Die Jesusgemeinde Dresden

Mit 22 Jahren kam ich nach meiner ersten europäischen Reise aus Spanien wieder in Dresden an. Ich war arbeitslos durch die Wende und wollte die Welt sehen. Auf dieser Reise erlebte ich zum ersten Mal ganz bewußt, wie das Leben/ die Welt / die Existenz für mich sorgt, und dass ich mich über nichts sorgen muss, wohl aber die Verantwortung tragen, das mir mögliche zu tun. Ich hatte meine Lehre abgeschlossen, in einem Beruf, der mir nichts zusagte; Metaller. Ich fragte mich, warum ich denn jeden Tag so früh aufstehen sollte und mich in den dunklen Vorortzug zwängen, zwischen all die Arbeiter mit der silbernen Brotbüchse, in einem dreckigen Werkraum an Metallen herumfeilen, um dann abends, wieder im Dunklen, nach Hause zu kommen.
Irgendeinen verborgenen Sinn mußte doch diese Welt haben.
Dann lernte ich auf einem Gitarrenkurs A. kennen. Wir verstanden uns wie Bruder und Schwester, und da ich natürlich neugierig war, hatten wir auch Sex miteinander. Ein Verhängnis, wie sich später herausstellen wird.
Anitas Schwester lud uns zu einem Gottesdienst der neu gegründeten Jesusgemeinde Dresden ein. Eine der vielen nach der Wende neu gegründeten oder endlich aus der Kirche ausgetretenen Gruppen/ Gemeinden/ Sekten, die wir Pilze aus dem östlichen Boden schossen.
Ich kann mich noch sehr genau an meine Eindrücke dieser Feier erinnern: es war in der Aula der Pestalozzi-Schule in Dresden. Wir kamen in einen überfüllten Raum mit Omis, Eltern, Kindern, bunter Dekoration, Stil einer normalen Aula. Alle standen und hoben die Arme in die Höhe und "hielten Lobpreis". Vorn stand Pastor Arnold und segnete die Gemeinde. Dann gingen einzelne Mitglieder nach vorn, dann wurden Hände aufgelegt, dann spielte die Posaune, dann kamen Jugendliche und zeigten etwas Modernes. Es spielten professionelle Musiker der Dresdner Philharmonie.
Ich war überrascht von der herzlichen Atmosphäre, davon, daß sich niemand um das Kindergeschrei kümmerte, um den provisorischen und modernen Aufbau der Soundanlage, und ich war getroffen von der Herzlichkeit der Gemeindemitglieder, die uns begrüßten und gleich in den Kreis einbezogen.
Ich war gefangen von der Atmosphäre, der unbekannten Lebendigkeit, der Bewegung. Ich spürte; hier lebt etwas, hier beginnt etwas, was mit dem Sinn des Lebens, mit der Sinnsuche, zu tun haben könnte.
In einem Gespräch sagte man mir noch, man müsse Jesus in sein Herz schließen, ihm sein Leben übergeben, und in der Bibel lesen.
Als ich danach irgendwann nach dem Nachhauseweg wieder allein war, begann ich nachzudenken. Hier wurde gemeinschaftlich das erste Mal über Gefühle geredet, was ich von meiner Familie und Kindheit nicht kannte. Hier waren alle dabei, und es war eine große, vielzählige Bewegung, die ich da gesehen hatte. Aber ich war erschrocken und abgeschreckt von den fremdartigen Dingen, die ich gesehen hatte: Lobpreis mit erhobenen Händen, ein wie ferngesteuertes Verhalten, eine übetriebene Freundlichkeit, die ganzen fremden Dinge, die von der Bühne/ von vorn gesagt wurden. Ich war erschrocken und abgeschreckt und wollte nie wieder mit dieser Sekte etwas zu tun haben.
Doch meine Fragen an das Leben blieben: was hat der Konsum für einen Sinn? Ist denn die sichtbare Welt wirklich alles? Das wäre ja echt was unausgegorenes, kurz gedachtes. Mit meiner Familie habe ich nie über solche Dinge geredet. Glaube und Geühle waren nie Thema und deshalb ein unbekanntes Pflaster für mich.
Viele Dinge wurden in dem Gottesdienst für wahr erklärt: dass es Gott gibt, dass Gott antwortet, dass Gott den Sinn gibt, dass Gott den Sinn in meinem Leben stiftet, dass der Heilige Geist mir die Energie gibt, so ganz anders zu leben.
Und das, was die da lebten, war etwas ganz anderes, etwas so anderes, was ich vorher noch nie gesehen hatte.
Doch man sagte auch, man könne nur mit Gott leben, wenn man ihm sein ganzes Leben übergibt, in einem Übergabegebet, und dann alles tut, was er sagt.
Mit A. blieb ich zusammen; wir besuchten uns und schliefen weiter miteinander. Ich war nicht verliebt, aber es war schön und bekannt und ich war jung.
A. sagte mir dann, dass ihr die Gemeinde total gut gefällt, weil sie schon immer in der normalen Kirche war, und diese Sonntagskirchgänge so unüberzeugt fand. Die leben ihren Glauben nicht, die gehen nur Sonntags in die Kirche und in der Woche sündigen sie.
Sündigen. Dieses Wort tauschte zum ersten Mal auf, und es bedeutete, dass der Mensch auf der Welt nichts erkennen konnte, weil alles war vor vielen Jahren durch die Ursünde von Gott getrennt. Deshalb heißt Glauben auch etwas für wahr halten, das man nicht weiß. Für-Wahr-Halten. In der bibel steht die letztendliche Wahrheit geschrieben, und zu uns hinein dringt die Wahrheit durch den Heiligen Geist. Der erste Schritt: der Glaube, durch das Übergabegebet bezeugt. Der zweite Schritt: die Taufe, im Wasser und als Erwachsener; logischer für mich als die Kindertaufe - fremdbestimmt und inhaltsleer. Der dritte Schritt: die Taufe im Heiligen Geist. Durch Handauflegen eines Ältesten öffnet sich der Kanal des Heiligen Geistes zu einem selbst.
Es versprach alles so viel, es war logisch, es war gut, es klang kraftvoll, doch man konnte nur erkennen, ob es die Wahrheit ist, was da gelebt wurde, wenn man sich zu 100 Prozent mit dem ganzen Leben darauf einließ. es gab keinen anderen Weg, zu erkennen, ob es wahr ist oder nicht.
Ich war auf der Suche nach einem sinnvollen Platz im Leben. Ich wollte nicht nur arbeiten und konsumieren. Dafür liebte ich die Welt zu sehr, und ich hatte schon zu sehr kennen gelernt, wie die Welt mich liebt und mich versorgt. Ich war neugierig.
A. erzählte sehr viel über ihre Sünden und über ihr schlechtes Leben und über ihre Gewissensbisse bei unserem Sex.
Man konnte nur erfahren, ob es wahr ist, wenn man nicht nur eintrat, sondern sein ganzes Leben Jesus übergab.
Ich wollte es überprüfen, und so trat ich ein und sprach das Übergabegebet mit ganzem Herzen. Ich wollte verantwortlich leben, ich wollte meine ganze Kraft in eine gute Sache stecken.
Meine Parole war aber immer: ich lebe es zu hundert Prozent, aber mit dem Ziel, es zu überprüfen. Ich tue alles, was dazu gehört, aber ich halte meine Sinne wach und meine Augen und Ohren auf.

Wir waren das junge Paar in der Gemeinde. Vorbildlich, ruhig, zurückhaltend. Wir kämpften gegen unsere Lust auf den Sex, weil wir nicht verheiratet waren. Es fiel das erste Mal der Satz, dass man heiraten sollte, wenn man zusammen wäre, und wenn man die ganzen Segnungen Gottes für unser Leben empfangen möchte. Ich war immer noch Technikfan, und so kümmerte ich mich ein bischen um die Bühnentechnik.
Zuhause wohnten wir getrennt: A. in Gorbitz, in einem Plattenbau, ich in einer Einraumwohnung.
Ich machte alles mit, ließ alles über mich ergehen und war neugierig.
Wir fuhren zu einem "Erweckungsgottsdienst" mit, wo Teenager reihenweise vom Heiligen Geist berührt umfielen und minutenlang regungslos auf dem Boden liegen blieben. Wir fuhren nach Bayern, in eine andere "erweckte Gemeinde", und machten bei A. eine Dämonenaustreibung im Keller des Gemeindehauses, weil niemand das erfahren durfte "von draußen". Die Gemeinde wurde von der katholischen Gemeinde des Ortes als Sekte angesehen und verfolgt. Die Dämonenaustreibung war furchtbar.Geschrei. Danach Gespräche mit A. über einen Rucksack, der abgeschnitten wurde. Ich ertrag alles und hörte zu. Es mußte ja so sein.
Ich ließ mich taufen. In der Gemeinde wurde die Babytaufe nicht akzeptiert, weil Taufe eine eigene Entscheidung ist, und die jeder selber treffen muß. Richtig. wir waren in der Schwimmhalle Steinstraße mit vielen Leuten, und dann wurde einer nach dem anderen ganz untergetaucht, als Symbol dafür, dass er sein altes Leben aufgehört hat, und nun eine neues, von Gott geschenktes, beginnen kann. Ihm ist nun alles aus der Vergangenheit vergeben.
Ich war neugierig und hörte zu, und hatte noch keinerlei Meinung oder Ahnung von allem, was da gesprochen wurde; es gab ja in meiner Jugend, meiner Schule und in der sozialistischen Gesellschaft keinerlei vergleichbare Erfahrung.
A. und ich gingen gemeinsam den Weg hinein in die Mitgliedschaft und Nachfolgeschaft. A. war ein wenig die Führerin, ich der Neugierige und Bereite. Ich wollte wissen, ob es stimmt, und das konnte man nur erreichen, wenn man 100% "die Nachfolge antrat".

Wie kann man nun das Gedankenbild der Gemeinde in ein paar kurzen Sätzen beschreiben? Es war ja einmal das theoretische Gedankenbild von der Welt, welches das Leben in der Gemeinde beeinflusste, andererseits aber auch alle die unsichtbaren, unreflektierten praktischen Umsetzungen und Auswirkungen.
Gott hat die Welt aus Liebe geschaffen, sie sollte ein Paradies sein. Doch der Mensch hat sich aus Überheblichkeit gegen Gott gewandt. Sündenfall. Ausstoss aus dem Paradies. Die Menschen hatten nun die Verbindung zu Gott verloren. Altes Testament. Jesus hat diese Verbindung wieder aufgebaut. Jesus ist Gott und Mensch. Er starb für uns. Wenn wir ihm unser Leben übergeben, sind unsere Sünden vergeben, und wir werden mit dem Heiligen Geist ausgerüstet, der uns Weisheit und Kraft gibt, um die Prüfungen des vom Teufel bestimmten irdischen Lebens zu bestehen. Wir müssen und können nichts gutes tun, weil wir nicht dazu in der Lage sind. Alle unsere Strebungen und Gedanken sind schlecht, weil die ganze Welt unter der Herrschaft des Teufels steht. Gerettet wird man durch den Glauben an Jesus.
Also, und das wird nun etwas Entscheidendes in meinem Leben: alles, was ich denke, ist nichts Gutes. Meine Gefühle in mir drin sind vom Teufel, zumindest von ihm beeinflußt. Sicherheit gibts nur nah am Kreuz, das heißt an den Interpretierungen der Bibel durch die Gemeindeleitung.
Die Gemeindezeit lang beschäftigte mich die Frage: Wenn man so anders leben kann/ soll, wie weiß man dann, was von Gott ist und was vom Teufel? Welchen Gedanken kann man vertrauen? Nie gab es eine befriedigende Antwort darauf. Rätselraten. Aber die Entscheidungen, die man in seinem Leben traf, waren nun lebenswichtig geworden für die eigene Errettung.
Entscheidungen, Verantwortung. Uns wurde nun immer mehr freundschaftlich liebevoll geraten, doch zu heiraten. in Gesprächen mit Freunden wurde mir gesagt, dass man zum Heiraten nicht unbedingt verliebt sein muß. Wir Menschen sind doch zur lebenslangen Liebe (so stellte sich Gott angeblich die Ehe vor - lebenlang), gar nicht fähig. Es kommt also nicht darauf an, ob wir uns lieben - Gott macht nach der Eheschließung einen Bund mit den Ehepartnern fest (die "dreifache Schnur"), und sorgt dafür, dass die Liebe kommt und bleibt, und dass alles wächst und bleibt.
Wir heirateten. Ich wollte wissen, ob es stimmt, was man darüber sagte. Ich wollte mit Gott keine halben Sachen machen. Und man sagte mir immer wieder moralischerweise, dass wir heiraten sollten, um Gott kennen zu lernen. Man wußte sehr viel übereinander in der Gemeinde bescheid, weil es Hauskreise gab, in denen man sich wöchentlich reihum besuchte und in der Bibel las und lebenspraktische Dinge besprach. Jeder hatte einen Seelsorger oder Partner, dem man alles erzählen konnte. Einen äußeren Zwang gab es nicht, wohl aber einen inneren; alles richtig machen und Gott gefallen zu wollen.
Ich kann mich noch an die "Vermählung" (wunderbar tragikomisches Wort!) erinnern; im Standesamt. Mir kamen die Gedanken vor dem Ja-Sagen: Das kannst du doch nicht machen, du liebst die Frau gar nicht; das ist der größte Humbug, den du hier veranstaltest. Ich hatte richtig Beklemmung und Angst. Aber man hatte uns auch darauf vorbereitet: das ist eine Versuchung des Teufels, der immer an den entscheidenden Stellen uns vom reinen Weg abbringen will. Und eine andere Aussage erinnert mich noch: Der Vater von A. sagte: das ist vom Teufel; er meinte, dass wir den Namen der Frau annehmen werden und nicht meinen Namen als Mann behalten. Mir war das egal. Nach deutschem Namensrecht zieht immer einer den Kürzeren. Warum sollte das immer die Frau sein.
Wir hatten eine Hochzeitsfeier, provisorisch, bei der Tante auf dem Hof, ich stand neben den Dingen; der Braten, das Glücklichtun, die Spiele am Nachmittag. Unser Schmuck.
Nun war ich verheiratet. Jetzt durften wir legal weitermachen, was wir vorher illegal betrieben hatten: Ficken unter Gottes Namen.
Ich fühlte mich nicht als Ehemann, es war nichts anders als vorher. Es war eine dieser komischen umständlichen gesellschaftlichen Feiern, doch weiter nichts. Die Leute behandelten uns anders. Wir waren jetzt zusammen, und keiner störte uns mehr dabei.
Immer mehr Gott vertrauen, immer weniger seine eigenen Gefühle zulassen, immer näher zu Gott. Die Liedtexte. Die Reden in der Gemeinde. Die praktischen Anweisungen. Ich tat, was ich konnte. Wir schliefen ohne Schutz miteinander, und ohne nachzudenken, denn wir gaben alles in Gottes Hand. Verhütung wollte Gott nicht; er wollte entscheiden, wann man Kinder bekommt und wann nicht.
Wir bekamen zwei Söhne. Einer, der Raphael, wuchs noch mitten in die Gemeinde und die heile Familie hinein, Jonathan, der Jüngere, wurde kurz vor unserer Trennung geboren, und erlebte mich als Vater gar nicht mehr richtig. Raphael ist in den drei Jahren zu meinem Freund geworden und litt und leidet furchtbar unter der Trennung.
Ich weiß nicht mehr, was es genau war, aber irgendwie folgte ich meiner Frage immer weiter, ob es denn den Gott so gibt oder nicht. Ein Anhaltspunkt, der mich immer mehr von diesem Glauben abbrachte, war die Untersuchung; wie man denn nun unter so vielen Gedanken, dei einem durch den Kopf schwimmen, klar erkennen kann, welcher von Gott ist, welcher neutral, und welcher vom Teufel eingeimpft ist.
Immer mehr näherte ich mich dadurch der Erkenntnis, dass ja letztendlich alles, was in der Gemeinde gesagt wird, Interpretation ist, und dass es gewisse Leute in der Gemeinde gibt, die mehr Interpretationsmacht haben als andere - die Gemeindeleitung. Ich hatte viele Freunde in der Gemeinde, die schwach waren und unter ihrer eigenen Unkenntnis uns Unerkenntnis litten und sich immer mehr der Interpretation der Gemeindeältesten hingaben; weil sie es einfach nicht selbst herausfanden, was denn nun das richtige sei. Und man mußte ja in seinem eigenen Gedankenkram höllisch aufpassen, dass man nicht einfach die Gedanken des Teufels dachte und nach ihnen vielleicht gar handelte.
Also immer mehr Anleitung, Hilfe und Beistand, der sich bei genauerem Hinsehen als Kontrolle und Manipulation erweisen sollte.
Es gab eine große Not in der Gemeinde. Ich wollte etwas verändern und gründete das Lied-Sing-Spiel-Ess-Tanz-Samstag-Fest; in einem Gemeinderaum, für die Jugendlichen. Ziel war, die jungen Leute sich öffnen zu lassen und durch Kochen und Spielen und Tanzen, eine lockere Atmosphäre zu schaffen, in denen man einfach mal loslassen konnte den Gemeindekram und man selbst sein konnte. Aber es gelang uns nicht. Wir blieben Christen, offen, anteilnehmend, betend, fleißig, ordentlich.
Ich gründete eine Gemeindezeitung, und versuchte, der Erkenntnisnot entgegen zu kommen, indem ich die Interviews und Berichte bewußt offen und neugierig hielt, aber es wurde von der Leitung nicht geduldet. Ich mußte hart kämpfen, bis ich eine zurechtgestutzte Version veröffentlichen durfte. Durch die Arbeit bei Interviews mit Gemeindeleitung und berühmten Gästen wurde mir immer deutlicher, wie weit diese Menschen sich von einem normalen Menschen entfernt hatten: man kam nicht durch ihre Masken hindurch; alle spielten besser oder schlechter einen guten Christen. Es war alles nicht echt. Meine Gefühle waren erwacht und zeigten nichts Gutes.
Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich zwar schon sicher wußte, dass ich aus der Gemeinde austreten werde, ich aber die Offenbarung noch einige Wochen hinausschob, um noch die erste Ausgabe der Gemeindezeitung verteilen zu können. Ich wollte dadurch noch viele andere Mitglieder aufrütteln, durch meine Aktivitäten und den darauf folgenden Austritt, zum Nachdenken zu kommen.
Dann war es soweit. Es war mir hundertprozentig klar. Es mußte nur noch gesagt werden. Ich tat es vor dem Gottesdienst. Dann sprachen die Ältesten mit mir, wollten mit mir zuhause nochmal reden. Sie taten es, konnten mich keinen Zentimeter bewegen. Es war nicht mehr die Frage, ob, sondern nur noch, wie.
Alle Freunde, die ich eben immer mehr nur noch in der Gemeinde hatte (weil die "Draußen" einen so negativ beeinflussen können; oder eben nur einen nicht zum Wachsen hin zu Christus verhalfen), verlor ich komplett. Ich war allein, aber nicht allein, denn ich war lebendig und aktiv und fand schnell wieder Anschluß.
Drei Wochen später wurde mir klar, nun geht es auch um die Ehe. Die hatte ich nicht aus Liebe oder aus einer Beziehung heraus geschlossen, sondern nur aus Glaubens-, Gewissens- und religiösen Gründen. Ich zog ins Kinderzimmer um, dann machte ich zwei Wochen allein Urlaub, um meine Entscheidung noch einmal zu überdenken, dann zog ich aus.

Ich bin in diese Gemeinde geraten, weil ich einen Sinn suchte, und nicht genügend Gegenkonzepte oder tragfähige Weltkonzepte kannte. Über Gefühle wurde in der Familie nicht gesprochen. Nach der Wende war alles neu und es kamen viele großartige Konzepte in den Osten.
In der Gemeinde hat meine innere Welt, die ich vorher nicht kannte, begonnen zu leben und sich auszudrücken. Ich spürte zum ersten Mal mich selbst, als ich merkte, wie ich dieses fassadenhafte, lügnerische Leben hinter Masken zu hassen begann. Dieses beginnende Leben in mir selbst, das wußte ich nun, war das, warum sich das Leben lohnte, und worum sich alles im Leben dreht. Insofern war die Mitgliedschaft in der Gemeinde der Auslöser, ein selbst bestimmtes Leben zu beginnen. Allerdings hatte ich mir einen Rucksack aufgebaut, der mich die kommenden Jahre begleiten und bis in tiefe Depression treiben würde.

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