Ein Märchen aus zwanzig und einer Nacht

Berge

Urlaub in Marokko

Landkarte

Nach einer entspannten Diskussion um diverse Urlaubsziele, gleichmäßig verteilt rund um das Mittelmeer, ergab es sich, daß sich Heike und mir, den beiden verwegenen Forschungsreisenden, das Land Marokko als das abenteuerlichste und lohnendste Urlaubsziel darstellte. Dank einem gewieften Händler auf der Alaunstraße bekamen wir es sogar hin, daß uns eine Fluggesellschaft für schlappe 350 Märker dahin transportierte und auch wieder zurück. Aber die Fluggesellschaft wollte ihr Flugzeug partout nicht in Dresden auf die Piste schicken, sondern in Leipzig und so machten wir uns an einem schönen, sonnigen (ich weiß gar nicht mehr) Tag auf die Socken und hielten den Daumen in den Wind und wurden auch gleich von einer Frau, die wir an der Tankstelle angesprochen hatten, mit nach Leipzig genommen. Wohlgemerkt in ihrem Dienstwagen, was nach deutschem Versicherungsrecht ja eigentlich gar nicht möglich wäre. Aber siehe - es gibt immer noch Menschen! par In Leipzig übernachteten wir in einer WG mit Hund (bösem Hund!) und ließen uns ziemlich zeitig wecken, damit wir den Flieger um 7.10 Uhr kriegten. Für mich war es der erste Flug. Noch hatte ich Ideale, aber bald schon sah ich mich, meines Kochers (deutsche Sicherheitsbestimmungen!) entledigt, inmitten eines aluminiumnen Silbervogels sitzen, getauft auf den Namen Boeing 737. Die Triebwerke brummten, die Fenster wurden geschlossen, und schon schüttelte die Maschine auf die Start- und Landebahn, die wir diesmal als Startbahn benutzten und auch dementsprechend in die Luft stiegen. Ich hätte nicht gedacht, daß ein Flugzeug so rumpelt und wackelt. Ich hatte zwar in Filmen schon gesehen, daß sich die Köpfe der Passagiere gleichmäßig hin- und herbewegten, besonders, wenn das Flugzeug kurz vor einem Absturz in die Tiefe sank; aber daß es wirklich so ist, hatte ich gar nicht gedacht. Mir war dann auch etwas schlecht, besonders wenn ich den Kopf drehte und nach unten schaute, wo die Kühe und die Häuser immer kleiner wurden. Heike war da schon erfahrener und tröstete mich, da ß es ja Kotztüten gibt und sie zeigte mir auch, wo die sind. Nun ja, bald waren wir soweit oben, daß man keine Kuh mehr sehen konnte und schon gab es Verpflegungsbeutel: in einem Beutel aus Plaste war ein Beutel aus Plaste, in dem ein Beutel aus Plaste war, in welchem ein lappriges Brötchen war und noch ein kleiner Karton voll Saft. Und schon setzte der Kapitän zum Sinkflug an und begann in Nürnberg zu landen. Nürnberg ist auch ein kleines Städtchen mit vielen Wolken, man konnte es erst erkennen, als wir schon fast auf der Landebahn waren. Dafür setzten wir weich auf und der Kapitän bekam einen Applaus von den Passagieren, obwohl wir den Flug doch schon bezahlt hatten. Nun, nach meinem ersten Flug, sagte ich mir, jetzt kann ich nie mehr sagen, ich wäre noch nie geflogen. Denn ich war ja nun geflogen. Ich glaube, Fliegen ist gar nicht so schlimm, wenn man drin sitzt. par Nun ja, in Nürnberg wurden wir gleich mit einem Bus abgeholt und in ein größeres Bierzelt gefahren, wo wir einen Gutschein für ein Glas Saft erhielten, der so groß war, daß man gleich das Glas darin einwickeln konnte. Im Bierzelt gab es einen kleinen Raum, in dem man zollfrei einkaufen konnte: Schnaps, Zigaretten, Schokolade und Parfüm, also die Grundnahrungsmittel eines Reisenden. Sehr praktisch. Der Nürnberger Flughafen scheint irgendwie eine Sammelstelle zu sein, denn aus allerlei Richtungen flogen Flugzeuge ein, deren Passagiere, also auch wir, in andere, größere Flugzeuge umgeladen wurden. Wir wurden in eine Boeing 737-800 geladen, die direkt nach Agadir in Marokko flog. Ich war ja jetzt schon Flugprofi, und dementsprechend locker, die Schultern entspannt nach unten hängend, bestieg ich die Maschine.

"Marrakschmarrakschmarraksch..." Der Schreiende hat meist auch die Fahrkarten in der Hand. Die Karten sind billig. Gepäck wird meist unten im Bus verstaut, mit Vorliebe neben undichten Ölfässern oder gemeinsam mit vor Angst kotenden Schafen. Dafür zahlt man pro Gepäckstück 5 DH; gern wird auch mehr genommen, besonders, wenn man kein Kleingeld hat, wird der Schein gleich einbehalten, ohne zurückzugeben.
Sitzt man dann im Bus, scheint sich alles auf die Abfahrt vorzubereiten. Eine halbe Stunde nach der Abfahrtszeit kommt Bewegung in die Massen, die ständig um den Bus beschäftigt sind: der Rufer ruft häufiger den Zielort, der Busfahrer gibt ab und zu Gas und fängt in der heißen Phase an zu hupen. Diverse Sackkarrenschieber stehen um den Bus herum. Ausgemacht wird der Bus prinzipiell nie, auch wenn die Pause eine halbe Stunde dauert. Dann, kurz vor der Abfahrt, kommt ein Wanderprediger in den Bus und erzählt von Allah, oder ein Behinderter, der von seinen Krankheiten erzählt oder ein Bettler, der manchmal sogar eine staatliche Genehmigung hat, die er hochzeigt. Dann rollt der Bus drei Meter an und es steigen noch einige Fahrgäste zu. Auf einmal geht ein Gezeter los, Geld wird herumgereicht, dann steigen zehn Mann aus. Der Busfahrer drückt mehrmals das Gaspedal, um anzuzeigen, daß er fahren möchte. Der Schaffenr steht auf dem Trittbrett und ruft "Marrakschmarraksch" hinaus. Daraufhin wird die hintere Tür geöffnet und drei Leute steigen in den fahrenden Bus. Der Schaffner holt aus einem Cafe noch ein Paket und packt es unter den Bus. Mittlerweile hat der Bus die Busbahnhofausfahrt erreicht. Der Schrankenwärter öffnet die Schranke, währenddessen nutzen noch zehn Leute die Möglichkeit, in den nun langsamfahrenden Bus einzusteigen. Der Busfahrer hupt mehrmals. Da kommt noch quer über den Platz ein junger Mann gerannt mit einem Bündel in der Hand, der quetscht sich noch in die hintere Tür und als letzter springt der Schaffner in den fahrenden Bus, klopft gegen die hintere Tür, was das Zeichen ist für die Abfahrt. Dann fährt man, die Fahrscheine werden noch einmal kontrolliert und alles auf einen Bogen geschrieben und man beginnt, die Einnahmen auszurechnen. Und wirklich: man fährt! Erreicht man den Zielort, strömen von allen Seiten Sackkarrenschieber auf den Bus zu, wollen einem förmlich das Gepäck aus den Händen reißen und transportieren. Der geübte Reisende schnappt sein Gepäck und sucht das Weite.
Auf dem Weg nach Marrakesch sehen wir einen Unfall; ein Laster ist in den Straßengraben gefahren. Der Bus hält an und die Hälfte steigt aus.

Die brummte auch schon, hatte aber etwas größere Triebwerke. Bald starteten wir im Minutentakt mit zwei anderen Flugzeugen auf der Startbahn. Wir ließen die Alpen hinter uns, die Pyrenäen, dann aßen wir in Plasteschüsseln und Tellerchen gelegtes Brot, Wurst und Käse und einen Müsliriegel (Balisto). Dann flogen wir über die Meeresenge von Gibraltar und die Wolken verflogen sich. Wir erkannten Marokko unter uns und landeten dort auf der Landebahn. par In Marokko hatte man sich schon auf unseren Urlaub vorbereitet und es etwas wärmer gemacht: zirka fünfundzwanzig Grad in der Sonne. Wir empfingen unser Gepäck und stellten uns beim Ortsgendarm an, damit er uns seinen Stempel in den Reisepass drücken konnte. Er guckte dabei so ernsthaft, daß man glauben konnte, es wäre eine sehr wichtige Angelegenheit, diesen Stempel in die bereitwillig hingehaltenen Heftchen der Urlauber zu pressen. Bei mir guckte der Herr Gendarm etwas zu sehr streng, deshalb vergaß er gleich einen Stempel in mein Heftchen zu stempeln. Dieses Mißgeschick sollte meine Anmeldeformalitäten während der gesamten Reise behindern, aber davon wußte ich an dieser Stelle noch nichts. Ich durfte also ohne Nummer das Land des Königs Hassan bereisen. par Heike und ich tauschten unsere Devisen gegen marokkanisches Geld um und gingen nach draußen, wo schon der Stadtbus Linie 22 stand, der, so Heikes Recherchen zufolge, nach Inezgane fuhr.

 
Ich war erschlagen von der vielen Exotik und Fremdländigkeit um mich herum. überall waren Ausländer, auch die Touristen waren in ihren eigenen modernen Hotelbussen verschwunden, die sie bequem und sicher nach Agadir fahren sollten. Wir saß en inmitten von Marokkanern in einem ehrlich mal heruntergekommenen Teil von Bus. Ich war schockiert und wollte schon auf mein europäisches Feingefühl und Ordnungssinn pochen und einen anderen Bus verlangen, aber die hätten mich ja eh nicht verstanden. Die Marokkaner. Die sind eine Spezies für sich. überallhin begleiten sie einen. Viele können deutsch, arabisch oder auch berberisch. Am besten verstand ich berberisch, nämlich gar nicht. Aber eine Reise ist ja dazu da, daß man sich mit den Gastgebern unterhält. Aber französisch, wie sie auch sprechen, noch von der Kolonialzeit her, kann ich ja auch nicht. Das war echt hinderlich auf der Reise. Ich wollte ja die Menschen insbesondere und ihre Lebensweisen kennenlernen, und das geht eben nun mal am besten über die Sprache. par Auf jeden Fall haben mich die ersten Eindrücke ziemlich erschlagen. Die Häuser waren ganz anders gebaut, so aus Lehm und als Kisten in der Gegend herumstehend. Überall waren Menschen zu sehen, denen man die verschiedenartigsten Tätigkeiten zuordnen konnte: Schuhputzer, Löffelflicker, Betrüger, Verkäufer, Herumsteher, Ansprechpartner etc. Und alle verstanden sich auf ihr Handwerk. Jeder dritte war Ansprechpartner und begrüßte und zwei- bis dreimal und fragte, wo wir her sind. Nach dem zwanzigsten Kontaktversuch gab ich zu, aus Polen zu stammen, denn diese Sprache kannten die Marokkaner anscheinend noch nicht und sie ließen dann über kurz oder lang von den Gesprächen ab und ließ en Heike und mich miteinander ein Gespräch führen. Wir besprachen dann gleich, daß wir uns ein Hotel suchen und das Gepäck dort abgeben und dann einen Stadtbummel machen. Ich hatte ziemlich selten in den vergangenen Urlauben in Hotels geschlafen, genaugesagt nur einmal, aber hier war es möglich und die Hotels entsprachen fast meinem Geschmack: sie kosteten nur um die fünf Mark pro Nacht, hatten ein Bett im Zimmer und eine Toilette auf dem Gang. Meist waren die Zimmer so angelegt, daß das Hotel um einen Innenhof gebaut war und man auf Terrassen in die Zimmer gelangen konnte. Beim Anmelden mußte man immer einen Zettel ausfüllen, auf den man unter anderem schrieb, wo man herkam und wohin man beabsichtigte, hinzufahren. Doch nicht nur das, sondern die besagte Einreisenummer gehört e auch noch auf den Zettel. Doch derer hatte ich ja keine. Sie gehen hin, um zu gucken oder zu helfen und kommen wieder zurück, damit der Bus weiterfahren kann.
Nun haben wir von Marrakesch die tollsten Stories gelesen; auch Heikes Reiseführer ergötzt sich an fabulösen Beschreibungen von Touristenfängern, Betrügern und Guides, die einen in die Hinterhälte der Souks locken, um dort die Touristen auszuschlachten. Wir wappnen uns also, verstauen die Geldbörsen ganz tief unten am Bauchnabel, rüsten unseren Verstand mit Spitzfindigkeit und sind auf alle Schläge gefaßt. Wir nähern uns dem Busbahnhof und nehmen schon die Touristenabwehrhaltung ein: forscher Blick, bleckende Zähne, schneidiges T-Shirt. Doch alles umsonst: wir werden gar nicht beachtet, die Menschen gehen um uns drumrum mit ihren Karren, lassen uns durch, sprechen uns nicht an. Ich fühle mich, als wäre ich ein himmlisches Wesen und niemand würde mich erkennen. Ganz perplex gehen wir zuerst einmal zu einer Bank und setzen uns hin. Verschnaufen. Was war das? In Ruhe lesen wir den Reiseführer, gehen unbehelligt in die Stadt, werden nicht einmal angebettelt. Ob es so etwas gibt, daß man in besonderen Notsituationen als Tourist eine extraterrestrische Erscheinungsform annimmt, die einen vor den grimmigen Blicken der Ausländer schützt? Doch ich weiß: es war sicher die Hand der Fatima, der Tochter Mohammeds, die die ihren vor dem "bösen Blick" schützt, vor dem sich alle Marokkaner fürchten.
Wir toben also rein in die Stadt, durch ein wunderschönes Stadttor wie aus tausendundeiner Nacht, ins Getümmel. Laden an Laden. Fleisch hängt zum Fenster raus, gleich batzenweise bzw. Kuhschenkelweise, Friseure bemühen sich, ihren Kunden die Ohren dran zu lassen, Gewürzverkäufer sitzen gähnend neben Bergen von rotem, gelbem und orangem "echten" Safran und Pfefferminzverkäufer stehen bei ihren riesigen Bündeln duftender frischer Pfefferminze, die sie entweder auf einen Esel oder auf ihr Fahrrad geschnallt haben und die als Grundlage für den marokkanischen Tee dienen. Die Teezeremonie verbindet das Universum: die Platte, auf der alles serviert wird, ist das Universum; die Kanne, in die zuerst heißes Wasser mit grünem chinesischen Tee (Gunpowder-quality) getan wird, dann Minze und dann riesige Mengen Zucker, ist die Sonne, und die kleinen, schnapsglasgroßen Gläschen sind die Planeten. Der Zucker wird mit einem Hämmerchen oder einem Stein oder was gerade zur Hand ist von einem Zuckerhut abgeschlagen, der ein Kilo schwer ist. Ist alles durchgezogen, dann wird das erste Gläschen gefüllt und wieder in die Kanne zurückgegossen. Das dreimal. Dabei wird sich mit dem gegenüber unterhalten, denn vornehmlich bei Verhandlungsgesprächen werden einige Tees getrunken, "marokkanische Gastfreundschaft". Dann werden mit einer galanten Armbewegung alle Gläschen gefüllt, wobei die Kanne immer hö her gehoben wird, bis man die Spritzer das Wassers geradezu auf seinem Hosenbein spürt. Ist das Glas voll, wird die Kanne ruckartig zurückgeschwenkt und das nächste Gläschen gefüllt. Vor dem Trinken sagt man "Bissaha", was soviel heiß t wie auf die Gesundheit. Beim Essen sagt man "Bismillah", was "in Gottes Namen" bedeutet. par Mittag essen wir in einer kleinen Kantine, an der sich auch beobachtbarerweise die einheimische Bevölkerung guttut.
Also stand ich immer mehr oder weniger lange ein Gespräch führend, meine Unschuld beteuernd, an der Rezeption, während Heike ihre Sachen schon immer auspackte. Ich bemerkte meinen unwahrscheinlichen Fußgeruch, der sich infolge der warmen Witterung und meines Schweißes gebildet hatte und beschloß, gleich am nächsten Tag ein paar Sandalen zu kaufen. Heike äußerte sich beifällig zu meinem Vorhaben. Auch sie äußerte Bedenken bezüglich ihres eigenen Fußgeruchs, Ich konnte ihren aber nicht riechen, weil mein eigener stärker war. Wir bummelten abends durch das kleine Städtchen Inezgane, einem wimmelnden Umschlagplatz für Menschen und Material, gelegen mitten in der fruchtbaren Ebene des Souss, einem der wenigen wasserführenden Flüsse in Marokko. Ich hatte die erste Begegnung mit den verwirrenden Händlervierteln in den Städten, den Souks, in denen Händler sitzen mit spitzer Nase und kleine unerfahrene Touristen betrügen. Aber es sieht auch zu verführerisch aus, die Ledersachen und Gewürze zu Berg auf Tischen und Ständern gestapelt zu sehen!

Wir gucken mal in die großen Töpfe und kosten die darin befindlichen Eintöpfe aus Bohnen. Schmecken lecker. par Auf einem großen freien Paltz ist die Koutobia- Moschee und in einer Seitenstraße unser Hotel "Afriqua". Im Hotel Ali gibt es Internet und E-Mail. Das ist was für mich, ich setze mich zehn Minuten ran und lese alle Mails und antworte kurz. Neben mir sitzen englische und holländische Leute und draußen vor dem Fenster stehen Männer in abgerissenen Jellebahs. Der Sprung in die Zeit kann nicht größer sein.

Ein Händler, dessen Namen wir hier nicht nennen wollen, lud uns zu einem Glas Tee ein und erklärte uns die Anwendung und Bezeichnung der vorzüglichsten Gewürze, Tees und Heilkräuter einschließlich diverser potenzsteigernder Mittelchen. Wir saßen auf einer niedrigen Bank hinter Bergen von Schalen und Schüsseln voller Gewürze, hinter uns Regale mit toten Motten, getrockneter Eidechsenhaut und Fliegenlarven. Der Händler mit der spitzen Nase schrieb in sein Büchlein einige deutsche Begriffe, die wir ihm erklärten, auf, damit er den nächsten Touristen besser die Anwendung zum Beispiel des chinesischen Riechpulvers erklären könnte. Es gibt aber auch für jedes Wehwehchen ein Mittelchen; nur alle Spezereien haben eines gemeinsam: wenn Du sie kaufst, zieht man dir das Geld aus der Tasche.
Heike spricht zwei hübsche junge vertrauenerweckende Männer an, ob es hier irgendwo eine gescheite Kneipe gäbe, wo man gut essen kann. Tajine oder so. Tajine ist eine Nationalspeise, bereitet in Tongefäßen, mit Gemüse und Fleisch oder Fisch. Geschmort auf Holzkohle. Schmeckt lecker! Eben jene Tajine verschafften die beiden uns, bezahlten sie sogar und führten uns in die Schule, in der der Vater des einen Direktor war und anschließend in die gute Stube der Eltern. Die Stube war ringsum mit einem einzigen riesigen Sofa gefüllt, nur die Tür und die Stelle der Schrankwand waren ausgelassen. In der Schrankwand stand der Fernseher mit Satellit, der eingeschaltet wurde, damit wir uns bei laufendem Fernseher besser unterhalten könnten. Wir saßen mit den beiden auf dem Sofa, bekamen Kekse und Tee, während draußen vor der Türe die Frauen und Kinder lachten und tuschelten. Vor dem Fenster wimmelte es nur so von Kindern, die hineingucken wollten zu dem ungewöhnlichen Besuch. Wir spürten: die Menschen leben Gastfreundschaft pur, sie laden einen nicht nur so ein, sondern sie sind herzlich liebe Gastgeber. Aber: in die Stube durften nur die Männer, und die Frauen waren draußen oder in der Küche.
Eine Frau wollte mit uns reden, sie konnte sehr gut englisch, fragte aber, ob sie uns störe, bevor sie hereinkam und sich zu uns setzte. In Marokko hat man vor einigen Jahren fast keine Frau auf der Straße gesehen, jetzt sieht man bereits einige verschleierte tagsüber, doch ab 19 Uhr sind alle zuhause verschwunden. Einige Frauen, vornehmlich jüngere in Touristengebieten, ziehen sich auch offen an und sind gesprächsbereit.
Wir bummeln noch mit den jungen Männern in eine Milchbar; die beste der Stadt, wie wir nachträglich im Reiseführer lesen und trinken Milch und Saft. Alkohol ist so gut wie unbekannt und das ist ziemlich wohltuend. Auch die Art, wie die Marokkaner miteinander umgehen, hat mich, so fremd und ungewohnt es mir ist, doch fasziniert. Sie sind miteinander im Gespräch, haben sich etwas zu sagen, es ist noch nicht alles wie in Deutschland geklärt und per Gesetz geregelt, so daß man gar keinen Grund mehr hat, jemanden anzusprechen, sondern das Leben hier ist im Fluß, ständige Gespräche und Beziehungen und eine schützende Familienbeziehung begleiten die Menschen den ganzen Tag.
Selbst ein Einkauf verläuft nicht routiniert und still sondern der Preis will verhandelt sein. Im Gespräch steht nicht nur die begehrte Ware im Mittelpunkt, sondern man lernt sich auch kennen, begründet die eigene Preisvorstellung und nimmt so eine Beziehung zum Verkäufer auf. par Am zweiten Tag in Marokko kaufe ich mir gleich früh bei einem Schuhmacher die Sandalen, die ich von 140 DH auf 120 herunterhandeln kann. Der Tauschkurs war 1 Mark zu 5,3 DH zur Zeit. Alles ist ziemlich billig, Hotelzimmer pro Nacht um die 6 Mark, ein Kilo Obst 80 Pfennig, ein Baguette 20 Pfennig, eine Busfahrt von 200 km etwa 8 Mark.

Nachmittags stürzen wir uns aufs Geratewohl in die Souks und erleben eine mittelalterliche Welt: für uns Europäer, disneylandgewohnt, scheint es, als ob die Buden extra für den Jahrmarkt aufgebaut wurden, aber es ist unfaßbare Realität: die Leute wohnen hier und arbeiten und daß so eng und oft so unhygienisch, daß zum Beispiel in Marrakesch noch in den achtziger Jahren eine Choleraepidemie war.

Man kann es wirklich kaum glauben, wie die Menschen arbeiten. Die Färber sitzen in einem schwarzen Loch, in dem eine Feuerstelle und ein großer Bottich ist. Rauch zieht aus Löchern ins Freie. Vor dem Stand hängen Wollbündel in gleißend bunten Farben. Oder Schmiede sitzen auch neben einem kleinen Ofen und hämmern Messer und Beschläge, auf dem Fußboden kauernd. In Schneidereien halten kleine Kinder lange Fäden zum Dschellebahnähen. Überall wird man angesprochen und oft findet man sich in einem Teppichladen wieder mit der Frage an sich selbst: "Was wollte ich eigentlich hier drin?" par Gegen Abend füllt sich der zentrale Platz, der Djemaa- al- Fna (Die Versammlung der Toten) mit Menschen. Märchenerzähler, Wahrsager, Zukunftsdeuter, Orangensaftpresser, Mandelverkäufer, Essenverkäufer. Dampf steigt in die surrende Luft. Keine Ruhe scheint dem Platz gegönnt, doch welch Wunder: gegen zehn verzieht sich einer nach dem anderen und der Platz liegt da, bereit, sich zu erholen für den nächsten Tag.

Wir frühstücken im Hotel einen Tee und ein Baguette und fahren mit einem verrückt heruntergekommenen Bus nach Agadir. Im ganzen Bus muß man suchen, bis man einen Rest eines Polsters irgendwo in der Ecke eines Stuhles findet. Ansonsten sitzt man auf dem blanken Metall, aus dem die Befestigungsschrauben spießen. In manchen Bussen ist hinten noch eine Kabine eingebaut, in dem ein müder Mann hockt - die Fahrkartenausgabe. Wir lassen uns im Bus fotografieren, dann setzen sich drei Frauen neben uns auf die Rückbank. Eng. Weiter fahren wir mit einem anderen Bus nach Targazhoute, einem kleinen Fischerdorf am Atlantik. Wir wollen baden gehen. Im März ist der Atlantik schon ausreichend warm und auch die Sonne brennt auf den Buckel, so daß man sich ohne Sonnencreme gar nicht im Freien aufhalten kann. Im Bus lernen wir Eischa kennen, eine Siebzehnjährige, die auch an den Strand fährt, aber zur Arbeit. Sie bemalt mit der Pflanzenfarbe Henna Hände und Füße auf eine für mich schreckliche Art und Weise. Schrecklich häßlich. Eine Paste aus Henna wird in eine Spritze gefüllt und dann damit Striche und Muster auf die Haut gemalt. Die Paste behält man einige Zeit drauf, dann hat sich die Haut gefärbt und bleibt einige Tage so. Dann aber wird die ganze Hand verwaschen schmutzig braun und unansehnlich. Aber die Frauen finden es dort hübsch und tragen Henna regelmäßig und oft. ("Wenn es Mode wäre, sich die Fingernägel blutig zu schlagen, würden es die Frauen tun...").

Wir also runter an den Strand und siehe da- Abdullah ist auch schon da. Abdullah ist ein etwa gleichalter Marokkaner, der auf einem Russendampfer ein halbes Jahr fischen geht und dann ein halbes Jahr frei hat und in seinem Heimatdorf lebt. Jetzt hat er gerade frei und vermittelt für seinen Freund Zimmer.
Er ist sehr nett und wir lassen uns in ein Zimmer vermitteln. Nach einem ausgiebigen Strandaufenthalt, bei dem sich Heike beide Füße verbrennt infolge Schlafens am Strand gehen wir gemeinsam zum Zimmer, immer am Strand entlang durch den schönen Ort. Heike verletzt sich ein bißchen. Blutend am Handgelenk folgt sie uns, der wir die Gassen und Wege entlangziehen. Dann stehen wir vor einem Haus, in dem noch zwei verschiedene Zimmer zu haben sind: ein pomfortionöses für 70 DH und ein einfaches für 30.

 

 

Am nächsten Tag wollen wir uns die sogenannten "Agdal-gärten" ansehen und umwandern fast die halbe Stadt, bis wir eine große Plantage voller Olivenbäume entdecken und einer Einheit Soldaten mit Panzern darin. Wir dürfen passieren.
Heike bekommt von einem kleinen Mädchen einen Strauß Blumen geschenkt, dafür schenke ich einem anderen Mädchen auch einen Strauß Blumen, die freut sich ganz verwundert.
Wieder in der Stadt, gönnen wir uns etwas gutes: ein halbes Hähnchen mit Pommes und Salat. Und weil wir noch nicht richtig satt sind (oder nur für den kleinen Hunger?) essen wir noch ein Stück Kuchen und trinken Bananenmilch. Abends regnet es und wird kühl; die willkommene Gelegenheit, in die benachbarte Hammam zu gehen.
Hammams sind öffentliche Bäder, ziemlich kultig und in mittelalterlichem Stil gehalten. Man geht hinein und gibt dem Einlasser zehn Dirham. Dann zieht man sich eine Badehose an und gibt die Sachen dem Einlaß zum Verwahren. Badehose ist Vorschrift; man zieht sie auch nicht aus beim Einseifen, sondern man fährt sich vorsichtig mit der Seife unter die Hose. Dabei guckt man, als fände man diese Prozedur ganz normal und auch praktisch. Doch zuerst einmal geht man in einen von mehreren Räumen, in denen Männer auf dem blanken Fußboden sitzen. Jeder hat um sich herum einen oder mehrere Eimer aus Altreifen stehen und ist emsig dabei, sich mit einem Schöpfer mit dem darin befindlichen heißen Wasser zu beschütten. Die Eimer füllt man an zwei Wasserhähnen an der Wand; der eine heiß, der andere kalt. Wenn man will, kann man sich massieren lassen. Bei uns war ein kräftiger Schwarzer, der das tat. Der Patient legte sich lang und der Masseur begann zu arbeiten. Ich wollte nicht. Heiß und sauber gelangten wir wieder in unser Hotelzimmer.
Am nächsten Morgen wollen wir über die Berge, das heißt über den Hohen Atlas und gehen deshalb zum Busbahnhof zurück. Beim Geldtauschen in der Bank erleben wir eine andere Form, an einen Schalter zu gelangen als die dem Ostdeutschen so geläufige Form des Schlangestehens: der, der am nächsten dem Schalter steht, am lautesten spricht oder seine Sachen am weitesten über den Schalter erreicht, ist zuerst dran. Wir reichen dann nach einer halben Stunde ziemlich weit und haben auch einen genügend grimmigen Gesichtsausdruck, so daß wir spontan sofort bedient werden.
Der Bus fährt zuerst einmal nach Taddert, was mitten in den Bergen liegt. Die Straße windet sich auf schmalen Serpentinen das Gebirge hoch; so hoch, daß es anfängt zu schneien.

Wir nehmen das einfache und sind mitten im bunten Leben von Künstlern, die Bilder malen, die fast wie australische Zeichnungen der Aborigines aussehen, aber, was wir dann feststellen, typisch für diese Gegend sind. Mit Abdullah, der sich als wirklich gutmütig herausstellt, gehen wir einkaufen und bereiten eine köstliche Gemüsetajine zu, die wir gemeinsam verspeisen. Abends sitzen wir noch am Strand und ich spiele Konzertina und locke damit jede Menge Kinder an. Sogar fotografieren lassen sich die Mädchen, nachdem ich ihnen erlaube, zuerst uns zu fotografieren. Billiger, aber wirkungsvoller Trick! Beim Fotografieren bin ich immer hin- und hergerissen. Wenn ich viel fotografiere, fühle ich mich manchmal wie einer, der den Menschen die Seele aus dem Leib reißt. Aber nur nebenbei zu fotografieren, bringt wiederum keine besonderen Bilder zustande.
Nachts regnet es und früh ist alles feucht. Dampf steigt aus dem Meer auf, als in der Frühe die Fischerboote in See stechen. Sie springen über die hohen Wellen.

 

An die Hänge geklammert stehen die Hütten von Gebirgsdörfern, im Tal blühen Mandelbäume. Wir hofften, in einem verträumten Dörfchen auszusteigen und ahnten nicht, daß wir mit einem "Madame, Cafe?" begrüßt werden und auf einer Einkaufsmeile gelandet sind. Wir also schleunigst weg von hier. Beim Marsch entlang der Straße treffen wir zwei Verkäufer, die den ganzen Tag in einer Garage sitzen und Souvenirs verkaufen. Nebenbei sind sie noch ein kleiner Dorfladen, der Couscous und Eier verkauft. Wir sitzen an die zwei Stunden mit den Männern zusammen, trinken Tee, essen Rührei und finden es ziemlich schön hier, besonders, weil es draußen anfängt mit regnen. Das Mädchen mit Kuh, das die ganze Zeit schon von der anderen Straßenseite aus zu uns herüberschaut, macht sich nichts aus dem hier schon kalten Regen, allerdings wird es ihr unheimlich, als ich hinübergehe und mit ihr reden möchte. Da verzieht sie sich lieber, sowas kennt sie nicht. Wir halten den Bus an und retten uns durch Schnee und Regen hinüber nach Ouarzazote, denn schließlich sind wir nach Marokko gefahren, um Sonne zu haben! Abends bummeln wir noch ein bißchen und suchen etwas warmes zu essen. Dabei geraten wir irgendwie, abseits der Hauptstraßen in ein absolut feines Restaurant, wo ich mich über Heike zu wundern beginne, denn sie speist billige Italienische Spaghetti mit Tomatensoße! Ich esse das erste Mal Couscous, den Hartweizengrieß.
Am achten Tag unserer Reise entdecken wir früh, bevor wir nach Agdz ins Draa-tal fahren, eine Bäckerei, wo wir frisches dampfendes Brot kaufen. Wir wollen in die Wüste, und zwar durch das Draa-Tal. Es erstreckt sich auf ungefähr 150 Kilometern Länge als ein fruchtbares Oasengebiet bis an die ersten Ausläufer der Wüste Sahara. In Agdz spricht uns ein Mann an; fast hätte ich hier schon Teppichhändler gesagt, aber da wäre ja die Pointe weg. Also: der Mann fragt mich, ob ich ihm mal einen Brief in Deutsch schreiben könnte, weil er nur englisch kann. Ich also, so dumm und unerfahren, wie ich bin, bin mit ihm hoch in sein Haus, natürlich ein Teppichladen und schreibe treudoof das, was er mir diktiert: Fatimah heiratet bald, der Onkel kommt bald mit Teppichen aus der Wüste zurück etc. Und abschließend lädt uns der Mann als Dankeschön fürs Schreiben zu einer Tasse Tee ein. Heike lacht nur. Billiger Teppichhändler-trick.

 

Doch hinter dem Dorf sehen wir einen überwältigenden Anblick: über mehrere Kilometer hin erstreckt sich eine riesige Fläche mit Dattelpalmen; frisches Wasser plätschert in Kanälen, Obstbäume wachsen zwischen den Palmen. Ein Paradies! Wir streifen einfach so hindurch, uns begegnen Bauern, die einen gelassenen und fröhlichen Eindruck machen. Hier ist das Paradies. Wo sonst nur Steine ringsum sind, wächst und gedeiht durch das Wasser eine Unmenge Pflanzen.


Wir passieren ein verfallenes Dorf aus Lehm, das sich langsam und kontinuierlich in seine Bestandteile auflöst, aber doch noch imposant wirkt mit den teilweise drei Stockwerke hohen Häusern. Die meisten Häuser hier sind aus Stampflehm: es wird eine Schalung aus Holz gebaut, in die eine Mischung aus Stroh und Lehm gegeben wird und mit einem Stampfer festgestampft. Gemischt wird in einer Bodenkuhle. Fenster gibt es nach außen hin keine. Das Haus ist ein Quadrat mit einer Tür. Durch die Tür gelangt man auf den Hof und von diesem aus in die Zimmer, die ringsum angeordnet sind. Das Dach eines solchen Hauses ist aus unterschiedlichen Schichten: zuunterst Stangen aus Palmenholz, darüber lange Schilfstangen. Darüber Palmwedel, dann Lehm, dann Plastik und dann wieder Lehm. Zuoberst etwas Gras. So ein Haus hält 27 Jahre, hat uns Mohammed erzählt, der uns zu abend einlädt, bei ihm zu übernachten. Er wohnt in solch einem Haus. Wir sind total gespannt, bei einer "echten" Familie zu wohnen.
Zuerst werden wir in einen großen Raum geführt, wo wir unsere Sachen lassen können: das Gästezimmer. Dann dürfen wir in den Nachbarraum, wo die ganze Familie vor dem Fernseher sitzt. Alle Generationen sind versammelt: von der Großmutter bis zum Urenkel. Der Fernseher läuft und wir knüpfen langsam Kontakte mit den Kindern, die um uns herum sitzen. Mohammed hat 9 Kinder. Zum Abendessen bekommen wir Fladenbrot mit gekochtem Gemüse, liebevoll von Gastgeber dargeboten. Nach dem Essen sollen wir nicht schlafen gehen, sondern zu einem kleinen Spaziergang mitkommen; das sei gut für die Verdauung. Doch wir gehen nur 50 Meter und kehren bei Nachbars ein, wo es wieder Tee gibt und diesmal die Kiffpfeife für Mohammed. Alle sitzen auf dem Fußboden und gucken fern, diesmal in Farbe. Bei einem Mann unter der Decke, liegt ein Kind ganz versteckt. Man sieht, wie es atmet. Abschließend besichtigen wir noch den Laden von einem. Morgens gibt es ein scharfes Frühstück. Immer vor dem Essen können wir uns die Hände waschen: aus einer Kanne wird Wasser über die Hände gegossen und in einer besonderen Schale aufgefangen.

Zum Frühstück gibt es selbstgebackenes frisches Brot, gefüllt mit einer Paste aus Zwiebeln, Paprika und Tomate, Salz und Pfeffer, dazu eine Grießsuppe ebenfalls mit Paprika, Zwiebeln, Salz und Pfeffer und Kaffee mit Milch und Pfeffer. Weil es das Brot immer frisch gibt, interessiere ich mich natürlich für die Küche. Mohammed zeigt sie mir: sie ist tatsächlich ein kleiner rauchschwarzer Raum mit drei kleinen Lehmöfen auf dem Fußboden: einer für Brot, einer für Suppe, einer für Tee. Die Katze liegt am Fußboden vor einem Ofen und wärmt sich an der Glut. Mohammed ist ein guter Gastgeber.

Wir machen noch ein gemeinsames Foto und schenken etwas und ziehen dann weiter.

Abdullah führt uns zur Höhle, in der sein Großvater zehn Jahre gewohnt hat. Sie liegt direkt am Strand an einer kleinen Bucht am Ende des Orts. Er möchte uns eine Fischtajine zubereiten. Wir besuchen zwei Steinhauer, die Mühlen für das wertvolle Argon- öl herstellen, indem sie den ganzen Tag unter einem Steinverschlag hocken, durch ein Tuch vor der Sonne geschützt und mit vier verschiedenen Hämmern die Mühlen pickern aus Steinen, die sie am Strand sammeln. Ich will natürlich mal mitpickern und beginne eine kleine Mühle zu machen. Heike und Abdullah pickern auch ein bißchen mit. Doch dann, als sie mein Interesse sehen, bauen die zwei Männer mir eine komplette Mühle aus Sandstein, die ich aber, weil sie so schwer ist, Abdullah schenke, damit er sie als Erinnerung in die Höhle stellen kann. Ich nehme nur die gemeinsam gepickerte Hälfte mit in die Kraxe. Heike und Abdullah haben schon fleißig gekocht, es riecht am ganzen Strand. Die Tajine schmeckt auch lecker, man ißt mit den Fingern, und zwar macht man sich kleine Brotstückchen, die man in die rechte Hand nimmt und die Soße der Tajine und kleine Stückchen herausklaubt.
Auf den Bus nach Essaouira warten wir dann fast zwei Stunden zusammen mit Abdullah; Zeit spielt in Marokko keine Rolle. Wir erreichen Essaouira im Dunkeln und fragen deshalb den ruhigen Busschaffner nach einem Hotel. Der will uns auch hinführen und zieht schnell mit uns vom Bus davon in Richtung Stadt. Doch das hat ein Führer am Busbahnhof gesehen und er verfolgt uns und beschwatzt uns, weil er will Geld damit verdienen, uns zu einem Hotel geleitet zu haben. Er ist wirklic h wie eine Klette, geht nicht weg, beschwatzt den Schaffner und will dann schließlich wirklich das Trinkgeld haben.
Wir beziehen unser Zimmer nach einer Verhandlung, in der wir den Preis von 70 auf 60 DH drücken und sinken völlig fertig in die Kissen.
Scheinbar brauche ich den wenigsten Schlaf, denn schon wieder bin ich als erster wach, gehe Frühstück kaufen. Wir lernen einen coolen Marokkaner-opa im Hotel kennen, mit Sonnenbrille und brauner dschellebah, der geht mit uns ein Stück in die Stadt, aber irgendwie muß man ständig den Argwohn haben. Und so vermuten wir, daß er uns als Stadtführer dienen will und dann ständig uns vorneweg latscht und dann die dicke Kohle haben will. Wir können uns nicht richtig verständigen und so ist es schade, daß wir ihn, der es vielleicht nur freundlich gemeint hat und uns begleiten wollte, abweisen müssen. Ich komme lange Zeit nicht mit dieser Strenge zurecht, die man hier haben muß, um nicht ausgebeutet zu werden. Ich möchte Leute kennenlernen und mich auf sie einlassen, aber man muß seine Menschenkenntnis anwenden, um die Spreu vom Weizen zu unterscheiden. Doch manchmal muß eben auch, vielleicht auch aufgrund von Sprachproblemen, der Weizen daran glauben.

 

 

Mohammed zeigt uns seine Gärten und erklärt uns einige Pflanzen. Es gibt männliche und weibliche Palmen. Männliche Palmen bilden eine Kapsel aus, in der der Samen steckt und weibliche Palmen haben Bündel haarfeiner Teilchen. In den Gärten wachsen außerdem noch Granatäpfel, Weizen, Luzerne, Gras und Mandeln. par Wir wandern ein Stück allein weiter, bis ins nächste Dorf, wo wir den einen Sohn wiedertreffen, der hier als Autoschlosser arbeitet und zwei Stunden auf den nächsten Bus warten. Es kommt aber keiner, sondern wir nehmen nach zähen Verhandlungen ein Touristenauto bis nach Zagora. Dort suchen wir die billigste Kameltour und verhandeln zäh in zwei Stunden mit zwei Männern, bis diese aufgeben und sagen: deutsche Frauen sind anstrengend. Heike, die diesmal Fatima heißt, ist stolz über dieses Kompliment. Der Händler barmt über den Preis. Die Hälfte muß er nun aus eigener Tasche bezahlen. Doch Geschäft ist Geschäft. Wir übernachten auf der Terrasse eines Hotels unter einem aufgestellten Zeltdach. Nach Mitternacht springe ich nackt in den Pool; ich habe mich sosehr danach gesehnt.
Früh geht der nächste Tag los: 9 Uhr steht Hassan bereits mit Taxi vor dem Hotel. Wir fahren zur wilden Kamelfarm, die gar keine ist, sondern erst eine werden soll. Wir machen also erstmal eine Baustellenbegehung, ehe es Tajine gibt. Vor uns stehen die riesigen Kamele und Heike wird es schlecht und schlechter, wenn sie sich vorstellt, auf so einem widerwilligen Tier reiten zu müssen. Kamele sind hochnäsig, geben komische Töne von sich und sind ein bißchen unheimlich. Nachts will ich denen nicht begegnen.

Eine Stunde dauert das Satteln, dann geht es los, mitten in die Wüste. Unser Ziel ist die Sanddüne Hareklehoudi. Drei Stunden sitzen wir auf den blöden Viechern und der Hintern schmerzt. Dann dürfen wir absteigen und beziehen unser Zelt. Mohammed, der zweite Führer, bereitet das Abendessen zu und wir besteigen die große Sanddüne, um den Sonnenuntergang gemeinsam mit anderen Touristen zu beobachten. Nachts gehen wir noch ins Nachbarzelt, wo jugendliche Berber wie die wilden Trommeln und ihre Siebziger Jahre- Hits auskramen. Sie sind begeistert bei der Sache und wir kommen kaum in deren Rhythmus hinein.

Die marokkanische Lebensweise ist sehr gekennzeichnet vom Aufeinanderprallen von Modernem und Urwüchsigem. Als wir so zwischen den exotisch gedressten Berbern sitzen, geht mir durch den Kopf: eigentlich sind das ja Jugendliche wie wir, mit den selben Gedanken und denselben Schwierigkeiten. Sie machen gern Musik und Party, doch an einigen Stellen schimmert immer wieder ihre ganz andere Kultur durch: wenn sich zwei Jungs aneinanderkuscheln und Hand in Hand durch die Straßen ziehen ; wenn sie Nike- Turnschuhe und Dschellebah kombinieren, wenn sie so ganz ohne Alkohol leben und abends um 10 schon ins Bett gehen.
Ich bin halt in Afrika.
Kurz vor Sonnenaufgang bin ich schon wieder wach. Ich will ihn nicht verpassen und gehe auf die große Düne. Die Sonne kommt diesmal von der anderen Seite, als sie gestern untergegangen ist und steigt über dem Gebirge "Wenzelmann" auf. Ein schmaler Spalt am Himmel färbt sich orange, dann steigt langsam der riesige Glutball auf, bis er nach einigen Minuten in einem Wolkenmeer verschwindet. par Mohammed bereitet schon das Frühstück, während Heike nur kurz guckt und sich wieder hinlegt.
Ali, ein wilder Mensch, der in kultigen Klamotten und wilder Mähne umhergeht und einen auf Berber macht, bietet mir einen Tee an, während ich warte, daß Heike aufsteht. Mohammed sattelt die Kamele und wir frühstücken, als sich mein Wunsch erfüllt. Den ganzen Tag über ist heute der Himmel leicht verschleiert und es geht ein konstanter Wind. Ich fühle mich beim Rückmarsch immer unwohler, irgendwie ist mir leicht schwindlig vom Wind uns von der Sonne und von der Wüste, so daß ich das letzte Stück sogar laufe. Wieder an der Kamelfarmbaustelle angelangt, kann ich nichts anderes tun, als mich in den Schatten legen. Wahrscheinlich habe ich einen Wüsten-Sonnen-Koller.

Wir essen nochmal Tajine, bevor Heike merkt, daß es wieder Freitag ist und sie Geld tauschen muß . Hassan geht in die Spur, besorgt uns schnell ein Taxi und bringt uns nach Zagora zurück. Unterwegs haben wir zwar eine Reifenpanne, aber Hassan fürchtet um unsere Liquidität und bemüht sich deshalb sehr. Wir erreichen Zagora, Heike wird an der Bank abgesetzt und ich will auch gleich bezahlen, aber Hassan sagt, das gänge nur im Büro. Wir also ins Büro, Heike wird nachkommen. Dort sitzt auch schon der junge Spund und beginnt mir wieder die Ohren vollzuheulen, daß er uns die Kameltour so billig gemacht hat. Und er entschuldigt sich dafür, daß es bei ihm so unordentlich aussieht. Dann bekomme ich noch das Angebot, für die Firma mitzuarbeiten und nach zwei Tee kommt Heike. Wir verlassen den Ort des Geschehens.
Mir ist immer noch nicht besser, deshalb gehe ich über zu einer Schocktherapie zur Verhinderung eines Durchfalls, der mir zu kommen scheint: ich kaufe Schokolade, Kekse und Cola (endlich ein Grund für erhöhten Schokoladengenuß!).
Da wir in dem Hotel, wo wir vorher schon übernachtet hatten, eine Dusche wissen, wenden wir uns dahin, gehen wie selbstverständlich hinein, setzen uns an den Swimmingpool, "um einen Tee zu trinken". Dann beginnt wildes Umräumen und Reinigen. Ich esse Keks und Schokolade. Dann sitzen wir noch eine Weile zusammen, bis Heike erschreckt auffährt: sie muß ja ihren Rückflug bestätigen! Und rennt los. 19 Uhr fährt unser CTM-Bus nach Ouarzazote, wo wir 22 Uhr anlangen. Ich überlege immer, ob es mir nun besser geht oder eher nicht. Nach dem Nachtmahl in der Bahnhofskneipe eher nicht, denn es gibt eine marokkanische Suppe und einen Tomatensalat, nach dem nun auch Heike überlegt, ob es ihr gutgeht oder nicht. Wir gehen erstmal schlafen. Nun wollen wir nach Taraudannt fahren und ahnen gar nicht, daß das den ganzen Tag dauern wird. Zuerst wieder die übliche Buslosfahrzeremonie . Dann fahren wir durch eine trockene Hochebene, rechts und links erscheinen Hochgebirge; Schnee leuchtet von den Gipfeln. Gegen Mittag erreichen wir die fruchtbare Souss- Ebene . Palmen, Orangen, Mandeln und Bananen unter Folie wachsen hier. Es scheint das schönste Tal Südmarokkos zu sein. Im Bus fahren wir ein Stück mit zwei Schulmädchen, die kichernd in ihren Poesiealben lesen. Dann lachen wir uns an und tauschen unsere Hefte aus: ich gebe mein Reisebuch und erhalte ihr Poesiealbum, in dem ich viele Aufkleber, Verse und Gedichte finde. Manche arabisch, manche französisch. Mädchen sind eben überall gleich. Jungs gestalten die Welt.
Am zeitigen Abend erreichen wir die mächtigen Stadtmauern von Taraudannt. Es wird "Klein-Marrakesch" genannt und hat einen arabischen und einen Berber-Souk in seinem Bauch versteckt. Wir lassen uns verschlingen und staunen über die Einfachheit , sich in der Stadt zurechtzufinden, als wir schon bald vor dem von uns gewünschten Hotel stehen. Wir erschrecken fast über den genannten geringen Preis von 8 Mark pro Nacht für uns beide zusammen, dafür haben wir ein kleines Zimmer mit Fenster zum Platz, Dusche inclusive und über uns eine schöne Terrasse. Direkt vor unserem Fenster steht ein Orangenbaum voller saftiger Früchte. Wir treiben abends natürlich Schabernack, ernten eine Frucht nach der anderen und lassen sie auf die vollbesetzte Gaststättenterrasse fallen und kichern dabei wie wild. Wir bummeln noch ein bißchen durch die Stadt, taxieren die Töpfereien und Lederläden; ich suche nach einer Djambe-trommel und naschen gebrannte Mandeln und trinken frisch gepreßten Orangensaft. Dieser Abend ist unser Abschiedsabend, denn Heike fliegt nach zwei Wochen schon wieder zurück. Wir essen dazu zur Feier des Tages einen Fisch-Hamburger für sagenhafte 80 Pfennige und gehen ins Bett.
Es ist Montag. Ich ziehe allein los, habe mir vorgenommen, direkt nach Essaouira zu wandern und verlasse die Stadt durch ihren Hinterausgang und dort sieht sie wahrlich finster mittelalterlich aus: an die Stadtmauer schmiegen sich die Hütten der ärmsten, überall fliegen Abfälle und die häßlich schwarzen Plastebeutel herum. Der Weg führt durch ein Oued; hier hat der Fluß eine fünf Meter tiefe Furche in den Lehmboden gegraben. Mir kommen auf dem Pfad Esel und Karren mit frischem Gemüse entgegengefahren. Ich sehe eine Erdhöhle mit einem Deckel davor, die wahrscheinlich jemandem als Zuhause dient und bin nach zehn Minuten mitten in der Wüste. Kein Baum, kein Strauch. Ich gehe und gehe, bis ich nach zwei Stunden nach dem Weg frage. Die Antwort gestaltet sich ziemlich kompliziert, denn die Wüste scheint von unzähligen kleinen Wegen durchzogen zu sein, so daß der Weg nicht einfach zu finden ist. Ich verliere immer mehr die Lust, hier so Staub zu atmen und drehe um. In mir ist auf einmal der Wunsch erwacht, auch sofort mit nach Hause zu fliegen. Ich fühle mich einsam und allein und dann diese karge Landschaft hier. Schnellen Schrittes erreiche ich Taraudannt wieder und suche eine Telefonzelle. Die erste geht nicht, die zweite ist besetzt. Was also nun? Wenn ich morgen mitfliegen kann, muß ich ja heute noch einkaufen. Ich versuche, noch einmal anzurufen, doch es ist wieder besetzt. Also kaufe ich im Eilverfahren eine Trommel, wobei ich sicher bei der Preisverhandlung keine Vorteile herausgearbeitet habe , und tigere, begleitet von einem schwer abweisbaren Führer, zum Bus nach Inezgane. Ich will nur noch zurück. Ich bin so allein, die Leute kotzen mich an, ich will mich ausruhen. In Inezgane endlich erreiche ich jemanden von der Fluggesellschaft. Das Umbuchen des Fluges kostet allerdings 150 Mark. Doch mir ist alles egal, ich will nur weg hier. Ich gehe in dasselbe Hotel wie zu Anfang unserer Reise und hoffe, Heike nochmal zu sehen, doch sie ist nicht da. Ich gehe noch in den Souk, will ja Gewürze mit nach Hause nehmen und treffe auch den altbekannten Gewürzhändler wieder, bei dem ich kaufen möchte. Er verspricht mir einen Freundschaftspreis. Der Gauner. Ich soll mit in seinen zweiten Laden kommen. Dort ist ein anderer Araber mit einer geldgierigen Hakennase, der anscheinend mehr als Freund zu sagen hat und mir aber gar keinen Freundschaftspreis machen will. Zuerst soll ich sagen, was ich denn so haben möchte. Ich frage nach dem Preis der Gewürze, aber das sei erstmal egal, erstmal soll ich sagen, was ich möchte. Also, dies und das und damit ich weiß, was es ist, soll ich in die Tüten auch gleich kleine Zettel tun mit dem Namen des Gewürzes drauf. Als wir alles fertig verpackt haben, kommt Kumpan und wiegt die Beutel mit der Hand und schreibt finstere Preise auf einen Zettel. Dann rechnet er zusammen und kommt auf 46 Mark. Bin erschüttert. Unter anderem wollte ich auch etwas Safran haben. Mir wurde ein Beutel mit reichlich hundert Gramm gefüllt und nun erfahre ich, daß das Gramm Safran 40 Pfennige kostet. Also der Beutel für 40 Mark. Als der Händler meine Absagende Antwort erfährt, ist er mächtig enttäuscht. Er ist mit dem Preis soweit runtergegangen und nun will ich das Angebot auch noch abschlagen! Wütend beginnt er, die Päckchen wieder auszuschütten. Ich sage: halt, wir können doch verhandeln. Ich würde zwanzig Mark für alles zusammen geben. Der Händler ist noch erschütterter und stellt mir eine Kollektion von vier Beutelchen zusammen, die ich für zwanzig Mark bekommen würde. Fast nichts. Ich sage, gut, dann gehe ich. Da wirft mein Freund ein, daß ich für zwanzig Mark auch Gewürze, und auch mehr bekommen könnte, inklusive Argon- öl. Ich sehe mir das Berglein an, das er mir zusammenstellt; es ist schon etwas größer, aber gefällt mir immer noch nicht. Der Händler Hakennase schimpft nun auf Freund, viel zu viel gibt er mir. Doch Freund tut mir noch ein Päckchen Tee hinzu. Es ist mir noch zu teuer. Und dann ist mir ja auch noch ein bißchen schlecht. Und dann irgendwann habe ich es genommen, wohl eher aus Gefälligkeit dem Freund gegenüber denn aus gutem Preis. So ist das nunmal beim Handeln; man muß sich Zeit mitbringen und Ausdauer. par Nach einer gut durchgewachten Nacht hat sich mein Entschluß um 180 Gra gedreht: ich bleibe hier, denn hier kann ich die Woche locker von hundert Mark leben, statt 150 für den Flug zu bezahlen. Aber erholen muß ich mich erstmal ein bißchen von dem Land hier. Und wo kann man sich erholen? In Agadir!
Agadir wurde in den Sechzigern durch ein verheerendes Erdbeben zerstört und ist nun als total moderne Stadt mit Hotels und Badestrand wieder aufgebaut. Absolut sauber und absolut touristisch. Ich brauche das! Ich freue mich an den Touristen, die in Gruppen an mir vorbeiziehen, an ihren Bäuchen und an ihrer behäbigen Art, in die Welt zu blinzeln. Ich freue mich an den sauberen Geschäften und an dem Zeitungsstand, der Bild und Süddeutsche anbietet. In der Süddeutschen steht, daß jetzt Krieg in Jugoslawien ist und daß zu Hause fünf Grad Hitze im Schatten sind. Ich sitze am Strand, lasse die Beine baumeln, kämpfe mit meiner Süddeutschen gegen den Wind und beobachte einen Pulk Franzosen, die miteinander Belustigungsspiele machen. Doch mit der Zeit wird es langweilig hier. Ich habe die Süddeutsche bald ausgelesen und auch zu sehen gibt's nicht viel, also fahre ich wieder zurück in mein Hinterland, zu den Marokkanern. In Inezgane will ich mal wissen, was das für ein kleiner Park war, in dem wir letztens mal gesessen hatten und in dem ein kleines Gebäude stand, in das nur Frauen gingen und das aussah wie eine Kapelle. Ich gehe also in den Park und setze mich hin, hoffend, durch Beobachtung näheres zu erfahren. Zuerst will man mich wegscheuchen, doch ich frage nach, warum. Dann muß ich doch nicht weg, sondern bekomme das Gebäude von nahem und von innen gezeigt. Es ist eine Totenhalle, wo die Angehörigen um ihre soeben Gestorbenen trauern können, die dort aufgebahrt sind. par Abends konzipiere ich die nächste Woche. Ich erfinde einen Plan, was ich nun noch tun werde. Über dem Planen werde ich froh und wieder interessiert, weiterzumachen. Ich will nun den weiteren Süden erkunden. par Zuerst fahre ich nach Tiznit, einer ziemlich unscheinbaren Stadt, die aber von einer großen Stadtmauer eingefaßt ist. Diese sieht gar nicht so neu aus, ist aber erst 1920 erbaut worden; irgendwie gab' s in der Gegend immer Scherereien mit den Nomaden und da mußte man eine befestigte Stadt bauen. Aber Tiznit ist berühmt für seinen Silberschmuck, deshalb will ich hier für Claudia ein Andenken kaufen. Zuerst habe ich die groß e Qual der Wahl, doch bald habe ich mich entschieden: ein Anhänger aus Silber mit einer Spirale drauf. Ich will aber jetzt die Nachlässigkeiten bei den letzten Verhandlungen wiedergutmachen und beschließe, bis aufs Blut den Preis zu drü cken und mir dazu viel Zeit zu nehmen. par Ich überlege also noch einmal, ob ich das Teil wirklich will und als ich felsenfest davon überzeugt bin, trete ich ein in die Höhle des Löwen. Zwei Stunden unterhalten wir uns über Land und Leute, ganz neben bei geht's immer wieder mal um das Schmuckstück, doch dann hab ich's für 8 Mark in der Tasche. Dazu gab es fünf Tees und selbstgebackene Kekse. Super! Jetzt habe ich wieder Achtung vor mir! Und ganz nebenbei habe ich noch allerhand über den Verkäufer und das Leben im allgemeinen erfahren. Schade, daß ich nicht seine Sprachen spreche, d.h. Berber oder Franzos. par Am nächsten Tag fahre ich ans Meer: in Agnou-Plage soll es ein Fischerdorf geben, in dem die Menschen noch in Höhlen wohnen. Gibt es auch, doch die Höhlen sind gar nicht so schlimm, finde ich. Ich werde in eine eingeladen, die ein junger Mann als Laube eingerichtet hat. Wir trinken Tee und essen Wurstbrote und dann werde ich noch eingeladen, das Fest Aid- le - Kebir mit seiner Familie zusammen am Sonntag zu feiern, wenn ich mö chte. Aber ich bin ja sicher nicht in dieser Gegend. Dann kommen noch seine Freunde vom Fischfang zurück und halten einen Plausch. Die Leute hier nehmen die Arbeit so leicht, sie meckern nicht über die Arbeit, sondern sie tun ihr Tagwerk und dann ist gut, dann nehmen sie sich auch Zeit für sich und vor allem auch für ihre Freunde. par Schöne Muscheln gibt es hier am Strand und Korallenteile und Tintenfischplatten. Doch sonst ist außer dem Dorf nicht viel zu sehen. Ich fahre per Taxi nach Tiznit zurück und dann weiter nach Sidi Ifni, der wohl südlichsten Station meiner Reise. Sidi Ifni scheint wie ein verlassenes portugiesisches Fischerdorf. Es liegt malerisch auf einem Hügel aus rotem Sandstein. Als ich ankomme, ist gerade Hammelmarkt für das bevorstehende Fest. Aid- le- Kebir ist das größte muslimische Fest, ähnlich wie Weihnachten bei uns. So ist auch die Stimmung an diesem Abend: die Leute sind ruhiger, haben Vorfreude, sind fein angezogen und flanieren frohgelaunt auf der Straße. Ihr Schaf, daß sie am Sonntag schlachten wollen, fahren sie stolz auf ihrem Karren nach Hause, fast so wie wir unseren Weihnachtsbaum. Das Schaf blöckt ein bißchen, so als ob es ahnt, daß es bald im Kochtopf landet. par Nach einem Strand- und Stadtrundgang treffe ich abends am höchsten ende der Stadt, an dem man wunderbar in die Ferne und über die Stadt blicken kann, eine Gruppe betrunkener Jugendlicher, die mich gleich in ihr Herz schließ en. Einer kann englisch, einer zeigt mir abschließend sein Haus und die Frauen darin, die in einem kleinen Zimmerchen sitzen vor dem Fernseher und einer fährt mich mit dem Mofa zum Hotel zurück. Alles läuft mit vielem Umarmen, Stirnküssen, Handküssen und anderen Liebesbezeugungen ab. Ist schon ziemlich ungewöhnlich für mich distanzgewohnten Mitteleuropäer. Doch die Leute hier sind stolz auf ihre Stadt, haben sie erklärt, und wohnen gern hier. Mir geht es ja genauso. Ich muß zwar ab und zu weg aus Dresden, doch als Basis brauche ich es doch; meine Heimat. par Gleich am nächsten Tag will ich nach Tafraoute in die Berge des Anti- Atlas. Ein Taxi nach Tiznit findet sich schnell, doch in Tiznit erlebe ich wieder mal am eigenen Leibe die Blüten der Desinformation. Angeblich fährt jetzt kein Bus nach Tafraoute, also gehe ich zum zwei Kilometer entfernten Taxistand. Doch es würde 10 Mark per Taxi, also gehe ich lieber wieder zurück und warte auf den nächsten Bus. Doch als ich am Busbahnhof ankomme, fährt gerade ein Bus nach Tafraoute ab, der vollbesetzt ist, ich kann also nicht mit aufspringen und muß vier Stunden auf den nächsten warten. Also, nichts niemandem glauben, bis man nicht auch den letzten Menschen gefragt hat! par Abends bin ich dann nach einer grandiosen Panoramafahrt in schwindelerregende Höhen in Tafraoute, finde ein Hotelzimmer und bestelle eine kleine, wunderbar schmeckende Tajine. Tafraoute liegt inmitten von Bergen aus rundpolierten roten Steinen; ein ideales Kletter- und Wanderparadies. Die Menschen sind auch ruhiger, ausgeglichener als in den Städten. Ein wunderbarer Abschluß meines Urlaubes. Zuerst borge ich mir ein Mountainbike und mache eine Rundtour durch das Tal der Ammeln.

Ich besichtige das alte Dorf Oumesnat. Lehmbauten, große Gehöfte, die jetzt teilweise verfallen und als bizarre, aber immer noch imposante Ruinen am Berg kleben. Ein Haus ist als Museum eingerichtet und ich erfahre viel über das Brotbacken und über die Couscous- Zubereitung. Im Dorf treffe ich drei Dorfschö nheiten und habe das erste Mal eine offene Konversation mit marokkanischen Frauen. Es ist sehr ungewöhnlich, denn die Frauen sind meistens verschleiert, zurückgezogen von der Männerwelt und abends aus der Öffentlichkeit verbannt. par Ich fahre noch eine Runde von fünfzehn Kilometern, bis ich wieder in Tafraoute ankomme, dann fahre ich ins Nachbardorf, welches von einem imposanten charakteristischen Berg überragt wird, welches Napoleonshut genannt wird, weil er so aussieht. Dort treffe ich einige Frauen, die in einem Lehmofen in einer Gasse selber köstliches Brot backen. Dazu werden Steine erhitzt, auf welche mit einem Schuber ein dünner Teigfladen gelegt wird, gewendet und wieder herausgeholt. Die Steine kleben teilweise am Brot fest und werden dann abgeschlagen. Das Ergebnis ist ein wohlschmeckendes buckliges Vollkornbrot. Den Kindern, die mit dabei sind, zeige ich, wie ich in Deutschland Brot backe. Im allgemeinen scheint das Brotbacken eine sehr gesellige Angelegenheit zu sein, denn mittlerweile haben sich an die zehn Frauen und ebensoviele Kinder versammelt. Ich bekomme etwas Brot geschenkt und fahre zurück das Fahrrad abgeben. par Abends lerne ich einen Kanadier kennen, der schon drei Monate in Marokko lebt und bummele mit ihm durch den Markt, wobei zwei rote Babuschen für meine Kinder herausspringen. par Heute ist nun schon Sonntag, das Fest Aid- le- Kebir, welches an das Opfer Abrahams erinnert, der zuerst seinen Sohn schlachten wollte, doch dann stattdessen ein Lamm nahm. Schmeckt auch besser. Ich will heute herumgehen und hoffen, von einer Familie zum Fest eingeladen zu werden. Zuerst begegne ich am Morgen an der Straße der Schlachtungszeremonie: an einem Baum hängt Lamm kopfunter, dabei steht ganze männliche Familie, einschließlich Söhne. Alle sehen feierlich zu, wie einer der Männer mit flinkem Messer der Kreatur ein Ende bereitet, das Fell abzieht und ein kopfloses Monster am Baume produziert. Ein zweites, noch lebendes Schaf, liegt mit am Tötungsplatz und muß, müde blöckend, dem Schauspiel zusehen, bevor es selbst an die Reihe kommt. Es ist gewöhnungsbedürftig für mich zu sehen, daß die Kinder beim Schlachten zuschauen. Aber ebenso finde ich es nicht gut, wenn man das Fleisch nur folieverschweißt im Großmarkt zu kaufen sieht und nicht weiß, daß dafür ein Tier sein Leben geben mußte. par Ich wandere heute den ganzen Tag durch die grandiose Gebirgslandschaft, besichtige ein kleines Dorf auf einem Bergabsatz und treffe eine Nomadenfamilie, die täglich im Zelt lebt. Ich werde zum Tee eingeladen und esse Lammspieß. Vier Kamele haben sie und einige Esel und andere Tier, die scharrend, miauend und blöckend um das Zelt herum verteilt sind. Eine schöne, schüchterne Tochter ist dabei und ein Sohn, der etwas entfernt hockt und unablässig vor sich hin plappert, als ob er meditiert. Wir können uns leider nicht verständigen; der alte Mann und ich, und so sagen wir uns nur gegenseitig, wie die Tiere in unserer jeweiligen Landessprache heißen. Ich habe mir kein einziges auf arabisch gemerkt. par Die letzte Nacht hier in den Bergen will ich im Freien übernachten; mir geht es wieder richtig gut, ich habe mich eingelebt und könnte ohne Probleme noch länger hier bleiben. Doch morgen muß ich zeitig los, denn mein bus geht um acht. Denke ich. Denn damit beginnt meine Odyssee: par Wie man ja weiß, haben Flugzeuge eine feste Abfahrtszeit; und die lag bei meinem am Dienstag 12 Uhr dreißig. Also mußte ich spätestens Montag abend in Inezgane im Hotel sein, in dem ich einige Sachen von mir deponiert hatte, die ich auf der kurzen Tour in den Süden nicht brauchen würde. par So begann es: der Bus um acht Uhr fuhr erstmal nicht. Es war Feiertag und da fährt nichts. Alle drei befragten Agenturen, so sie denn aufhatten, sagen mir einhellig: heute fährt überhaupt kein Bus. Also will ich ein Sammeltaxi nehmen. Währ end ich zur Taxistelle gehe, kommt aber doch ein CTM- Bus an, dessen Fahrer ich frage, ob der heute auch wieder abfährt. Ja, sagt der, um 19 Uhr. "Hält der auch in Inezgane oder Agadir?" - "Ja. In Agadir, Inezgane und Marrakesch." Super, meine Rückfahrt ist gerettet. Denke ich. Ich will gleich Fahrkarten kaufen, denn sicher ist sicher, sage ich mir. Doch das Büro hat noch nicht auf. Wann es öffnet, weiß keiner. Auch andere Leute, die ins Büro wollen, kommen ab und zu mal vorbeigeguckt , ob schon auf ist. Währenddessen frage ich schon mal im anderen Büro, ob noch ein anderer Bus fährt. Nein. Jetzt fährt gerade ein Taxi nach Tiznit, doch ich lasse es fahren, weil ich ja einen Bus habe. Um elf öffnet das Büro, das hei ßt es sind auf einmal zwanzig Leute vor mir dran. Eine Fahrkarte nach Inezgane? Nein, der Bus fährt doch bis Casablanca durch und hält nicht unterwegs. Ich werde wütend. Also doch ein Taxi. Doch ein Mann sagt mir: dort, der gelbe Bus, fährt immer um 14.30 Uhr los. Karten gibt's im Bus. Ich frage im Bus, da ist auch zu fällig gerade jemand drin. Nein, der Bus fährt heute nicht, es ist Feiertag. Aber der dort oben, der graue, fährt heute 18 Uhr.

Wir bummeln durch die Souks der Stadt, sie sind gut sortiert und im Vergleich zu den anderen Städten, die wir später bereist haben, ist hier das beste und preiswerteste Angebot zu finden. Ich finde eine schöne Djambe- Trommel, die ich mir aber nicht kaufen kann, weil ich keine Lust habe, sie die ganze Fahrt über mitzuschleppen. Heike kauft sich ein paar schöne lederne Sandalen. Am Hafen gibt es ein Viertel, an dem mittags frischer Fisch über Holzkohle gebraten wird. Tische stehen im Quadrat, Schirme wedeln im Wind, Fisch liegt zum Aussuchen auf großen Tafeln. Die Köche rufen so nachdrücklich zu Tisch, daß man fast gar nicht mehr denken kann: möchte ich was essen? Was will ich essen? Wir lassen uns zu einem Tisch zerren, dessen Koch uns einen Tomatensalat, Shrimps und jedem einen gebratenen Fisch für 30 DH an den Hals versprochen hat. Der Fisch fällt viel kleiner als versprochen aus, also muß der Koch uns noch einen machen und das alles zum gleichen Preis. Darauf bestehen wir. Wir sind ja schließlich wer. Und zwei frisch gepreßte Orangensäfte führen wir uns ebenso ein. Mhh, lecker!

Ich gehe zu dem Büro , das den grauen Bus verwaltet und will erfahren, ob der Bus fährt. Ja, der fährt. Eine Fahrkarte bitte. Nein, der Bus ist schon voll, kein Platz mehr. Jetzt bin ich aber am Ausflippen. Es ist schon mittag, der Flughafen noch zweihundert Kilometer entfernt und ich hänge hier in dem Drecknest fest! Ich gehe wieder zum Taxistand, doch da ist um die Mittagszeit nichts los. Mittags fährt niemand mit Taxi. Schon gar nicht nach Tiznit oder Agadir. Also warten. Ich bin ganz ruhig! Ich bin ganz ruhig! Da kommt ein Touristenbus aus Agadir vorbei und entlädt seine wertvolle Fracht. Ich renne hin und frage die Busfahrer, ob sie mich mit nach Agadir nehmen könnten. Kein Problem, sie müssen nur den Reiseleiter fragen. Der Reiseleiter will zuerst seinen Chef anrufen, doch dann kommen die drei überein, mich so mitzunehmen, und zwar gleich bis Inezgane. Hurra, meine Rückfahrt ist gesichert! par Die französische Reisegruppe geht noch mittagessen, während ich den Bus im Auge behalte, damit er mir nicht durch die Lappen geht. Doch alles geht klar. Ein Marrokaner, ein Wort! Auf diese Art und Weise bekomme ich sogar einmal Einblick in eine andere Herangehensweise an dieses wunderschöne Land: von oben herab, aus einem klimatisierten Reisebus mit getönten Scheiben. In Tiznit werden wir vor einer Silberwerkstatt ausgeladen. Die Reisegruppe muß hineingehen, ich kenne das schon und bleibe draußen bei den Fahrern. Dann geht's weiter, in Inezgane werde ich ausgeladen, erreiche das Hotel, lade mein Gepäck ab und will nochmal zünftig in eine Hammam gehen, doch die ist wie so vieles an diesem Tag geschlossen, also suche ich ein Restaurant zum Essen, was ich auch bald finde und darin ein deutsches Pärchen, essend Pommes. Ich setze mich dazu und wir werden uns bis Leipzig begleiten. Am letzten Abend esse ich mein erstes Kotelett. Auch mit Pommes. Schon bißchen auf die heimische Küche einstellen. Ach, wie freue ich mich auf deutsche Wurst, auf sächsischen Kuchen und sächsische Gemütlichkeit! par Dienstag ist Abflugtag. Mein letzter Tag hier. Eine leise Trauer beschleicht mich. Fremdländisch war es hier. Anstrengend und oft auch sehr konfus. Doch ich war gerne hier, habe die Menschen liebgewonnen , habe gelernt, sie zu nehmen und mich bei ihnen wohlzufühlen. Es ist nun einmal nichts geordnet hier, alles muß täglich neu errungen und sortiert werden. Aber das Leben geht täglich weiter, das habe ich hier gelernt, und man bleibt in Kontakt mit anderen. par Ich stehe zeitig auf und gehe zum Busbahnhof auf der Suche nach einer Waage, um mein Gepäck zu wiegen. Ich will mir noch eine Tajine kaufen, doch mir sind nur 20 kg Freigepäck im Flugzeug erlaubt. Mein Gepäck wiegt 25 Kilo und so lasse ich das mit der Tajine lieber. Ich schenke zwanzig Dirham einer Bettlerin und mache es mal auf die Weise der Marrokaner: kauer mich hin, rede mit ihr, gebe ihr die Hand, lasse mir Zeit und lege beim Gehen nebenbei das Geld in den Teller. par Ich bin sehr zeitig am Flughafen, kann so einen schönen Fensterplatz reservieren und die Fluggäste beobachten. Ich gehe noch einmal ins Nachbardorf und kaufe ein Paket frische Minze, um zuhause einen Tee bereiten zu können.

 


Abends regnet es, die Straßen sind naß, doch die Stände sind beleuchtet und es gibt leckere dampfende Gerichte, gebrannte Mandeln, Datteln und verführerischste Sachen legen sich mit ihrem lockenden Duft zwischen die Regensträhnen. Wir springen durch die Pfützen, genießen den warmen Regen und kaufen uns eine Schokolade, die erste marokkanische und fast die letzte, dem Geschmack zufolge. Meist gibt es hier nur verkleidete "Schlagersüßtafeln" und keine richtige Schokolade. Dafür steht an jeder Ecke ein Karren mit verglastem Bord, wo es Kekse, Waffeln und Kleinkram fü r'n Appel und ein Ei zu kaufen gibt. Meist sind es Kinder, die hinter einem solchen Wagen stehen. Mich wundert es, mit welch wenigen Einnahmen manche Menschen hier überleben. Da sitzt zum Beispiel ein alter Mann den ganzen Tag an einer Straßenecke, vor sich einen Pappkarton, auf dem drei offene Schachteln Zigaretten liegen. Die Einnahmen aus dem Verkauf einzelner Zigaretten sind nun sein ganzes Tagewerk.
Gut, wir fahren den nächsten Tag früh mit einem Bus nach Marrakesch. über die Reise mit einem Reisebus, der sich sehr unterscheidet von einem Stadtbus, muß ich noch ausführlicher schreiben, denn jede Fahrt ist ein köstliches Schauspiel und eine absonderliche Zeremonie. Reisebusse sind im Gegensatz zu Stadtbussen noch auf den Sitzen gepolstert, sie haben Gardinen und auf dem Dach ein Gepäckteil. Meist hält die hintere Tür nicht richtig zu, muß sie auch nicht, denn sie wird fast die ganze Fahrt lang auf- und zugemacht. Will man mit einem Überlandbus fahren, geht man zuerst einmal auf den Busbahnhof, der meist außerhalb der Zentren liegt und ohne den genialen Reiseführer der Heike sicherlich schwer zu finden ist. Ist man dort angelangt, wird man sofort von einem Pulk herumstehender Leute gefragt, wo man hinfahren will. Nennt man sein Reiseziel, begleitet einen jemand in eine Halle, wo sich zirka 10 Kassenfenster befinden, die zu jeweils verschiedenen Busgesellschaften gehören. Vor den Fenstern stehen diverse Grüppchen, einer von ihnen hat einen Abreißblock mit Fahrkarten in der Hand. Die andere Möglichkeit, wie man zum rechten Fahrkartenverkäufer kommt, ist, daß man sich langsam dem Busbahnhof nähert, ohne daß man von dem Pulk bemerkt wird und den verschiedenen Rufen lauscht, die diese Menschen ab und zu von sich geben. Sie nennen das Ziel ihres Busses in einer Geschwindigkeit von dreihundert Silben pro Minute und sagen den Namen ungefähr zehnmal hintereinander. Das klingt ungefähr so:


Dann ist es schon soweit zum Einchecken. Das Flugzeug startet, ich bin schon Profi, es gibt Hühnerbrust mit Reis, eingeschweißt und auf einer Plasteschüssel. Ich lerne eine reisende fidele Rentnerin kennen und bin, nach einem schönen Sonnenuntergang, in Leipzig. Im Sonnenuntergang über den Wolken beobachten werde ich wohl nie Profi werden. Es ist wunderschön. par In Leipzig fährt kein Auto weiter nach Dresden, also nehme ich den Bus in die Stadt und ein Twenticket (!) bis Dresden, wo ich dann um Mitternacht müde und erschöpft ins Bett falle.