Die Befreiung
Der Austritt und die wilden Jahre
Nun hatte ich also erkannt und entschieden, dass ich nicht mehr in dieser Gemeinde
und unter diesen Glaubensvorstellungen leben konnte. Ich hatte ja die ganze
Zeit der Mitgliedschaft die Prämisse, Gott erkennen zu wollen, im Hinterkopf.
Und da man ihn nur erkennen kann, wenn man sich hundertprozentig auf das Leben
mit ihm einrichtet, ja sein Leben "in seine Hände" geben muss,
habe ich alles gegeben, bis hin zu Heirat und Kinderkriegen.
Nach den einigen Jahren Leben konnte ich nun wirklich aus erster Hand sagen,
dass ich dieses Leben nicht leben möchte. Ich teilte noch das Gemindeblatt
aus, dann sagte ich den Gemeindeältesten, dass ich austreten werde. Ich
sprach das auch vor der Gemeinde im Gottesdienst aus.
Die Ältesten wollten mit mir reden, und fragten, ob sie zu uns nach Hause
kommen könnten, was sie dann auch taten, und viel von moralischer Verantwortung
gegenüber meiner Familie sprachen. Ich erinnere mich auch noch, dass wir
von einer bekannten Familie eingeladen wurden, die gern Vermittler zwischen
uns spielen wollten - auf christlicher Basis. Doch sie konnten bei mir nichts
bewirken. Kein einzige Gedanke des Zweifelns an meinem Entschluss war da in
mir. Es war alles nur wie eine Richtigstellung, was ich im folgenden tat: zuerst
trat ich aus der Gemeinde aus, dann, denn ich hörte jetzt auf meine Gefühle,
merkte ich, dass meine Ehe auch nur auf Entscheidungen aus dem Glauben heraus
aufgebaut war, und nicht aus einer persönlichen Bindung zweier sich liebender
Menschen. Ich zog zuerst ins Kinderzimmer und schlief im Hochbett von Raphael.
Dann sagte ich, dass ich zwei Wochen allein Urlaub machen werde, um alles noch
einmal genau zu überdenken, aber es gab nichts zu überdenken.
Die zwei Wochen fuhr ich mit dem Zug in die Hohe Tatra und lernte da Adrienne
kennen; gerade auch verlassen und betrogen von ihrem Freund, und gerade auch
erst 18 geworden, und wir erlebten beide ein grossartiges freies, aber nur fünf
Tage andauerndes Liebesabenteuer. Ich spürte, ich bin wieder lebendig,
ich atme wieder tief, und ich bin wieder auf dem Weg meiner Vision.
Nach Dresden zurückgekehrt, teilte ich Anita meinen Entschluss mit, auszuziehen,
und hatte auch szchon im September ein Zimmer in Pieschen gefunden. Ich malte
mein Zimmer flammenrot an, baute mein Hochbett auf und lebte Jahre voller Freiheit,
voller Angst, Fragen und Verirrungen auch, aber ich war wieder ich selbst, ich
war wieder der aktive Teil in meinem Leben.
Ich lebte die Liebe, ich genoss die Natur, und ich arbeitete auf kreativem Gebiet
mit vielen Medien.
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