Soziale Solidarität, Zivilgesellschaft und politische Soziale Arbeit
Prof. Dr. Piotr Salustowicz
In: "Neue Praxis", Zeitschrift für Sozialarbeit, Sozialpädagogik und Sozialpolitik, 2/98, Luchterhand- Verlag
Hauptfrage: wie kann soziale Gerechtigkeit in der postmodernen Gesellschaft gesichert werden?(111)
Drei Schlüsselkategorien: Solidarität (ohne Solidarität ist kollektives Handeln nicht möglich; wie ist die Solidarität in der individualisierten und entmoralisierten Gesellschaft der Postmoderne), Zivilgesellschaft (ist sie eine Form der sozialen Solidarität, die sich dem Prinzip "Brüderlichkeit" verschreibt und sozial ungerechte Verhältnisse zu transzendieren sucht? Ist die Zivilgesellschaft ein Ort der "selbstorganisierten Herstellung sozialer Gerechtigkeit?" (Rödel u.a., 1989; Böllert, 1996). Wo finden sich dann die Solidaritätspotentiale der Zivilgesellschaft und wie sind sie zu mobilisieren?) und die politisch Sozial Arbeit (reflektiert und definiert sich als politische Aufklärung und Aktivierung der sozial Benachteiligten).
Kritische Analyse: Wo ist das Widerstands- und Protestpotential der Gesellschaft gegen die Übermacht des Marktes (als Verteiler des materiellen Wohlstandes), den Staat (Überdominante Herrschaftsform und die Nation (nationalistisches Mythos).
Braucht eine moderne Gesellschaft Solidarität? Kann sie nicht durch einen reinen
Austauschmechanismus von Gütern zusammengehalten werden? Ist eine Gesellschaft
mit hoher Solidarität (Nationalismus!) besser als eine mit niedriger?
"Mechanische Solidarität" von Emil Durkheim (basiert auf erkanntem
Ähnlichkeitsprinzip) und "Organische Solidarität" (je arbeitsteiliger
die Gesellschaft ist, desto mehr hängt jeder Einzelne von der Gesellschaft ab).
"Was hält die moderne Gesellschaft zusammen?" (Teufel, 1996) Zwei
unterschiedlich gelagerte Entwicklungen:
- Individualisierung in der Postmoderne (naturwüchsige Solidaritätsgemeinschaften
(Familie) verlieren immer mehr an Bedeutung, werden zur dienstleistenden Institution,
gegen Bezahlung bereit, zu funktionieren (Pflegeversicherung)). Können diese
Lebensbereiche nicht mehr durch Solidarität, sondern durch Geld oder Macht gesteuert
werden?
Individualisierung bringt erhebliche soziale Risiken für den Einzelnen, aber
auch kollektive Risiken und deren kollektive Verarbeitung. Prozesse der sozialen
Integration müssen heute in zunehmendem Maße sozialstaatlich hergestellt werden
(quantitative Expansion sozialer Berufe- "inszenierte Solidarität").
Kommunitarismus bietet eine Lösung für den Abbau des Sozialstaates; kritisiert
den Sozialstaat, weil er eine negative Wirkung auf die naturwüchsigen Solidargemeinschaften
ausübt und die Inflation der Ansprüche auf soziale Leistungen mitverursacht,
andererseits wird fortschreitende Individualisierung angeprangert gesellschaftlich
schädlicher Egoismus).
Fazit: Solidarität ist ein knappes Gut geworden, ist eine Frage der Mentalität
geworden (Riedmüller, 1984; S. 85).
Durch Globalisierung wird der Abbau des Sozialstaates gerechtfertigt.
Zusammenfassung: Solange soziale Sicherungen soziale Risiken so abfedern können,
daß eine Verschlechterung der Lebenslage nicht als ungerecht empfunden wird,
vermindert fortschreitende Individualisierung das Solidaritätspotential in der
Gesellschaft. Da der "Kapitalismus pur" aber nicht in der Lage ist,
eine gerechte Gesellschaft zu entwickeln, und breite Schichten der Bevölkerung
aus den sozialen Sicherungssystemen ausgeschlossen werden, ist mit der Entstehung
von neuen Solidaritätspotentialen zu rechnen. Dies kann - so die These - möglicherweise
in der Zivilgesellschaft stattfinden.
Charles Taylor weist auf zwei Stränge in der abendländischen Geschichte hin,
nach denen sich das Konzept der Civil society entwickelt hat:
"Locks- Variante": diese führt zum Konzept der Zivilgesellschaft,
die aus drei Komponenten besteht: Ökonomie als Dimension des sozialen Lebens,
die außerhalb des Politischen steht; öffentliche Meinung und Nation (1991).
"Montesquieous- Variante": besteht "in dem Bild einer Gesellschaft,
die durch ihre politische Organisation definiert ist, in der diese aber verfassungsmäßig
gegliedert ist und die Macht unter vielen unabhängigen Trägern verteilt. Auch
hier ist es wichtig, daß es unabhängige Vereinigungsformen für unpolitische
Zwecke gibt. Ihre Bedeutung liegt jedoch nicht darin, daß sie eine unpolitische
gesellschaftliche Sphäre bilden, siondern vielmehr darin, daß sie die Grundlage
für die Fragmentierung und Diversifizierung der Macht innerhalb des politischen
Systems darstellen. Relevant ist nicht ihr Leben außerhalb des politischen Systems,
sondern die Art, wie sie in dieses integriert sind und das Gewicht, daß sie
in ihm haben." (Taylor 1991, S. 77). Diese Linie fand ihre Fortsetzung
bei Tocqueville, nach dem Vereinigungen zu einem Bollwerk gegen den "sanften
Despotismus" werden, indem sie Raum für die Einübung von Selbstbestimmung
anbieten. Diesen Gedanken finden wir z.B. bei Cohen und Arato, Autoren einer
Studie "civil society and political theory": Zivilgesellschaft als
einen aus Intimitätsräumen (insbesondere Familie), aus Vereinigungen (insbesondere
freie Vereine), aus sozialen Bewegungen und aus öffentlichen Kommunikationsformen
bestehenden Bereich der sozialen Interaktion zwischen Wirtschaft und Staat definieren.
(1992)
D. Putman: Das effiziente Funktionieren der liberalen Gesellschaft ist durch
die zurückgehende Zahl von tugendhaften Bürgern gefährdet (1995, S. 133). Zum
Funktionieren des politischen und wirtschaftlichen Systems gehört u.a. das Engagement
von Bürgern, d.h. ein Interesse für und eine aktive Teilnahme an öffentlichen
Angelegenheiten. Für Putman scheint die Zivilgesellschaft wichtiger zu sein
als die wirtschaftliche Entwicklung. Die wirtschaftlich besser entwickelten
Regionen verfügen nur deshalb über eine wirksamere Regierung, weil sie eine
besser entwickelte Zivilgesellschaft haben. (1995, S. 151) Er stellt die Frage,
ob die Zivilgesellschaft ein Ergebnis der ökonomischen Entwicklung sei (1995,
S. 232) und er weißt auf die Bedeutung des bürgerlichen Engagements für die
wirtschaftliche Entwicklung hin (1995, S. 236f.).
Welche Rolle fällt dem Sozialstaat bei der Herstellung sozialer Gerechtigkeit
zu? Rödel, Frankenberg und Dubiel (1988) versuchen eine demokratietheoretische
Begründung von Sozialpolitik zu liefern. Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bildet
die Frage nach den Zugangsmöglichkeiten der Mitglieder der Zivilgesellschaft
zum öffentlichen Raum. Diese Zugangsmöglichkeiten hängen von den konkreten Lebensbedingungen
ab und können auch blockiert sein. Sozialpolitik als Ausdruck ziviler Solidarität
zielt folglich darauf ab, die Bürger, soweit sie der Hilfe bedürfen, politisch
zu befähigen und zu ermächtigen. Ihr Problem, sei es Armut, Arbeitslosigkeit
oder Wohnungsnot, wäre demnach nicht als fürsorgebedürftiger Einzelfall bürokratisch
zu verwerten, sondern wegen des drohenden oder faktisch eingetretenen Ausschlusses
aus der öffentlichen Sphäre als Gefährdung der öffentlichen Freiheit zu thematisieren
und zu lösen (1988, S. 183). Es stellt sich die Frage, wo man angesichts der
Krise des Sozialstaates nach Alternativen zur Herstellung sozialer Gerechtigkeit
suchen kann. Rödel / Frankenberg und Dubiel (1988) suchen eine Lösung dieses
Problems in der Festlegung verfassungsrechtlicher Garantien. In einer Demokratie,
in der sich die Mehrheiten ändern, läßt sich soziale Gerechtigkeit nur nach
umstrittenen und veränderbaren Kriterien und nur vorläufig realisieren.
"Wir lassen uns daher von der Vorstellung leiten, daß Sozialpolitik in
einer demokratischen Republik Minderheiten und randständige Gruppen ermächtigen
soll, gegen die immer vorläufige Gestaltung der Gesellschaft Protest zu organisieren
und für alternative Konzeptionen öffentliche Unterstützung zu mobilisieren"
(1988, S. 189). Es geht dabei um Hilfe zur Selbsthilfe, die ein Element der
Verfassungsgebung sein sollte. Konsequenz wäre die wechselseitige Verpflichtung
der Mitglieder der Zivilgesellschaft zur Grundsicherung der materiellen Existenz
als Bedingung der Möglichkeit öffentlicher Freiheit (1988, S. 188f.). Damit
stünde diese Grundsicherung nicht mehr zur Disposition der sich ändernden politischen
Mehrheiten. Die Zivilgesellschaft bedarf einerseits der Pflege, andererseits
steht sie unter Mobilisierungszwang. Sowohl die Pflege als auch die Mobilisierung
können die Aufgabe einer politischen Sozialen Arbeit sein.
Es geht um eine aktive politische Rolle der Sozialen Arbeit. Grundwerte wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sind für die politische Soziale Arbeit grundlegend. Sie liefern auch die Legitimität des politischen Handelns, das in Ausnahmen bis zum zivilen Ungehorsam reichen kann. Es geht also nicht nur um die Befähigung von Sozialarbeitern, sich selbst politische für die Hilfebedürftigen zu engagieren, sondern auch um das Vermögen, einen politischen Protest oder sogar eine Bewegung mit sozialpolitischen Zielen organisieren zu können. Piven und Cloward: "poor peoples movements. Why they succeed and how they fail.") haben sich für eine Strategie ausgesprochen, die auf eine Mobilisierung der Hilfsbedürftigen und nicht auf deren Organisierung setzt. Um eine effektive Mobilisierung von Hilfsbedürftigen leisten zu können, schlugen sie vor, eine Organisation von Organisatoren" zu etablieren (Studenten, Geistliche, Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung, Sozialarbeiter, militante Sozialhilfeempfänger). Taktik: breite Aufklärungs- und Öffentlichkeitsarbeit über die Sozialrechte und Ansprüche, Identifizierung von den informellen Leadern und Schlüsselpersonen in Slums, Ermutigung von Hilfsbedürftigen, ihre rechtlichen Ansprüche auf Hilfe geltend zu machen, Organisierung von Protesten, Protestmärschen und Demonstrationen. Eine Sicherung sozialer Gerechtigkeit scheint das Resultat einer Dialektik zwischen Reflexion und Selbstreflexion, Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, Organisation und Selbstorganisation sowie Hilfe und Selbsthilfe zu sein. In diesen Prozessen fällt einer politischen Sozialen Arbeit die Aufgabe zu, diese Dialektik den Benachteiligten transparent zu machen. Sind die Benachteiligten im Prozeß der Zivilgesellschaft nicht vorhanden, kommt die Zivilgesellschaft zu kurz.
Literatur:
Böllert, K.: Soziale Arbeit und soziale Gerechtigkeit in der civil society.
Typoskript 1996
Cohen, J. L. / Arato: Civil Society and Political Theory. Cambridge, Massachusetts,
London 1992
Durckheim, e.: Über die Teilung der sozialen Arbeit. Frankfurt /Main 1977
Piven, F. F. /Cloward, R.: Poor peoples movements. Why they succeed and how
they fail.1979
Riedmüller, B.: Sozialpolitik und Armut. Eine Thema zwischen Ost und West. In:
Beck, U. / Beck- Gernsheim, E. (Hrsg.): Riskante Freiheiten. Individualisierung
in modernen Gesellschaften. Frankfurt /Main
Rödel, U: / Frankenberg, G. / Dubiel, H:: Die demokratische Frage. Ein Essay.
Frankfurt / Main 1989
Teufel, E. (Hrsg.): Was hält die moderne Gesellschaft zusammen? Frankfurt /Main
1996