Konzept

 

Bau- und Aktivspielplatz "WILDER WESTEN" Konzept

Stand: Juli 2012

KIWEST e.V.
Lauerscher Weg 70 A,
04249 Leipzig,
www. kiwest.org,
kiwest-ev@web.de

1. Kurzvorstellung / Vorwort

Seit Januar 2008 organisiert der KIWEST e.V. den Aufbau eines Bau- und Aktivspielplatzes im Leipziger Stadtteil Plagwitz. An der Ecke Markranstädterstraße / Klingenstraße finden Kinder und Jugendliche seit Herbst 2009 einen Raum zur kreativen und erlebnisorientierten Freizeitgestaltung. Neben offenen niedrigschwelligen Nachmittags- und Ferienangeboten für Kinder und Jugendliche bietet der Bauspielplatz Projekte für Schul- und Kindergartengruppen, die deren Angebotsstruktur, z.B. Ganztagsangebote, erweitern. Ein pädagogisches Team unterstützt die Nutzer_innen bei der Schaffung eigener Objekte aus Recycling- und Naturmaterialien. In dem kreativen Prozess werden motorische Fähigkeiten gefördert sowie soziale und ökologische Kompetenzen vermittelt. Das ganzjährige Angebot wird durch die Zusammenarbeit mit Schulen, Jugendclubs, Kindertagesstätten und Horten ergänzt. Die vorliegende Konzeption ist zu verstehen als eine Art Bestandsaufnahme. Diese Fassung dient als Rahmen und Leitfaden für die derzeitigen Angebote des Bauspielplatzes; sowohl für Besucher_innen und Interessierte, als auch für das Personal auf dem Platz, für Angestellte, Ehrenamtliche und Praktikant_innen. Da die Inhalte und Aktivitäten des Bauspielplatzes einem dynamischen Charakter folgen, ist es nicht möglich, eine dauerhaft gültige Konzeption zu verfassen. Eine jeweils aktuelle Fassung ist auf der Vereinshomepage www.kiwest.org zu finden. Leipzig, Juli 2012

2. Der Träger

Der KIWEST e.V. wurde im Januar 2008 gegründet, um erlebnisorientierte und projektbezogene Kinder- und Jugendarbeit professionell zu organisieren. Seit 2011 ist der Verein freier Träger der Jugendhilfe. Er verantwortet den pädagogischen Prozess sowie das organisatorische Management des Bauspielplatzes mit seinen Mitarbeiter_innen, vielen ehrenamtlich Engagierten aus dem Stadtteil und einem Förderkreis. Weiterhin übernimmt der Verein die Mittelbeantragung und -verwaltung sowie die Anstellung der Mitarbeiter_innen. Zusätzlich ist der Verein verantwortlich für das Einwerben von Sach- und Geldspenden zur Deckung von Miete und Sachkosten.

3. Die Situation von Kindern und Jugendlichen (nicht nur) in Leipzig

Die Kindheit in deutschen Großstädten hat sich in den letzten Jahrzehnten durch wirtschaftliche und technische Entwicklungen stark verändert. Die Zunahme des Verkehrs und die Entwicklung der Städte engen den Spiel- und Bewegungsraum der Kinder und Jugendlichen ein. Häufig wird die Freizeit der Kinder durch die Nutzung moderner Medien dominiert (Fernsehen, Videospiele, Internet). Im Alltag erhalten die Kinder immer weniger Gelegenheit, die medialen Reize im kreativen Spiel zu verarbeiten. Einen großen Teil ihrer Zeit verbringen Kinder und Jugendliche in der Schule. Dort werden sie meist in hohem Maß mit Wettbewerb und Leistungsdruck konfrontiert. Das hier geförderte Konkurrenzprinzip kann eine Kette von Misserfolgs-, Überforderungs-, Angst- und Frustrationserfahrungen und damit ein negatives Selbstwertgefühl auslösen. Entwickelt ein Kind solch ein defizitäres Selbstbild, ist eine häufige Reaktionsweise eine Blockadehaltung, die es erschwert, neuen Lerninhalten mit Neugier und Offenheit zu begegnen. Die Entwicklung eines Kindes kann durch solche Barrieren nachhaltig negativ beeinträchtigt werden. Oft bestehen bei Familie und Schule wenig Kapazitäten, auf eine verminderte Leistungsfähigkeit angemessen zu reagieren. Straffe Lehrpläne bieten wenig Zeit für anregende, kreative und handwerkliche Erfahrungen oder für das Fördern individueller Ressourcen des Kindes. Die von der Politik geforderten Ganztagsschulen sollen dieses Defizit kompensieren. In der Praxis sind die Möglichkeiten der Schulen allerdings oft noch begrenzt.

4. Die "Nachbarschaft" des Bau- und Aktivspielplatzes "Wilder Westen"

Einzugsgebiet

Zum Einzugsgebiet des Bau- und Abenteuerspielplatzes „Wilder Westen“ gehören Teile von Plagwitz (Stadtbezirk Südwest) und Lindenau (Stadtbezirk Altwest). Auf der Karte wird das Gebiet umgrenzt von der Lützner Straße im Norden, der Weißen Elster im Osten; von der Antonien-Straße im Süden und der Zeitzer Eisenbahn im Westen. Laut Fachplan Kinder- und Jugendförderung 2011 ist dieses ein Gebiet mit einer durchschnittlichen Jugenddichte, der "Jugenddelinquenzanteil" sei aber sehr hoch und im Vergleich zu 1999 gestiegen. Es muss festgehalten werden, dass Plagwitz und Lindenau zu den Leipziger Ortsteilen mit sozial starker Belastung, gemessen u.a. an niedrigem Einkommen zu zählen sind. (Hinweis zur Quelle: Fachplan Kinder- und Jugendförderung 2011)

"Gute Nachbarschaft"

Das niedrigschwellige Angebot des Bauspielplatzes bereichert die Struktur des Stadtteils um einen Begegnungsort für Kinder und Jugendliche, der zum Experimentieren und Ausprobieren einlädt. Durch die enge Zusammenarbeit mit Nachbar_innen, Eltern, lokalen Bildungsträgern und Vereinen ist das Projekt in den Stadtteil gut integriert. Ausserdem erhält der Bauspielplatz Unterstützung von der in der Merseburger-Straße angesiedelten Stiftung „Ecken Wecken“ sowie der Bürgerinitiative Bürger-Bahnhof Plagwitz (IBBP). Günstig ist die Lage zwischen der Grund- und Mittelschule am Adler, der Erich-Zeigner-Grundschule und der Helmholtz-Grund- und -Mittelschule, sowie die gute Erreichbarkeit zu Fuß und mit dem öffentlichen Nahverkehr.

Stadtteil als Spiel- und Lebensraum:

Im städtischen Raum sind es neu geschaffene Stadtteilparks, öffentliche Plätze und Grünverbindungen, die neben großen und kleinen, verwilderten, leerstehenden Bereichen, Kindern und Jugendlichen als abenteuerliche, manchmal auch gefährliche Spielplätze und Treffpunkte dienen. Die "Nachbarschaft" des Bauspielplatzes ist geprägt durch ein enges Nebeneinander "starker", für Investoren interessanter Flächen, und eher "schwacher" Räume, etwa entlang der Klingenstraße. Infolge einer fortschreitenden Stadterneuerung (z.B. entlang des Karl-Heine-Kanals und im Übergang zum benachbarten Schleußig) sind deutliche, nicht ausschließlich positive Aufwertungstendenzen des Stadtteils erkennbar. Der hohe Wohnungs- und Geländeleerstand geht kontinuierlich zurück. Freiflächen fallen oftmals als selbstbestimmter, urbaner Freiraum für Kinder und Jugendliche ersatzlos weg. Diese Lücke kann unserer Meinung nach durch die Entstehung konventioneller Spielplätze allein nicht geschlossen werden. Hier einen Ort der Begegnung, des Lernens und Spielens zu eröffnen und zu betreiben, ist das satzungsgemäße Ziel des KIWEST e.V.

5. Der Bau- und Aktivspielplatz „WILDER WESTEN“

5.1 Intention

Der KIWEST e.V. setzt sich dafür ein, den oben beispielhaft beschriebenen Trends zu begegnen und deren möglichen negativen Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche vorzubeugen. Mittel hierzu ist das Angebot eines Orts zur kreativen und erlebnisorientierten Freizeitgestaltung. Kindern und Jugendlichen wird mit dem Bau- und Aktivspielplatz ein Freiraum angeboten, an welchem sie nach ihren eigenen Vorstellungen mit pädagogischer Begleitung spielen, bauen und konstruieren können.
Der Spielplatz entwickelt sich gegenüber konventionellen Spielorten kontinuierlich weiter. So verändert sich durch die Ideen und Beiträge der Nutzer_innen das Aussehen des Platzes ebenso wie die vielfältigen Möglichkeiten kreativer, spielerischer Nutzung.

5.2 Hauptangebote des Bauspielplatzes

Hüttenbau

Der Hüttenbau ist eines der zentralen Angebote des Bauspielplatzes. Es können in freier Weise Häuser, Hütten, Brücken Zelte, Balkone, Dachgärten, etc. geplant und gebaut werden. Diese können langfristig übernommen und gestaltet, weiter- oder umgebaut und bespielt werden. Es entsteht ein kleines "Dorf", dessen Alltag und dessen Aussehen die Nutzer_innen in hohem Maße selbst bestimmen und kontinuierlich verändern können. Dieses "Dorf" dient als Setting für soziale Prozesse und Lernreize, ebenso wie als Rückzugsort. Die einfache Verarbeitung von Holzbrettern und -balken zu einer Hüttenwand oder einer Sitzbank, einem Fensterbrett oder einem Türriegel verspricht ein gutes Gelingen des Vorhabens, das auch unabhängig von der Hilfe Erwachsener erreicht werden kann.

Gartenbau:

Es wird ein Kräuter- und Gemüsegarten nach biologisch nachhaltigen Grundsätzen mit verschiedenen Gemüsearten und Nutzpflanzen angelegt. Dabei werden den Kindern und Jugendlichen Kenntnisse über Pflege und Wachstum von Pflanzen vermittelt. Darüber hinaus erleben sie unmittelbar Prozesse und Zyklen der Natur - von der Nutzbarmachung des Bodens, dem Säen und Pflegen der Pflanzen bis zum Ernten und der Verarbeitung des Gemüses. So bietet der Garten auch die Möglichkeit für ungewohnte sinnliche Erfahrungen. Unter anderem auch Schulen und Kindergärten können den Garten für ihren Unterricht nutzen.

Lehmbau:

Lehm als Werkmaterial bietet durch sein vielfältigen Verarbeitungsmöglichkeiten und insbesondere seine Haptik einzigartige Voraussetzungen für die Nutzung als spielerisch handwerkliches Medium. Er kann zum Verkleiden einer Hüttenwand verwendet werden, genauso wie zum Bau kleinerer Skulpturen, oder er wird einfach als taktil anregender Matsch mit Händen und/oder Füßen befühlt. Seine Wiederverwendbarkeit und Anwendung mit Heu, Weidenzweigen oder anderen Naturmaterialien stellen einen veritablen Baustein ökologischer Bildung dar.

Weidenbau und Korbflechten:

Die Weide als alte mitteleuropäische Nutzpflanze bietet umfangreiche Möglichkeiten vom Korbflechten bis zum Bau lebender Weidenhäuser. Diese Techniken eignen sich aufgrund ihrer Vielseitigkeit und ihrer variablen Schwierigkeitsgrade hervorragend zur Arbeit mit Kindern und Jugendlichen jeder Altersgruppe, selbstverständlich unter sachkundiger Betreuung.

Küche und Lehmofen:

Auf dem Bauspielplatz besteht eine der ersten öffentlichen Außenküchen Leipzigs. Hier werden gemeinsam einfache Mahlzeiten zubereitet. Diese dienen zur Versorgung der Anwesenden, kennzeichnen aber auch einen Moment des Zusammenkommens, um von gemachten Fortschritten zu berichten, Konflikte im Gespräch zu lösen oder einfach Geschichten und Informationen auszutauschen oder gemachte Bekanntschaften zu vertiefen. Die Nutzer_innen nehmen aktiv am Herstellungsprozess teil: Von der Planung des Einkaufes über die Vorbereitung der Lebensmittel und das Entzünden des Kochfeuers bis zum Umrühren und Tisch decken, sowie Abspülen sind sie beteiligt. Die Kinder und Jugendlichen lernen Lebensmittel kennen, die sie sonst oft nur in bereits hochverarbeiteter, stark verfremdeter Form kennen, wichtige Grundzüge der Essenszubereitung und -verarbeitung werden ihnen näher gebracht. Um auch im Freien beliebte Nahrungsmittel wie Brot und Pizza herstellen zu können, wurde gemeinsam mit den Kindern und Jugendlichen ein Lehmofen gebaut. Das Herstellen von Brot oder ähnlichen Produkten, die manche vor allem aus dem Supermarktregal kennen, ermöglicht es den Kindern einen direkten Bezug zur Entstehung und Wertschätzung von gesunden Grundnahrungsmitteln herzustellen.

Tiere:

Sobald die personellen und räumlichen Gegebenheiten es zulassen, ist es geplant auf dem Gelände des Bauspielplatzes Tiere artgerecht zu halten. Die Verantwortung für Pflege und Versorgung der Tiere soll zum Teil den Kindern und Jugendlichen übergeben werden Durch die Haltung von Klein- und Nutztieren werden den Nutzer_innen des Platzes soziale und persönliche Fähigkeiten vermittelt. Bei der Pflege und dem Versorgen der Tiere lernen sie Verantwortung zu übernehmen und auf die Bedürfnisse anderer zu achten. So können Tiere als Medium für soziale Grundfähigkeiten und als verbindendes, beziehungsschaffendes Glied zwischen den Kindern dienen.

5.2 Der Bauspielplatz als Ort zum Spielen, Bauen, und..., und,..., und...

Auf dem Bauspielplatz steht zwar das handwerklich orientierte Bauen im Vordergrund. Es werden viele Hütten, Brücken, Balkone etc. gebaut, angemalt und dekoriert. Dennoch entstehen eben in diesem selbstbestimmten "Hüttendorf" neue Spielorte, die Platz bieten für unterschiedliche Spielarten, vom Brettspiel über sportliche Aktivität bis zum kreativen Rollenspiel.
Das "Dorf" dient u.a. als Übertragungsort, an welchem Kinder und Jugendliche ihre alltäglichen Erfahrungen und Erlebnisse konstruktiv und spielerisch verarbeiten können. Es gibt die Möglichkeit im beheizbaren Bauwagen die vorhandenen Puzzles, Spielzeuge, Bausteine u.s.w. zu nutzen oder auf der Freifläche Fußball oder ähnliches zu spielen. Die Möglichkeiten der spielerischen Nutzung sind vielfältig. Sie verbindet ihr aktiver, involvierender Charakter und bieten dadurch eine attraktive Alternative zum Gebrauch moderner Medien oder Computerspiele.

5.3. - Der Bauspielplatz als Ort sozialen und individuellen Lernens

Lernen wird auf dem Bauspielplatz nicht im schulischen Sinne verstanden. Vielmehr setzen Spielen, Entdecken, Erfahren, Entwickeln und die (gemeinsame) Tätigkeit der Nutzer_innen unweigerlich einen Prozess des Lernens und Erfahrens in Bewegung. Die Nutzer_innen begeben sich als "Gestalter_innen" des Bauspielplatzes in ein dynamisches, soziales Gefüge. Durch die gemeinsame Planung und Durchführung diverser Bauprojekte werden wichtige soziale Kompetenzen angesprochen und gefördert. Die Nutzer_innen lernen Entscheidungen in der Gruppe zu treffen, Kompromisslösungen zu finden und auftauchende Konflikte adäquat zu lösen. Dabei erfahren sie, dass man viel erreichen kann, wenn man zusammenarbeitet und können sich selbst als wichtigen und starken Teil der Gruppe erleben. Nutzer_innen, die lieber alleine bauen und spielen möchten, erleben zeitweise die Notwendigkeit und jederzeit die Möglichkeit, andere um Hilfe oder Rat zu bitten. Sie bleiben auch in ihrer aktiven Abgrenzung ein wichtiger Bestandteil des sozialen Prozesses.

Die Entwicklung eines konkreten Projekts (etwa einer kleinen Holzhütte) bietet neben sozialen auch diverse individuelle Erfahrungsräume. Es werden beim Bauen und Spielen vielfach sowohl basale als auch weiterführende motorische, perzeptive und kognitive Kompetenzen angesprochen und geschult. Die Nutzer_innen lernen handwerkliche Grundfähigkeiten, den Umgang mit einfachem Werkzeug, mit Naturmaterialien (z.B. Lehm, Holz, Weiden) und recycelten Objekten (alte Bretter, Balken, Möbel, Stoffe, etc.) und besonders deren Verwendungsmöglichkeiten als Bau- und Werkmaterial kennen. Die Kinder und Jugendlichen stoßen beim Planen und Bauen immer wieder an ihre persönlichen Grenzen und finden Anregungen zu neuen Lösungswegen oder Handlungsstrategien. Auf diese Weise entwickeln sie neue Kompetenzen und Fertigkeiten (z.B. Umgang mit Hammer und Nagel, Abzählen benötigter Nägel, Gleichgewicht halten, Kraftdosierung, Koordination) und lernen bekannte Fähigkeiten in einem neuen, ungewohnten Zusammenhang kennen. Bei der Verwirklichung gemeinsamer Projekte erfahren sie, dass sie auf die individuellen Fähigkeiten der anderen angewiesen sein und sich gegenseitig vorhandenes Wissen vermitteln können. Am Ende eines jeden Teilprojektes steht ein sichtbares und greifbares Ergebnis ihrer Arbeit, welches exemplarisch für die sozialen Dynamiken und den gemeinsamen sowie individuellen Lernprozess betrachtet werden kann.

So bietet der Bauspielplatz aus seiner Struktur heraus unterschiedlichste, reizvolle Lernsituationen und Erfahrungsräume auf jedem Niveau, die im schulischen Unterricht oder beispielsweise der Ergotherapie künstlich erzeugt werden müssen.

6. Pädagogisches Selbstverständnis

Das pädagogische Vorgehen des multiprofessionellen Teams ist geprägt durch vielseitiges theoretisches Wissen, berufsspezifische und pädagogische Erfahrungen. Es fließen Ansätze verschiedener pädagogischer und therapeutischer Inhalte in die Konzeption der Arbeit ein. Das Team hat vor allem eine Beratungs- und Begleitfunktion für die Nutzer_innen des Bauspielplatzes und kümmert sich um die organisatorischen Tätigkeiten wie etwa Werkzeugausgabe und die Bereitstellung von Materialien.

Es wird davon ausgegangen, dass Kinder und Jugendliche sich selbstbestimmt jeweils lebensweltlich relevante Lerninhalte und Reize suchen, wenn diese in angemessener Form vorhanden sind. Das pädagogische Team stellt günstige Rahmenbedingungen her, in welchen dies möglich ist. Es gibt in erster Linie Impulse und Hilfen und steht jederzeit für Fragen zur Verfügung. Innerhalb dieses Rahmens bewegen sich als Hauptakteur_innen die Nutzer_innen des Platzes selbst. Sie sind es, die dem Bauspielplatz sein Aussehen und seinen Inhalt geben. Insbesondere der sachgemäße Umgang mit Werkzeug und Material sowie die Stabilität der gebauten Konstruktionen ist zu gewährleisten. Darüber hinaus beobachtet das Team den Gruppenprozess, gibt Hilfen für die Findung gemeinsamer Entscheidungen und unterstützt bei Konflikten im Klärungsprozess.

Es gelten einige verbindliche Grundregeln des respektvollen Umgangs miteinander und gegenüber den Werkzeugen und Objekten des Bau- und Aktivspielplatzes. Die Regeln der Kommunikation und des sozialen Miteinanders werden mit den Kindern und Jugendlichen erarbeitet und entwickeln sich fortlaufend im gruppendynamischen Prozess. Kinder und Jugendliche werden als Fachleute für ihre Belange angesehen. Ihre Meinungen und Bedürfnisse sind entsprechend gewichtig. Einschränkungen und Reglementierungen sollen vom Team gezielt, angemessen dosiert und planvoll eingesetzt werden. Kommt es zu einem Regelverstoss (z.B. Werfen mit Werkzeug), kann eine Verwarnung ("Gelbe Karte") ausgesprochen werden. Bei besonders schweren oder wiederholten, mutwilligen Verstößen (z.B. Verletzen eines Kindes), ist nach einem Schlichtungsgespräch der Ausschluss vom Gelände für einen Tag ("Rote Karte") möglich.

7. Ziele und Grundprinzipien - Zusammenfassung

Offenheit, Kostenfreiheit, Freiwilligkeit

Grundvoraussetzung zur Teilnahme an den Angeboten des Bauspielplatzes ist lediglich die Anwesenheit zu den jeweiligen Öffnungszeiten. Ziel ist es, die Nutzung der Angebote möglichst vielen Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen. Die Angebote richten sich nicht ausschließlich an bestimmte soziale Gruppen. Es ist weder eine Mitgliedschaft notwendig, noch ein Eintrittsgeld aufzubringen. Lediglich zur Teilnahme an den Mahlzeiten und zu aufwendigen Projekten wird eine angemessene Spende erwartet, um die Unkosten zu decken.

Kontinuität

Die Hauptangebote des Bauspielplatzes sollen kontinuierlich durchführbar sein, so dass Aktivitäten auch über einen längeren Zeitraum verfolgt werden können. Es wird Wert darauf gelegt, den Kindern und Jugendlichen über diesen festen Rahmen und ein überschaubares, pädagogisches Team Verlässlichkeit und Vertrauen zu vermitteln.

Veränderbarkeit und Vielfalt

Das Aussehen und der angebotsbezogene Inhalt des Bauspielplatzes sollen veränderbar sein, so dass die Möglichkeit besteht, eigene Interessen und Ideen dauerhaft ausprobieren und verwirklichen zu können. Das Prozesshafte der Angebote ist eine wichtige Grundlage dafür, dass die Nutzer_innen sich als kreativen und wichtigen Teil des Projekts verstehen können.

Gleichberechtigung

Kinder und Jugendliche haben unabhängig von ihrem Geschlecht Zugang zu den Angeboten des Bauspielplatzes. Es wird darauf geachtet, dass insbesondere Mädchen ungeachtet rollenspezifischer Vorurteile das eher männlich konnotierte Bauangebot nutzen können. Das gemischte pädagogische Team hilft dabei, entsprechende Ängste und Konflikte zu überwinden.

Partizipation:

Die Kinder und Jugendlichen werden an den Entscheidungen, die das Projekt betreffen direkt beteiligt. Dadurch fühlen sie sich in ihren Bedürfnissen ernst genommen, lernen Verantwortung zu übernehmen und Konflikte gewaltfrei zu lösen. Im wöchentlich stattfindenden "Kinderplenum" können sie ihre Vorstellungen einbringen und über zukünftige Projekte mitentscheiden. Als Gedächtnisstütze dient dabei eine „Wunschbox“, in der Vorschläge und Kritikpunkte bis zum nächsten Plenum gesammelt werden. Das Erleben der eigenen Meinung als bedeutsam für die Entwicklungsrichtung eines Projekts und die Möglichkeit eigene Ideen anzusprechen und zu verwirklichen, bilden exemplarisch eine wichtige Grundlage demokratischer Bildung, Mitbestimmung, Gestaltung und Teilhabe in ihrem Stadtteil. Kinder und Jugendliche sollen bei der Gestaltung ihrer Lebens-Umgebung mitwirken können und so als Teil der Gesellschaft ernst genommen werden.

Selbstbestimmtheit und Autonomie

Die Kinder und Jugendlichen können sich auf dem Bauspielplatz von ihrer eigenen Motivation geleitet betätigen. Anders als in der Schule, wo Aktivitätsphasen und Pausen strikt vorgegeben sind, können die Kinder auf dem Bauspielplatz selbst entscheiden ob und wann sie aktiv werden. Sie können die bestehenden Angebote nutzen, sich aber auch auf dem Gelände aufhalten und "nichts tun", beobachten, ruhen oder spielen. Es gibt kein von außen vorgegebenes Maß, wie viel sie während eines Bauprozesses schaffen müssen. Selbst gesteckte, realistische Ziele sollten, wenn möglich, dennoch erreicht werden.

Ökologie

Sei es beim Gartenbau oder beim Bau eines Spielortes aus naturnahen Materialien; durch die bewusste Arbeit mit den Elementen der Natur entsteht ein wertvoller Bezug zur eigenen Umwelt. Die praktische und erlebnisorientierte Herangehensweise führt dazu, dass die Kinder und Jugendlichen neben theoretischem und praktischem Wissen eine ganz direkte Beziehung zur Natur entwickeln. Durch die Verwendung von gebrauchten Materialien und Gegenständen , die offensichtlich vorher etwas anderes waren, kann den Kindern der Gebrauchswert von Dingen, unabhängig von ihrem augenscheinlichen Marktwert näher gebracht werden. Die begrenzte Verwendung neuer, gekaufter Materialien trägt hierzu bei. Dadurch wird ein ökologisches Bewusstsein nachhaltig gefördert.

Soziale Bildung

Das gemeinsame Planen und Umsetzen der verschiedenen Projekte ermöglicht es den Kindern und Jugendlichen, Sozialkompetenz und Teamfähigkeit zu erfahren und aufzubauen. Sie entdecken wichtige Kompetenzen und Ressourcen bei sich und anderen und können eine feste Position innerhalb einer Gruppe finden und ausprobieren. Dabei ist der gleichberechtigte und selbstverantwortliche Umgang miteinander ein wichtiges Anliegen des Projekts. Es bietet den Kindern und Jugendlichen einen geschützten sozialen Erprobungsraum: In einer Baugruppe sind eigene und fremde Bedürfnisse anhand des derzeitigen Bauprojekts viel direkter erfahr- und umsetzbar, als es etwa in einem Klassenverband möglich ist. Es können Erfahrungen im Umgang mit übergriffigem, dominantem Verhalten, genauso wie passivem Verhalten gemacht und entsprechende, eigene Verhaltensstrategien entwickelt und ausprobiert werden. Die Nutzer_innen lernen ausserdem, dass sich vieles erreichen lässt, wenn es gemeinsam mit anderen angepackt wird. Die hier gewonnenen Erfahrungen beeinflussen als Alltagsbildung auch das schulische und familiäre Leben positiv.

Integration

Der Bau- und Aktivspielplatz dient auch als sozialer Treffpunkt im Stadtteil. Er wurde geschaffen mit dem Ziel, einen offenen Raum unter anderem für Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien mit sinnvollen Freizeitangeboten vorzuhalten. Die Teilnahme an Aktivitäten, die in der eigenen Wohngegend stattfindet, fördern den sozialen Austausch. Die Nutzer_innen des Bau- und Aktivspielplatzes lernen andere Kinder und Jugendliche kennen, mit denen sie sonst selten die Freizeit verbringen (z.B. Menschen mit und ohne Behinderung, Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, mit fremden Dialekten oder einfach aus einem anderen Stadtteil). Sie haben Gelegenheit miteinander an einem kreativen Projekt zusammen zu wirken und lernen in der Gruppe die Ideen und die Arbeit der anderen zu respektieren und zu schätzen, unabhängig von Geschlecht, nationaler Herkunft, Einkommen der Eltern usw..

Kreativität

Die Kinder und Jugendlichen dürfen bei der Planung und Verwirklichung der eigenen Projekte ihrer Fantasie und Kreativität freien Lauf lassen. Dabei erleben sie ein Höchstmaß an Eigenständigkeit und Freiheit im Schaffen. Am Ende besteht ein sichtbares und greifbares Ergebnis ihrer Arbeit. Das vorhandene Material wirkt durch seine einfache Verwendbarkeit anregend und bietet die mögliche Umsetzung kleiner, handlicher bis haushoher Ideen. Vorhandenes Wissen wird in unterschiedlichsten Situationen in neuem Zusammenhang angewandt und legt so Grundlagen für die weitere Entwicklung kreativen Denkens und Handelns.

Selbstwirksamkeit

Wir möchten einen Rahmen bieten, in welchem Kinder und Jugendliche an ihre Fähigkeiten angemessen wirksam werden können. Ein Ziel ist es, zu ermöglichen, eigene Ideen mit einfachen Mitteln für alle sicht- und nutzbar umzusetzen Die Gestalt eines Teils der Lebensumgebung (Zimmer, Straße, Schule, Stadtteil) ausdrücklich verändern und gestalten zu dürfen, ist für Kinder und Jugendliche leider eine seltene Erfahrung. Als Triebfeder von vielen Qualitäten wie Selbstwertgefühl, sozialem Engagement, kognitiver und psycho-emotionaler Entwicklung möchten wir das Erfahren der Selbstwirksamkeit ermöglichen und fördern.

Selbstwerterfahrung

Unser Ziel ist es, ein Setting zu schaffen, welches die Nutzer_innen in ihrem Selbstwertgefühl stärken kann. Sie sind zentraler Bestandteil des Geschehens auf dem Bauspielplatz und werden in dieser Position als "Entscheider_in" und Protagonist_in durch einen entsprechenden Rahmen unterstützt. Bei der Verwirklichung eigener Projekte machen die Kinder und Jugendlichen die Erfahrung eines von ihnen selbst gesteuerten Entstehungsprozesses. Von dem Entwurf eines Plans, der handwerklichen Umsetzung bis zu dem fertigen Ergebnis, erleben sie die sichtbaren Resultate ihrer eigenen Fähigkeiten. Sie lernen einen Plan zu entwerfen, Risiken einzugehen, Lösungsstrategien für auftretende Probleme zu finden und sich erreichbare Ziele zu stecken. Das bewusste Erleben eigener Kompetenzen gegenüber abbaubaren Defiziten ist eine wichtige Grundlage für ein ausgeglichenes, dynamisches Selbstkonzept.

9. Perspektiven

Der KIWEST e.V. bemüht sich weiterhin um eine Förderung durch die Stadt Leipzig. Ziel ist außerdem eine Vergrößerung des Geländes, da das momentane Gelände den Anforderungen der Nutzer_innen nur noch bedingt genügt. Im Gespräch ist ebenfalls ein möglicher Umzug auf das Gelände des Plagwitzer Bahnhofs. Weiterhin streben wir an die Nachbarschaft noch stärker in den Bauspielplatz einzubinden um vermehrt generationsübergreifend zu arbeiten. Dies kann in Form von Informationsveranstaltungen, Einladungen auf eine Tasse Kaffee, Mithilfe bei Festen und gemeinsamen Arbeitseinsätzen erfolgen. Auch die Zusammenarbeit mit den Schulen soll weiter ausgebaut werden. Hierzu haben wir uns bei verschiedenen Schulen als Ganztagsangebots-Partner beworben, veranstalten Projekttage und Ferienangebote in Zusammenarbeit mit dem Sommerferienpass der Stadt Leipzig. Es soll in Zukunft die Nutzung des Projektes durch Menschen mit körperlichen und/oder geistigen Beeinträchtigungen erleichtert werden. Ein weiteres Ziel ist der zeitnahe Aufbau von Kooperationen mit den pädagogischen Fakultäten der Universität und der HTWK Leipzig.

10. Quellen

- Fachplan für Kinder- und Jugendförderung der Stadt Leipzig, 2011 und 2012

- Rahmenkonzeption für Jugend- und Aktivspielplätze des BdJA

(Die Quellen als Download und weitere Links zur Vertiefung finden Sie auf unserer Homepage unter www. kiwest.org)

Für weiterführende Infos:

(Rahmenkonzeption Bau- und Aktivspielplätze - BDJA e.V.-)
http://www.bdja.org/files/rahmenkonzeptiona5_mit_logo.pdf

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