Die Geschichte für Anne
Im Land der Vögel gab es eine neue Weisung: ab sofort sollte nicht mehr geflogen
werden, sondern alle Vögel sollten ihre Beine trainieren. Der König fand kräftigere
Beine schöner als große Flügel. Sofort wurden Boten in alle Landesteile des
großen mächtigen Reiches geschickt.
Die Boten wurden umfangreich ausgerüstet: jeden begleiteten fünfzehn Knappen
mit Rossen und fünfzehn Wagen mit verschiedenen Gegenständen: Trainingsgeräte
für die Beinmuskulatur und bunte Binden für die jungen Vögel, damit sie frühzeitig
lernen konnten, ihre Beine zu gebrauchen. In Kisten verpackt gingen Geschichtenbücher
mit auf die Reise, in denen Sagen von berühmten Vögeln beschrieben waren, die
mithilfe ihrer Beine bis ans Ende der Welt gewandert waren.
Die Boten zogen vom Hof des Königs los bis in alle Landesteile.
Über die Berge stiegen sie, umwanderten den großen See in der Mitte des Königreichs
und einige mußten sich sogar bis an den Rand des Reiches wagen, von dem erzählt
wurde, daß dort die Dämonen hausen.
Natürlich wurden nur die mutigsten Boten dorthin geschickt. Es war genau festgelegt,
welcher Bote welche Landesteile zu besuchen hatte, so daß die neue Kunde im
ganzen Lande bekannt wurde.
Die Leute stürzten sich mit einer starken Neugier auf die Nachrichten, denn
sie wollten immer schnell erfahren, was das neueste und modernste im Königreich
war. Aber im Hofstaat des Königs gab es einen weisen Minister, der zwar sehr
zurückhaltend war und ruhig, aber durch seine Weisheit beim König gern gesehen
war.
Dieser Minister wollte nicht, daß alle Vögel das Fliegen verlernten. Deshalb
fädelte er es ganz geschickt ein, daß eine Provinz des Königreiches in der Liste
nicht auftauchte.
Das Königreich war nämlich so riesig, daß dem König gar nicht auffallen konnte,
wenn ein Gebiet nicht aufgeführt war. Der König kümmerte sich ohnehin sehr wenig
um die Geographie seines Landes, das überlies er seinen Wissenschaftlern. Der
König fühlte sich zuständig, daß immer das Modernste und Schickste in seinem
Hofe stattfand.
Also - diese eine Provinz im Reiche der Vögel wurde durch die Boten nicht erreicht.
Der Minister hatte extra eine sehr abgelegene Provinz ausgesucht, die in den
Bergen lag und in die ohnehin kaum ein Vogel aus der Ebene Kontakt hatte. Das
ganze Land kam nun in Aufbruchsstimmung: der König hatte eine neue Mode erfunden!
Zeitungen brachten die Neuigkeiten, es gab Ratgeber zum besseren Gebrauch der
Beine und Ratgeber für modische Umhänge, die geschickt die Flügel verbargen,
so daß man sie nicht mehr als solche erkennen konnte. Die Kinder bekamen Laufunterricht
und die Babys in den Nestern wurden streng ermahnt, wenn sie mit den Flügeln
schlagen wollten.
Die Babys durften als einzige ihre Flügel offen tragen, alle anderen mußten
sie verhüllen; das heißt, sie taten es freiwillig, denn wer wollte schon als
pervers dastehen und öffentlich seine Flügel zeigen! Die Eltern nähten den Kindern
die schönsten Umhänge und alljährlich gab es in der Hauptstadt einen Wettbewerb,
wer den schönsten Flügelumhang genäht hatte.
Im Winter, so erzählten die Eltern ihren Kindern, schützt der Umhang vor Kälte
und im Sommer schützt er vor den bösen Fliegen. Alle waren glücklich und freuten
sich, daß der König so ein gutes Gespür für das Moderne hatte. Nur in der einen
Provinz, in die keiner der Boten gekommen war, blieb alles wie bisher beim alten:
es gab keine Umhänge, keine Mode, keine Vorträge, keine Erziehungsratschläge,
keine Sportwettkämpfe. Die Eltern flogen zur Arbeit und die Kinder hüpften auf
den Bäumen herum und schlugen wild mit den Flügeln um sich. Der Minister, der
dafür gesorgt hatte, daß die eine Provinz von den Boten nicht erreicht wurde,
sorgte auch dafür, daß niemand zu den Leuten in die Berge ging und auch niemand
zu den Leuten ins Tal kam.
So schrieb er dem Provinzfürsten einmal, daß die Beratung beim König ausfällt,
weil er erkrankt ist; ein andermal nahm er dem Postboten, der gerade die Post
in die Provinz bringen wollte, die Post ab mit dem Angebot, daß er sie selber
hinbringen würde. Der Minister wachte auf dem Weg im Tal; bald baute er sich
ein Haus an die schmalste Stelle, um den Durchgang zu den Bergen beobachten
zu können. Der Minister hatte nun nur noch eines im Auge: den Durchgang zu kontrollieren,
damit die Vögel in den Bergen weiterhin ihre Flügel benutzen können.
Manchmal verzog sich der Minister, der ja selbst den Umhang tragen mußte, ins
Tal hinauf, schaute sich genau um, ob ihm auch keiner folgt und legte dann den
Umhang kurz ab und schlug wie wild mit den Flügeln um sich, hüpfte auf die herumliegenden
Felsen. Dabei schrie er heiser und war nach diesen Aktionen immer völlig fertig.
In der Bergprovinz wohnte ein Mädchen, die dreizehn Jahre alt war und gerne
wanderte. Alle Felsen hatte sie schon erklommen und alle Wege erwandert. Ins
Tal hinunter durfte man ja eh nicht, dort wohnten ja die finsteren Vögel, so
sagte man sich dort, in den Bergen. Doch je mehr das Mädchen die Natur zu lieben
begann und die prächtigen Ausblicke von ihren Bergen hinunter ins Tal genoß,
um so mehr zog sie ein starkes Verlangen, hinunter ins Tal zu gehen.
Mit niemandem konnte sie sprechen, weil alle sie für verrückt halten würden,
wenn sie ihren Wunsch äußern würde. Doch eines Tages, als sie wieder einmal
von einem Gipfel hinabgeblickt hatte und mit ihren Augen den Rauchkringeln einer
Stadt am Fuße der Berge gefolgt war, beschloß sie, sofort aufzubrechen, ohne
noch einmal zu Hause vorbeizugehen. Sie ging einfach immer bergab. Den Weg zu
finden, das bereitete ihr noch nie Probleme.
Sie war die Berge ja gewohnt und hatte in ihrem Leben schon viel gelernt. So
kam sie in das von dem Minister bewachte Tal. Gerade, als sie um eine Felsenecke
bog, erblickte sie den wild umherhüpfenden Minister. Keck trat sie hervor und
grüßte ihn. Der Minister zuckte zusammen, griff sich den Umhang und warf ihn
sich schnell über. Verstohlen und erschrocken blickte er das junge Mädchen an,
das ihm mit offenen und neugierigen Augen ins Gesicht sah.
"Warum bist du so erschrocken?" fragte das Mädchen. "Ich, ich, ich...!" stotterte
der Mann, noch ganz fassungslos, doch gleich darauf wurde sein Gesicht ernst:
"Du kannst hier nicht durch. Geh wieder nach Hause, zu Deinen Eltern!" "Was
hast Du da für einen Umhang?" fragte das Mädchen. Der Minister wollte so tun,
als ob der Umhang ihm ganz egal wäre und unwichtig, aber trotzdem traute er
sich nicht, den Umhang vor dem jungen Vogelmädchen abzulegen. Er hatte sich
schon so sehr daran gewöhnt, daß er sich dessen schämen würde. "Mir ist kalt."
Fiel ihm da schnell ein, doch das Mädchen sah in seinen Augen, daß das nicht
stimmte.
Weil der Alte sie trotz ihrer Bitten nicht freiwillig durchließ, beschloß das
Mädchen, jetzt so zu tun, als ob sie ein Einsehen hätte und dann heimlich, im
Schutze der Nacht hindurchzuschlüpfen. Sie ging also ein Stück zurück und wartete
auf die Abenddämmerung. Die Zeit vertrieb sie sich, indem sie auf einen Gipfel
kletterte und hinunter auf die rauchenden Schornsteine in der Ebene blickte.
Bald wurde es dunkel und sie schlich am Haus des Ministers vorbei, hinunter
ins Tal.
Sie kam durch Dörfer, in denen die Vögel alle schon schliefen. Bald wurde sie
selbst müde und legte sich in einen kleinen Stall. Sie schlief lange und fest,
so daß sie morgens den Vogel, der seine Tiere füttern kam, gar nicht bemerkte.
Dieser schrie auf, nachdem er das Mädchen dort liegen sah und rannte hinaus.
Er hatte gesehen, daß das Mädchen ohne Umhang dort im Heu lag und das kommt
doch sonst nie vor. Der Vogel war richtig verwirrt, daß er gar nicht gleich
wußte, was er tun sollte.
Er ging zu seiner Frau und besprach sich mit ihr. Dann kamen beide hinaus und
als sie sahen, daß das Vogelmädchen auf dem Dach saß und mit den Flügeln um
sich schlug, fiel die Frau in Ohnmacht und sie holten eine Helferin aus dem
naheliegenden Vogelheim, damit sie die Kleine aufnehmen konnten und für sie
sorgen. Das Heim war sehr streng und das Mädchen erkannte sehr schnell, daß
es nicht mit den Flügeln schlagen durfte, sondern sie unter dem Umhang verborgen
halten mußte. Trotz ihrer unstillbaren Sehnsucht, die Flügel wieder zum Fliegen
zu benutzen, wie sie es gewohnt war, biß sie die Zähne zusammen und sprach mit
niemandem darüber. Oft mußte sie beobachten, wie einzelne ihrer Mitbewohner
schon dafür bestraft wurden, wenn sie nur das Wort "Flügel" benutzten. Langsam
bemerkte sie, daß sie nicht die einzige war, die wegen der Fliegerei hier einsaß.
Einmal, im Kräutergarten des Heimes, lernte sie einen jungen Vogel kennen,
der ihr auf den ersten Blick sympathisch war.
Zu ihm wuchs ihr Vertrauen immer mehr, bis sie ihm eines Tages sagte, daß sie
gern einmal wieder fliegen würde. Er sah erschrocken um sich, als sie das sagte,
doch dann lächelten seine Augen verschmitzt und er eröffnete ihr, daß das auch
seine heimliche Sehnsucht war.
Doch er konnte nicht fliegen. Ihm waren die Flügel so sehr geschmückt und verziert
worden und mit Tüchern verbunden, daß er, als das Mädchen vorschlug, gleich
zusammen über die Mauern loszufliegen, nur matt ablehnen konnte. Resigniert
sagte er, daß wohl aus dem Traum nichts werden würde.
Er war auch viel zu schwer dafür, daß sie in vielleicht hochziehen könnte. Er
wußte auch gar nicht, wie man fliegt. Nicht einmal wußte er, daß es das Wort
Fliegen gab. Hier hatte man irgendwie keine Worte für die Flügel und für das
Fliegen. Alles wurde umschrieben. Traurig gingen die beiden auseinander, als
die Glocke zum Abendessen läutete und die Vogeljungen und Vogelmädchen in getrennte
Häuser gehen mußten. Doch ab jetzt sahen sie sich öfters und dachten sich einen
Plan aus, zu fliehen. Der Junge war bereit, mit in die Berge zu kommen, nachdem
das Mädchen ihm alle Angst genommen hatte, die er durch die Geschichten über
die wilden Bergvögel bekommen hatte. Immer, wenn sie sich heimlich im Garten
versteckten und das Mädchen von den Bergwipfeln und von Fliegen erzählte, begannen
die Augen des Jungen zu leuchten, doch alsbald füllten sie sich mit Tränen der
Trauer, weil er alles das noch nie erlebt hatte und vielleicht auch nie erleben
würde. Denn die Flucht aus dem Heim würde schwierig werden, wer weiß, ob sie
es schaffen würden.
Die Aufseher waren sehr streng, sie beobachteten alles, was die Vögel taten.
Fast wäre es einmal aufgeflogen, daß das Mädchen wieder das Flügelschlagen übte,
jetzt, so kurz vor der Flucht.
Doch die Nacht der Flucht rückte heran und beide entflohen aus dem Heim. Alles
ging so schnell, daß es nicht einmal hier in der Geschichte aufgeschrieben werden
kann. Sie stoben davon, das Mädchen flog mehr als daß es lief, die Landstraße
hinauf, hinter sich einen Jungen schleifend, der sich wacker abmühte, aber eben
nur laufen konnte. Langsam aber lösten sich die Binden um seine Flügel und flatterten
als langer Schwanz hinter ihm her, bis sie ganz abfielen. Sie rannten durch
die letzten Dörfer vor der Schlucht und als der Vogeljunge einfach weiterrennen
wollte, hielt ihn das Vogelmädchen zurück:
"Wir müssen uns hier verstecken und erstmal sehen, ob die Luft rein ist. Dort
bewacht nämlich ein alter Mann den Taleingang!" Der Junge versteckte sich in
einem kleinen Verschlag und das Mädchen ging, den Minister zu beobachten. Bald
kehrte es wieder und kroch mit zu dem Jungen hinein. "Der Mann ist noch wach.
Wir müssen noch ein bißchen warten."
Beide hockten sich nebeneinander und atmeten noch ganz angestrengt von der schnellen
Flucht. Doch als sie sich langsam beruhigten, merkte sie auf einmal, daß der
Junge gar keine Binde mehr um seine Flügel hatte. Sie wußte gar nicht, daß er
so schöne Flügel hatte. Als der Junge bemerkte, wie das Mädchen ihn anstaunte,
wurde er ganz verschüchtert und zog einen Zweig an sich heran. Aber das Mädchen
sagte ihm: "Du hast schöne Flügel!" Auch der Junge hatte seine Flügel noch nie
richtig gesehen. Hier oben, so nah an den Bergen, fühlte er sich mit einemmal
groß, stark und schön. Auch er begann vorsichtig das Mädchen anzusehen. Ihre
Flügel waren zarter, feiner gezeichnet und hatten einen blaueren Farbton als
seine. Beide saßen da und hatten nur Augen füreinander. "Ich will fliegen."
sagte der Junge und zog sie an seiner Hand aus dem Verschlag.
Doch sie machte PSST! Und wies auf die Hütte des Ministers, in der aber nun
kein Licht mehr brannte. Gemeinsam gingen sie hin, um zu sehen, ob der Mann
vielleicht doch schon eingeschlafen war. Ja. Er lag auf seiner Couch und schnarchte
vor sich hin. Jetzt war er direkt niedlich anzusehen, fand das Mädchen, aber
schnell zog sie den Jungen weg, hinauf ins Tal, auf die Berge, auf die Gipfel.
Sie schwang sich in die Lüfte, tobte sich aus, schwebte im Gleitflug über die
Bäume und wurde sich nach dieser Fröhlichkeit erst langsam bewußt, daß der Junge
nicht mitgekommen war.
Und so flog sie zurück und sah ihn unten stehen, mit den Flügeln wackeln und
etwas den Hang hinauf- und hinabrennen. Da erfaßte sie eine so große Liebe zu
ihm, daß sie hinunterstürzte, ihn wild umarmte und an seinen Flügeln zauste.
Er tat desgleichen. Wild schlugen sie um sich, dabei lösten sich die letzten
Heftklammern aus seinem Gefieder, seine Flügel öffneten sich zur vollen Größe
und beide schwebten empor. Zuerst merkte der Junge gar nicht, daß sie fliegen,
er dachte, daß das Gefühl der Liebe eine solche Stärke habe. Sie küßten sich
im Flug, umkreisten sich, beobachteten sich und neckten sich.
Doch plötzlich kam dem Jungen ein kurzer, deutlicher Gedanke und er registrierte,
daß er hoch oben über allen Gipfeln flog. Ihm wurde übel, er taumelte und kreiste
in wilden Kurven zu Boden.
Dem Mädchen gelang es nur mit großen Mühen, seinen Flug abzubremsen und ihn
weich landen zu lassen. Sein Gesicht war ganz bleich geworden, doch bald erholte
er sich wieder und unter dem Zureden des Mädchens wurde ihm langsam klar, daß
er ja wirklich fliegen kann. Sie sahen sich in die Augen und da war alles klar
und sie flogen los und drehten so richtig ihre Runden, umkreisten Berggipfel,
ließen sich nieder, bestaunten die Höhe und die Fülle der Berge und genossen
ihre Freiheit und ihre Liebe. Und so blieben sie glücklich bis an ihr Lebensende.
Endet so eine Geschichte? Ich hoffe nicht! Was passiert mit all den Leuten in
dem Königreich, was noch nicht befreit ist? Wer rettet diese? Was sind in dem
Märchen für weitere Prüfungen zu bestehen? Was sagen die Verwandten des Mädchens
zu ihrem Freund? Warum ist der Meister propper? Wer geht morgen Brötchen holen?
Alle diese Fragen müssen leider unbeantwortet bleiben, wenn Du mir nicht hilfst
die Geschichte weiterzuspinnen. Ich möchte , daß am Ende eine Geschichte herauskommt,
die von allen meinen Freunden mitgeschrieben wurde. Das wäre schön. Machst Du
mit? Dein Karsten
Mail an zumkarsten@gmx.de