Studium und Arbeit
Viele Zeit während meines Studiums brauchte ich, um meine Situation zu
bedenken. Ich grübelte, war traurig und zurückgezogen. Ich hatte meine
Kinder auf dem Gewissen, und mich belastete unendlich, dass jeder Schritt, den
ich jetzt in die Freiheit tat, auf Kosten der Kinder erfolgen würde. Das
Studium bot aber einen guten Rahmen zur Reflexion und zur Klärung. Das
Grundgefühl blieb aber bestimmend: ich werde mir nicht erlauben können,
glücklich zu sein, weil ich eine Familie auf dem Gewissen habe. Ich rede
hier nicht von den Fakten, die auch ich mir immer wieder klar vor Augen hielt:
dass ich ja gar nicht anders konnte.
Das Erlebnis der Gemeinde war nötig für mich, denn durch dieses Erlebnis
habe ich meine innere Welt überhaupt erst kennengelernt. Das kam so: in
meinem Elternhaus wurde nicht über Gefühle gesprochen, sondern nur
auf äusserliche Dinge wie Ordnung und Angepasstheit Wert gelegt. Ich aber
war neugierig und las viel, und wollte immer schon wissen, was die Welt im Innersten
zusammanhält. Als das anstrengende Berufleben anfing, fragte ich mich:
wozu quält man sich denn jeden Tag aus dem Haus, und schuftet den ganzen
Tag, stellt Dinge her, die man gar nicht gebrauchen kann? Ich sah keinen Sinn
des Lebens. Vielleicht konnte es der Sozialismus sein? Ich ging ohne Erlaubnis
und Zustimmung meiner Eltern in die Partei, trat aber während der Armeezeit
wieder aus, denn das wars nicht. Ich merkte, dass die Leute in der Gemeinde
so anders waren, vielleicht aus der göttlichen Kraft heraus? Nein, ich
bekam vor dem Austritt so eine Wut im Bauch auf dieses verlogene Leben, auf
dieses Sich-Gegenseitig-Etwas-Vormachen, dieses Sich-Kontrollieren, dass diese
Wut, die aus meinem Bauch herauskam, zur ersten Äusserung meines Herzens
wurde, und von mir auch so wahrgenommen wurde. Diese negative Erfahrung der
Gemeindemitgliedschaft brachte mein Innerstes, das ich noch nicht kannte, zum
Überkochen, und damit wurde es für mich sichtbar, und im Laufe der
folgenden Jahre wurde mir immer deutlicher, dass dies der Sinn des Lebens ist:
in KOntakt zu kommen mit seinem inneren Selbst, und es durch das eigene Leben
zum Ausdruck zu bringen. In diesem Sinne ist jeder Mensch einzigartig.
Der Umgang mit den Kindern war schwierig, aber noch möglich. Ich wollte
Anita unterstützen, denn es war ja nicht ihre Schuld. Ich sagte ihr immer
wieder, dass sie nichts falsch gemacht hätte, oder dass es bei ihr kein
Verhalten oder keine Charaktereigenschaft gab, wegen der ich mich trennen wollte.
Sondern, dass es einfach keine Basis gibt zwischen uns. Ich fuhr bei ihrem Umzug
den Möbeltransporter, lies alle Sachen in der Wohnung, und passte auch
mal auf Raphael auf, wenn Anita abends weg wollte. Doch immer mehr merkte ich,
dass Anita alles versuchte, um mich zurückzuholen. Sie betete auch mit
den Kindern, dass ich wieder zurückkommen solle, und das empfand ich als
sehr belastend, besonders auch für die Kinder. Mir war es wichtig, es ihnen
deutlich zu sagen, dass wir uns trennen werden, dass wir aber als Eltern weiter
für sie da sein werden. Aber es tat mir weh, wie ich sah, dass Anita den
Kindern weiter Hoffnung machte. Und so begann ich auch, mich immer weiter von
Anita zurückzuziehen, um es ihr immer deutlicher zu machen, dass es für
mich absolut kein Zurück gab.
Lange Zeit war es mir egal, ob ich den Papieren nach noch verheiratet bin, denn
die Realität zählte schliesslich: ich war frei. Doch mit der Zeit
wollte ich auch darin klar Schiff machen, und beantragte die Scheidung.
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