Warum ich schreiben möchte
Ja, ja - es gibt so viele Dinge, die man ausprobieren möchte. Das Leben ist so kurz, zu kurz, um alle erdachten, erwünschten Tätigkeiten darin unterzubringen.
Warum also will ich ausgerechnet schreiben?
Will ich schreiben?
Ich habe meinen ersten kleinen Versuch in der Schublade belassen und nicht daran weitergearbeitet. Habe mich faszinieren und anstecken lassen von Frau Christians Worten von der Großartigkeit, Wichtigkeit und Bedeutung dieser kleinen unscheinbaren und alltäglichen Angelegenheit des Schreibens.
Die Freude, nun eine in Vorzeiten begeistert gepflegte Beschäftigung wiederzuerwecken
bestimmte meine Wahrnehmung.
Doch die Geschichte ist in der Schublade geblieben. Das rauhe Leben drängt
mich, wachsam zu sein, aktiv, mir wegen meinen Unterhaltspflichten sklavengleich
keine eigene Minute zu gönnen, mit Drohung des Gefängnisses auf meine
kleine freche Arbeitslosigkeit.
Die Seele ist zum Arbeitstier geworden, sie hilft mir, einen Ausgleich zu finden,
Fluchtwege zu erschließen, aber sie hat durch Gewöhnung oder auch
Abnutzungserscheinungen ihre Fähigkeit eingebüßt, Visionär
zu sein.
Warum will ich schreiben?
Ich nehme wahr, dass es ein größerer Prozeß ist, in welchem ich mich befinde. Es ist nicht nur das Schreibenwollen ein Thema, sondern es ist meine ganze Bewegung der Befreiung aus den Zwängen heraus. Ich will mich nicht mehr durch Drohungen, durch Behördenbriefe, durch materielle Umstände gestalten lassen, sondern von Reaktion zu Aktion und aktiver Gestaltung meines Lebens gelangen.
Es gehört Mut dazu, aus dem Reich der Notwendigkeiten, der maschinellen Rotation hin zum Reich des Spielerischen, Leichten und Kreativen zu wechseln, vor allem, wenn die logische Argumentation der Unterhaltspflicht ihren Anspruch erhebt. Denn in der Seele geschieht nicht Erhaltung und Stillstand, sondern innen beginnende Bewegung und Lebendigkeit ist Grundlage persönlicher Entwicklung.
Für mich gehört Mut dazu, den Standpunkt des menschlichen zu bewahren und ich glaube gerade im Angesicht der übermächtigen gesellschaftlichen Zwänge ist die innere Entwicklung mir nicht die einzig übrig gebliebene Möglichkeit, sondern geradezu die mir eigene.
Ich habe früher viel geshrieben - mit Begeisterung. Habe das Formen der Buchstaben genossen, das Illustrieren. Mehr meine eigene Freude über das Geschreibenhaben als zum Lesen für andere.
Jetzt verfasse ich am Computer viele Sachtexte, Revolution und Geldreform, Veranstaltungen und Gestaltungen.
Erst das Widerentdecken des Stiftes beim Schreiben erweckte die ehmals lebendige Ahnung, dass es der ganze Körper ist, der schreibt. Buchstaben sind die Formen. Sie finden den Weg auf dem Papier. Man schreibt nicht fürs Gelesenwerden, man schreibt, weil man nicht mehr anhalten kann, den Stift zu bewegen.
Was mir fehlt, ist, dass mir jemand erlaubt: sei jetzt still, setz dich hin und bearbeite das Blatt. Ein schlechtes Gewissen. Ich muss ja notwendig sein und nützlich in dieser verückten Gesellschaft, die nicht mehr miteinander reden kann, sondern kürzt und streicht. Politik. Rente. Geld Geld Geld. Not. Notwendigkeit. Rilke schreibt: Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort.
Ich sollte schreiben.
Ob ich dabei bleibe?
(C) Karsten Sinning 2003