Ein Märchen aus zwanzig und einer Nacht

| Nach einer entspannten Diskussion um diverse Urlaubsziele, gleichmäßig verteilt rund um das Mittelmeer, ergab es sich, daß sich Heike und mir, den beiden verwegenen Forschungsreisenden, das Land Marokko als das abenteuerlichste und lohnendste Urlaubsziel darstellte. Dank einem gewieften Händler auf der Alaunstraße bekamen wir es sogar hin, daß uns eine Fluggesellschaft für schlappe 350 Märker dahin transportierte und auch wieder zurück. Aber die Fluggesellschaft wollte ihr Flugzeug partout nicht in Dresden auf die Piste schicken, sondern in Leipzig und so machten wir uns an einem schönen, sonnigen (ich weiß gar nicht mehr) Tag auf die Socken und hielten den Daumen in den Wind und wurden auch gleich von einer Frau, die wir an der Tankstelle angesprochen hatten, mit nach Leipzig genommen. Wohlgemerkt in ihrem Dienstwagen, was nach deutschem Versicherungsrecht ja eigentlich gar nicht möglich wäre. Aber siehe - es gibt immer noch Menschen! par In Leipzig übernachteten wir in einer WG mit Hund (bösem Hund!) und ließen uns ziemlich zeitig wecken, damit wir den Flieger um 7.10 Uhr kriegten. Für mich war es der erste Flug. Noch hatte ich Ideale, aber bald schon sah ich mich, meines Kochers (deutsche Sicherheitsbestimmungen!) entledigt, inmitten eines aluminiumnen Silbervogels sitzen, getauft auf den Namen Boeing 737. Die Triebwerke brummten, die Fenster wurden geschlossen, und schon schüttelte die Maschine auf die Start- und Landebahn, die wir diesmal als Startbahn benutzten und auch dementsprechend in die Luft stiegen. Ich hätte nicht gedacht, daß ein Flugzeug so rumpelt und wackelt. Ich hatte zwar in Filmen schon gesehen, daß sich die Köpfe der Passagiere gleichmäßig hin- und herbewegten, besonders, wenn das Flugzeug kurz vor einem Absturz in die Tiefe sank; aber daß es wirklich so ist, hatte ich gar nicht gedacht. Mir war dann auch etwas schlecht, besonders wenn ich den Kopf drehte und nach unten schaute, wo die Kühe und die Häuser immer kleiner wurden. Heike war da schon erfahrener und tröstete mich, da ß es ja Kotztüten gibt und sie zeigte mir auch, wo die sind. Nun ja, bald waren wir soweit oben, daß man keine Kuh mehr sehen konnte und schon gab es Verpflegungsbeutel: in einem Beutel aus Plaste war ein Beutel aus Plaste, in dem ein Beutel aus Plaste war, in welchem ein lappriges Brötchen war und noch ein kleiner Karton voll Saft. Und schon setzte der Kapitän zum Sinkflug an und begann in Nürnberg zu landen. Nürnberg ist auch ein kleines Städtchen mit vielen Wolken, man konnte es erst erkennen, als wir schon fast auf der Landebahn waren. Dafür setzten wir weich auf und der Kapitän bekam einen Applaus von den Passagieren, obwohl wir den Flug doch schon bezahlt hatten. Nun, nach meinem ersten Flug, sagte ich mir, jetzt kann ich nie mehr sagen, ich wäre noch nie geflogen. Denn ich war ja nun geflogen. Ich glaube, Fliegen ist gar nicht so schlimm, wenn man drin sitzt. par Nun ja, in Nürnberg wurden wir gleich mit einem Bus abgeholt und in ein größeres Bierzelt gefahren, wo wir einen Gutschein für ein Glas Saft erhielten, der so groß war, daß man gleich das Glas darin einwickeln konnte. Im Bierzelt gab es einen kleinen Raum, in dem man zollfrei einkaufen konnte: Schnaps, Zigaretten, Schokolade und Parfüm, also die Grundnahrungsmittel eines Reisenden. Sehr praktisch. Der Nürnberger Flughafen scheint irgendwie eine Sammelstelle zu sein, denn aus allerlei Richtungen flogen Flugzeuge ein, deren Passagiere, also auch wir, in andere, größere Flugzeuge umgeladen wurden. Wir wurden in eine Boeing 737-800 geladen, die direkt nach Agadir in Marokko flog. Ich war ja jetzt schon Flugprofi, und dementsprechend locker, die Schultern entspannt nach unten hängend, bestieg ich die Maschine. |
"Marrakschmarrakschmarraksch..." Der Schreiende hat meist auch die Fahrkarten
in der Hand. Die Karten sind billig. Gepäck wird meist unten im Bus
verstaut, mit Vorliebe neben undichten Ölfässern oder gemeinsam
mit vor Angst kotenden Schafen. Dafür zahlt man pro Gepäckstück
5 DH; gern wird auch mehr genommen, besonders, wenn man kein Kleingeld
hat, wird der Schein gleich einbehalten, ohne zurückzugeben. |
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Die brummte auch schon, hatte aber etwas größere Triebwerke. Bald starteten wir im Minutentakt mit zwei anderen Flugzeugen auf der Startbahn. Wir ließen die Alpen hinter uns, die Pyrenäen, dann aßen wir in Plasteschüsseln und Tellerchen gelegtes Brot, Wurst und Käse und einen Müsliriegel (Balisto). Dann flogen wir über die Meeresenge von Gibraltar und die Wolken verflogen sich. Wir erkannten Marokko unter uns und landeten dort auf der Landebahn. par In Marokko hatte man sich schon auf unseren Urlaub vorbereitet und es etwas wärmer gemacht: zirka fünfundzwanzig Grad in der Sonne. Wir empfingen unser Gepäck und stellten uns beim Ortsgendarm an, damit er uns seinen Stempel in den Reisepass drücken konnte. Er guckte dabei so ernsthaft, daß man glauben konnte, es wäre eine sehr wichtige Angelegenheit, diesen Stempel in die bereitwillig hingehaltenen Heftchen der Urlauber zu pressen. Bei mir guckte der Herr Gendarm etwas zu sehr streng, deshalb vergaß er gleich einen Stempel in mein Heftchen zu stempeln. Dieses Mißgeschick sollte meine Anmeldeformalitäten während der gesamten Reise behindern, aber davon wußte ich an dieser Stelle noch nichts. Ich durfte also ohne Nummer das Land des Königs Hassan bereisen. par Heike und ich tauschten unsere Devisen gegen marokkanisches Geld um und gingen nach draußen, wo schon der Stadtbus Linie 22 stand, der, so Heikes Recherchen zufolge, nach Inezgane fuhr.
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| Ich war erschlagen von der vielen Exotik und Fremdländigkeit um mich herum. überall waren Ausländer, auch die Touristen waren in ihren eigenen modernen Hotelbussen verschwunden, die sie bequem und sicher nach Agadir fahren sollten. Wir saß en inmitten von Marokkanern in einem ehrlich mal heruntergekommenen Teil von Bus. Ich war schockiert und wollte schon auf mein europäisches Feingefühl und Ordnungssinn pochen und einen anderen Bus verlangen, aber die hätten mich ja eh nicht verstanden. Die Marokkaner. Die sind eine Spezies für sich. überallhin begleiten sie einen. Viele können deutsch, arabisch oder auch berberisch. Am besten verstand ich berberisch, nämlich gar nicht. Aber eine Reise ist ja dazu da, daß man sich mit den Gastgebern unterhält. Aber französisch, wie sie auch sprechen, noch von der Kolonialzeit her, kann ich ja auch nicht. Das war echt hinderlich auf der Reise. Ich wollte ja die Menschen insbesondere und ihre Lebensweisen kennenlernen, und das geht eben nun mal am besten über die Sprache. par Auf jeden Fall haben mich die ersten Eindrücke ziemlich erschlagen. Die Häuser waren ganz anders gebaut, so aus Lehm und als Kisten in der Gegend herumstehend. Überall waren Menschen zu sehen, denen man die verschiedenartigsten Tätigkeiten zuordnen konnte: Schuhputzer, Löffelflicker, Betrüger, Verkäufer, Herumsteher, Ansprechpartner etc. Und alle verstanden sich auf ihr Handwerk. Jeder dritte war Ansprechpartner und begrüßte und zwei- bis dreimal und fragte, wo wir her sind. Nach dem zwanzigsten Kontaktversuch gab ich zu, aus Polen zu stammen, denn diese Sprache kannten die Marokkaner anscheinend noch nicht und sie ließen dann über kurz oder lang von den Gesprächen ab und ließ en Heike und mich miteinander ein Gespräch führen. Wir besprachen dann gleich, daß wir uns ein Hotel suchen und das Gepäck dort abgeben und dann einen Stadtbummel machen. Ich hatte ziemlich selten in den vergangenen Urlauben in Hotels geschlafen, genaugesagt nur einmal, aber hier war es möglich und die Hotels entsprachen fast meinem Geschmack: sie kosteten nur um die fünf Mark pro Nacht, hatten ein Bett im Zimmer und eine Toilette auf dem Gang. Meist waren die Zimmer so angelegt, daß das Hotel um einen Innenhof gebaut war und man auf Terrassen in die Zimmer gelangen konnte. Beim Anmelden mußte man immer einen Zettel ausfüllen, auf den man unter anderem schrieb, wo man herkam und wohin man beabsichtigte, hinzufahren. Doch nicht nur das, sondern die besagte Einreisenummer gehört e auch noch auf den Zettel. Doch derer hatte ich ja keine. | Sie gehen hin, um zu gucken oder zu helfen und kommen wieder
zurück, damit der Bus weiterfahren kann. Nun haben wir von Marrakesch die tollsten Stories gelesen; auch Heikes Reiseführer ergötzt sich an fabulösen Beschreibungen von Touristenfängern, Betrügern und Guides, die einen in die Hinterhälte der Souks locken, um dort die Touristen auszuschlachten. Wir wappnen uns also, verstauen die Geldbörsen ganz tief unten am Bauchnabel, rüsten unseren Verstand mit Spitzfindigkeit und sind auf alle Schläge gefaßt. Wir nähern uns dem Busbahnhof und nehmen schon die Touristenabwehrhaltung ein: forscher Blick, bleckende Zähne, schneidiges T-Shirt. Doch alles umsonst: wir werden gar nicht beachtet, die Menschen gehen um uns drumrum mit ihren Karren, lassen uns durch, sprechen uns nicht an. Ich fühle mich, als wäre ich ein himmlisches Wesen und niemand würde mich erkennen. Ganz perplex gehen wir zuerst einmal zu einer Bank und setzen uns hin. Verschnaufen. Was war das? In Ruhe lesen wir den Reiseführer, gehen unbehelligt in die Stadt, werden nicht einmal angebettelt. Ob es so etwas gibt, daß man in besonderen Notsituationen als Tourist eine extraterrestrische Erscheinungsform annimmt, die einen vor den grimmigen Blicken der Ausländer schützt? Doch ich weiß: es war sicher die Hand der Fatima, der Tochter Mohammeds, die die ihren vor dem "bösen Blick" schützt, vor dem sich alle Marokkaner fürchten. Wir toben also rein in die Stadt, durch ein wunderschönes Stadttor wie aus tausendundeiner Nacht, ins Getümmel. Laden an Laden. Fleisch hängt zum Fenster raus, gleich batzenweise bzw. Kuhschenkelweise, Friseure bemühen sich, ihren Kunden die Ohren dran zu lassen, Gewürzverkäufer sitzen gähnend neben Bergen von rotem, gelbem und orangem "echten" Safran und Pfefferminzverkäufer stehen bei ihren riesigen Bündeln duftender frischer Pfefferminze, die sie entweder auf einen Esel oder auf ihr Fahrrad geschnallt haben und die als Grundlage für den marokkanischen Tee dienen. Die Teezeremonie verbindet das Universum: die Platte, auf der alles serviert wird, ist das Universum; die Kanne, in die zuerst heißes Wasser mit grünem chinesischen Tee (Gunpowder-quality) getan wird, dann Minze und dann riesige Mengen Zucker, ist die Sonne, und die kleinen, schnapsglasgroßen Gläschen sind die Planeten. Der Zucker wird mit einem Hämmerchen oder einem Stein oder was gerade zur Hand ist von einem Zuckerhut abgeschlagen, der ein Kilo schwer ist. Ist alles durchgezogen, dann wird das erste Gläschen gefüllt und wieder in die Kanne zurückgegossen. Das dreimal. Dabei wird sich mit dem gegenüber unterhalten, denn vornehmlich bei Verhandlungsgesprächen werden einige Tees getrunken, "marokkanische Gastfreundschaft". Dann werden mit einer galanten Armbewegung alle Gläschen gefüllt, wobei die Kanne immer hö her gehoben wird, bis man die Spritzer das Wassers geradezu auf seinem Hosenbein spürt. Ist das Glas voll, wird die Kanne ruckartig zurückgeschwenkt und das nächste Gläschen gefüllt. Vor dem Trinken sagt man "Bissaha", was soviel heiß t wie auf die Gesundheit. Beim Essen sagt man "Bismillah", was "in Gottes Namen" bedeutet. par Mittag essen wir in einer kleinen Kantine, an der sich auch beobachtbarerweise die einheimische Bevölkerung guttut. |
| Also stand ich immer mehr oder weniger lange ein Gespräch führend, meine Unschuld beteuernd, an der Rezeption, während Heike ihre Sachen schon immer auspackte. Ich bemerkte meinen unwahrscheinlichen Fußgeruch, der sich infolge der warmen Witterung und meines Schweißes gebildet hatte und beschloß, gleich am nächsten Tag ein paar Sandalen zu kaufen. Heike äußerte sich beifällig zu meinem Vorhaben. Auch sie äußerte Bedenken bezüglich ihres eigenen Fußgeruchs, Ich konnte ihren aber nicht riechen, weil mein eigener stärker war. Wir bummelten abends durch das kleine Städtchen Inezgane, einem wimmelnden Umschlagplatz für Menschen und Material, gelegen mitten in der fruchtbaren Ebene des Souss, einem der wenigen wasserführenden Flüsse in Marokko. Ich hatte die erste Begegnung mit den verwirrenden Händlervierteln in den Städten, den Souks, in denen Händler sitzen mit spitzer Nase und kleine unerfahrene Touristen betrügen. Aber es sieht auch zu verführerisch aus, die Ledersachen und Gewürze zu Berg auf Tischen und Ständern gestapelt zu sehen! |
Wir gucken mal in die großen Töpfe und kosten die darin befindlichen Eintöpfe aus Bohnen. Schmecken lecker. par Auf einem großen freien Paltz ist die Koutobia- Moschee und in einer Seitenstraße unser Hotel "Afriqua". Im Hotel Ali gibt es Internet und E-Mail. Das ist was für mich, ich setze mich zehn Minuten ran und lese alle Mails und antworte kurz. Neben mir sitzen englische und holländische Leute und draußen vor dem Fenster stehen Männer in abgerissenen Jellebahs. Der Sprung in die Zeit kann nicht größer sein. ![]() |
| Ein Händler, dessen Namen wir hier nicht nennen wollen,
lud uns zu einem Glas Tee ein und erklärte uns die Anwendung und Bezeichnung
der vorzüglichsten Gewürze, Tees und Heilkräuter einschließlich
diverser potenzsteigernder Mittelchen. Wir saßen auf einer niedrigen
Bank hinter Bergen von Schalen und Schüsseln voller Gewürze, hinter
uns Regale mit toten Motten, getrockneter Eidechsenhaut und Fliegenlarven.
Der Händler mit der spitzen Nase schrieb in sein Büchlein einige
deutsche Begriffe, die wir ihm erklärten, auf, damit er den nächsten
Touristen besser die Anwendung zum Beispiel des chinesischen Riechpulvers
erklären könnte. Es gibt aber auch für jedes Wehwehchen ein
Mittelchen; nur alle Spezereien haben eines gemeinsam: wenn Du sie kaufst,
zieht man dir das Geld aus der Tasche. Heike spricht zwei hübsche junge vertrauenerweckende Männer an, ob es hier irgendwo eine gescheite Kneipe gäbe, wo man gut essen kann. Tajine oder so. Tajine ist eine Nationalspeise, bereitet in Tongefäßen, mit Gemüse und Fleisch oder Fisch. Geschmort auf Holzkohle. Schmeckt lecker! Eben jene Tajine verschafften die beiden uns, bezahlten sie sogar und führten uns in die Schule, in der der Vater des einen Direktor war und anschließend in die gute Stube der Eltern. Die Stube war ringsum mit einem einzigen riesigen Sofa gefüllt, nur die Tür und die Stelle der Schrankwand waren ausgelassen. In der Schrankwand stand der Fernseher mit Satellit, der eingeschaltet wurde, damit wir uns bei laufendem Fernseher besser unterhalten könnten. Wir saßen mit den beiden auf dem Sofa, bekamen Kekse und Tee, während draußen vor der Türe die Frauen und Kinder lachten und tuschelten. Vor dem Fenster wimmelte es nur so von Kindern, die hineingucken wollten zu dem ungewöhnlichen Besuch. Wir spürten: die Menschen leben Gastfreundschaft pur, sie laden einen nicht nur so ein, sondern sie sind herzlich liebe Gastgeber. Aber: in die Stube durften nur die Männer, und die Frauen waren draußen oder in der Küche. Eine Frau wollte mit uns reden, sie konnte sehr gut englisch, fragte aber, ob sie uns störe, bevor sie hereinkam und sich zu uns setzte. In Marokko hat man vor einigen Jahren fast keine Frau auf der Straße gesehen, jetzt sieht man bereits einige verschleierte tagsüber, doch ab 19 Uhr sind alle zuhause verschwunden. Einige Frauen, vornehmlich jüngere in Touristengebieten, ziehen sich auch offen an und sind gesprächsbereit. Wir bummeln noch mit den jungen Männern in eine Milchbar; die beste der Stadt, wie wir nachträglich im Reiseführer lesen und trinken Milch und Saft. Alkohol ist so gut wie unbekannt und das ist ziemlich wohltuend. Auch die Art, wie die Marokkaner miteinander umgehen, hat mich, so fremd und ungewohnt es mir ist, doch fasziniert. Sie sind miteinander im Gespräch, haben sich etwas zu sagen, es ist noch nicht alles wie in Deutschland geklärt und per Gesetz geregelt, so daß man gar keinen Grund mehr hat, jemanden anzusprechen, sondern das Leben hier ist im Fluß, ständige Gespräche und Beziehungen und eine schützende Familienbeziehung begleiten die Menschen den ganzen Tag. Selbst ein Einkauf verläuft nicht routiniert und still sondern der Preis will verhandelt sein. Im Gespräch steht nicht nur die begehrte Ware im Mittelpunkt, sondern man lernt sich auch kennen, begründet die eigene Preisvorstellung und nimmt so eine Beziehung zum Verkäufer auf. par Am zweiten Tag in Marokko kaufe ich mir gleich früh bei einem Schuhmacher die Sandalen, die ich von 140 DH auf 120 herunterhandeln kann. Der Tauschkurs war 1 Mark zu 5,3 DH zur Zeit. Alles ist ziemlich billig, Hotelzimmer pro Nacht um die 6 Mark, ein Kilo Obst 80 Pfennig, ein Baguette 20 Pfennig, eine Busfahrt von 200 km etwa 8 Mark. |
Nachmittags stürzen wir uns aufs Geratewohl in die Souks und erleben eine mittelalterliche Welt: für uns Europäer, disneylandgewohnt, scheint es, als ob die Buden extra für den Jahrmarkt aufgebaut wurden, aber es ist unfaßbare Realität: die Leute wohnen hier und arbeiten und daß so eng und oft so unhygienisch, daß zum Beispiel in Marrakesch noch in den achtziger Jahren eine Choleraepidemie war.
Man kann es wirklich kaum glauben, wie die Menschen arbeiten. Die Färber sitzen in einem schwarzen Loch, in dem eine Feuerstelle und ein großer Bottich ist. Rauch zieht aus Löchern ins Freie. Vor dem Stand hängen Wollbündel in gleißend bunten Farben. Oder Schmiede sitzen auch neben einem kleinen Ofen und hämmern Messer und Beschläge, auf dem Fußboden kauernd. In Schneidereien halten kleine Kinder lange Fäden zum Dschellebahnähen. Überall wird man angesprochen und oft findet man sich in einem Teppichladen wieder mit der Frage an sich selbst: "Was wollte ich eigentlich hier drin?" par Gegen Abend füllt sich der zentrale Platz, der Djemaa- al- Fna (Die Versammlung der Toten) mit Menschen. Märchenerzähler, Wahrsager, Zukunftsdeuter, Orangensaftpresser, Mandelverkäufer, Essenverkäufer. Dampf steigt in die surrende Luft. Keine Ruhe scheint dem Platz gegönnt, doch welch Wunder: gegen zehn verzieht sich einer nach dem anderen und der Platz liegt da, bereit, sich zu erholen für den nächsten Tag. |
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Wir frühstücken im Hotel einen Tee und ein Baguette und fahren mit einem verrückt heruntergekommenen Bus nach Agadir. Im ganzen Bus muß man suchen, bis man einen Rest eines Polsters irgendwo in der Ecke eines Stuhles findet. Ansonsten sitzt man auf dem blanken Metall, aus dem die Befestigungsschrauben spießen. In manchen Bussen ist hinten noch eine Kabine eingebaut, in dem ein müder Mann hockt - die Fahrkartenausgabe. Wir lassen uns im Bus fotografieren, dann setzen sich drei Frauen neben uns auf die Rückbank. Eng. Weiter fahren wir mit einem anderen Bus nach Targazhoute, einem kleinen Fischerdorf am Atlantik. Wir wollen baden gehen. Im März ist der Atlantik schon ausreichend warm und auch die Sonne brennt auf den Buckel, so daß man sich ohne Sonnencreme gar nicht im Freien aufhalten kann. Im Bus lernen wir Eischa kennen, eine Siebzehnjährige, die auch an den Strand fährt, aber zur Arbeit. Sie bemalt mit der Pflanzenfarbe Henna Hände und Füße auf eine für mich schreckliche Art und Weise. Schrecklich häßlich. Eine Paste aus Henna wird in eine Spritze gefüllt und dann damit Striche und Muster auf die Haut gemalt. Die Paste behält man einige Zeit drauf, dann hat sich die Haut gefärbt und bleibt einige Tage so. Dann aber wird die ganze Hand verwaschen schmutzig braun und unansehnlich. Aber die Frauen finden es dort hübsch und tragen Henna regelmäßig und oft. ("Wenn es Mode wäre, sich die Fingernägel blutig zu schlagen, würden es die Frauen tun..."). Wir also runter an den Strand und siehe da- Abdullah ist auch schon da.
Abdullah ist ein etwa gleichalter Marokkaner, der auf einem Russendampfer
ein halbes Jahr fischen geht und dann ein halbes Jahr frei hat und in
seinem Heimatdorf lebt. Jetzt hat er gerade frei und vermittelt für
seinen Freund Zimmer.
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Am nächsten Tag wollen wir uns die sogenannten "Agdal-gärten"
ansehen und umwandern fast die halbe Stadt, bis wir eine große Plantage
voller Olivenbäume entdecken und einer Einheit Soldaten mit Panzern
darin. Wir dürfen passieren. |
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Wir nehmen das einfache und sind mitten im bunten Leben von Künstlern,
die Bilder malen, die fast wie australische Zeichnungen der Aborigines
aussehen, aber, was wir dann feststellen, typisch für diese Gegend
sind. Mit Abdullah, der sich als wirklich gutmütig herausstellt,
gehen wir einkaufen und bereiten eine köstliche Gemüsetajine
zu, die wir gemeinsam verspeisen. Abends sitzen wir noch am Strand und
ich spiele Konzertina und locke damit jede Menge Kinder an. Sogar fotografieren
lassen sich die Mädchen, nachdem ich ihnen erlaube, zuerst uns zu
fotografieren. Billiger, aber wirkungsvoller Trick! Beim Fotografieren
bin ich immer hin- und hergerissen. Wenn ich viel fotografiere, fühle
ich mich manchmal wie einer, der den Menschen die Seele aus dem Leib reißt.
Aber nur nebenbei zu fotografieren, bringt wiederum keine besonderen Bilder
zustande.
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An die Hänge geklammert stehen die Hütten von Gebirgsdörfern,
im Tal blühen Mandelbäume. Wir hofften, in einem verträumten
Dörfchen auszusteigen und ahnten nicht, daß wir mit einem "Madame,
Cafe?" begrüßt werden und auf einer Einkaufsmeile gelandet
sind. Wir also schleunigst weg von hier. Beim Marsch entlang der Straße
treffen wir zwei Verkäufer, die den ganzen Tag in einer Garage sitzen
und Souvenirs verkaufen. Nebenbei sind sie noch ein kleiner Dorfladen,
der Couscous und Eier verkauft. Wir sitzen an die zwei Stunden mit den
Männern zusammen, trinken Tee, essen Rührei und finden es ziemlich
schön hier, besonders, weil es draußen anfängt mit regnen.
Das Mädchen mit Kuh, das die ganze Zeit schon von der anderen Straßenseite
aus zu uns herüberschaut, macht sich nichts aus dem hier schon kalten
Regen, allerdings wird es ihr unheimlich, als ich hinübergehe und
mit ihr reden möchte. Da verzieht sie sich lieber, sowas kennt sie
nicht. Wir halten den Bus an und retten uns durch Schnee und Regen hinüber
nach Ouarzazote, denn schließlich sind wir nach Marokko gefahren,
um Sonne zu haben! Abends bummeln wir noch ein bißchen und suchen
etwas warmes zu essen. Dabei geraten wir irgendwie, abseits der Hauptstraßen
in ein absolut feines Restaurant, wo ich mich über Heike zu wundern
beginne, denn sie speist billige Italienische Spaghetti mit Tomatensoße!
Ich esse das erste Mal Couscous, den Hartweizengrieß.
Doch hinter dem Dorf sehen wir einen überwältigenden Anblick: über mehrere Kilometer hin erstreckt sich eine riesige Fläche mit Dattelpalmen; frisches Wasser plätschert in Kanälen, Obstbäume wachsen zwischen den Palmen. Ein Paradies! Wir streifen einfach so hindurch, uns begegnen Bauern, die einen gelassenen und fröhlichen Eindruck machen. Hier ist das Paradies. Wo sonst nur Steine ringsum sind, wächst und gedeiht durch das Wasser eine Unmenge Pflanzen.
Zum Frühstück gibt es selbstgebackenes frisches Brot, gefüllt mit einer Paste aus Zwiebeln, Paprika und Tomate, Salz und Pfeffer, dazu eine Grießsuppe ebenfalls mit Paprika, Zwiebeln, Salz und Pfeffer und Kaffee mit Milch und Pfeffer. Weil es das Brot immer frisch gibt, interessiere ich mich natürlich für die Küche. Mohammed zeigt sie mir: sie ist tatsächlich ein kleiner rauchschwarzer Raum mit drei kleinen Lehmöfen auf dem Fußboden: einer für Brot, einer für Suppe, einer für Tee. Die Katze liegt am Fußboden vor einem Ofen und wärmt sich an der Glut. Mohammed ist ein guter Gastgeber. Wir machen noch ein gemeinsames Foto und schenken etwas und ziehen dann weiter. |
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Abdullah führt uns zur Höhle, in der sein Großvater zehn
Jahre gewohnt hat. Sie liegt direkt am Strand an einer kleinen Bucht am
Ende des Orts. Er möchte uns eine Fischtajine zubereiten. Wir besuchen
zwei Steinhauer, die Mühlen für das wertvolle Argon- öl
herstellen, indem sie den ganzen Tag unter einem Steinverschlag hocken,
durch ein Tuch vor der Sonne geschützt und mit vier verschiedenen
Hämmern die Mühlen pickern aus Steinen, die sie am Strand sammeln.
Ich will natürlich mal mitpickern und beginne eine kleine Mühle
zu machen. Heike und Abdullah pickern auch ein bißchen mit. Doch
dann, als sie mein Interesse sehen, bauen die zwei Männer mir eine
komplette Mühle aus Sandstein, die ich aber, weil sie so schwer ist,
Abdullah schenke, damit er sie als Erinnerung in die Höhle stellen
kann. Ich nehme nur die gemeinsam gepickerte Hälfte mit in die Kraxe.
Heike und Abdullah haben schon fleißig gekocht, es riecht am ganzen
Strand. Die Tajine schmeckt auch lecker, man ißt mit den Fingern,
und zwar macht man sich kleine Brotstückchen, die man in die rechte
Hand nimmt und die Soße der Tajine und kleine Stückchen herausklaubt.
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Mohammed zeigt uns seine Gärten und erklärt uns einige Pflanzen.
Es gibt männliche und weibliche Palmen. Männliche Palmen bilden
eine Kapsel aus, in der der Samen steckt und weibliche Palmen haben Bündel
haarfeiner Teilchen. In den Gärten wachsen außerdem noch Granatäpfel,
Weizen, Luzerne, Gras und Mandeln. par Wir wandern ein Stück allein
weiter, bis ins nächste Dorf, wo wir den einen Sohn wiedertreffen,
der hier als Autoschlosser arbeitet und zwei Stunden auf den nächsten
Bus warten. Es kommt aber keiner, sondern wir nehmen nach zähen Verhandlungen
ein Touristenauto bis nach Zagora. Dort suchen wir die billigste
Kameltour und verhandeln zäh in zwei Stunden mit zwei Männern,
bis diese aufgeben und sagen: deutsche Frauen sind anstrengend. Heike,
die diesmal Fatima heißt, ist stolz über dieses Kompliment.
Der Händler barmt über den Preis. Die Hälfte muß
er nun aus eigener Tasche bezahlen. Doch Geschäft ist Geschäft.
Wir übernachten auf der Terrasse eines Hotels unter einem aufgestellten
Zeltdach. Nach Mitternacht springe ich nackt in den Pool; ich habe mich
sosehr danach gesehnt.
Eine Stunde dauert das Satteln, dann geht es los, mitten in die Wüste. Unser Ziel ist die Sanddüne Hareklehoudi. Drei Stunden sitzen wir auf den blöden Viechern und der Hintern schmerzt. Dann dürfen wir absteigen und beziehen unser Zelt. Mohammed, der zweite Führer, bereitet das Abendessen zu und wir besteigen die große Sanddüne, um den Sonnenuntergang gemeinsam mit anderen Touristen zu beobachten. Nachts gehen wir noch ins Nachbarzelt, wo jugendliche Berber wie die wilden Trommeln und ihre Siebziger Jahre- Hits auskramen. Sie sind begeistert bei der Sache und wir kommen kaum in deren Rhythmus hinein.
Die marokkanische Lebensweise ist sehr gekennzeichnet vom Aufeinanderprallen
von Modernem und Urwüchsigem. Als wir so zwischen den exotisch gedressten
Berbern sitzen, geht mir durch den Kopf: eigentlich sind das ja Jugendliche
wie wir, mit den selben Gedanken und denselben Schwierigkeiten. Sie machen
gern Musik und Party, doch an einigen Stellen schimmert immer wieder ihre
ganz andere Kultur durch: wenn sich zwei Jungs aneinanderkuscheln und
Hand in Hand durch die Straßen ziehen ; wenn sie Nike- Turnschuhe
und Dschellebah kombinieren, wenn sie so ganz ohne Alkohol leben und abends
um 10 schon ins Bett gehen.
Wir essen nochmal Tajine, bevor Heike merkt, daß es wieder Freitag
ist und sie Geld tauschen muß . Hassan geht in die Spur, besorgt
uns schnell ein Taxi und bringt uns nach Zagora zurück. Unterwegs
haben wir zwar eine Reifenpanne, aber Hassan fürchtet um unsere Liquidität
und bemüht sich deshalb sehr. Wir erreichen Zagora, Heike wird an
der Bank abgesetzt und ich will auch gleich bezahlen, aber Hassan sagt,
das gänge nur im Büro. Wir also ins Büro, Heike wird nachkommen.
Dort sitzt auch schon der junge Spund und beginnt mir wieder die Ohren
vollzuheulen, daß er uns die Kameltour so billig gemacht hat. Und
er entschuldigt sich dafür, daß es bei ihm so unordentlich
aussieht. Dann bekomme ich noch das Angebot, für die Firma mitzuarbeiten
und nach zwei Tee kommt Heike. Wir verlassen den Ort des Geschehens.
Ich besichtige das alte Dorf Oumesnat. Lehmbauten, große Gehöfte, die jetzt teilweise verfallen und als bizarre, aber immer noch imposante Ruinen am Berg kleben. Ein Haus ist als Museum eingerichtet und ich erfahre viel über das Brotbacken und über die Couscous- Zubereitung. Im Dorf treffe ich drei Dorfschö nheiten und habe das erste Mal eine offene Konversation mit marokkanischen Frauen. Es ist sehr ungewöhnlich, denn die Frauen sind meistens verschleiert, zurückgezogen von der Männerwelt und abends aus der Öffentlichkeit verbannt. par Ich fahre noch eine Runde von fünfzehn Kilometern, bis ich wieder in Tafraoute ankomme, dann fahre ich ins Nachbardorf, welches von einem imposanten charakteristischen Berg überragt wird, welches Napoleonshut genannt wird, weil er so aussieht. Dort treffe ich einige Frauen, die in einem Lehmofen in einer Gasse selber köstliches Brot backen. Dazu werden Steine erhitzt, auf welche mit einem Schuber ein dünner Teigfladen gelegt wird, gewendet und wieder herausgeholt. Die Steine kleben teilweise am Brot fest und werden dann abgeschlagen. Das Ergebnis ist ein wohlschmeckendes buckliges Vollkornbrot. Den Kindern, die mit dabei sind, zeige ich, wie ich in Deutschland Brot backe. Im allgemeinen scheint das Brotbacken eine sehr gesellige Angelegenheit zu sein, denn mittlerweile haben sich an die zehn Frauen und ebensoviele Kinder versammelt. Ich bekomme etwas Brot geschenkt und fahre zurück das Fahrrad abgeben. par Abends lerne ich einen Kanadier kennen, der schon drei Monate in Marokko lebt und bummele mit ihm durch den Markt, wobei zwei rote Babuschen für meine Kinder herausspringen. par Heute ist nun schon Sonntag, das Fest Aid- le- Kebir, welches an das Opfer Abrahams erinnert, der zuerst seinen Sohn schlachten wollte, doch dann stattdessen ein Lamm nahm. Schmeckt auch besser. Ich will heute herumgehen und hoffen, von einer Familie zum Fest eingeladen zu werden. Zuerst begegne ich am Morgen an der Straße der Schlachtungszeremonie: an einem Baum hängt Lamm kopfunter, dabei steht ganze männliche Familie, einschließlich Söhne. Alle sehen feierlich zu, wie einer der Männer mit flinkem Messer der Kreatur ein Ende bereitet, das Fell abzieht und ein kopfloses Monster am Baume produziert. Ein zweites, noch lebendes Schaf, liegt mit am Tötungsplatz und muß, müde blöckend, dem Schauspiel zusehen, bevor es selbst an die Reihe kommt. Es ist gewöhnungsbedürftig für mich zu sehen, daß die Kinder beim Schlachten zuschauen. Aber ebenso finde ich es nicht gut, wenn man das Fleisch nur folieverschweißt im Großmarkt zu kaufen sieht und nicht weiß, daß dafür ein Tier sein Leben geben mußte. par Ich wandere heute den ganzen Tag durch die grandiose Gebirgslandschaft, besichtige ein kleines Dorf auf einem Bergabsatz und treffe eine Nomadenfamilie, die täglich im Zelt lebt. Ich werde zum Tee eingeladen und esse Lammspieß. Vier Kamele haben sie und einige Esel und andere Tier, die scharrend, miauend und blöckend um das Zelt herum verteilt sind. Eine schöne, schüchterne Tochter ist dabei und ein Sohn, der etwas entfernt hockt und unablässig vor sich hin plappert, als ob er meditiert. Wir können uns leider nicht verständigen; der alte Mann und ich, und so sagen wir uns nur gegenseitig, wie die Tiere in unserer jeweiligen Landessprache heißen. Ich habe mir kein einziges auf arabisch gemerkt. par Die letzte Nacht hier in den Bergen will ich im Freien übernachten; mir geht es wieder richtig gut, ich habe mich eingelebt und könnte ohne Probleme noch länger hier bleiben. Doch morgen muß ich zeitig los, denn mein bus geht um acht. Denke ich. Denn damit beginnt meine Odyssee: par Wie man ja weiß, haben Flugzeuge eine feste Abfahrtszeit; und die lag bei meinem am Dienstag 12 Uhr dreißig. Also mußte ich spätestens Montag abend in Inezgane im Hotel sein, in dem ich einige Sachen von mir deponiert hatte, die ich auf der kurzen Tour in den Süden nicht brauchen würde. par So begann es: der Bus um acht Uhr fuhr erstmal nicht. Es war Feiertag und da fährt nichts. Alle drei befragten Agenturen, so sie denn aufhatten, sagen mir einhellig: heute fährt überhaupt kein Bus. Also will ich ein Sammeltaxi nehmen. Währ end ich zur Taxistelle gehe, kommt aber doch ein CTM- Bus an, dessen Fahrer ich frage, ob der heute auch wieder abfährt. Ja, sagt der, um 19 Uhr. "Hält der auch in Inezgane oder Agadir?" - "Ja. In Agadir, Inezgane und Marrakesch." Super, meine Rückfahrt ist gerettet. Denke ich. Ich will gleich Fahrkarten kaufen, denn sicher ist sicher, sage ich mir. Doch das Büro hat noch nicht auf. Wann es öffnet, weiß keiner. Auch andere Leute, die ins Büro wollen, kommen ab und zu mal vorbeigeguckt , ob schon auf ist. Währenddessen frage ich schon mal im anderen Büro, ob noch ein anderer Bus fährt. Nein. Jetzt fährt gerade ein Taxi nach Tiznit, doch ich lasse es fahren, weil ich ja einen Bus habe. Um elf öffnet das Büro, das hei ßt es sind auf einmal zwanzig Leute vor mir dran. Eine Fahrkarte nach Inezgane? Nein, der Bus fährt doch bis Casablanca durch und hält nicht unterwegs. Ich werde wütend. Also doch ein Taxi. Doch ein Mann sagt mir: dort, der gelbe Bus, fährt immer um 14.30 Uhr los. Karten gibt's im Bus. Ich frage im Bus, da ist auch zu fällig gerade jemand drin. Nein, der Bus fährt heute nicht, es ist Feiertag. Aber der dort oben, der graue, fährt heute 18 Uhr. |
| Wir bummeln durch die Souks der Stadt, sie sind gut sortiert und im Vergleich zu den anderen Städten, die wir später bereist haben, ist hier das beste und preiswerteste Angebot zu finden. Ich finde eine schöne Djambe- Trommel, die ich mir aber nicht kaufen kann, weil ich keine Lust habe, sie die ganze Fahrt über mitzuschleppen. Heike kauft sich ein paar schöne lederne Sandalen. Am Hafen gibt es ein Viertel, an dem mittags frischer Fisch über Holzkohle gebraten wird. Tische stehen im Quadrat, Schirme wedeln im Wind, Fisch liegt zum Aussuchen auf großen Tafeln. Die Köche rufen so nachdrücklich zu Tisch, daß man fast gar nicht mehr denken kann: möchte ich was essen? Was will ich essen? Wir lassen uns zu einem Tisch zerren, dessen Koch uns einen Tomatensalat, Shrimps und jedem einen gebratenen Fisch für 30 DH an den Hals versprochen hat. Der Fisch fällt viel kleiner als versprochen aus, also muß der Koch uns noch einen machen und das alles zum gleichen Preis. Darauf bestehen wir. Wir sind ja schließlich wer. Und zwei frisch gepreßte Orangensäfte führen wir uns ebenso ein. Mhh, lecker! |
Ich gehe zu dem Büro , das den grauen Bus verwaltet und will erfahren, ob der Bus fährt. Ja, der fährt. Eine Fahrkarte bitte. Nein, der Bus ist schon voll, kein Platz mehr. Jetzt bin ich aber am Ausflippen. Es ist schon mittag, der Flughafen noch zweihundert Kilometer entfernt und ich hänge hier in dem Drecknest fest! Ich gehe wieder zum Taxistand, doch da ist um die Mittagszeit nichts los. Mittags fährt niemand mit Taxi. Schon gar nicht nach Tiznit oder Agadir. Also warten. Ich bin ganz ruhig! Ich bin ganz ruhig! Da kommt ein Touristenbus aus Agadir vorbei und entlädt seine wertvolle Fracht. Ich renne hin und frage die Busfahrer, ob sie mich mit nach Agadir nehmen könnten. Kein Problem, sie müssen nur den Reiseleiter fragen. Der Reiseleiter will zuerst seinen Chef anrufen, doch dann kommen die drei überein, mich so mitzunehmen, und zwar gleich bis Inezgane. Hurra, meine Rückfahrt ist gesichert! par Die französische Reisegruppe geht noch mittagessen, während ich den Bus im Auge behalte, damit er mir nicht durch die Lappen geht. Doch alles geht klar. Ein Marrokaner, ein Wort! Auf diese Art und Weise bekomme ich sogar einmal Einblick in eine andere Herangehensweise an dieses wunderschöne Land: von oben herab, aus einem klimatisierten Reisebus mit getönten Scheiben. In Tiznit werden wir vor einer Silberwerkstatt ausgeladen. Die Reisegruppe muß hineingehen, ich kenne das schon und bleibe draußen bei den Fahrern. Dann geht's weiter, in Inezgane werde ich ausgeladen, erreiche das Hotel, lade mein Gepäck ab und will nochmal zünftig in eine Hammam gehen, doch die ist wie so vieles an diesem Tag geschlossen, also suche ich ein Restaurant zum Essen, was ich auch bald finde und darin ein deutsches Pärchen, essend Pommes. Ich setze mich dazu und wir werden uns bis Leipzig begleiten. Am letzten Abend esse ich mein erstes Kotelett. Auch mit Pommes. Schon bißchen auf die heimische Küche einstellen. Ach, wie freue ich mich auf deutsche Wurst, auf sächsischen Kuchen und sächsische Gemütlichkeit! par Dienstag ist Abflugtag. Mein letzter Tag hier. Eine leise Trauer beschleicht mich. Fremdländisch war es hier. Anstrengend und oft auch sehr konfus. Doch ich war gerne hier, habe die Menschen liebgewonnen , habe gelernt, sie zu nehmen und mich bei ihnen wohlzufühlen. Es ist nun einmal nichts geordnet hier, alles muß täglich neu errungen und sortiert werden. Aber das Leben geht täglich weiter, das habe ich hier gelernt, und man bleibt in Kontakt mit anderen. par Ich stehe zeitig auf und gehe zum Busbahnhof auf der Suche nach einer Waage, um mein Gepäck zu wiegen. Ich will mir noch eine Tajine kaufen, doch mir sind nur 20 kg Freigepäck im Flugzeug erlaubt. Mein Gepäck wiegt 25 Kilo und so lasse ich das mit der Tajine lieber. Ich schenke zwanzig Dirham einer Bettlerin und mache es mal auf die Weise der Marrokaner: kauer mich hin, rede mit ihr, gebe ihr die Hand, lasse mir Zeit und lege beim Gehen nebenbei das Geld in den Teller. par Ich bin sehr zeitig am Flughafen, kann so einen schönen Fensterplatz reservieren und die Fluggäste beobachten. Ich gehe noch einmal ins Nachbardorf und kaufe ein Paket frische Minze, um zuhause einen Tee bereiten zu können.
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Abends regnet es, die Straßen sind naß, doch die Stände sind beleuchtet und es gibt leckere dampfende Gerichte, gebrannte Mandeln, Datteln und verführerischste Sachen legen sich mit ihrem lockenden Duft zwischen die Regensträhnen. Wir springen durch die Pfützen, genießen den warmen Regen und kaufen uns eine Schokolade, die erste marokkanische und fast die letzte, dem Geschmack zufolge. Meist gibt es hier nur verkleidete "Schlagersüßtafeln" und keine richtige Schokolade. Dafür steht an jeder Ecke ein Karren mit verglastem Bord, wo es Kekse, Waffeln und Kleinkram fü r'n Appel und ein Ei zu kaufen gibt. Meist sind es Kinder, die hinter einem solchen Wagen stehen. Mich wundert es, mit welch wenigen Einnahmen manche Menschen hier überleben. Da sitzt zum Beispiel ein alter Mann den ganzen Tag an einer Straßenecke, vor sich einen Pappkarton, auf dem drei offene Schachteln Zigaretten liegen. Die Einnahmen aus dem Verkauf einzelner Zigaretten sind nun sein ganzes Tagewerk. Gut, wir fahren den nächsten Tag früh mit einem Bus nach Marrakesch. über die Reise mit einem Reisebus, der sich sehr unterscheidet von einem Stadtbus, muß ich noch ausführlicher schreiben, denn jede Fahrt ist ein köstliches Schauspiel und eine absonderliche Zeremonie. Reisebusse sind im Gegensatz zu Stadtbussen noch auf den Sitzen gepolstert, sie haben Gardinen und auf dem Dach ein Gepäckteil. Meist hält die hintere Tür nicht richtig zu, muß sie auch nicht, denn sie wird fast die ganze Fahrt lang auf- und zugemacht. Will man mit einem Überlandbus fahren, geht man zuerst einmal auf den Busbahnhof, der meist außerhalb der Zentren liegt und ohne den genialen Reiseführer der Heike sicherlich schwer zu finden ist. Ist man dort angelangt, wird man sofort von einem Pulk herumstehender Leute gefragt, wo man hinfahren will. Nennt man sein Reiseziel, begleitet einen jemand in eine Halle, wo sich zirka 10 Kassenfenster befinden, die zu jeweils verschiedenen Busgesellschaften gehören. Vor den Fenstern stehen diverse Grüppchen, einer von ihnen hat einen Abreißblock mit Fahrkarten in der Hand. Die andere Möglichkeit, wie man zum rechten Fahrkartenverkäufer kommt, ist, daß man sich langsam dem Busbahnhof nähert, ohne daß man von dem Pulk bemerkt wird und den verschiedenen Rufen lauscht, die diese Menschen ab und zu von sich geben. Sie nennen das Ziel ihres Busses in einer Geschwindigkeit von dreihundert Silben pro Minute und sagen den Namen ungefähr zehnmal hintereinander. Das klingt ungefähr so: |
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