Skandinavien 2003

Eine Radreise in zehn Tagen von Dresden nach Schweden, Dänemark, Hamburg und die Elbe aufwärts.
An einem schönen Freitag morgen wurde mir bewußt, dass ich in einem Monat mit arbeiten beginnen werde und die restliche Zeit unbedingt noch sinnvoll nutzen muß.
Da ich noch nie in den nordischen Ländern war, beschloß ich, eine Fahrradtour in den "hohen Norden" zu unternehmen, und die Recherche nach den Preisen für eine Fhrüberfahrt von Syssnitz auf Rügen nach Trelleborg in Schweden von 14 Euro für Mann und Rad überzeugten mich vollends.
Ohne weitere Vorbereitungen fuhr ich los, wie immer wollte ich mich treiben lassen und mich Stück für Stück voransuchen.
In Berlin kam ich nachts 23 Uhr an; zum Glück waren meine Verwandten noch wach, und so konnte ich bei ihnen schlafen.

Berlin, Siegessäule
In einem Berliner Laden wechselte ich die Kette, weil ich ihr keine weiteren hundert Kilometer mehr zumutete; sie knirschte schon verdächtig. Das Wechseln hatte ich aber immer vor mir hergeschoben, weil meistens, wenn man die Kette wechselt, auch noch das Zahnrad gewechselt werden will. Und so kam es; ich hatte in dem Laden umständlich die Kette getauscht, fuhr zwei Meter und schon sprang die Kette übers Zahnrad; also wieder rein in das Geschäft und auch den hinteren Zahnkranz gewechselt. Macht locker mal 30 Euro.
Aber nun konnte nichts mehr passieren; ich konnte losdüsen nach Norden. Ich bin ja schon einmal durch die DDR gefahren, aber da bin ich in anderer Richtung gekommen; von Rügen nach Dresden. Und damals konnte man die Fähre auch noch nicht so einfach benutzen. Es gab ja schließlich noch keine Euros...

Scandlines, Fährlinie
Ich habe einmal am Strand in der Nähe der Fähre übernachtet, damit ich die erste früh gleich bekomme. Wie immer hatte ich keine Ugr mit, und so stand ich gleich beim ersten Morgenhell auf und war natürlich viel zu früh da. Ich trieb mich, weil der Wind so toste, in der Station herum; und dreiviertel acht erschien sie auch am Horizont: die Fähre.
Im Bauch hatte sie Eisenbahnwaggons und darüber Autos und LKWs, so schön wie nur in den bebeilderten Kinderbüchern. Ich durfte vor den Autos reinfahren, über eine lange Eisenbrücke.
Das erste, was mir im Schiff auffiel, waren eine Unmenge Geldspielautomaten, die in allen möglichen Nischen herumstanden. Irgendwie scheint es, wurde das steuerllich gefördert? Ich konnte mir deren Unmenge jedenfalls nicht anders erklären.
Nach dreieinhalb Stunden erscheint die Küste, und wir werden ausgeladen in Trelleborg, Schweden.

Ankunft in Trelleborg
Das erste, was mir in Schweden auffällt, sind die vielen kulturellen Einrichtungen im Zentrum der Stadt, die freundlichen und Radfahrern zuvorkommenden Autofahrer und die Lebensmittelläden im Zentrum der Stadt. Wenn ich jetzt vergleiche, wie ich dann Deutschland wieder erlebt habe, ist alles viel menschlicher und praktischer organisiert. Wenn wir uns in Deutschland eben alle Lebensmittelläden und andere Märkte an den Stadtrand bauen, dann muß eben jeder Auto fahren, dann kutschen wir eben hin und her und dann gibt es auch keinen Kontakt zu Bekannten beim Einkaufen.
Auch das Wohnen ist ruhiger und großzügiger in Schweden. Man hat den Eindruck, alle Menschen sind reich, und es gibt keine wirklichen Armen. Es gibt zwar den Lebensstil des einfacheren Menschen, aber auch der wird gleichwertig geachtet. Die Menschen haben auch mehr Dinge gemeinsam organisiert, wie zum Beispiel ihre Briefkästen; die hängen in bunter Reihe gesammelt an Straßeneinfahrten.

schwedische Briefkästen
Als erstes fuhr ich ein Stückchen nach Osten, bis nach Ystad, und da kam ich am südlichsten Landzipfel Schwedens vorbei. Dort stahl ich den südlichsten Stein und habe nun das Land 0,01m kürzer gemacht.
Am Leuchtturm tankte ich Wasser.

Leuchtturm
 
der südlichste Fleck Schwedens
In Schweden, wie auch dann in Dänemark und Deutschland, begegnete ich vielen Zeichen der alten Besiedelung. Tausende Jahre alte Steinsammlungen, Höhlen und Plätze. Die gehimnisvollsten Legenden ranken sich um diese Orte.
Ting-Stätte bei Ystad
Nach Ystad, einer schönen beschaulichen Kleinstadt mit einem großen Hafen, fuhr ich einfach in einem großen Bogen nach Nordwesten in die Landschaft hinein, um irgendwann nach Malmö zu kommen. Es wurde Abend und die Sonne tauchte die hügelige Landschaft in ein zartes Rotorange. Viele Aleen, Hügel, Herrenhäuser, alte Kastanien, Seen und Felder mit Getreide umgaben den freundlichen Abend.
Meine erste Nacht in Schweden verbrachte ich an einem See. Ich baute das Zelt auf und entfachte ein kleines Lagerfeuerchen. Das Wasser war warm und so konnte ich den Schmutz und Schweiß von meiner Haut spülen. Ich schlief wunderbar. Der ganze See gehörte nur mir allein diese Nacht.

Am See
Am nächsten Tag fuhr ich bis nach Malmö, die große Hafenstadt. Mir gefiel es nicht so gut in den großen Städten. Meist lies ich mich mit den Fußgängern etwas treiben und verschwand dann weiter. Schließlich mußte ich gegen Abend immer was Ordentliches zum Schlafen finden. Herbergen oder Campingplätze sind ja unbezahlbar, also habe ich den ganzen Urlaub nur im Freien oder in meinem schönen Zelt geschlafen.
Malmö
Von Malmö nach Kopenhagen führt eine beeindruckende Seilbrücke, über die oben eine Autobahn und darunter eine Zuglinie führt. Mit dem Rad kann man also nur den Zug nehmen. Ich komme in Kopenhagen an und gehe auch etwas umher. Man könnte sich vieles ansehen, aber da brauchte man etwas mehr Zeit und Geld; und so fange ich die Impressionen und Ausdünstungen dieser riesigen Stadt ein und treibe in Richtung ihres Ausganges. An einer Ausfallstraße in einem Cafe aber genieße ich einen warmen Caffee ou lait.
Nun bin ich also auf der dänischen Insel Seeland. Das dänische Geld hat Löcher, da kann man es auffädeln und sich um den Hals hängen. wie praktisch. Dänemark hat wie Schweden noch keinen Euro.

Bei der Überfahrt
Ich komme durch Roskilde hindurch, dem Ort des berühmten Rockfestivals. Und dann rafft es mich, und ich will bis zur Westküste fahren, um am Strand zu schlafen. In der Nähe von Gorlev erreiche ich in der Nacht den Strand, aber es gibt kein freies Plätzchen; alles ist von Privatbesitzern gepachtet. Fahre ich also zurück, da habe ich doch irgendwo gelesen von "Ravenoi", dem keltischen Kultort. Den finde ich; zwei Hügel auf einem Feldberg. Gespenstisch sehen die in der Nacht aus. Ich gehe so um sie herum, da entdecke ich plötzlich einen Eingang zu einem Höhlengrab, vielleicht fünf mal zwei Meter groß und zwei Meter hoch. Dort drin lege ich mich auf Isomatte und in Schlafsack. Nachts bemerke ich noch einen Zimmergenossen: eine kleine Fledermaus.
Früh lese ich , dass das Grab an die viertausend Jahre alt ist.

Der Eingang des Grabes
Beo Korsor, dem westlichsten Zipfel von Seeland, beginnt die nächste Brückensensation zur Insel Fyn hinüber. Und wieder muss ich den zug nehmen, nur dass der Zug diesmal nicht unter den Autos, sondern gleich unter dem Meer entlang fährt.
Die Insel Fyn ist ungefähr 80 km breit; und so weit fahre ich auch. Auf ihr zu Übernachten finde ich nichts, und so fahre ich über eine diesmal kleinere, aber nicht weniger beeindruckende Brücke, hinüber nach Jütland, dem Festland. Dort richte ich mich auf einem verlassenen Bauernhof ein, unter einem Dach, denn schwere Gewiterwolken verheißen und erfüllen dann auch einen Gewitterguß.
Ferien auf dem Bauernhof
Das erste, was mich in Deutschland begrüßt, sind die Unmengen von Autos, Bechlawinen, Hektik und Geschrei, das nicht geschrien, sondern in Gesichtsausdrücken und psychologischer Kriegsführung zum Ausdruck kommt. Und ich habe den Eindruck, alle Deutschen müssen zeigen, dass sie arbeiten. Die Schweden arbeiten, um etwas sinnvolles herzustellen oder zu tun, die Deutschen arbeiten, um zu zeigen, dass sie nicht faul sind.
Ich finde am alten Ochsenweg, einer Viehhandelsstraße aus dem Mittelalter, die zwischen Viborg in Dänemark und Itzehoe in Deutschland führt, mitten im Kropper Busch eine Holzhütte mit Holzbett und schlafe darin, eingelullt von süßestem Vögelgezwitscher, ruhig ein.

Die Hütte im Kropper Busch
 
Die Hütte drinnen: mit Bett
Bald bin ich auch schon in Hamburg. Nie hätte ich gedacht, dass das so schnell geht. Aber ich fahre ja auch fast immer von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. An einem Fahrradladen pumpe ich mein Hinterrad ein bischen auf, aber scheinbar etwas zu viel, denn als ich an einer Kreuzung eine Frau nach dem Weg frage, explodiert mit einem furchtbaren Knall mein Hinterrad. Den Schlauch hats komplett zerlegt.
In Hamburg ist bereits Abend und so suche ich die Elbe in dem Gewirr von Nebenarmen und Sümpfen und baue mein Zelt bei Geesthacht am Ufer auf.

Hamburg hinter Brücken
Der nächste Tag bringt mich von Hamburg bis an die ehemalige innerdeutsche Grenze, wo eindrucksvoll die ehemaligen Grenzsicherungsanlagen, die heute noch teilweise in unseren Köpfen herumschwirren, aufgebaut sind.
Ein Dorf, Stresow, wurde von der NVA ausgebürgert und abgerissen, weil es auf dem Todesstreifen stand. Dort gibts einen Gedenkstein und einen Vorgelbeobachtungsturm. Der Turm ist meine, ich nehme das Rad mit hoch und mache mirs dort für die Nacht bequem.
Die untere Elbe ist übrigens ein sagenhaftes Vorgelparadies. Es gibt viele Überschwemmungsflächen, Seen und Sümpfe, und dort tümmelt sich das gefiederte Tier in Massen und lärmt ununterbrochen.
Am vorletzten Tag fahre ich bis Magdeburg, wo ich in einer kleinen Dönerbude vom Geiwttersturm überrascht werde. In der Innenstadt ist ein Fest, das bleibe ich ein bischen und treffe einen berühmten Radfahrer, den Vize-Streckenrekordmeister im Guinessbuch der Rekorde. Er ist schon überall auf der Welt unterwegs gewesen.
Nachts aber, so halb zwölf, als ich losfahre, finde ich mit meiner Funzel natürlich nichts mehr, alles auch vom Regen ganz naß. Deshalb baue ich dann letztendlich mein Zelt in dieser kleinen, aber sauberen Bushalte auf und schlafe mich von den Strapazen aus.
Am letzten Tag ziehe ich durch bis nach Dresden, wo ich mit den letzten goldenen Sonnenstrahlen ankomme: ich will mich mal richtig baden, bin alleine, möchte wieder zuhause sein. Karsten ist auch da und er kochte gerade mit einem Freund. Super. Und es gibt gaaanz viel Knoblauh dran und ein Bierchen und dann habe ich auch gleich die nötige Bettschwere.
Und so bin ich kurzerhand mal in zehn Tagen über tausend Kilometer gefahren; eine Friedensfahrt. Und es war schön. Aber so schnell werde ich nicht wieder alleine fahren, denn auf die Dauer ist das doch ganz schön langweilig; man möchte schon oft jemanden um sich haben, mit dem man sich über die ganzen Eindrücke unterhalten möchte.