung
des Glaubens an den erkennbaren Sinn des menschlichen Lebens
und der gesellschaftlichen Entwicklung im ganzen. Die Zerstörung der
Gewißheit eines wertorientierten gesellschaftlichen Fortschritts konfrontiert
den Einzelnen ohne weltanschauliche Stütze mit einer in ihrer Komplexität
zunehmend undurchschaubaren und bedrohlichen Welt. Bindungsverlust
Zunehmende Erschwerung von Sozialisation und Identitätsbildung
durch die stetig beschleunigte Veränderung der Lebensformen und Verhaltensnormen.
Lösung für die Krisen: Revitalisierung des gesellschaftlichen Rationalisierungsprozesses;
moralische Postulate, höhere psychische und soziale Anstrengungen; Rückbesinnung
auf die klassischen Tugenden. es wäre genauer zu differenzieren, die
Preisgabe traditioneller Werte des westlichen industriellen Zivilisationsmodells
mit der Preisgabe humaner Entwicklung schlechthin gleichzusetzen.
J. Rasche: Politik und Wertwandel in den westlichen Demokratien. In: Aus Politik und Zeitgeschichte.6.9.1980
3 strukturelle Krisentendenzen industrieller Entwicklung:
Zunehmende Selbstdestruktivität: Zerstörung
der natürlichen Grundlagen menschlichen Lebens, Zunahme psychosozialer
Selbstzerstörung, Anwachsen des militärischen Vernichtungspotentials,
selbstzerstörerische Dynamik des Nord- Südkonflikts
Abnehmende Gesamteffizienz: den steigenden ökonomischen,
physischen, psychischen, sozialen und ökologischen Kosten steht der fallende
Nutzen überflüssiger und im Überfluß vorhandener industrieller
Güter gegenüber.
Abnehmende Lösungskompetenz: Die aus der industriellen
Entwicklung resultierenden Probleme können nicht mehr ohne sozialschädliche,
gesundheitlich und ökologisch gefährliche Folgewirkungen auf dem
Wege wissenschaftlich- technischer Innovationen gelöst werden.
Diese Krisentendenzen fördern die Skepsis am technischen Fortschritt, Zweifel an der Struktur des Industriesystems und den Zerfall des mit ihm korrespondierenden Wertsystems.
Karl- Werner Brand kritisiert die Argumentation folgendermaßen: die empirischen Befunde des Wertwandels sollten nicht zu einem neuen alternativen Werthorizont aufgebläht werden, sondern, bescheidener, wäre festzuhalten:
J. Habermas: Legitimationsprobleme im Spätkapitalismus. Frankfurt
1973
J. Habermas (Hrsg.): Stichworte zur geistigen Situation der Zeit. Frankfurt
1979, 2. Band
W. D. Narr: Hin zu einer Gesellschaft bedingter Reflexe. In: J. Habermas
(Hrsg.):Stichworte zur geistigen Situation der Zeit.. Frankfurt, 1979, 2.
Band
K. Horn (Hrsg.): Gruppendynamik und der "subjektive Faktor". Repressive Entsublimierung
oder politisierende Praxis. Frankfurt 1973
K. Horn/ J. A. Schülein: Politpsychologische Bemerkungen zur Legitimationskrise.
PVS Sonderheft 1976
T. H. Ziehe: Pubertät und Narzißmus. Frankfurt 1975
J. A. Schülein: Von der Studentenrevolte zur Tendenzwende oder der Rückzug
ins Private. Kursbuch 48, 1977
S. Breuer: Subjektivitität und Maschinisierung. Leviathan 1/1978
Mit dem Zusammenbruch der systemintegrativen Funktionen des Marktes ist eine Repolitisierung der Klassenverhältnisse notwendig (Verantwortung des Staates für die gesamtkapitalistische Bestandserhaltung und gleichzeitig für die Befriedigung legitimer Bedürfnisse). Durch diese Konstellation erhöhte Gefahr des Legitimitätsentzugs. Dieser Legitimitätsentzug kann nur abgemildert werden durch Strukturen einer entpolitisierten Öffentlichkeit (Aufrechterhaltung eines staatsbürgerlichen und beruflich- familialen Privatismus, systemkonforme Entschädigungsleistungen sichern eine unspezifische Folgebereitschaft), doch gerade diese entpolitisierte Öffentlichkeit kann aufgrund der Eigendynamik der spätkapitalistischen Entwicklung aber immer weniger erfüllt werden (beruflich- familialer Privatismus wird systematisch zerstört).
Begründung:
Habermas hat diese Argumentation modifiziert.
"An die Stelle der Überlastung des ökonomisch-politischen Systems durch überschießende Legitimationsansprüche tritt die Abwehr auf eine gesellschaftliche Modernisierung, die unter dem Druck von Wirtschaftswachstum und staatlichen Organisationsleistungen immer weiter in die Ökologie gewachsener Lebensformen und die kommunikative Binnenstruktur geschichtlicher Lebenswelten eingreift." J. Habermas: Die Moderne- ein unvollendetes Projekt. In: DIE ZEIT Nr. 39, 19.9.1980
Das führt zu:
Erkennbar an der Zerstörung der urbanen Umwelt, Industrialisierung und Vergiftung der Landschaft, Monetarisierung von Beziehungen und Diensten, Bürokratisierung und Verehelichung privater informeller Handlungsbereiche.
Habermas` Beurteilung der Ökologie- und Alternativbewegung:
Deutung der Moderne: Mit dem Zerfall der traditionalen Weltbilder
entwickeln sich Wissenschaft, Moral und Kunst als autonome, eigensinnige gesellschaftliche
Bereiche. Das "Projekt der Moderne" versteht Habermas als
das Bemühen, die objektivierenden Wissenschaften, die universalistischen
Grundlagen von Moral und Recht, die autonome Kunst in ihrem jeweiligen Eigensinn
weiterzuentwickeln, aber gleichzeitig auch die kognitiven Potentiale aus ihrer
esoterischen Form zu entbinden und für die Praxis, d.h. für eine
vernünftige Gestaltung der Lebensverhältnisse, zu nutzen. Der
Irrtum dieser Versuche liegt darin, eines dieser verselbständigten Momente
mit der Alltagspraxis kurzschließen zu wollen, ohne zu berücksichtigen,
daß sich in den Verständigungsprozessen der Lebenswelt kognitive
Deutungen, moralische Erwartungen, Expressionen und Bewertungen zwanglos durchdringen
können müssen.
Die Notwendigkeit einer differenzierten Rückkoppelung von Wissenschaft, Ästhetik und Moral, jedoch fortschreitende Zerstörung lebensweltlicher Kommunikationsprozesse. Die differenzierte Rückkoppelung ist aber nur möglich, wenn die Lebenswelt aus sich Institutionen entwickeln kann, die die systematische Eigendynamik des wirtschaftlichen und administrativen Handlungssystems begrenzt. Die These, daß die Kritik an der Moderne die sozialen Bewegungen, in denen sich diese Kritik aktualisiert, sind Reaktionen auf die ökonomische und administrative Kolonialisierung der Lebenswelt die Gefährdung der personalen Identität (beleuchten die als Kolonialisierungsthese beleuchteten Vergellschaftungsprozesse und deren subjektive Folgen etwas näher)
Narr fragt: ist die Ausbildung einer tragfähigen Identität gesellschaftlicher Individuen unter den Bedingungen einer umfassenden kapitalistischen und bürokratischen Rationalisierung aller Lebensbereiche überhaupt noch möglich?
Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft war verbunden mit Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols und des psychischen Disziplinierungsapparates (Kontrolle der eigenen Triebstruktur im Dienste längerer, differenzierterer und längerfristig orientierter Handlungsketten). Durch Überziehen aller gesellschaftlicher Bereiche mit Regelungen wird auch der Pol der psychischen Selbststeuerung aufgelöst. An die Stelle persönlicher individueller Verarbeitungsformen treten Reizreaktionsmechanismen. Je zentraler und komplizierter die herrschenden Institutionen strukturiert sind, desto mehr sind sie auf ein möglichst eckenloses Verfahren angewiesen, desto weniger können Konflikte riskiert werden. Die Chancen, eigene Erfahrungen auszubilden, verringern sich. Medial vermittelte Reize und Informationen verstärken die Vereinzelung des Individuums. Psychatrisierung gesellschaftlicher Probleme. Immer dichteres Netz polizeilicher Prävention. Gefahr einer Gesellschaft bedingter Reflexe, deren Individuen allenfalls zu irrationalen Ausbrüchen fähig sind. Der nicht mehr faßlichen Komplexität der Verhältnisse entspricht eine theoretische und praktische Resignation (Irrationalismus und Alternativbewegung). Das Scheitern einer großen Gesamterklärung, die eine emanzipative Entwicklung verbürgt eine "neue Bescheidenheit", eine Konzentration aufs Kleine und Alltägliche.
Nach K. Horn tendenziell neue Form der Subjektkonstitution:
- Verlagerung der planerischen Aktivitäten von der Handlungs-
auf die Systemebene entzieht dem Einzelnen die Möglichkeit zu
ziel- und zukunftsorientiertem Handeln.
- anstelle rationaler Lebensplanung tritt die Unmittelbarkeit des
Jetzt (Konsum, Verschleiß, spontan gelebte Bedürfnisse)
- Fähigkeit zur kollektiven Selbstreflexion, zur wirklichen politischen
Praxis, geht verloren.
- privatistische konsumtive Existenzform, Einschränkung der Möglichkeit
libidinöser Objektbeziehungen durch Dominanz rein instrumenteller, sachrationeller
Beziehungen. Das Leben wird zur Begierde ohne konkreten Gegenstandsbezug auf
der Suche nach Ersatzbefriedigungen. Produziert eine ständige Zukunftsangst,
Apathie und diffuse Aggressivität.
- Rasch wechselnde austauschbare Interpretation und Deutung des Lebens durch
sozialtechnologische Sinnersatze (Reklame, Massenmedien,
privatisierte Religionen, Psychohygiene, Gruppendynamik, Therapieformen, Drogen)
sozialfunktionale Existenzformen, in der zwischen Arbeit, konsumtiver Befriedigung
kein vom Subjekt gestifteter kommunikativer, praktischer, politisch wirksamer
Sinnzusammenhang tritt.
- chronische Passivität in einer Versorgungshaltung.
Ist die Versorgung gestört (Weltwirtschaftskrise, ökologische Krise),
werden massive Ängste und Schuldgefühle mobilisiert bei objektiver
Schwierigkeit und subjektiver Unfähigkeit, rational politisch zu reagieren.
- Strukturveränderungen des Über-Ich (verinnerlichte
Trieb- und Affektkontrolle)
- eine infantil bleibende psychische Struktur. Das Selbstwertgefühl
des Menschen ist heute an die kommunikativen Erfahrungen gebunden. "Zwischen
dem omnipotenten Anspruch des Ich- Ideals und den realen Möglichkeiten
des schwachen Ichs entsteht ein unversöhnlicher Bruch, der zum psychischen
Hauptkonflikt wird. Die Schuldgefühle, die sich angesichts des relativen
Versagens vor einem Ich- Ideal bilden, müssen durch Verdrängung
abgewehrt werden. "
Verdrängungsstrategien:
1. Narzißtisches Vermeidungsverhalten: Suche nach Möglichkeiten
der Vermeidung von Unlust durch Reduzierung der Ich- Funktionen, Vermeidung
von narzißtisch kränkenden Realitätserfahrungen.
2. Ein Verhalten, das von Omnipotenz versprechenden Introjektionen
geleitet wird: phantastische Versöhnung von Ich und Ich- Ideal durch
Erfahrung primär narzißtischer Allmachtsgefühle (Verschmelzung
mit einem als omnipotent empfundenen aggressiven Objekt oder Inanspruchnahme
von Erlebnisqualitäten, die den Zustand des unbegrenzten Befriedigtseins
reproduzieren (Geborgenheit der Peer- groups).Der Hunger nach diesen Erfahrungen
schafft und verstärkt nun seinerseits eine warenästhetisch- konsumtive
Außenlenkung. Das Subjekt reagiert auf situative Stimuli oder warenästhetische
Signale mehr als durch die Vermittlungsinstanzen des Ich.
Kritik an der Deutung: Die Veränderungen und Entdifferenzierungsprozesse des psychischen Apparates werden nur als Desorganisations- bzw. als blockierte Organisationsprozesse verstanden. Die positiven Potentiale werden zu gering geschätzt (Rehabilitation der Prägenitalität, angstfreies neues Verhältnis zur Sexualität, Auflösung der durch Über- Ich- Angst gebildeten rigiden Persönlichkeitsstruktur, neue gruppenbezogene Formen der Identitätsbildung) Die Thesen der politischen Psychologie bieten keine direkte Erklärung der Soziogenese ökologischer und alternativer Bewegungen, sondern sie verweisen auf gesamtgesellschaftliche, im Gefolge der kapitalistisch- bürokratischen Rationalisierung der Lebenswelt eingetretene subjektive Strukturveränderungen.
J. Hirsch: Alternativbewegung- eine politische Alternative? In: R. Roth (Hrsg.):
Parlamentarisches Ritual und politische Alternativen. Frankfurt 1983
J. Hirsch: Krise der Kapitalverwertung, Veränderungen der Reproduktionsbedingungen
und gesellschaftliche Konflikte. In: Brandes/ Hirsch/ Roth (Hrsg.): Leben
in der Bundesrepublik. Berlin 1980.
J. Hirsch/ R. Roth: "Modell Deutschland" und neue soziale Bewegungen. Prokla
1980, Heft 40
J. Hirsch: Der Sicherheitsstaat. Frankfurt 1980
Ausgangspunkt ist der Krisenzusammenhang der kapitalistischen Produktionsweise,
die jedoch weder in einem umfassenden ökonomischen Zusammenbruch gipfelt,
noch im industriellen Proletariat den Vollstrecker revolutionärer Umwälzungen
erzeugt, sondern seinen Profit und seine Existenz sichern kann
durch permanente Reorganisation seiner ökonomischen,
technischen, politischen und sozialen Verwertungsbedingungen, jedoch nur um
den Preis einer immer mehr beschleunigten Tendenz zur gewaltsamen Umstrukturierung
aller gesellschaftlichen Sphären im Weltmaßstab (technische Veränderung
der Arbeitsprozesse, permanente Umschichtung und Überzähligmachung
der lebendigen Arbeitskraft, Arbeitsintensivierung bei gleichzeitiger Freisetzung
von Arbeitskräften, massenhafte Zusammenballung von Menschen und Kapital
in Zentren bei gleichzeitigem Niedergang und Verödung ganzer Regionen,
progressive Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen Grundlagen).
Mit der Massenproduktion von Konsumgütern wird der Reproduktionsbereich
durchkapitalisiert. Daraus folgt eine beschleunigte Auflösung
traditioneller Vergesellschaftungsformen, ein fortschreitender Prozeß
sozialer Desintegration, der die soziale Basis der gesellschaftlichen Konfliktstrukturen
wesentlich verändert. Durch Rationalisierung und Computerisierung der
Arbeitsprozesse erfolgt eine Angleichung der Arbeit (Zersetzung klassenbezogener
Milieus); andererseits neue gesellschaftliche Spaltungstendenzen zwischen
produktivem Leistungskern und marginalisierten, herausgefallenen Gruppen,
welche sich ergeben aus permanenter krisenhafter Umstrukturierung des Produktionsprozesses,
Ausbreitung peripherer Arbeitsmärkte, struktureller Arbeitslosigkeit,
Zwangsmobilität, Dequalifizierung, Arbeitsintensivierung. So "ergibt
sich das Bild einer in ihrer Klassenstruktur sowohl objektiv als bewußtseinsmäßig
vielfach geschichteten, gegliederten und gespaltenen Gesellschaft",
"daß sich soziale Konflikte und Bewegungen immer stärker quer zu
den Klassengrenzen entwickeln, uneinheitlicher, dezentraler und in ihren Zielen
und Perspektiven vielgestaltiger werden". Dies führt auch zur Veränderung
des Verhältnisses von Gesellschaft und Staat. Grundlage ist die Strategie
einer staatlich abgestützten Modernisierung der Volkswirtschaft, Sicherung
der technologischen Spitzenstellung der westdeutschen Wirtschaft, zum andern
die Notwendigkeit, die sozial desintegrativen Folgen administrativ aufzufangen.
Das führt zu einer forcierten staatlichen Vermittlung des gesamtgesellschaftlichen
Reproduktionsprozesses, einer "Durchstaatlichung der Gesellschaft".
Der Staat garantiert notdürftig den Zusammenhalt einer sich im ökonomischen
Reproduktionszusammenhang auflösenden Gesellschaft. Durch das dichter
werdende Netz von Institutionen und Organisationen vollzieht sich die Transformation
des Staates in einen integralen Sicherheitsstaat. Je stärker
die normale Sozialisation der Individuen in die bürgerliche Gesellschaft
verhindert wird, desto dichter wird das Netz präventiver Überwachung
und Kontrolle geknüpft, desto direkter wird der Zugang der polizeilichen
Sicherheitsapparate auf das gesellschaftliche Leben.
Hirsch sieht die neuen sozialen Bewegungen als Produkte eines gesellschaftlichen
Umwälzungsprozesses, die politisch weitertreibende, aber auch
zutiefst widersprüchliche politische Momente enthalten. "Die Prozesse
der Spaltung und Ausgrenzung, die Zerstörung der Naturgrundlagen, die
Auflösung sozialer Zusammenhänge, die in Warenform gepreßten
Bedürfnisse und Beziehungen, die Untergrabung von Wertmustern und die
Beseitigung historischen Bewußtseins, all dies bildet die Grundlage
für die augenscheinliche Zerfaserung gesellschaftlicher Konflikte, für
die Dezentralisierung und Segmentierung von sozialen Bewegungen. Wir müssen
deshalb davon ausgehen, daß die Herausbildung sozialrevolutionärer
Bewegungen und Prozesse heute weniger denn je einer objektiven Logik ökonomischer
und gesellschaftlicher Entwicklungen gehorcht. Da die kapitalistische Gesellschaft
weder ihren eigenen Totengräber produziert noch ein direkt erwachsendes
revolutionäres Subjekt hervorbringt, so eröffnet nur noch ein
radikaler Reformismus die Möglichkeit eines revolutionären
Wandels (Konsequente Durchsetzung von Selbstorganisation und autonomer Interessenwahrnehmung
bei praktischer Veränderung der Arbeits- und Lebensverhältnisse,
Konsequenter Verzicht, mithilfe des Staates emanzipatorische Vorhaben zu betreiben)."
Dies bedeutet zuallererst, daß man die Bedingungen für die Entstehung,
Artikulation und Realisierung anderer, nicht durch den Mechanismus der bürgerlichen
Gesellschaft deformierter Erlebnismöglichkeiten und Bedürfnisse
schaffen muß. Durch Abkoppelung von Zwängen der Lohnarbeit und
des Markts kollektiv selbstverwaltete Produktion, Abbau von Hierarchie und
Arbeitsteilung, Experimentieren mit neuen Technologien, Produktionsformen,
Kommunikationsweisen, Einführung nicht deformierter und zwangsweise zurechtgebogener
Verkehrsformen, Ausbildung sozialer Kreativität, solidarische Selbsthilfe(S.
154). Hirsch ist es wichtig, der Gefahr der Integration in die herrschenden
Strukturen entgehen zu können als auch neue nichtbürgerliche
Formen der Vergesellschaftung entwickeln zu können. Dennoch
scheint es ihm illusorisch, sich von der Gesellschaft und ihren politischen
Prozessen einfach abkoppeln zu wollen. Durch eine institutionelle
Politik sollen die Bedingungen geschaffen und die Spielräume
gesichert werden, um die Erfahrungs- und Lernprozesse zu ermöglichen.
Ein solches taktisches Verhältnis zu den politischen Institutionen sei
allerdings nur dann möglich, wenn es eine tragfähige Infrastruktur
gegengesellschaftlicher Arbeits- und Lebensformen gäbe.
Bewertung der konkreten Situation der alternativen Bewegung: Zentrales Problem
der Gegenökonomie (Frage nach der Möglichkeit der Überwindung
des Kapitalismus durch die allmähliche Ausbreitung gegenökonomischer
Inseln).
Dilemma: entweder Herauslösung aus dem gesellschaftlichen
Produktionsprozeß (ökonomische Schranken) > kümmerliche
Subsistenzwirtschaft (Unterkapitalisierung bringt Tendenz zur Selbstausbeutung
> Scheitern oder Abhängigkeit) oder sich den Zwängen
des Marktes und der Konkurrenz auszusetzen (ökonomische Stabilisierung
und Effizienz, fast zwangsläufige Übernahme kapitalistischer Formen
der Arbeitsgliederung und des Arbeitsprozesses). Die erhebliche Unfähigkeit
zur Produktion von Produktionsmitteln führt dazu, daß gegenökonomische
Projekte nur in unrentablen Produktionszweigen, Nischen und Hinterhöfen
der kapitalistischen Ökonomie koexistieren und damit einige ihrer Defizite
abdecken und damit in Gefahr laufen, zu einem Stabilisations- und Integrationsmoment
der kapitalistischen Gesellschaft zu werden.
Falls nicht klar wird, daß die Form des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses
insgesamt zur Debatte steht, steht die Alternativbewegung in der Gefahr, durch
bewußte Selbstabgrenzung, Marginalisierung, durch Tendenzen des gesellschaftlichen
Erfahrungsverlustes, der Festschreibung rigider, gruppeninterner Herrschaftsstrukturen
zu einer "unmittelbarkeitsideologischen Sekte" zu entwickeln:
ausgegrenzt, politisch harmlos oder reaktionär funktionalisierbar, degradiert
zu einer subkulturellen Folklore, die sich der Bewußtseins- und Konsumindustrie
als Objekt der Ausschlachtung und Vermarktung anbietet (politisch- ideologische
Ambivalenz)
Kritik: Wie soll die Alternativbewegung herauskommen aus
ihrem Experimentalcharakter für neue Formen des Lebens und Arbeitens
und sich gesellschaftlich durchsetzen? Wie soll es gelingen, nichtkapitalistische
Strukturen gesamtgesellschaftlich durchzusetzen? Laut Hirsch könnte das
nur gelingen, wenn sich die konkreten Ansätze zu unmittelbarer Interessenwahrnehmung
ausbreiten und so Lernprozesse ermöglichen, die radikale gesellschaftliche
Veränderungen nicht nur als notwendig, sondern als notwendig erscheinen
lassen. Wenn sie den Bereich der marginalen Zonen und Inseln überschreiten
und die gesellschaftliche Kernstruktur, was vor allem heißt: die Arbeiterklasse
berühren. Wie das gelingen soll, bleibt hier ungeklärt.
A. Gorz: Abschied vom Proletariat. Frankfurt 1980
J. Huber: Wer soll das alles ändern? Die Alternativen der Alternativbewegung.
Berlin 1980
Andre Gorz stellt einige entscheidende Prämissen sozialistische Analysen infrage, ohne auf die Überwindung kapitalistischer Produktions- und Lebensverhältnisse zu verzichten:
- aus der bewußten wirklich "gesellschaftlichen Organisation"
des Arbeitsprozesses erwächst die allseitige Entfaltung und
Betätigung individueller Fähigkeiten, das allseitig entwickelte
Individuum. Durch die Existenz "gesellschaftlicher Individuen" harmonisieren
sich die privaten und gesellschaftlichen Interessen (Gesellschaft nach einem
einheitlichen sozialistischen Organisationsprinzip gestalten, Wiederaneignung
der Arbeit durch die Produzenten). Beides erscheint Gorz als illusionär.
Der Charakter des Produktionsprozesses ermöglicht keine Verwirklichung
in der Arbeit mehr. Die Arbeit wird vom gesellschaftlichen Produktionsapparat
verteilt und programmiert und bleibt den Individuen, denen sie auferlegt wird,
äußerlich. Arbeit in Dienstleistung und Industrie bleibt heteronome
Arbeit. Die Heteronomität gewährleistet die programmierte, geplante
Produktion all dessen, was für die Gesellschaft notwendig ist, so wirksam
wie möglich, mit dem geringsten Aufwand und minimalen Ressourcen. In
der autonomen Sphäre produzieren die Individuen auf autonome Weise außerhalb
des Marktes allein oder frei assoziiert nicht notwendige, aber den Wünschen
und dem Geschmack des Einzelnen entsprechende Güter und Dienste. Gorz
scheint allein die dualistische Lösung möglich. Die Ökologie-
und Alternativbewegung hat hier einen systematischen Stellenwert in der Durchsetzung
der dualistischen Gesellschaft.
Die Nichtklasse des nachindustriellen
Proletariats: Der Neoproletarier ist für den ihm zugefallenen Arbeitsplatz
in der Regel überqualifiziert. Jede Stelle ist zufällig und provisorisch.
Es ist ihm versagt, sich mit seiner Stelle zu identifizieren. Die Alternativbewegung
verstärkt gesellschaftlich bereits ablaufende Entwicklungstendenzen.
Arbeit ist keine Quelle möglicher Macht mehr. Das nachindustrielle Proletariat
beweist sich als Subjekt durch Verweigerung gesellschaftlicher Arbeit.
Kritik: Die Erfahrung realpolitischer Machtlosigkeit und
eine resignative Abwendung von Versuchen, auf die Gesellschaft verändernd
einzuwirken, wird zur Tugend der Verweigerung stilisiert. Gorz will Herrschaftsverhältnisse
beseitigen, indem er der funktionalen unvermeidlichen Macht einen vorher festgelegten
umgrenzten Bereich einräumt. Das bedeutet letztendlich die Preisgabe
des demokratischen Projekts, denn den unvermeidlichen Herrschaftsapparat haben
wir hinzunehmen. Geschichtliche Errungenschaften gegen staatliche Machtfülle
wie Menschenrechte, Gewaltenteilung und Parlamentarismus scheinen an eine
feste Grenze unverrückbarer bürokratischer Systeme zu stoßen.
Die völlige Abkoppelung der System- von der Sozialintegration, das motivlose
Funktionieren der in den Apparaten Beschäftigten läßt sich
bezweifeln. Die strategisch zentrale Position der Alternativprojekte an der
Nahtstelle zwischen formellem und informellem Sektor der Gesellschaft. die
Stärke dieser Nahtstelle bestimmt, inwieweit die "Kolonialisierung der
Lebenswelt" (Habermas) voranschreitet und wieweit der informelle Sektor als
Freizeit- und Konsumbereich vollends zur Schattenökonomie der Megamaschine
herabgewürdigt wird. Ziel ist die besser balancierte Dualwirtschaft.
Huber ordnet die Projekte 3 Arten zu:
- professionelle Projekte (Einkommen= Existenz)
- duale Projekte
- Freizeit- oder Eigenarbeitsprojekte (unbezahlte Arbeit, auf die eigenen
Bedürfnisse abgestimmt)
Huber wendet sich gegen das Trugbild der alternativen Ökonomie, die sich von einer Ausweitung und Vernetzung der Inseln alternativer Betriebe den Aufbau einer gesellschaftlichen Gegenökonomie erhofft (weitgehende Abhängigkeit der Projekte von öffentlicher Finanzierung und öffentlichem Wohlwollen).
Huber sieht zwei Gefahren bei der Entwicklung der alternativen Bewegung:
- Doppelwirtschaft: doppelter Arbeitsmarkt (durch Dilletantismus,
Psychochaos, uneffektive Selbstausbeutung, extremen Konsumverzicht, Sozialstaats-
und sonstige Subventionsabhängigkeit); trennt die Jobs in die regulären
"guten Jobs" mit arbeitsrechtlich und tariflich gesichertem Einkommen und
Arbeitsbedingungen und schlechte oder gar keine Jobs, um die sich dann eine
neuer Stand von alternativen Tagelöhnern streitet.
Trägt zur Verfestigung des Systems bei.
- Dienstwirtschaft: Alternativprojekte erschließen
sich den Marktbereich (Psycho- Gesundheits-, Sozial-, Bildungs- und Unterhaltungsmarkt).
Dann würde die Alternativbewegung dazu beitragen, bisher noch nicht von
der "Megamaschine" vereinnahmte Bereiche verstärkt zu vermarkten, zu
professionalisieren und zu monetarisieren.
Trägt zur Ausdehnung des Systems bei.
Für Huber kann die Alternativbewegung besonders in ökonomischer Hinsicht ihre Aufgabe als Sozialagentur für an den Rand gedrängte, Gebrochene und Ausgestiegene nicht abschütteln. Für ihn liegt die Bedeutung der Alternativbewegung in einer allgemeinen Lebensreform, die den sozialen Unterbau der Gesellschaft, den informellen Sektor, gegenüber dem formellen Überbau neu belebt.
(Offe)Die abnehmende Lösungskompetenz (Raschke)
läßt sich in folgenden Aspekten resümieren (zusammenfassen):
- Gesamteffizienz des industriellen Systems verringert sich.
Die industrielle Güterproduktion fordert immer höhere ökologische,
physische, psychische und soziale Kosten und bringt immer weniger Nutzen bei
einem relativ hohen Versorgungsniveau. - Sachliche Überforderung
von Ökonomie und Staat: Großtechnische Lösungsstrategien
verschärfen durch ihre geringe physische, psychische und soziale Verträglichkeit
die krisenhaften Folgewirkungen des industriellen Wachstums (Guggenberger,
Raschke), ebenso die "modernistischen Reformen" (Narr). Die funktionsspezifische
Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Lebensbereiche, die immer komplexer
werdenden Folgewirkungen kapitalistisch- industrieller Vergesellschaftung
erfordern ein immer aufwendigeres Systems zentralisierter politischer Vermittlungsleistungen,
die die Steuerungsressourcen des bürokratisch- administrativen Systems
in zunehmendem Maß überfordern. Die institutionelle Verankerung
der Mechanismen der Konfliktregulierung und die Verpflichtung der gesellschaftlich-
politischen Eliten auf Wirtschaftswachstum führt zur Selbstblockierung
gegenüber neuen Problemlösungsstrategien (Raschke u.a.). Unterstützt
wird dieser Mechanismus durch Machterhaltungs- bzw. Machterwerbsstrategien
der Volksparteien (Guggenberger). Das führt zu einer Strategie des konfliktvermeidenden
Krisenmanagements und macht substantielle Problemlösungen unmöglich.
- Soziale Überforderung: Verbürokratisierung und
Verapparatung der Politik (Parteien und Verbände) Abschotten neuer Probleme
verhindern, daß bestimmte Bedürfniskategorien überhaupt politisch
thematisiert werden (Guggenberger 1980, S. 64). Damit erhöht sich die
Wahrscheinlichkeit für das Entstehen autonomer, außerinstitutioneller
Formen der Interessenvertretung oder des Protests (Hirsch, Offe). Abkoppelung
der modernen Volkspartei von ihrem sozialen Herkunftsmilieu. Verlust ihrer
Integrations- und Orientierungsfunktion (können keine kollektiven Identitäten
begründen, können keine persönliche Lebenssituation in ein
schlüssiges Gesamtbild der Politk übersetzen (Guggenberger, Offe)).
Dies führt zur Herausbildung neuer kollektiver Ersatzidentitäten.
Selbstüberforderung des politischen Systems durch sozialstaatlich
geförderte Anspruchsüberlastung (Klages) oder nicht erfüllte
Reformprogrammatik (Offe). Verstärkte Durchstaatlichung der
Gesellschaft (Hirsch), die sowohl zur Modernisierung der Volkswirtschaft wie
zur sozialen Absicherung der desintegrativen Folgen dieses Prozesses notwendig
geworden ist, läßt den Staat immer mehr als Verursacher belastender
Umwälzungen erscheinen. Mit der Beschleunigung der gesellschaftlichen
Umwälzung erhöht sich die Wahrscheinlichkeit anomischer Reaktionen
und die Zahl der Konfliktanlässe. Durch Ausbau des sicherheitsstaatlichen
Apparates versucht der Staat die Infragestellung gesellschaftlicher Normalität
unter Kontrolle zu halten (Hirsch); mit zumindest ambivalenten Folgen (Angst
vor Kriminalisierung, Unterminierung staatlicher Autorität)
Zusammenfassung: "Mit Offe scheint eine Tendenz zur Selbstblockierung des Systems vorzuliegen; einerseits benötigt es Wachstum, um das bisher gewohnte Maß an Stabilität weiter genießen zu können, andererseits kann es Wachstum nicht herstellen, weil die herkömmlichen Mittel der ökonomischen Steuerung nicht ausreichen. Es kann aber weiteres Wachstum gar nicht wünschen, weil die Folgen weiteren industriellen Wachstums schlicht unerträglich werden und Konflikte einer Art heraufbeschwören, die sich mit den Mitteln herkömmlicher staatlicher Politik nicht unter dem Deckel halten lassen würden. " (Interview mit Klaus Offe In: Argument 124, 1980) "Konkret in der Bundesrepublik diagnostiziert Offe als Folge dieser Problemkonstellation ein hohes Maß an Entformalisierung; alle greifen zu Aktionsformen, die aus den Schienen, die in Gestalt des politischen Systems und seiner Institutionen ausgelegt sind, herausspringen."
- periphere oder nicht länger profitable Regionen
- Jugendliche mit geringerer Qualifikation
- ältere Arbeitnehmer, Frauen, Jungakademiker mit sozialwissenschatlicher
Ausbildung
von Dequalifikation und Deklassierung bedroht.
- auf Gruppen, die in unmittelbarer Weise durch industrielle Großprojekte
(Autobahnen, Atomkraftwerke, Flughafenbau) der durch umweltverschmutzende
chemische Industrien beeinträchtigt werden.
- Gruppen der neuen Mittelschichten ,deren materielle Grundbedürfnisse
befriedigt sind, sich aber im Wettbewerb um positionelle Güter zunehmend
der Beeinträchtigung durch die externen Folgen wirtschaftlichen Wachstums
ausgesetzt sehen.
- im Humandienstleistungsbereich beschäftigte Gruppen, die durch ihre
Tätigkeit anspruchsvollere Bedürfnisse und eine höhere Sensibilität
entwickeln.
- unter den Bedingungen materieller Sicherheit sozialisierte bildungsmäßig
hochqualifizierte postmaterialistisch orientierte Teilgruppe der Nachkriegsgeneration
Die neuen sozialen Bewegungen sind heterogen:
- aufgrund der Differenzierung der sozialen Konfliktlagen
- aufgrund des eher unstrukturierten Charakters der Krise, die wesentlich
auf der Erschütterung und dem Zerfall der kulturellen Hegemonie und des
industriellen Entwicklungsparadigmas beruht
- kein eindeutiges Kollektivsubjekt als Adressat oder Gegner der neuen Protestbewegungen
auszumachen
Drei Konfliktlinien:
- industrieller Leistungskern - Peripherie (ökonomiekritische bzw. klassentheoretische
Analyse)
- Materialismus - Postmaterialismus (Einstellungskonstrukt)
- Modernismus - Antimodernismus (Geschichte sozialer Bewegungen)
J. Clarke / St. Hall / T. Jefferson / B. Roberts: Subkulturen und Klasse. In: J. Clark u.a.: Jugendkultur als Widerstand. Frankfurt 1981
Definition Kultur: (J. Clarke / St. Hall / T. Jefferson
/ B. Roberts: Subkulturen und Klasse. In: J. Clark u.a.: Jugendkultur als
Widerstand. Frankfurt 1981)
"Die Kultur einer Gruppe oder Klasse umfaßt die besondere distinkte
Lebensweise dieser Gruppe oder Klasse, die Bedeutungen, Werte und Ideen, wie
sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Beziehungen, in Glaubenssystemen,
in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im materiellen Leben
verkörpert sind. Kultur ist die besondere Gestalt, in der dieses Material
und diese gesellschaftliche Organisation des Lebens Ausdruck findet. Eine
Kultur enthält die "Landkarten der Bedeutung", welche die Dinge für
ihre Mitglieder verstehbar machen. Diese "Landkarten der Bedeutung" trägt
man nicht einfach im Kopf mit sich herum - sie sind in den Formen der gesellschaftlichen
Organisationen und Beziehungen objektiviert, durch die das Individuum zu einem
gesellschaftlichen Individuum wird. Kultur ist die Art, wie die sozialen Beziehungen
einer Gruppe strukturiert und geformt sind, aber sie ist auch die Art, wie
diese Formen erfahren, verstanden und interpretiert werden"
Gegenkultur steht im offenen Konflikt mit der herrschenden Klasse und versucht, ihre kulturelle Hegemonie zu erschüttern und zu brechen. Untergeordnete Kulturen können aber auch mit der dominanten Kultur koexistieren. Die kulturelle Hegemonie einer Klasse ist nie universell. Sie ist ein "bewegliches Gleichgewicht" (Gramsci) "Sie muß gewonnen und errungen, produziert, reproduziert und erhalten werden."
Subkulturen sind "kleinere stärker lokalisierte und
differenzierte Strukturen innerhalb eines der größeren kulturellen
Netzwerke." "Subkulturen gewinnen aufgrund distinktiver Aktivitäten und
Kristallisationspunkte der Gruppengestalt; sie können lockere und festere
Bindungen aufweisen. Manche Subkulturen sind nur locker definierte Strömungen
oder Milieus innerhalb der Stammkultur: sie besitzen keine eigenständige
Welt ", andere entwickeln eine klare kohärente Identität und Struktur.".
"Die latente Funktion der Subkultur besteht darin, die Widersprüche,
die in der Stammkultur verborgen und ungelöst bleiben, zum Ausdruck zu
bringen und zu lösen, wenn auch in "magischer Weise". (P. Cohen: subcultural
conflict and working class community zit. In: Clark u.a. a.a.O., S. 73)
In "magischer Weise" deshalb, weil die Lösung dieser Widersprüche
nicht real, sondern symbolisch, imaginär in der Ausbildung eines eigenen
subkulturellen Stils (Kleidung, Musik, Rituale, Umgangsformen etc.) erfolgt.
These: Die neuen sozialen Bewegungen erhalten ihre progressive
Dynamik aus dem universalistischen Kern den postmaterialistischen Wert- und
Bedürfnismustern. Sie besitzen nur dann eine politische Durchsetzungschance,
wenn es gelingt, die aus den verschiedensten Belastungen und Bedrohungen des
industriellen Modernisierungspozesses sowie aus der Blockierung neuer Wert-
und Bedürfnismustern resultierenden antiindustrialistischen Affekte und
Widerstandsformen in einen gemeinsamen sozialen und ideologischen Kontext
einzubinden, der seine Selbstdeutung und seine Zielvorstellungen aus der Perspektive
postmaterialistischer Orientierungs- und Verhaltensmuster gewinnt.
Was bedeutet überhaupt "erfolgreiche Durchsetzung"? Es geht im Wesentlichen
doch um eine Änderung der Politikform, denn die Sachzwänge
der großen Politik (Wirtschaftswachstum, internationale Konkurrenz,
technologische Entwicklung, Sicherheit nach Innen und Außen) lassen
sich nur dann wirklich wirksam unterlaufen, wenn man ihre Organisationsformen
(Bürokratisierung und Zentralisierung, Abstraktion, prozeßlose
Politik, telemediale Vermittlung) grundsätzlich infrage stellt und konzeptionell
und praktisch mit anderen Formen experimentiert. (W. D. Narr: Zum Politikum
In: Leviathan, 2/1980)
Es geht nicht nur um neue politische Zielsetzungen, sondern auch wesentlich
um eine Änderung der Politikform, wenn als Ziel der neuen sozialen
Bewegungen die Brechung der Eigendynamik bürokratisch- industrieller
Rationalisierungs- und Subsumtionsprozesse erreicht werden soll.
Entschiedene Ablehnung der "Stellvertreterpolitik" hin zu
einer sehr subjektzentrierten Form des Politischen, von der "bedürfnisorientierten"
bis hin zur "Politik in erster Person", in der Ökologiebewegung eher
die dezentrale, basisdemokratische Organisationsform. Bürgerinitiativen:
Lösung konkreter Problemlagen im Vordergrund; Politik erst in der Kritik,
wenn sich ihre Abschirmung, ihre Interessengebundenheit oder Unbeweglichkeit
erwiesen hat. Die neuen Formen der Politik müssen in der Umgebung der
alten entwickelt und erhalten werden, müssen sich auf die Auseinandersetzung
mit den herrschenden Institutionen und Verfahren einlassen, damit aber auch
auf die Gefahr, ihrer organisatorischen Eigendynamik zu erliegen. (vgl. die
Referate, die auf der Tagung des Arbeitskreises "Parteien, Wahlen und Parlamente"
zum Thema "Umweltparteien in Westeuropa" am 3./4. April 1981in Berlin gehalten
wurden.)
Die Versuche haben einen doppelten Ansatzpunkt:
- politisch- ideologische Konfliktkonstellation: die in der
gegebenen Parteienstruktur gegebenen politischen Realitäten entkoppeln
und um eine neue Konfliktlinie organisieren: die alte Konfliktlinie
(Links- Rechts-Achse) wird durch Materialismus/Postmaterialismus überlagert.
Traditionelle Parteiloyalitäten werden jedoch geringer. Gründe:
Auflösung der Verankerung in homogenen Klassenmilieus; Entwicklung zu
Volks- oder Massenparteien; obrigkeitsstaatliche Orientierungsweisen werden
durch hedonisitisch geprägte Verhaltens- und Orientierungsmuster ersetzt.
Der Bezug zum politischen Geschehen erhält dadurch einen eher pragmatisch-
instrumentellen Charakter. mit Verbreitung der Bildungschancen, Sättigung
materieller Bedürfnisse, Erfahrung steigender Wohlfahrtskosten entstehen
postmaterialistische Wertprioritäten, die vom bestehenden Parteien- und
Verbandssystem nicht oder nur ungenügend berücksichtigt und vermittelt
werden. Das führt zu einem rapiden Bedeutungsverfall der tradierten Konfliktstruktur
als politische Orientierungsmöglichkeit. Zweifel und Brisanz der Sinnhaftigkeit
des industriellen Wachstums, zu welchem die bürokratischen Parteien.
- Formierung als politische Kraft: Gegensatz zwischen industriellen
Wachstums- bzw. technobürokratischen Herrschaftsinteressen und den Interessen
an einer ökologisch orientierten sanften, in hohem Maße selbstbestimmten
Lebensweise und faktische Auseinandersetzung zwischen den einzelnen Initiativen,
Gruppen, Bewegungen und den staatlichen Apparaten. Formiert sich um zwei soziale
Brennpunkte:
- Gruppen, Projekte, Szenen und Teilbewegungen, die insgesamt ein alternatives
Milieu gegenkultureller Lebensformen ausbilden
- andererseits Bürgerinitiativen, die aufgrund staatlicher oder wirtschaftlicher
Relevanz eine katalysatorische Funktion für die Formierung der neuen
sozialen Bewegungen als unmittelbare politische Kraft erhalten haben. Wichtig:
Vernetzung.
Es geht um die Ausweitung von Freiräumen, Absicherung der sozialen und
ökonomischen Reproduktionsmöglichkeiten alternativer Lebensformen,
Selbsthilfe und Abwehr repressiver oder kriminalisierender staatlicher Maßnahmen.
Bestreiten nicht unmittelbar die Macht der Machthaber, sondern wirken als
Katalysatoren, die den Machtanspruch des Systems auf Dauer gesehen ins Leere
laufen lassen.
Gefahren: von den immanenten Schranken (ökonomische Abhängigkeit,
selbstzerstörerische Überlastung der Gruppen und andererseits Verschärfung
staatlicher Repressionsmaßnahmen, durch finanzielle Austrocknung und
Kriminalisierung
Geringer Grad der institutionellen Verfestigung und der
ideologischen Konsistenz der neuen sozialen Bewegungen. Vorteil: ermöglicht
Bildung breiter und thematisch wechselnder Koalitionen (keine Parteidisziplin,
keine ideologische Abgrenzung) und Abhängigkeit von den Attraktionszyklen
der Massenmedien. Notwendig ist deshalb ein Bestand
an organisatorischer Infrastruktur. Notwendig ist eine Partei
neuen Typs, die strukturell in der Bewegung verankert und auf dem
Primat basisdemokratischer Politik beruht und bezogen bleibt, zugleich jedoch
die programmatische Vereinheitlichung und organisatorische Vernetzung vorantreibt.
Kann eine Partei diesen Ansprüchen genügen, solange sie verfassungsrechtlich
in das parlamentarisch- repräsentative System eingebunden und den Zwängen
der Parteikonkurrenz unterworfen bleibt (Eigendynamik der parlamentarischen
Repräsentation, Einbindung in die Gesetzgebungs- oder Verwaltungsarbeit)?
Die Wahl der Mittel und Strategien hängt in starkem Maße von den
sozialen und subkulturellen Erfahrungshorizont der Protestgruppen ab. Gelingt
es nicht, breite gesellschaftliche Bündnisse herzustellen
und politisch abzusichern, so ist zumindest in der Bundesrepublik die Gefahr
nicht von der Hand zu weisen, daß verschärfte ökonomische
Krisenerfahrungen und wachsende Unsicherheit in weiten Kreisen der Bevölkerung
zu einer Verstärkung obrigkeitsstaatlich- faschistoider Reaktionsmuster
führen, die einer harten staatlichen Repressionsstrategie gegenüber
den neuen sozialen Bewegungen ebenso den Rücken stärken wie der
Durchsetzung eines forcierten Industrialisierungskurses. Die politischen Effekte
eines antiindustrialistischen Protests ließen sich in diesem Falle auf
absehbare Zeit durch Kriminalisierung und subkulturelle Marginalisierung neutralisieren.
Anomie: Gesetzlosigkeit, Haltlosigkeit
Deprivation: Unzufriedenheit?
heteronom: unselbständig, abhängig, fremden Gesetzen gehorchend
marginal: den Rand betreffend, am Rand befindlich
neokorporatistisch: eine neue Körperschaft (Verein, Partei) betreffend
nachindustrielles Proletariat: umfaßt die Gesamtheit der von der Produktion durch Arbeitsvernichtung Ausgestoßenen und der durch die Industrialisierung der intellektuellen Tätigkeit Unterbeschäftigten)