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| Fragebogen | Alternative Arbeits- und Wohnformen |
| Geschichte der alternativen Bewegung | Leben ohne Arbeit- Arbeit als Los? |
| Neue soziale Bewegungen | Rainer Maria Rilke |
| Soziale Solidarität | Wie wir arbeiten werden |
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 DIE HEUTIGE GESELLSCHAFTSKRISE
2.1 EMPIRISCHE ERKLÄRUNGSANSÄTZE UND ZUORDNUNGEN
2.1.1 R. LÖWENTHAL: DREI GESELLSCHAFTSKRISEN
2.1.2 J. HIRSCH: GEWALTSAME REORGANISATION
2.1.3 J. HABERMAS: KOLONIALISIERUNG DER LEBENSWELT
2.1.4 BERGER / BERGER / KELLNER: DAS UNBEHAGEN IN DER MODERNITÄT
2.1.5 NARR: SYSTEM STATT SELBSTSTEUERUNG
2.1.6 POLITISCHE PSYCHOLOGIE: NEUE FORM DER SUBJEKTKONSTITUTION
2.1.7 RATIONALITÄT UND RATIONALISIERUNG (CONTI 1996)
2.2 POLITISCHE BEDINGUNGEN
2.2.1 GUGGENBERGER: STRUKTURELLE REPRÄSENTATIONSDEFIZITE
2.2.2 C. OFFE: POLITIK- KONSUM
2.2.3 H. KLAGES: STAATSKONSUM UND ANSPRUCHSÜBERLASTUNG
2.3 ARBEIT UND WIRTSCHAFTLICHE BEDINGUNGEN
2.3.1 ANDRE GORZ: ÄUßERLICH BLEIBENDE ARBEIT
2.3.2 ABGRENZUNGEN DER ARBEIT
2.3.3 "PRODUKTIVE ARBEIT"
2.3.4 DIE TUGEND DER ARBEIT
2.3.5 ARBEIT UND SELBSTVERWIRKLICHUNG
2.3.6 FUNKTIONELLE DIFFERENZIERUNG
2.3.7 INDIVIDUALISIERUNG
2.3.8 DIE HOHE BEDEUTUNG DER "NORMALITÄT"
2.3.9 ZWEI ALTERNATIVEN GESELLSCHAFTLICHER ARBEITSVERTEILUNG
3 WER BLEIBT DA NOCH NORMAL? ALTERNATIVE BEWEGUNGEN IN DER AUSEINANDERSETZUNG
MIT DER GESELLSCHAFT
3.1 KONTAKTPUNKTE
3.2 AUSTAUSCH ODER RÜCKZUG?
3.3 AMBIVALENZ
3.4 GRENZEN KONVENTIONELLER PROBLEMLÖSUNGSSTRATEGIEN (RASCHKE U.A.)
3.5 HETEROGENISIERUNG
3.6 HABERMAS: DAS PROJEKT DER MODERNE
4 DIE ALTERNATIVEN BEWEGUNGEN
4.1 BEGRIFFSBESTIMMUNG
4.2 KULTUR, GEGENKULTUR UND SUBKULTUR
4.3 GEMEINSAMKEITEN DER ALTERNATIVEN BEWEGUNGEN
4.4 THEORIEN UND ERKLÄRUNGEN ALTERNATIVER BEWEGUNGEN
4.4.1 RICHARD LÖWENTHAL
4.4.2 BERND GUGGENBERGER
4.4.3 KARL- WERNER BRAND: ALTERNATIVE BEWEGUNGEN ALS BESTANDTEIL MODERNER VERGESELLSCHAFTUNG
4.5 ANHÄNGER, MITGLIEDER ALTERNATIVER BEWEGUNGEN
4.6 W. D. NARR: DURCHSETZUNGSSTRATEGIEN
4.7 CLARKE: UNABHÄNGIGKEIT UND VERNETZUNG
4.8 ANSATZPUNKTE ALTERNATIVER KONZEPTE
4.9 UNTERSCHIEDE UND ABHÄNGIGKEITEN
4.10 AUFGABEN, BEDEUTUNG UND FUNKTION ALTERNATIVER BEWEGUNGEN
4.10.1 SELBSTBESTIMMUNG
4.10.2 BEANSPRUCHUNG DES ÖFFENTLICHEN RAUMES
4.10.3 ORT DES AUSPROBIERENS
4.10.4 BEISPIELWIRKUNG
4.10.5 ALTERNATIVBEWEGUNG ALS SOZIALAGENTUR
4.10.6 KAI- UWE HELLMANN: DIE BEOBACHTUNG DER FOLGEPROBLEME FUNKTIONALER DIFFERENZIERUNG
4.10.7 KAI- UWE HELLMANN: REPRÄSENTATION DER EINHEIT DER GESELLSCHAFT
4.10.8 KAI- UWE HELLMANN: AUSGLEICH VON FREIHEIT UND GEMEINSCHAFT
4.10.9 KAI- UWE HELLMANN: BETROFFENHEIT UND ENTSCHEIDUNG
4.11 ALTERNATIVE ÖKONOMIE
5 KANN ICH DIR HELFEN? SOZIALE ARBEIT IM KONTEXT ALTERNATIVER BEWEGUNGEN
5.1 WAS HAT SOZIALE ARBEIT MIT ALTERNATIVEN BEWEGUNGEN ZU TUN?
5.1.1 EIGENKRÄFTE STÄRKEN
5.1.2 UMBAU DER ARBEITSGESELLSCHAFT VORBEREITEN
5.2 NEUE AUFGABEN DER SOZIALEN ARBEIT
5.3 FUNKTION UND ROLLE SOZIALER ARBEIT
5.3.1 SALUSTOWICZ: POLITISCHE SOZIALE ARBEIT
5.4 NACHSATZ1 Einleitung Die heutige Gesellschaft ist an eine entscheidende
Stelle gekommen: durch Industrialisierung und funktionelle Differenzierung haben
die materiellen Reproduktionsbedingungen einen solch hohen Stellenwert im Gefüge
der Gesellschaft erhalten, daß Menschen gezwungen sind, für Bedürfnisse zu arbeiten,
die sie gar nicht haben, riesige Mengen natürlicher Ressourcen zu verbrauchen
und die Ergebnisse dieser Produktivität zu verschwenden. Gleichzeitig ist die
Gesellschaft zutiefst gespalten: in ärmer werdende Arme, reicher werdende Reiche,
in perspektivlose Dauerarbeitslose und überarbeitete hochqualifizierte Produktionsarbeiter,
in "Nutzlose" und "Wertvolle". Immer mehr wird deutlich, daß das keine auf Dauer
angelegte Lebensweise sein kann; daß ein Umbau der gesamten Gesellschaft erforderlich
werden könnte. Funktionelle Differenzierung, das Organisationsprinzip der modernen
Gesellschaft, hat Komplexität ermöglicht, indem nicht jedes Gesellschaftsmitglied
alle Aufgaben lösen muß, sondern sich auf eine spezifische Aufgabe spezialisiert.
Damit wird aber die Ganzheit des Menschen und sein Bezug zur unmittelbaren Lebenswirklichkeit
empfindlich gestört. Aufgrund der hohen Effektivität dieses gesellschaftlichen
Organisationsprinzips ist immer weniger menschliche Arbeit notwendig, um die
Produktion zu erhalten. Diese Konstellation verursacht eine hohe Massenarbeitslosigkeit
struktureller Art. Immer weniger Menschen haben Anteil an der gesellschaftlichen
Produktion. Der Schlachtruf der "Befreiung von der Arbeit durch die Arbeit"
(Marx) hat dazu geführt, daß die Muße, das "Nichtstun" aus dem Blickfeld der
erstrebenswerten Tätigkeiten geraten ist. Nahezu alle Lebensbereiche mußten
sich dem Primat der Arbeit unterordnen. Doch nun, da immer weniger "Arbeit"
zur Verfügung steht, haben wir das einst erstrebte Ziel aus den Augen verloren:
uns das Menschsein mithilfe der Technik relativ unabhängig von schwerer körperlicher
Arbeit zu ermöglichen. Ist dieses "Schreckensbild der Freiheit", das so unvermittelt
vor uns auftaucht, gestaltbar, welche Rolle spielen dabei die alternativen Bewegungen
und welchen Beitrag kann die Soziale Arbeit leisten? Grundfrage dieser Arbeit
soll die Suche nach den Orten und den Möglichkeiten des Beginns dieser notwendigen
Veränderung sein. Mit der Suche nach einer anderen Arbeitsweise beginnt auch
die Suche nach einem anderen Menschsein. Von eminenter Bedeutung ist dabei die
Untersuchung der alternativen oder neuen sozialen Bewegungen und Projekte. Sie
erscheinen als "ein spezifisches, in hochkomplexen industrialisierten Gesellschaften
auftretendes Phänomen" (Brand 1982, 26) mit der Intention, auf Fehlentwicklungen
aufmerksam machen und konkrete Veränderungen vorleben zu wollen. Trotz der Abgrenzung
gegenüber "Gesellschaft", die für alternative Bewegungen grundlegend ist, zeigen
sich sowohl ökonomisch wie auch z.B. sozial ein enger Bezug und vielfältige
Wechselwirkungen als ebenso grundlegend. Sie scheinen trotz ihrer expliziten
Ablehnung "der Gesellschaft" eine wichtige Funktion zu übernehmen und gerade
in letzter Zeit eine Qualitätsänderung zu vollziehen: nicht mehr durch "Ausstieg"
aus der Gesellschaft, sondern durch kreativen individualisierten Vollzug in
der Gesellschaft wird dauerhafte Veränderung gesucht und angestrebt. Dadurch
sind die Bewegungen immer schwieriger von der Gesellschaft abzugrenzen; es scheint
fast eine Tendenz der "Alternativisierung" der ganzen Gesellschaft vorzuliegen,
wenn man Individualisierung so auffassen wollte. Denn durch die erfahrenen Auswirkungen
von Industrialisierung, auf die die alternativen Bewegungen besonders der sechziger
und siebziger Jahre in Deutschland aufmerksam gemacht haben, ist die Gesellschaft
so sensibel auf die erstmals von Alternativen aufgeworfenen Problematiken geworden
wie noch nie. Zumindest haben die Aktionen der Alternativen bewirkt, daß niemand
mehr ohne Standpunkt zu beziehen über die Probleme hinweggehen kann. Ein wichtiges
Bindeglied zwischen institutionalisierter Gesellschaft und alternativen Gruppen
ist die Soziale Arbeit. Sie (teil-) finanziert nicht nur oft Projekte alternativer
Art, sondern sie hat aufgrund ihres Aufgabenbereichs ebenso wie die alternativen
Bewegungen die Kompetenz, die Auswirkungen gesellschaftlicher Fehlentwicklungen
zu bemerken. Die Frage ist nun, ob Sozialarbeit aufgrund ihrer institutionellen
Eingebundenheit und finanziellen Abhängigkeit nur in der Lage ist, die Folgen
zu mildern, oder ob es gar Wege für sie gibt, Ursachen der strukturellen Krise
der heutigen Gesellschaft zu bearbeiten. Meine These ist, daß der Sozialarbeit
und den alternativen Bewegungen hierbei wichtige Funktionen für die Gesellschaft
zukommen, die den Beginn einer präventiven Arbeit an den Krisenursachen ermöglichen.
Dazu möchte ich die Krise der heutigen Gesellschaft in für die Untersuchung
der alternativen Bewegung relevanten Punkten beschreiben. Ein nachfolgendes
Kapitel wird sich damit beschäftigen, wie die Bewegungen unter Bezugnahme verschiedener
Theorien beschrieben und in den heutigen gesellschaftlichen Kontext eingeordnet
werden. An welchen Punkten und auf welche Art und Weise setzt sich die alternative
Bewegung mit der Gesellschaft auseinander? Was ist eigentlich das "alternative"
am Alternativen? Daraus schlußfolgernd möchte ich die Bedeutung und die Funktion
der alternativen Bewegung in der heutigen Gesellschaft untersuchen. Abschließend
beschäftige ich mich mit der Rolle, die die Soziale Arbeit im Umfeld von alternativen
Bewegungen einnehmen könnte. Ich werde näher auf das Konzept der "politischen
Sozialen Arbeit" von Prof. Dr. Piotr Salustowicz eingehen. Zur Veranschaulichung
persönlicher Verarbeitung der Ambivalenzen alternativen Lebens werden Antworten
dienen, die von Mitgliedern der Kümmelschänke Dresden auf einen Fragenkatalog
gegeben wurden. 2 Die heutige Gesellschaftskrise Im zweiten Teil der Arbeit
liegt der Schwerpunkt auf der Beschreibung der gesellschaftlichen Bedingungen,
die Bezug auf die Herausbildung der alternativen Bewegungen haben. Die Realität
der Welt ist so kompliziert und vielgestaltig, daß das menschliche Bewußtsein,
um mit dieser Komplexität umgehen zu können, das große Ganze in immer kleinere
Teilbereiche aufteilen muß. Je kleiner diese Bereiche sind, desto überschaubarer
und beeinflußbarer werden sie für einen einzelnen Menschen. Weil es nun aber
viele solcher Bereiche gibt, ist der Mensch gezwungen, sich einen oder mehrere
Bereiche als für sich relevant zu bestimmen, in denen er kompetent werden kann;
die anderen muß er außen vorlassen. Gleichzeitig kann er nicht nur vollkommen
in seinem Spezialbereich aufgehen, sondern muß noch das gesamte System, welches
diese Differenzierung hervorbringt, im Auge behalten. Er muß wissen, nach welchem
System (nach welchem Codemuster) die Bereiche zusammenspielen, sonst würde er
den Bezug zu den anderen Bereichen nicht herstellen können. So ist auch gesellschaftliche
Organisation eine Antwort auf die Weltkomplexität. Um handlungsfähig zu sein,
um strukturiert mit Umwelt in Interaktion treten zu können, muß die Welt in
Kategorien eingeteilt werden und es muß zwischen kommunizierenden Menschen ein
gemeinsames Codemuster ausgehandelt und akzeptiert sein. Anders als die "segmentierten"
und "stratifikatorischen" Gesellschaften (Hellmann 1996, 34) bearbeitet die
heutige Gesellschaft Komplexität durch funktionelle Differenzierung. Individualisierung
und funktionelle Differenzierung sind wichtige Kennzeichen der heutigen Gesellschaftskonstitution;
und deren Eigenarten und ihre Folgen legen auch den Grundstein für die aktuellen
Konfliktfelder, die die Gesellschaft spalten und Eckpunkte für die Entstehung
alternativer Bewegungen darstellen. Nachfolgend werde ich zuerst einige Modelle
darstellen, bevor ich auf für die Untersuchung alternativer Bewegungen wichtige
Bedingungen näher eingehe. 2.1 Empirische Erklärungsansätze und Zuordnungen
Die verschiedenen Erklärungsansätze bearbeiten die komplexe Problematik von
unterschiedlichen Standpunkten aus und können, jede für sich, keine umfassende
Gesellschaftserklärung liefern. Aber sie können, jede von ihrem Standpunkt aus,
Realitätsbezug beanspruchen. 2.1.1 R. Löwenthal: drei Gesellschaftskrisen R.
Löwenthal (Löwenthal, 1979) sieht die Kritik der alternativen Bewegungen an
der Gesellschaft in den folgenden drei Gesellschaftskrisen. Die kulturelle Krise
ist entstanden durch einen "Weltbild-" und einen "Bindungsverlust". Der Prozeß
der Säkularisierung hat den geoffenbarten, allgemeingültigen Glauben durch einen
diesseitigen, auf wissenschaftliche Rationalität, Forschung und Erkenntnis gestützten
Fortschrittsglauben ersetzt. Dieser zuerst euphorische, als Befreiung von den
ideologischen Zwängen gefeierte Glauben wurde "durch eine Reihe von historischen
Schocks" (Weltwirtschaftskrise, Nationalsozialismus, etc.) erschüttert; und
nun steht der Mensch "ohne weltanschauliche Stütze mit einer in ihrer Komplexität
zunehmend undurchschaubaren und zunehmend bedrohlichen Welt " (32) gegenüber.
"Bindungsverlust" ist für Löwenthal die "zunehmende Erschwerung von Sozialisation
und Identitätsbildung der Heranwachsenden durch die stetig beschleunigte Veränderung
der Lebensformen" und Verhaltensnormen (32). Das erzeugt Angst und "Anfälligkeit
für fiktive Bindungen". Die "Krise der Weltstellung des Westens" ist für ihn
die Zerstörung nichtwestlicher traditioneller Gesellschaften und Kulturen aufgrund
der expansiven Dynamik der imperialen kapitalistischen Wirtschaftsform; ein
weiterer Punkt, den die alternativen Bewegungen bearbeiten. Als dritte Krise
nennt Löwenthal die "ökologische Krise", deren Relevanz für die alternativen
Bewegungen fast konstituierend ist. 2.1.2 J. Hirsch: Gewaltsame Reorganisation
Hirsch weist auf die kapitalistische Produktionsweise, die "weder in einem umfassenden
ökonomischen Zusammenbruch zu kulminieren scheint, noch im industriellen Proletariat
den Vollstrecker revolutionärer Umwälzungen erzeugt" (Hirsch 1980a), sondern
Profit und Existenz sichern kann durch permanente Reorganisation seiner ökonomischen,
technischen, politischen und sozialen Verwertungsbedingungen, jedoch nur um
den Preis "einer sich immer mehr beschleunigenden Tendenz zur gewaltsamen Umstrukturierung
aller gesellschaftlichen Sphären im Weltmaßstab: technische Veränderung der
Arbeitsprozesse, permanente Umschichtung und Überzähligmachung der lebendigen
Arbeitskraft, Arbeitsintensivierung bei gleichzeitiger Freisetzung von Arbeitskräften,
[...] massenhafte Zusammenballung von Menschen und Kapital in [...] Zentren
bei gleichzeitigem Niedergang und Verödung ganzer Regionen, [...] progressive
Ausbeutung und Zerstörung der natürlichen Grundlagen von Produktion und Reproduktion"
(Hirsch 1980b, 17, Auslassung d. A.). Durch die "Taylorisierung" der Arbeit
und der damit verbundenen Massenproduktion von Konsumgütern wird der Reproduktionsprozeß
entdeckt und expansiv okkupiert. Bis in die persönlichsten Bereiche wird das
Leben kapitalistisch kommerzialisiert; werden Waren- und Dienstleistungsangebote
vermarktet und wird zur Verschwendung aufgefordert. Das bleibt nicht ohne Folgen:
traditionelle Vergesellschaftungsformen lösen sich auf, ein fortschreitender
"Prozeß der sozialen Desintegration", der die soziale Basis der gesellschaftlichen
Konfliktstrukturen wesentlich verändert, läuft ab. Identifizierungsmöglichkeiten
und Zugehörigkeitsgefühle gebende Milieus lösen sich auf. Durch die Veränderung
der Milieustrukturen, der Arbeitsprozesse, der Privatisierung und Kommerzialisierung
weiter Bereiche erfolgt einerseits eine Angleichung gesellschaftlicher Lebenslagen,
andererseits entstehen neue gesellschaftliche Spaltungstendenzen, so zwischen
'produktivem Leistungskern' und 'marginalisierten', herausgefallenen Gruppen
und neue Konflikte, welche sich aus der permanenten krisenhaften Umstrukturierung
des Produktionsprozesses, aus struktureller Arbeitslosigkeit, Zwangsmobilität,
Dequalifizierung und Arbeitsintensivierung ergeben. So "ergibt sich das Bild
einer in ihrer Klassenstruktur sowohl objektiv als bewußtseinsmäßig vielfach
geschichteten, gegliederten und gespaltenen Gesellschaft", es zeigt sich, "daß
sich soziale Konflikte und Bewegungen immer stärker quer zu den Klassengrenzen
entwickeln, uneinheitlicher, dezentraler und in ihren Zielen und Perspektiven
vielgestaltiger werden" (Hirsch 1980b, 39, Hervorhebung d. A.). Dies führt auch
zur Veränderung des Verhältnisses von Gesellschaft und Staat. "Grundlage ist
die Strategie einer staatlich abgestützten 'Modernisierung der Volkswirtschaft',
mittels derer die technologische Spitzenstellung [...] der westdeutschen Wirtschaft
und damit die Konkurrenzposition des bundesdeutschen Kapitals auf dem Weltmarkt
[...] gesichert werden soll." (Hirsch 1980d, 33f, Auslassung d. A.) Zum einen
muß, um dieses Ziel zu erreichen, der gesamte gesellschaftliche Prozeß immer
mehr kontrolliert werden (durch administrative Zentralisierung, Abbau des Einflusses
parlamentarischer Vertretung hin zu 'Sachentscheidungen' von Experten), zum
anderen ist es zur Bestandssicherung des Staates notwendig, die sozial desintegrativen
Folgen administrativ aufzufangen. Das führt zu einer "forcierten staatlichen
Vermittlung des gesamtgesellschaftlichen Reproduktionsprozesses", einer "Durchstaatlichung
der Gesellschaft" (Hirsch 1980d, 61). Der Staat garantiert notdürftig den Zusammenhalt
"einer sich im ökonomischen Reproduktionszusammenhang auflösenden Gesellschaft"
(Hirsch 1980b, 35). Durch das dichter werdende Netz von Institutionen und Organisationen
vollzieht sich die Transformation des Staates in einen integralen Sicherheitsstaat.
Je stärker die Desintegration, je mehr natürliche Formen von Sozialisation und
Kontrolle versagen, "desto dichter wird das Netz präventiver Überwachung und
Kontrolle geknüpft, desto direkter wird der Zugriff der polizeilichen Sicherheitsapparate
auf das gesellschaftliche Leben" (Brand 1982, 114). 2.1.3 J. Habermas: Kolonialisierung
der Lebenswelt J. Habermas nimmt die Kolonialisierungsprozesse der Lebenswelt
durch das System in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen. Mit dem Zusammenbruch
der systemintegrativen Funktionen des Marktes ist eine "Repolitisierung der
Klassenverhältnisse" notwendig. Der Staat wird gleichzeitig verantwortlich für
die "gesamtkapitalistische Bestandserhaltung" und für die "Befriedigung legitimer
Bedürfnisse" (Habermas 1979). Weil sich beide Aufgaben nahezu ausschließen,
besteht die Gefahr, daß dem Staat die Legitimation für sein Handeln entzogen
wird. Dieser Legitimitätsentzug kann nur abgemildert werden durch die Aufrechterhaltung
eines "staatsbürgerlichen und beruflich- familialen Privatismus" und durch "Strukturen
einer entpolitisierten Öffentlichkeit". Nur so ist es möglich, durch "systemkonforme
Entschädigungsleistungen" eine "unspezifische Folgebereitschaft" zu sichern.
Mit anderen Worten: der Staat funktioniert, indem er sich den Störfaktor 'politisch
handelnder Mensch' vom Halse hält, ihm materielle Entschädigungen gibt, sich
aber unaufhaltsam in ihr Leben einmischt. Für die Entschädigungen hat er nun
auch zu sorgen. Doch gerade diese entpolitisierte Öffentlichkeit, dieser Privatismus
kann immer weniger aufrechterhalten werden, denn seine Grundüberzeugungen, seine
Ideologie, seine Tradition, seine Reproduktionsmuster zerfallen (Habermas 1973,
111f). Später (Habermas 1980) hat Habermas diese Argumentation modifiziert.
Nun steht nicht mehr die gefährdete Legitimation des Staates durch überschießende
Legitimationsansprüche im Mittelpunkt, sondern, der veränderten gesellschaftlichen
Stimmungslage entsprechend, wird der Blick auf die "Kolonialisierungsprozesse
der Lebenswelt" gerichtet. Immer stärker verdeutlicht sich die Abwehr "auf eine
gesellschaftliche Modernisierung, die unter dem Druck der Imperative von Wirtschaftswachstum
und staatlichen Organisationsleistungen immer weiter in die Ökologie gewachsener
Lebensformen, in die kommunikative Binnenstruktur geschichtlicher Lebenswelten
eingreift." (Habermas 1980) Diese Eingriffe führten zu "Reizzonen des Unbehagens",
zu ins Private und Psychische verschobenen Konflikten, zu aktivem Protest und
zu latentem Einstellungswandel (Wertwandel). Die Kolonialisierungsprozesse der
Lebenswelt sind erkennbar an der Zerstörung der urbanen Umwelt, an der Industrialisierung
und Vergiftung der Landschaft, der Monetarisierung von Beziehungen und Diensten,
der Bürokratisierung und Verrechtlichung privater informeller Handlungsbereiche
(Habermas 1979, 28). "Aus dieser Perspektive sieht man die Gefahr einer systematisch
induzierten Zerstörung nicht nur traditional gesättigter Lebensformen, sondern
der kommunikativen Infrastruktur jeder Form humanen Zusammenlebens." (Habermas
1979, 24) 2.1.4 Berger / Berger / Kellner: Das Unbehagen in der Modernität B/B/K
bejahen in ihrem Buch "Das Unbehagen in der Modernität" (Berger/Berger/Kellner
1975) grundsätzlich die Modernität, beleuchten aber auch kritisch die Folgen
der Modernisierung. Die Modernität hat individuelle Freiheit, Autonomie und
Selbstverwirklichung möglich gemacht. Notwendig dazu waren und sind u. a. "
die technologische Produktion, " der bürokratisch organisierte Staat und " die
damit verbundene Pluralisierung der Lebenswelten. Diese Voraussetzungen prägen
"dem gesellschaftlichen Leben, seinen Bewußtseinsformen, Realitätsdeutungen
und Sinnhorizonten einen ganz bestimmten Stempel auf" (Brand 1982, 52): die
Moderne versteht, ordnet und beeinflußt Realität mit dem Verstand ("funktionelle
Rationalität"), lebt aus dem Glauben an die (technische) Machbarkeit aller Dinge,
zerreißt die komplexe Wirklichkeit in Einzelteile, die zwar keinen Bezug mehr
zur Ganzheit des Lebens haben, aber gut technisch handhabbar sind. Das Leben
wird zum Karteikartensystem und droht, seinen Zauber zu verlieren ("Komponentialität").
Und durch die unendlich scheinenden Möglichkeiten ist modernes Leben durch Vielfalt
und Oberflächlichkeit gekennzeichnet ("Multi-Relationalität"). "Mit der geschichtlichen
Herausbildung dieser Strukturen ist die 'Befreiung des Individuums' verbunden"
(Brand 1982, 52, Hervorhebung d. A.). Damit wurde zwar der Mensch aus einengenden
Bindungen von Familien, Sippen und Stamm befreit, erlebt aber nun neue Anpassungsschwierigkeiten
und strukturelle Belastungen der Lebenswelt: ständig notwendige Selbstbeherrschung
und Gefühlskontrolle bringen psychische Spannungen und Frustrationen mit sich.
Lockere, häufig wechselnde Freundschaften, Bekanntschaften und Beziehungen bewirken
Angst vor Beliebigkeit, Austauschbarkeit und Ersetzbarkeit der anderen und von
einem selbst. Die Bürokratisierung auch des sozialen Lebens verstärkt die Erfahrung
der Anonymität. Die Pluralisierung der Lebenswelten läßt ein Gefühl der Heimatlosigkeit
entstehen. B/B/K gehen davon aus, daß dieser "Preis", der für die Autonomie
der Einzelnen zu zahlen ist, das "Unbehagen", immer bestehen bleibt. "Die 'Lösung'
der modernen Gesellschaft für dieses Unbehagen ist [...] die Schaffung der Privatsphäre
[...] als eine Art Ausgleichsmechanismus" (B/B/K 1975, 60, Auslassung d. A.).
Diese Lösung reicht aber nicht aus, denn die Privatsphäre ist unterinstitutionalisiert;
sie hat "zu wenige Institutionen, die das menschliche Tun fest und verläßlich
strukturieren" (B/B/K 1975, 161). Alternative Bewegungen werden hier als ebensolcher
Ausgleich gesehen; als Versuch, jenseits der Rollen und Masken des Alltagslebens
in einer kollektiven Form der Offenheit zu sich selbst zu kommen. Sie gewähren
allerdings nur provisorische, mildernde Hilfe beim Überleben im 'Modernitätsdschungel',
taugen aber nicht als qualifizierte Gesellschaftskritik. Für B/B/K sind alle
Versuche, die Folgen von Industrialisierung und Bürokratisierung zu beheben,
irrational und gefährlich. Es würde zu einer Katastrophe kommen, würde sich
die heutige Gesellschaft ihrer technologischen und bürokratischen Strukturen
komplett entledigen. Man sollte die Probleme mithilfe der technisch-bürokratischen
Möglichkeiten lösen. Zyklische Erklärungsansätze, die die Kritiken nur als die
Kehrseite des Modernismus sehen, können nicht verleugnen, daß diese Widersprüche
weiter schwelen und sogar an Schärfe zugenommen haben. Ein entschiedenes Festhalten
an den Organisationsprinzipien der Moderne kann sogar deren 'größte Errungenschaft'
- die Autonomie des Individuums selbst - gefährden. 2.1.5 Narr: System statt
Selbststeuerung Narr fragt, ob die Ausbildung einer tragfähigen Identität gesellschaftlicher
Individuen unter den Bedingungen einer umfassenden kapitalistischen und bürokratischen
Rationalisierung aller Lebensbereiche überhaupt noch möglich ist. Er beginnt
seine Begründung damit, daß die Entstehung der bürgerlichen Gesellschaft verbunden
war mit der Herausbildung des staatlichen Gewaltmonopols und des psychischen
Disziplinierungsapparates. Diese bürgerlichen Institutionen ermöglichten die
Kontrolle der Triebstrukturen im Dienste längerer, differenzierterer und längerfristig
orientierter Handlungsketten und damit den Beginn der komplexen Differenzierung
der bürgerlichen Gesellschaft. Doch indem nun alle gesellschaftlichen Bereiche
mit Regelungen überzogen werden, wird auch der "Pol der psychischen Selbststeuerung
aufgelöst" (Narr in: Habermas 1979, 497, Hervorhebung d. A.). Aus der Gesellschaft
wird sozusagen ein eng verflochtenes und durch starke Abhängigkeit gekennzeichnetes
Funktionssystem, in welchem jedes einzelne Teil reibungslos funktionieren muß,
damit die Gesellschaft als Ganzes funktioniert. Je enger die Beziehungen verflochten
sind, desto mehr ist das System auf das perfekte Funktionieren des Einzelnen
angewiesen, sonst kommt es zu Störungen. An die Stelle persönlicher individueller
Verarbeitungsformen treten nun Reiz-Reaktionsmechanismen. "Je zentraler und
komplizierter, auch technisch anfälliger [die herrschenden Institutionen] strukturiert
sind, desto mehr sind [sie] auf ein möglichst eckenloses Verfahren angewiesen,
desto weniger können Konflikte [...] riskiert werden" (Narr in: Habermas 1979,
504, Auslassung und Einfügungen d. A.). Die Chancen, eigene Erfahrungen auszubilden
verringern sich, denn die mit dem Ausprobieren verbundenen Risiken könnten den
Ablauf gefährden. Medial vermittelte Reize und Informationen verstärken die
Vereinzelung des Individuums. Gesellschaftliche Probleme werden psychatrisiert,
über die Gesellschaft wird ein immer dichteres Netz polizeilicher Prävention
gezogen. Durch diese Konstellation besteht die Gefahr, daß sich eine "Gesellschaft
bedingter Reflexe" herausbildet, deren Individuen allenfalls noch zu irrationalen
Ausbrüchen fähig sind. Subjektivität wird störend; Funktionieren ist wichtig.
Der nicht mehr faßlichen Komplexität der Verhältnisse entspricht eine theoretische
und praktische Resignation (Irrationalismus und Alternativbewegung). Das Scheitern
einer großen Gesamterklärung, die eine emanzipative Entwicklung verbürgt, führt
zur Konzentration der Menschen auf eine "neue Bescheidenheit", eine Konzentration
aufs Kleine und Alltägliche, wie es v. a. von den alternativen Bewegungen repräsentiert
wird. 2.1.6 Politische Psychologie: neue Form der Subjektkonstitution Horn u.a.
sagen, daß die Verlagerung der planerischen Aktivitäten von der Handlungs- und
Experimentierebene des Einzelnen auf die Systemebene des funktionierenden Ganzen
dem Einzelnen nicht mehr erlaubt, sein Leben selbst zu gestalten und in den
Prozeß der Gesellschaft einzubringen (Horn 1973, Schülein 1976, Ziehe 1975).
Alles wird geregelt, bürokratisiert, formalisiert, und nicht mehr erstritten,
erkämpft. Der Einzelne kann so seine Lebensvollzüge nicht mehr in den großen
Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bringen, sondern es bleibt
ihm nur noch die "Unmittelbarkeit des Jetzt", um wenigstens in Konsum und spontan
gelebten Bedürfnissen zu versuchen, sein Eigenes zu verwirklichen. Damit geht
aber die Fähigkeit zur "kollektiven Selbstreflexion", der "wirklichen politischen
Praxis" verloren. Diese Fragmentierung hat die Herausbildung einer "privatistisch-
konsumtiven Existenzform" zur Folge (Horn 1973). Es gibt keine Beziehungen mehr
zu den Dingen, zur Umwelt, zu den Menschen. Es existiert nur noch eine losgelöste
Begierde, die jedoch nicht gestillt werden kann. Es werden Ersatzbefriedigungen
gesucht und in den vielfältigen, von der Wirtschaft angebotenen "Sinnsurrogaten",
wie Reklame, Massenmedien, privatisierte Religionen, psychohygienische Aktivitäten
gefunden. Der Mensch wird zum infantilen, steuerlosen Genießer, ohne daß er
noch einen "vom Subjekt her gestifteten [...] Sinnzusammenhang" herstellt (Horn
1973, 38, Auslassung d. A.). Aus diesem Fehlen erkennbarer gesellschaftlicher
Sinnzusammenhänge heraus organisiert sich das Individuum auf der bleibenden
Suche nach dem, "was aus dem Leben noch herauszuholen ist" in einer Versorgungshaltung,
die durch chronische Passivität gekennzeichnet ist. Die Versorgung mit Waren
und Dienstleistungen wird zum Dreh- und Angelpunkt, um den sich der Sinnzusammenhang
und das Leben der Gesellschaft organisiert. Ist nun diese Versorgung gestört
(Weltwirtschaftskrise, ökologische Krise), werden massive Ängste und Schuldgefühle
mobilisiert. Doch subjektiv erscheint es dem Einzelnen unmöglich, politisch
zu reagieren; und so zieht man sich zurück und versucht, so wenig wie möglich
zu stören; man paßt sich übermäßig an. Zugleich wird die bürgerliche Sozialisation
mit ihrer gegensätzlichen Struktur von Trieb- und Affektkontrolle, aber damit
auch "Ich-Stärke und autonomer Realitätstüchtigkeit" (Ziehe 1975, 159) zugunsten
eine Entstrukturierung, einer Verganzheitlichung verändert. Der gespaltene,
aber realistisch-pragmatisch denkende und handelnde Mensch verwandelt sich in
ein wieder einheitliches, aber damit auch anfälliges Subjekt. Dieses Subjekt
bleibt aber kindlich, unreif. Es hat zwar keine Probleme mehr u.a. mit der bürgerlichen
Sexualunterdrückung, aber dafür mit dem Selbstwertgefühl, welches heute an kommunikative
Erfahrungen gebunden ist. Nun steht die Aufgabe, ein eigenes Selbstbild zu schaffen
und der Weg dorthin ist beliebig. "Kommunikative Erfahrungen", das heißt immer:
sich vergleichen. Und dabei muß das (omnipotente) Ich- Ideal unweigerlich vor
den realen Möglichkeiten des (schwachen) Ichs versagen. Verdrängung ist angesagt,
und die geschieht auf zwei Weisen: "Ich will meine Ruhe haben!" -"Vermeidung
von Unlust durch Reduzierung der Ich- Funktionen" (Ziehe 1975, 183) oder: "Ich
bin Held, wer kann mir was!" - phantastische Versöhnung von Ich und Ich- Ideal
in der Erfahrung primär- narzißtischer Allmachtsgefühle" (Ziehe, 1975, 186).
Das heißt: das Subjekt sucht entweder Geborgenheit in vertrauten und Zugehörigkeit
vermittelnden Gruppen und Zusammenhängen oder es sucht Bestätigung der eigenen
Unverletzlichkeit, indem es sich mit aggressiven, starken Objekten oder Gruppen
identifiziert. Karl- Werner Brand kritisiert diese Deutung, daß die Veränderungen
und Entdifferenzierungsprozesse des psychischen Apparates nur als Desorganisations-
bzw. als blockierte Organisationsprozesse verstanden werden (Brand 1982, 106).
Die positiven Potentiale, wie die Rehabilitation der Prägenitalität, das angstfreie
neues Verhältnis zur Sexualität, die Auflösung der durch Über- Ich- Angst gebildeten
rigiden Persönlichkeitsstrukturen und neue gruppenbezogene Formen der Identitätsbildung
werden zu gering geschätzt. 2.1.7 Rationalität und Rationalisierung (Conti 1996)
Conti behauptet "die Gesellschaft unterliegt einem Vorgang der Rationalisierung,
der nach und nach fast alle ihre Bereiche ergreift." (Conti 1984, 195, Hervorhebung
d. A.) Die modernen Gesellschaften bringen den "Techniker" hervor, aber auch
dessen Gegenteil, den "Künstler". Mit der Auflösung der Wirtschaftseinheit "ganzes
Haus" gliedert sich das Subjektive aus, weil Arbeit rational durchorganisiert
sein muß. Weil sie die Bedürfnisse und Erfahrungen der Beteiligten nicht mehr
berücksichtigt, bleibt sie ihnen rein äußerlich, es entsteht der Raum des "Privaten",
den es so vorher nicht gab. Die persönliche Identität wird im wesentlichen Privatsache.
Die Kleinfamilie wird zum Ort der Geborgenheit und Gefühle, der Betrieb zum
Ort der Vernunft. Nun entwickeln sich durch die Trennung beide Bereiche weiter:
erstmals beginnen sich die Menschen gleichermaßen für ihre Gefühle wie für das
Rationale zu interessieren. Die Wahrnehmung und Kenntnisse des Psychischen sind
enorm gewachsen, der Anspruch auf Selbstausdruck und Selbstverwirklichung ist
selbstverständlich geworden. "Objektives" und "Subjektives" haben sich also
in der Moderne getrennt und stehen sich nun als spannungsreiche Pole gegenüber:
Spannungsfeld Rationalität Subjektivität Natur Ausbeutung Naturbewußtsein Körper
Diszipliniert, beraubt Sexuelle Befreiung, Wahrnehmung Liebe Medien, Klischees,
Porno Individualisiert, von Zwängen befreit Kindheit Verschwindet, Anti-pädagogik
Betonung der Eigenständigkeit Religion Unvereinbar mit Rationalisierung Meditation,
Selbsterfahrung Kunst Marktgesetze Charakteristisch für Sensibilität und Erneuerung
Die alternative Bewegung beansprucht nun den "öffentlichen Platz" der Gesellschaft,
der bisher nur von der Ratio bestimmt war, in gleicher Weise für das Subjektive.
Alternative befinden sich auf einer Bühne, sie spielen ihre Andersartigkeit
aus. Aber in ihrer Andersartigkeit liegt auch Verwandtschaft mit dem Publikum;
ohne grundlegenden Bezug hätte man sich nichts zu sagen. "Möglich wäre, daß
die Alternativbewegungen Veränderungen szenisch darstellen - indem sie Tendenzen
ausleben, welche sich unbewußt in der gesamten Gesellschaft finden."(Conti 1984,
210)
2.2 Politische Bedingungen
2.2.1 Guggenberger: strukturelle Repräsentationsdefizite
Guggenberger sieht strukturelle Repräsentationsdefizite des politischen Systems aus zwei Gründen: erstens tendiert das System zur Konzentration von Macht, ist eng mit den Interessen der Wirtschaft verknüpft und so beeinflußbar geworden ("Immobilismus des politischen Systems" (Raschke)) und zweitens resultieren aus den Machterhaltungs- und Machterweiterungsstrategien von Volksparteien eine kurzatmige, konfliktvermeidende Klientel- und Entschädigungspolitik, der vorwiegende Bezug auf strategische politische Zielsetzungen, die Ausklammerung nichtkompromißfähiger Fragen und eine zunehmende Verpflichtungsunfähigkeit. Langfristige substantielle Probleme können nicht mehr gelöst werden, was einen stetigen Verlust an Glaubwürdigkeit zur Folge habe (Guggenberger 1980). Das liberale Repräsentationsprinzip verändert sich in eine überwiegend "funktionale Interessenvermittlung", in eine "neokorporatistisch" organisierte Form der Verflechtung von gesellschaftlichen Interessen und staatlicher Politik. Das ist wahrscheinlich der "Preis, der für die Regierbarkeit in hochindustrialisierten arbeitsteiligen Industriestaaten gezahlt werden muß" (U. v. Ahlemann, DIE ZEIT, 39/1980). Diese Repräsentationsdefizite müssen aber keineswegs automatisch zu Unzufriedenheit und Legitimationsentzug führen, solange nicht das wirtschaftliche Wachstum das Netz von privatistisch- konsumtiven Entschädigungsleistungen absichert.
2.2.2 C. Offe: Politik- Konsum
Offe beurteilt den Gemeinschaftsgedanken; Neue soziale Bewegungen sind die
Antwort darauf, daß durch institutionalisierte Politikformen keine gesellschaftliche
Gemeinschaft und keine persönliche Einheit von politischem Denken und persönlichem
Handeln möglich ist. Er beginnt seine Betrachtung damit, daß er feststellt,
daß sich die Parteien zu Organisationen entwickelt haben, die nur noch die Erhaltung
und Ausweitung ihrer Macht im Auge haben. Sie sind weltanschauungsneutral und
"volksnah" geworden. Jeder könnte jede Partei wählen. Es geht nur noch um "Image"
und "Wählerfang". Parallel dazu haben sich Beteiligungsformen des Volkes an
der Politik entwickelt, die gar keine sind, sondern dahin mutieren, zur Bestätigung
der eigenen Legitimation mißbraucht zu werden. Der Bürger wird nur noch als
abstraktes Willenssubjekt, als Wählerstimme angesprochen; wenn er sein Häkchen
gemacht hat, geht es wieder weiter wie vorher. Diese Entwicklung hat den Zusammenhang
zwischen politischen und gesellschaftlichen Lebenssphären zerrissen und damit
zu einer Zerstörung kollektiver Identität geführt. Da es aber weiterhin für
ein gesellschaftliches Subjekt notwendig ist, "gesellschaftliche Lage und politische
Willensbegründung in einen intern schlüssigen Zusammenhang zu setzen", muß die
Lösung, weil das politische System korrumpiert ist, im persönlichen Zusammenhang
gesucht werden (Offe 1980). Offe vermutet nun, daß sich so neue kollektive Identitäten
bilden, die sich um den "Erfahrungshorizont des gesellschaftlichen Lebens der
Beteiligten" und um "gemeinsame Betroffenheit" organisieren. Allerdings, so
scheint es Karl- Werner Brand (Brand 1982, 60), kann das System fehlende politische
Mitsprache ausreichend ausgleichen, indem es auf den Konsum baut; die Menschen
sich etwas leisten können und sich ein "schönes Leben" machen. Erst wenn wirtschaftliches
Wachstum und die daran gekoppelten "privatistisch-konsumtiven Entschädigungsleistungen"
ausbleiben oder wenn neue Problemlagen und Bedürfnisse entstehen, für die keine
Lösungen sichtbar sind, ist Legitimationsentzug und Protest zu erwarten. Gerade
in der Bundesrepublik könnte man einen Zusammenhang zwischen der ersten größeren
wirtschaftlichen Nachkriegsrezession und dem zeitgleichen Auftreten kapitalismus-,
bürokratie- und industriekritischer Bewegungen in der Studentenbewegung sehen.
Auf diesem Verständnis wurden auch die Reformprogrammatiken aufgebaut: wirtschaftliche
Stärke und reiche Konsummöglichkeiten - unter anderem auch ein Grundpfeiler
der Ideologie des Antikommunismus - bringt Erfüllung und Befriedigung. Doch
die großen Erwartungen an die Reform werden enttäuscht. Es ist eben doch nicht
die Stereoanlage, die das volle Menschsein kompensiert. Nach Offe erfolgt nun
ein Rückzug auf alternative Reproduktionszusammenhänge oder meditative Lebensformen.
Nach Guggenberger und Offe bildet sich im Konflikt zu dem alten industriellen
Wachstumsparadigma ein Wertewandel heraus: vom "Haben", von der Macht, hin zum
Prozeßhaften, zur "Lebensweise" des Menschen, in dem schlicht das "Prinzip Leben"
im Mittelpunkt steht. Hier sind auch die Konfliktkanalisierungsmöglichkeiten
der parlamentarischen repräsentativen Parteiendemokratie Stück für Stück außer
Kraft gesetzt. Setzt man die Zersetzung des Herrschaftsprinzips mit der neuartigen
Verflechtung von staatlichen und industriellen Herrschaftsapparaten in Verbindung,
so läßt sich begründen, warum sich der wachstums- und industriekritische Protest
überwiegend als außer- bzw. antiparlamentarische Bewegung formiert. 2.2.3 H.
Klages: Staatskonsum und Anspruchsüberlastung H. Klages beobachtet die Veränderung
der Einstellung des Bürgers zum Staat. Trotz einem vorhandenen wachsenden Interesse
an Politik wird dieses Interesse vom etablierten politischen System nicht als
das eines mündigen Bürgers interpretiert, sondern als das Interesse eines ungeduldigen
Kunden, eines Anspruchsberechtigten, der bedient werden will. Der Bürger verteidigt
seine Ansprüche; es erscheint ihm fast schon normal, daß der Staat ihm die Lebensgüter
verschafft, die er für seine Privatheit benötigt (Klages 1980, 82f). Einerseits
wird es dem Bürger leichtgemacht, sich in seine Privatheit zurückzuziehen und
sich der "pflicht- und leistungsethischen" Verpflichtungen zu entziehen, andererseits
strömen nun alle "herrenlos gewordenen Bedürfnisse nach Kontakt, nach Bindung,
nach Anerkennung, nach sinnvoller Betätigung, nach 'Selbstverwirklichung' "
in diese Freizeit, können dort allerdings kaum verarbeitet werden (Klages 1980,
84). Klages sieht in der Entwicklung des Staats als Sozialstaat zum Staat der
Daseinsvorsorge die Entwicklung einer Anspruchsdynamik, die die Leistungsmöglichkeiten
des Staats überfordert. Der Staat hat sich in eine Rolle des zuständigen Adressaten
für Sozialansprüche begeben und hat damit auch Ansprüche (gesetzmäßig oder bürokratisch)
definiert und damit auch in maßgeblicher Weise hervorgebracht. Die Parteienkonkurrenz
trägt zur Verschärfung bei, indem die "psychischen Problemlagen, die in der
Gesellschaft auftreten" in "übersensibler Weise" in politische Programmatiken
übersetzt werden (Klages 1980, 49). Der Staat produziert seine eigene Selbstüberforderung
und somit seine Entstabilisierung. Die Reformen und Modernisierungsleistung
des vergangenen Jahrzehnts führten zu einer Verringerung der Selbsteingrenzungs-
und Selbständigkeitswerte und steigender Erwartung von Glücksgewährleistungen
durch äußere Instanzen, also zu Wertverunsicherung und Unzufriedenheit. Lösung
wäre eine aufgeklärte Politik, der ein realistisches Menschenbild zugrunde liegt.
Menschen entwickeln Zufriedenheit in den Lebensbereichen, die sie selbständig
gestalten und kontrollieren, während sie unzufrieden auf anonyme Versorgung
von außen (durch Staat oder Gesellschaft) reagieren (Klages 1980, 60). Klages
hat eine Umorientierung politischen Denkens mit einer realen Kostenkalkulation
der sozialstaatlichen Wohlfahrtsgarantien zum Ziel. Dabei geht er aus vom "selbstverantwortlich
handelnden und disponierenden und somit zur Ausbildung von individueller Kompetenz
fähigen Menschen" (Klages 1980, 37) Brand (Brand 1982, 74f) kritisiert die Argumentation
Klages, indem er darauf aufmerksam macht, daß es fraglich ist, ob der Sozialstaat
an der Anspruchsexplosion schuld ist. Sind die eingetretenen Bedürfnisse und
der Wertwandel wirklich eine Anspruchsexplosion? Wenn die Menschen lieber selbst
und unabhängig ihr Leben gestalten möchten - warum machen sich dann viele von
einem bürokratischen, erniedrigenden Sozialsystem abhängig? Ist denn das Konzept
des selbständig handelnden Individuums unter den komplizierten Existenzbedingungen
moderner Gesellschaften überhaupt für jeden lebbar und meisterbar? 2.3 Arbeit
und wirtschaftliche Bedingungen In der Krise der heutigen Gesellschaft nimmt
die Krise der Arbeitsgesellschaft eine wichtige Stellung ein. Durch die hohe
strukturelle Arbeitslosigkeit ist das Problem augenscheinlich geworden. Krisenkennzeichen
wie potentieller Anstieg der Weltbevölkerung, Zerstörung der Lebensgrundlagen,
Technisierung stellen einen qualitativen Unterschied zu allen vorherigen Entwicklungen
dar Hier soll nun ausführlicher darauf eingegangen werden. Arbeit ist notwendig
zur Reproduktion der Gesellschaft. Karl Marx geht von der Befreiung von der
Arbeit durch die Arbeit aus. So, wie sich in den sozialistischen Staaten alles
unter die Notwendigkeiten der Arbeit unterordnete, so strebt auch die moderne
kapitalistische Produktion dahin, alle menschlichen Lebensäußerungen unter die
Notwendigkeiten, unter Effizienzkriterien zu stellen. Wenn die optimierte und
entwickelte Produktion wirklich der einzige Garant für Freiheit ist, dann muß
sie bis zum Äußersten vervollkommnet werden. Doch es ist kein "Umschlag" in
eine humanere Welt zu erkennen. Das Bild der Emanzipation durch Arbeit scheint
zu einer Opferphilosophie zu werden, denn die Arbeit durchdringt alle Lebensbereiche
und zwingt uns ihre Ergebnisse zum universalen Verbrauch auf. Die Muße, die
Besinnung, die Gemeinschaft treten durch die Versklavung des Lebens unter die
Arbeit in den Hintergrund. "Das Individuum ist bis in die innersten Strukturen
seiner privaten Wünsche und Begehrlichkeiten durch die universale Struktur der
Arbeit geprägt" (Guggenberger 1988, 47). Diese Philosophie war auf die gesellschaftlichen
Bedingungen zu Marx´ Zeiten ausgerichtet und brachte die Befreiung von dem unerhörten
materiellen Elend der Massen. Unter den heutigen Bedingungen kann man jedoch
nicht mehr von materiellem Massenelend sprechen; vielmehr sind wir gesättigt
und befinden uns durch die vollständige Okkupation durch das Arbeitssystem in
einem immateriellen Elend: fast scheint es, kann sich das Individuum gar nicht
mehr seiner eigentlichen Werte besinnen. Es ist fremdbestimmt, es muß nicht
mehr selbst denken, es ist rundum versorgt, doch es ist von einer technisierten
Welt umgeben, die ihm fremd ist und die ihn durch ihre Ausrichtung auf die Notwendigkeiten
gefangennimmt. 2.3.1 Andre Gorz: äußerlich bleibende Arbeit Andre Gorz betont
die Auswirkungen des derzeitigen Produktionsprozesses und macht deutlich, warum
keine Identifizierung mit der Arbeit innerhalb dieser kapitalistischen Produktions-
und Lebensverhältnisse möglich ist (Gorz 1980). Er stellt einige entscheidende
Prämissen sozialistische Analysen infrage. Gorz lehnt die sozialistische Prämisse
ab, daß aus der wirklich bewußten "gesellschaftlichen Organisation" des Arbeitsprozesses
die allseitige Entfaltung und Betätigung individueller Fähigkeiten erwächst,
das allseitig entwickelte Individuum entsteht. Gorz erscheint es als illusionär,
daß sich die privaten und gesellschaftlichen Interessen durch die Existenz "gesellschaftlicher
Individuen" harmonisieren lassen. Die Gesellschaft kann man nicht nach einem
einheitlichen sozialistischen Organisationsprinzip gestalten, in der die Wiederaneignung
der Arbeit durch die Produzenten erfolgen würde. Der Charakter des Produktionsprozesses
ermöglicht keine Verwirklichung in der Arbeit mehr. Die Arbeit wird vom gesellschaftlichen
Produktionsapparat verteilt und zugewiesen. Dabei ist sie weiterhin notwendig,
bleibt aber den Individuen, denen sie auferlegt wird, äußerliche, heteronome
Arbeit. Die Heteronomität blockt die Störungen durch die Subjektivität ab und
gewährleistet die programmierte, geplante Produktion all dessen, was für die
Gesellschaft notwendig ist, so wirksam wie möglich, mit dem geringsten Aufwand
und minimalen Ressourcen. Der Arbeiter ist für den ihm zugefallenen Arbeitsplatz
normalerweise überqualifiziert. Jede Stelle ist zufällig und provisorisch. Es
ist ihm versagt, sich mit seiner Stelle zu identifizieren. Als Subjekt beweist
sich das Proletariat nur noch außerhalb der Gesellschaftszusammenhänge: durch
Verweigerung gesellschaftlicher Arbeit. In der autonomen Sphäre produzieren
die Individuen auf autonome Weise außerhalb des Marktes allein oder frei assoziiert
nicht notwendige, aber den Wünschen und dem Geschmack des Einzelnen entsprechende
Güter und Dienste. Gorz scheint allein die dualistische Lösung möglich. Er ist
für die Eingrenzung der Macht auf das zum Funktionieren der Gesellschaft unbedingt
notwendigen Maß. Die Ökologie- und Alternativbewegung hat hier einen systematischen
Stellenwert in der Durchsetzung der dualistischen Gesellschaft. Ihre Position
liegt an der strategisch zentralen Nahtstelle zwischen formellem und informellem
Sektor der Gesellschaft. Die Stärke dieser Nahtstelle bestimmt, inwieweit die
"Kolonialisierung der Lebenswelt" (Habermas) voranschreitet oder inwieweit der
informelle Sektor als Freizeit- und Konsumbereich vollends zur Schattenökonomie
der Megamaschine herabgewürdigt wird. Doch wäre diese dualistische Gesellschaft
überhaupt lebensfähig? Karl- Werner Brand kritisiert zu recht (Brand 1982, 120),
daß Herrschaftsverhältnisse nicht beseitigt werden können, indem man der funktionalen
unvermeidlichen Macht einen vorher festgelegten umgrenzten Bereich einräumt.
Das würde letztendlich diese Macht unangreifbar machen, denn sie ist ja "unbedingt
notwendig". Letztendlich wäre dies die Preisgabe des demokratischen Projekts,
denn den unvermeidlichen Herrschaftsapparat haben wir hinzunehmen. Geschichtliche
Errungenschaften gegen staatliche Machtfülle, wie die Menschenrechte, Gewaltenteilung
und Parlamentarismus scheinen an eine feste Grenze unverrückbarer bürokratischer
Systeme zu stoßen. Die völlige Abkoppelung der System- von der Sozialintegration,
das motivlose Funktionieren der in den Apparaten Beschäftigten läßt sich bezweifeln.
2.3.2 Abgrenzungen der Arbeit Arbeit ist konstituierendes Merkmal des Menschseins.
Sie ist notwendig für die Reproduktion der Gesellschaft. In diesem Sinne gibt
es eigentlich keine Tätigkeit, die man nicht als Arbeit bezeichnen könnte. Arbeit
ist nicht nur Produktion, sondern auch Wissen, Heilen, Sinn stiften, Phantasie
anregen, soziale Hilfen, Beziehungen knüpfen; man ist versucht, alle menschlichen
Aktivitäten unter "Arbeit" zu subsumieren. Doch "Arbeit" im heutigen Verständnis
ist eine kulturell produzierte Größe. Sie wird von den übrigen Tätigkeiten durch
Gesten, Riten und Kulte abgegrenzt. Verschiedenartige Tätigkeitsbereiche werden
verschieden wertgeschätzt. Diese Wertschätzung geschieht mit der Möglichkeit,
mit dieser Tätigkeit ein Einkommen zu verdienen. Gerade in der industriellen
Gesellschaft kommt durch die Auflösung der Identifikation mit der Arbeit ein
Verständnis der Trennung von Arbeit und Leben, Berufs- und Familienarbeit auf.
In der Arbeit wird, indem man sich unter fremde Zwänge begibt, das Geld "erarbeitet",
in der Freizeit entschädigt man sich für die Zeit und Kraft, die man für andere
investiert hat. Die heutigen Bestrebungen der Wiederintegration, des "ganzen
Hauses" zeigen , wie viele notwendige Tätigkeiten gesellschaftliche Reproduktion
beinhaltet; insbesondere geraten dabei notwendige Tätigkeiten in den Blickpunkt,
die nicht bezahlt wurden und werden. 2.3.3 "Produktive Arbeit" In der industrialisierten
Gesellschaft wurden durch die Monetarisierung der Arbeit Teile aus dem Gesamtfeld
der Arbeit herausgegriffen und höher bewertet, nämlich die Produktionsarbeit.
Alle anderen Tätigkeiten, die diese Form der Arbeit erst ermöglichten, wie die
Hauswirtschaft, wurden nicht bezahlt und damit unterbewertet. Damit wurden auch
diejenigen, die den "Arbeiter" unterstützten und nun "minderwertige Arbeiten"
verrichteten, wie Frauen und Kinder, abhängig gemacht und in ihrer Bedeutung
herabgewürdigt. Arbeit wurde um die Produktionsarbeit organisiert; nur durch
deren Einkommen kann man seinen Lebensunterhalt bestreiten. So erlangte die
"produktive Arbeit" auch ein moralisch hohes Ansehen. Es wurde definiert, was
Arbeit ist; alle anderen Tätigkeiten werden nicht als produktiv eingeschätzt,
obwohl es selbstverständlich war, daß sie zu leisten sind. So definieren sich
die Menschen heute durch Erwerbsarbeit und diese Form der Arbeit ist zugleich
die einzige Möglichkeit, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Doch vollwertige
Erwerbsarbeit ist immer weniger vorhanden; und trotzdem ist das Bedürfnis und
die Angewohnheit, sich über die Arbeit zu definieren, noch da, kann aber immer
weniger befriedigt werden. Das führt zu Konflikten. 2.3.4 Die Tugend der Arbeit
Arbeit wurde nicht immer in Bezug zu Glück, Befreiung oder Befriedigung gebracht.
Wie kam es nun zu dieser großen Bedeutungssteigerung der Arbeit? Ich möchte
dazu einen Blick in die Geschichte werfen. Griechische Götter lehrten den Menschen,
wie sie zu arbeiten hatten. Athene brachte ihnen bei, Tiere zu züchten und sie
an den Wagen zu spannen. Demeter baute das erste Getreide an und schlachtete
eine Kuh. Die Götter führten die Menschen in die Arbeit ein und diese Tätigkeit
mußte immer auf dieselbe Weise betrieben werden, genau wie ein Ritual. Somit
ist Arbeit die "ständig erneuerte, andauernd verwirklichte Erscheinung der göttlichen
Weltordnung" (Giarini, Liedtke 1998). Andererseits wurde Arbeit von den Freien
so gering geschätzt, daß sie sogar bemüht waren, genau herauszufinden, was alles
Arbeit ist; nur, um dieses vermeiden zu können. Arbeit und frei verantwortliche
Lebensgestaltung waren nicht zu vereinen. Arbeit ist Sache der Sklaven, die
Politik eine Angelegenheit freier Bürger. Das Christentum trennt Menschen und
Gott, indem sie Gott in eine andere Welt versetzt. Die Mühen und Qualen der
Arbeit gelten als Sühne für die Ursünde und Folge der Vertreibung aus dem Paradies.
Der Mensch soll Gottes Arbeitsrhythmus - sechs Tage Arbeit, ein Tag Ruhe - nachahmen.
Arbeit wird zur Buße, zur Unterwerfung unter den Willen Gottes. Bei Luther wird
die Arbeit zum vorherrschenden Mittel moralischer Selbstvergewisserung, für
Calvin ist Arbeit der Hauptzweck des Lebens und führt schließlich zur Erlösung.
Fleiß und wirtschaftlicher Erfolg aufgrund harter und ehrlicher Arbeit sind
Tugenden, die das Auge Gottes erfreuen. Calvin gibt der Vita activa absoluten
Vorrang vor der Vita contemplativa. Das Wesen der heutigen kapitalistisch orientierten
Gesellschaft gründet zum großen Teil auf dieser protestantischen Lehre von der
Arbeit als Quelle aller Werte. Der Erfolg der Arbeit bei ihrem "Siegeszug" in
der industriellen Revolution führt zu einem technisch- wissenschaftlichen Entwicklungsglauben.
Entspannung, Muße, Politik, auch Beziehung, fallen dabei ab. "Die Befreiung
von der Arbeit durch die Arbeit" ist das Marx'sche Ziel (Hartwich 1995). Nun
nimmt die Arbeit die zentrale Stellung im Leben des einzelnen ein und begründet
eine vom wirtschaftlichen Erfolg abhängige Gesellschaft. Durch die Emanzipation
weiterer Kreise der Bevölkerung drängen diese nun auch auf den Arbeitsmarkt
und erhoffen sich dadurch persönliche Unabhängigkeit. Doch seit den siebziger
Jahren "zwingen die dauerhaft hohen Arbeitslosenzahlen, dieses Phänomen als
Strukturproblem der Arbeitsgesellschaft zu bezeichnen" (Hartwich 1995). Problem
ist heute die Suche nach der "vita contemplativa", denn sie ist weder in den
entfremdeten Produktionsstrukturen noch in der privatistisch- konsumtiven Freizeit
zu finden. 2.3.5 Arbeit und Selbstverwirklichung Arbeit ist die vielseitigste
Ausdrucksform des Menschen: mit ihr verändert er, nimmt Einfluß, gestaltet,
verarbeitet und schafft sich die Umgebung und schafft sich selbst und wird geschaffen.
In der Arbeit kommen persönliche Kreativität und spezielle Fähigkeiten zum Ausdruck.
Die Arbeit entspringt jedem Einzelnen und muß Bezug zu seinen Lebensvorstellungen
und Lebensvollzügen haben. Im großen System der modernen Arbeitswelt ist es
uns jedoch oft nur möglich, die Arbeit als Job anzusehen, als eine mir fernbleibende
Schufterei, unter die ich mich nur begebe, weil ich einen Lohn dafür erwarten
kann. Je mehr ich mich unter diese für mich doch so fremden Bedingungen begebe,
desto mehr kann ich angeblich für mich herausholen. Ein immer größerer Anteil
unserer Lebenszeit wird mit Tätigkeiten verbracht, die keinerlei Bezug mehr
zur inneren Persönlichkeit haben. Komplementär dazu vergrößert sich die Hoffnung
und die unstillbare Sehnsucht auf eine Lebensverwirklichung in der Freizeit.
Die Freizeit kann jedoch diese hohen Ansprüche aufgrund des geringen Umfangs,
der geringen Institutionalisierung und der Individualisierung nicht erfüllen.
Arbeit kann zur Selbstverwirklichung beitragen indem sie Arbeit mit anderen
ist. Durch Individualisierung und Differenzierung jedoch treten nur noch symbolische
Kontakte auf. Alle Beziehungen sind weitgehend standardisiert, nichts ist mehr
aushandelbar und zwischen die arbeitsuchenden und lohnempfangenden Menschen
tritt die Konkurrenz als Wolfsprinzip, das Gemeinsamkeiten verhindert. Der andere
könnte mehr Arbeit oder konsumtive Entschädigungsanteile erringen. 2.3.6 Funktionelle
Differenzierung "Moderne Gesellschaft zeichnet sich durch ihr primäres Differenzierungsprinzip
aus: Funktionelle Differenzierung" (Hellmann 1996, 26). Funktionelle Differenzierung
ermöglicht die effektive Organisation eines breiten, vielfältigen Spektrums
der Gesellschaft und damit eines hohen Entwicklungsstandes. "Funktionelle Differenzierung
bezeichnet die Ausdifferenzierung von gesamtgesellschaftlichen Teilsystemen
nach bestimmten Funktionen. Damit ist jedes Teilsystem zuständig für nur eine
Funktion" (Hellmann 1996, 126, Auslassung d. A.). Es bestimmt auch, wer Zugang
und die Chance zur Kommunikation erhält. "Jedes Funktionssystem ist autonom
darin, was seine Zuständigkeit betrifft, und indifferent gegenüber allem anderen.
Zugleich verlassen sich die Funktionssysteme darauf, daß anderswo Probleme gelöst
werden, für die sie selbst nicht zuständig sind. [...] Die Gleichzeitigkeit
von Autonomie und Indifferenz führt aber zu einer Reihe von Folgeproblemen"
(Hellmann 1996, 27, Auslassung d. A.). Durch Differenzierung ist keine Abstimmung
zwischen den Systemen möglich, denn jedes System funktioniert nach anderen Prinzipien.
Einzige Bezugspunkte bleiben symbolische Kontakte: Materieller Austausch (Geld,
Kapital) und informeller Austausch (Medien). Durch die Verzahnung der verschiedenen
Bereiche ist ein unbedingtes Funktionieren notwendig; ein Teilbereich muß sich
auf den anderen verlassen können, sonst funktioniert das ganze System nicht
mehr. Ausdruck der Differenzierung ist auch das Verständnis der "Berufsarbeit"
(Brater 1996): der herausgegriffene Lösen eines Problems ohne sich um die Folgen,
die in anderen Bereichen durch eigenes Handeln auftreten, kümmern zu können.
Damit hat ein Teil aber auch keinen Einblick mehr in die anderen Bereiche. Greift
doch jemand in einen anderen Bereich ein, so kommt es unweigerlich zu einer
Störung oder gar Zerstörung desselben. So hat sich die gesamte Gesellschaft
aufgesplittet nach der Maßgabe der Funktionsfähigkeit ("funktionelle" Differenzierung).
Alle Teile sind gleichberechtigt. Es gibt keine Instanz mehr, die alles überwacht
und regelt, nicht einmal die Politik, denn auch sie ist zu einem gleichberechtigten
Funktionssystem mit einer spezifischen Aufgabenstellung geworden. Das ist aber
eine große Gefahr: niemand kann die aufziehenden Probleme, die die gesamte Gesellschaft
verursacht und betrifft, bearbeiten, denn alle wissen: die andern Funktionsbereiche
sind tabu; ich sehe einzig und allein meinen Bereich und dieser verursacht das
Problem nicht allen. Differenzierung Entdifferenzierung Kennzeichen Jeder hat
eine spezielle Aufgabe, Zusammenspiel aller beteiligten Systeme, Fachkompetenz
Jeder bearbeitet alles, geringe, aber universelle Kompetenz aller Vorteile Effektivität
durch Redundanzverzicht, Beherrschung gesellschaftlicher Komplexität Ganzheit,
Überschaubarkeit, Beziehungen, Fehlbarkeit erlaubt, Nachteile Funktionieren,
Fremdbestimmtheit, nur symbolische Begegnungen, hoher Transportaufwand geringe
Differenzierung, geringe Effektivität, Die weitere Vertiefung der funktionellen
Differenzierung führt zwar zu einem hocheffektiven System, in dem die Menschen
aber nur zum Störfaktor entarten. Die entgegengesetzte Entwicklungsrichtung,
hin zu mehr Integrität, führt in der Endkonsequenz zu einer Gesellschaft mit
hohem subjektiven Faktor, aber dafür geringer Funktionsfähigkeit und Zuverlässigkeit.
Die heutigen Probleme sind nicht mehr ausschließlich mit den Werkzeugen der
Differenzierung lösbar, allerdings wird es keine radikale Entscheidung für eine
der beiden Alternativen geben können. Welches Verhältnis beide Formen aber zusammen
haben werden, das wird die gesellschaftliche Entwicklung zeigen müssen. In vielen
Bereichen entwickelt sich jetzt schon aufgrund veränderter Bedingungen ein Bedarf
an flexiblen, universell kompetenten Fachkräften und Lösungsstrategien. Bei
der Aufweichung des Systems der Differenzierung muß man aber notwendigerweise
uneffektive Redundanz, Wiederholung, in Kauf nehmen. Im System der Konkurrenz
zum Beispiel ist Redundanz notwendig vorhanden, aber es belebt den Austausch
und erlaubt den Vergleich. 2.3.6.1 Instrumentalisierung oder Beziehung? In Strukturen
funktionaler Differenzierung treten zwischen die Beteiligten symbolisierte Kontakte
und Beziehungen, wie Kapital, materielle Dinge und mediale Information. Beziehung
ist nur persönlich möglich, so sehr auch die multimedialen Versprechungen der
"unbegrenzten Vernetzung" verlocken. Beziehung ist frei von Instrumentalisierung.
Sie öffnet sich dem anderen, gibt ihm Zeit und Aufmerksamkeit; räumt ihm Chancen
ein. Instrumentalisierung ist Mißbrauch. In allen gegliederten Systemen der
Gesellschaft können leicht Lebewesen und Materialien mißbraucht werden. Konsumtive
Ersatzbefriedigungen, das massenmäßige Verbrauchen billigst hergestellter Waren,
der Genuß derselben und der sich daran anschließende Verbrauch ist noch bestimmend.
Aber es zeichnet sich ein Trend dahingehend ab, höherwertige Konsumgüter nach
bewußter Auswahl auch des Herstellers und des Herstellungsverfahrens zu kaufen
und dadurch eine Beziehung zu ihnen aufzubauen, denn es hat sich gezeigt, daß
ein bekanntes und qualitativ hochwertiges Produkt im Gebrauch weniger Unannehmlichkeiten
verursacht. "Also, die Unterschiede sind eben die, daß ich zu den Dingen, mit
denen ich mich umgebe, eine Beziehung haben will; daß ich mit Menschen eine
machtfreie; also auf gleicher Ebene, ohne Machtunterschiede eine Beziehung zu
haben; daß ich versuche, Dinge überschaubar zu halten" (Interview 4) 2.3.6.2
Personale Identität und funktionale Differenzierung In "segmentären und stratifikatorischen"
Gesellschaften ist das Individuum Teil der Gesellschaft. Es definiert sich dadurch,
daß es einer bestimmten Familie oder einer bestimmten Schicht angehört (Hellmann
1996, 126). Der Bauer ist den ganzen Tag "der Bauer"; weder kann er seine Lebens-
und Arbeitswelt verlassen, noch muß er es tun, denn seine Definition ist nicht
zerstückelt: er gliedert Familienarbeit, Freizeit, soziale und kommunikative
Tätigkeiten nicht aus seinem Lebensvollzug aus. In Gesellschaften, die in funktionaler
Differenzierung organisiert sind, "gelingt es nicht länger, dem Individuum einen
festen Standort in der Gesellschaft zuzuweisen. Die Einheit der Person innerhalb
der Gesellschaft geht verloren, das Individuum rückt zusehends aus dem Zentrum
der Gesellschaft an die Peripherie, bis es ganz herausfällt" (Hellmann 1996,
127). Der Mensch kann sich nicht mehr als Ganzes definieren, er braucht Auswege,
Erholung, Freiräume. Andererseits kann jeder an allen Teilen der Gesellschaft
teilhaben, wenn er nur möchte und die Bedingungen erfüllt. Die verschiedenen
Funktionssysteme kann man mithilfe von Rollenmustern betreten. Es ist nicht
mehr festgelegt, wer von vornherein etwas nicht machen oder an etwas nicht teilhaben
darf. "Inclusion" bezeichnet Talcott Parsons 1972 diese Form. Man könnte sie
auch als die "Chance der sozialen Berücksichtigung von Personen" bezeichnen
(Luhmann 1993e, 289). Doch die Personen sind nie als Ganzes in ein Funktionssystem
integriert. "Es handelt sich um Teilidentitäten" (Krockow 1985, 150). Gibt es
aber nirgends die Gelegenheit zur vollständigen persönlichen Darstellung, droht
Entfremdung (Luhmann 1989c, 160). 2.3.7 Individualisierung Am Anfang steht die
Gesellschaft, die alle ihre Funktionsbereiche prinzipiell für jeden zugänglich
macht, wenn er nur die Anforderungen dafür erfüllt und die notwendigen Rollen
übernimmt. Doch der Mensch wird, weil er nur eine "Rolle" spielt (oder mehrere
parallel) sich nie ganz in einem dieser Zuordnungen auflösen. Ihm fehlt die
Repräsentationsebene seiner ganzen Person. Die Rolle wird ihm den Zugang zu
einem Teil der Gesellschaft erlauben, aber genauso schnell ist er in anderen
Bereichen ausgeschlossen. Und so bleibt es ein Stückwerk der Identität. Um sich
jedoch der eigenen Identität zu versichern, muß jedes Individuum für sich, ohne
Vergleichsmöglichkeiten, einen "Flickenteppich der Identität und Zugehörigkeit"
zusammenbauen. Die Auflösung allgemeingültiger Normen und Bezugsmöglichkeiten
setzt den Einzelnen in Zugzwang, die einzig akzeptable Form der "Wahrheitsfindung"
anzuwenden: die Suche in sich selbst. Alle Bastionen und Rückzugsbereiche, die
einstmals für einen ganzheitlichen Halt gesorgt haben, wie Religionen, Beruf(ungen),
Schichten, Milieus und Gruppen, zerfallen. Die Menschen werden zum Subjekt und
fallen, auf sich gestellt, aus der Gesellschaft mit ihren Verknüpfungen heraus.
Es gibt keine konstituierenden Faktoren mehr, sondern es scheint der Beliebigkeit
des Einzelnen anheimgestellt, sich zu verhalten. Doch immer droht die Gefahr
des Ausschlusses aus einer der Teilidentitäten, ohne daß man dem Einzelnen eine
Schuld daran zuschreiben könnte. Diese Bezugsetzung zu anderen geschieht durch
Kommunikation und kann um so besser erfolgen, je effektiver Kommunikationsstrukturen
in der Gesellschaft angelegt sind. Durch den Wegfall von für alle gültigen,
von einzelnen Menschen unabhängig geltenden Normen und Werten kommt der Kommunikation,
dem Vergleich eine enorme Bedeutung zu, der den Bedeutungsanstieg der Medien
und ihren starken Einfluß in der heutigen Zeit erklären könnte. Die Gesellschaft
ist auf der Suche nach sich selbst und ist an das Selbstgespräch und die Selbstreflexion
ihrer Mitglieder gebunden. Zugleich ist dem Einzelnen das Gespräch über sich
selbst begrenzt. Durch Individualisierung ist es aber auch möglich geworden,
in der Gesellschaft alternative Lebens-, Arbeits- und Wohnformen zu experimentieren
und zu leben. 2.3.8 Die hohe Bedeutung der "Normalität" Was in den vorindividualisierten
Gesellschaften die allgemeingültigen Regeln und Normen übernahmen, bildet sich
in der individualisierten Gesellschaft im Austausch konkreter Lebensvollzüge
und Anschauungen mittels Kommunikation. Die Schaffung dieses Vergleiches und
der Bewertungsmaßstäbe ist einer ständigen Veränderung unterworfen. Rollenerwartungen,
gesellschaftliche Konstellationen verändern sich recht schnell und bilden immer
nur eine brüchige Balance. Medien übernehmen die Vermittlungsaufgabe in immer
umfangreicherer Art und Weise. Daher resultiert auch die hohe Beeinflußbarkeit
der Menschen den Medien gegenüber. Die Medien sind notwendig geworden für Bewußtseins-
und Meinungsbildung der Gesellschaft. Dieser Meinungsbildungsprozeß ist der
Vollzug, in dem sich Gesellschaft aufbaut, gestaltet und verändert. Dadurch
besteht die Gefahr der "Fernsteuerung" der Anschauungen der Menschen, aber auch
die Chance einer beginnenden Kommunikation über Funktionsgrenzen hinweg. 2.3.9
Zwei Alternativen gesellschaftlicher Arbeitsverteilung Die Arbeitsgesellschaft
ist in der Krise. Die Produktionsarbeit, die Lebensunterhalt ermöglicht und
Sinn stiftet, scheint nicht mehr für alle zu reichen, denn das konjunkturelle
Auftreten von Arbeitslosigkeit stellt sich heute als strukturelles Problem dar.
Gleichzeitig ist in vielen Bereichen Arbeit notwendig, kann aber nicht getan
werden, weil sie nicht bezahlt werden kann. Bisher haben sich Menschen einzeln,
zum Beispiel als Familie, um die Einkommen aus produktiver Arbeit herum organisiert.
Wird es nun Zeit, daß sich die gesamte Gesellschaft um die Ergebnisse von Produktion
organisiert, damit die nicht herausfallen, die keinen Lebensunterhalt haben
und derer Anteil immer größer wird? Dann würde es einen Kernarbeiterbereich,
der aus Spezialisten mit hocheffektivem Wirkungsgrad besteht, geben und viele
"nützliche, ehrenamtliche Helfer", die sich um andere Dinge kümmern. Doch welches
Selbstbild haben dann die total unterschiedenen Gruppen von sich selbst? Oder
soll die Arbeit auf breitere Schultern verteilt werden? Dann hätten alle Anteil
am sinnstiftenden gesellschaftlichen (Re-)Produktionsprozeß. Man müßte dann
Arbeit anders definieren; nicht mehr mit dem Ziel der Effektivisierung, das
würde ja wieder Arbeitsplätze wegrationalisieren; vielmehr mit dem Ziel sinnvoller
gesellschaftlicher Tätigkeit. Doch wohin dann mit dem ganzen kreativen Potential,
was letztendlich zur Effektivierung der Produktion geführt hat? 3 Wer bleibt
da noch normal? Alternative Bewegungen in der Auseinandersetzung mit der Gesellschaft
3.1 Kontaktpunkte Alternative Bewegungen scheinen "ein spezifisches Phänomen
hochentwickelter kapitalistischer Gesellschaften zu sein" (Brand 1982, 26).
Was sind nun die Gründe für die Herausbildung alternativer Bewegungen? Hauptfunktion
scheint die Bearbeitung und Überwindung der Folgeprobleme der heutigen Gesellschaftsorganisation
zu sein: negative Folgen von Differenzierung und Individualisierung. Dabei scheint
es weniger um die Überwindung der Strukturen zu gehen, denn es ist weder ein
neues nachkapitalistisches Gesellschaftskonzept erkennbar noch scheint überhaupt
ein Konzept erarbeitbar zu sein. Vielmehr geht es um eine Vielzahl von Reformen,
ein reflektiertes Leben, ein Handeln, ohne auf die unwahrscheinliche Revolution
warten zu wollen. Hierbei bewegen sich die alternativen Bewegungen in der Auseinandersetzung:
Ganzheitlichkeit als eine Grundsehnsucht des Menschen: das Leben selbst zu leben,
nicht instrumentalisiert zu sein, eigene Ideen ausleben zu können oder: "Verbesserung"
der Differenzierung und damit eine Vermenschlichung der zweifellos gut und reibungslos
organisierten Wirtschaft, Bürokratie oder des Sozialapparates anzustreben. Gesellschaft
muß organisiert sein, will sie nicht aus atomisierten Einzelnen bestehen. Doch
perfekte Organisation ist ein System, das den Menschen erdrückt. Und: ist Individualisierung
besser für den Menschen oder die Einbindung in eine verläßliche fest strukturierte
Gemeinschaft? Welche Zielrichtung ist zu bevorzugen: ein gut organisiertes System
der Gesellschaft, das hocheffizient funktioniert, in dem aber auch jeder Mensch
nur ein Rädchen im Getriebe ist, oder eine Gesellschaft, die dem Subjektiven
mehr Freiraum läßt, dafür aber Störungen, Schwankungen und Unvorhergesehenes
in Kauf nimmt? Wäre eine Ökodiktatur denkbar? Was also ist das "reine" Leben,
das "reine" Wirtschaften, zumindest das auf die heutige Zeit passende? Wie kann
ein Zusammenleben organisiert werden? Machen wir uns gemeinsam mit den alternativen
Konzepten auf die Suche. "Es hat sich ja sozusagen durch die Arbeitsteilung
entwickelt. Es gibt Leute, die sind zuständig für die Industrieproduktion, Leute,
die sind zuständig für die Nahrungsmittelproduktion ... Und das ist hart getrennt.
Knallhart. Das heißt also - eigentlich ist der Mensch ganzheitlich. Wie ich
vorhin schon sagte: das Idealste wäre, wenn jede die Möglichkeit hätte, sich
einen Teil seiner Lebensmittel selber zu produzieren, einen Teil seines Autos
selber zu produzieren, wenn er's braucht usw.; das wäre eigentlich ... so ist
der Mensch biologisch gestrickt, so sind wir der Bedürfnisstruktur, die der
Mensch eigentlich innerlich ja genetisch angelegt hat, am nächsten. Unsere Entwicklung
geht ja - für meine Begriffe - ja von uns weg. " (Interview 1) 3.2 Austausch
oder Rückzug? Die alternativen Bewegungen stehen in einem ambivalenten Verhältnis
zur bestehenden Gesellschaft: einerseits ist ihr Daseinsgrund und ihre Selbstdefinition
gerade die Unterscheidung, das "Ganz-Anders-Sein" als die "normale" Gesellschaft,
andererseits sind sie ohne Austausch mit der bestehenden "Gesellschaft", die
ja in sich selbst vielfältig gegliedert und uneinheitlich ist, nicht denkbar
und nicht auf Dauer überlebensfähig. Die Beispiele der ersten Kommunen haben
gezeigt, daß ein Rückzug aus der Gesellschaft schon ökonomisch nicht möglich
ist. Um so mehr ist Kommunikation mit der Gesellschaft notwendig. Die Schwierigkeit
dabei ist, die Balance zu halten, sich nicht auszugrenzen und sich gleichzeitig
selbst nicht zu verleugnen. "Das Zusammenspiel von Integration oder Isolation
wird wohl für die Bewegungen konstituierend bleiben. Es hat sich gezeigt, daß
sie gerade durch ihre Experimentierfreudigkeit eine Vorreiterrolle für gesellschaftliche
Neuerungen gespielt haben. Alternative Bewegungen müssen Lebenswelten bleiben,
die der Staat nicht kolonialisieren kann (Habermas 1980, 160). " ... ich finde
es positiv, daß aus diesem Kreise derer es Leute gibt, die sich trotzdem der
Gesellschaft widmen; weil nämlich die Gesellschaft denen, die sich da zurückziehen,
diesen Rückzug ermöglicht. Ja? Und ich denke, daß da eine Korrespondenz sinnvoll
ist zwischen den einen und den anderen. Ansonsten hätte man ja augenscheinlich
sowieso nur für sich selber gearbeitet, wenn man gar keinen Austausch wollte,
mit denen, die da anders sind als man selbst." (Interview 3) 3.3 Ambivalenz
Die Ökologie- und Alternativbewegung ist von Ambivalenz geprägt. Sie beinhaltet
antimodernistische Reaktionen genauso wie zukunftsweisende Anzipation "ökologisch-
humaner" Lebensformen. Konservative, irrationalistische Ideologien stehen neuen,
nichtinstrumentellen Formen des Selbst- , des Gesellschafts- und Politikverständnisses
gegenüber. "Schlechte Unmittelbarkeit" ergänzt sich durch Ansätze bedürfnisorientierter
authentischer Lebensformen und fiktive Ursprungsmythen bilden ein Gegenüber
für Ansätze neuer kollektiver Identitäten (Brand 1982, 25). "Und [politisch]
kann ich mich gar nicht festmachen in Ja Ja und Nein Nein. Wenn man mich zu
meiner politischen Zuordnung fragt, so wäre das zur Zeit, daß ich da Beste aller
Parteien vor mir hertrage. Oder in mir habe oder gerne umsetzen möchte. Das
ist natürlich so allgemein, daß man damit gar nichts anfangen kann; aber mindestens
doch: daß ich mich weder homogen für grün halte noch gegen die Grundintention
der CDU sprechen will noch für alle Intentionen der SPD wäre, noch gegen alle
der PDS Für einen Unternehmer halte ich mich; gelegentlich frage ich mich: Mensch,
du könntest doch eigentlich eine Firma aufmachen. Du kannst das doch bestimmt.
Und da sage ich meistens: für einen Unternehmer halte ich mich für zu sozial
und wäre deshalb ein schlechter Unternehmer, aber für einen Sozialarbeiter halte
ich mich für besonders unternehmerisch, weswegen ich dort besser arbeiten sollte,
weil ich dort erfolgreicher für das Feld der Sozialarbeit tätig sein kann, zufriedener
für mich sein würde oder bin, als ich es als erfolgloser sozialer Unternehmer
wäre." (Interview 3, Hinzufügung d. A.) 3.4 Grenzen konventioneller Problemlösungsstrategien
(Raschke u.a.) Alternative Bewegungen können einerseits als funktionalen Bestandteil
der heutigen Gesellschaft gesehen werden, andererseits kann man sie auch als
Vorboten einer anderen Gesellschaftsorganisation beschreiben. Auch die heutige
Gesellschaft hat Lösungsstrategien parat, die systemimmanent versuchen, die
Probleme zu beseitigen. Warum aber scheint es wenig sinnvoll zu sein, diese
auszuschöpfen oder auszubauen? Karl Werner Brand (Brand 1982, 145f) bietet hierzu
zusammenfassend einige Überlegungen zur sachlichen und sozialen Überforderung
des industriellen Systems. Das System ist sachlich überfordert, denn: " Die
Gesamteffizienz des industriellen Systems verringert sich: das heißt, die industrielle
Güterproduktion fordert immer höhere ökologische, physische, psychische und
soziale Kosten und bringt immer weniger Nutzen bei einem relativ hohen Versorgungsniveau.
" Immer größere technische Lösungen sind möglich und nötig für die Lösung ökonomischer
Probleme. Diese großtechnischen Lösungsstrategien verschärfen in der Regel durch
ihre geringe physische, psychische und soziale Verträglichkeit die krisenhaften
Folgewirkungen des industriellen Wachstums (Guggenberger, Raschke), das gleiche
gilt für die Effekte 'modernistischer Reformen' (Narr). " Die funktionsspezifische
Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Lebensbereiche, die immer komplexer werdenden
Folgewirkungen kapitalistisch- industrieller Vergesellschaftung erfordern ein
immer aufwendigeres System zentralisierter politischer Vermittlungsleistungen,
die die Steuerungsressourcen des bürokratisch- administrativen Systems in zunehmendem
Maß überfordern. " Die institutionelle Verankerung der Mechanismen der Konfliktregulierung
und die Verpflichtung der gesellschaftlich- politischen Eliten auf Wirtschaftswachstum
führt zur Selbstblockierung gegenüber neuen Problemlösungsstrategien (Raschke
u.a.). Durch die unangebrachte Art und Weise des Staates, die Problemlösungen
anzugehen, werden auch integrative Kapazitäten in sozialer Hinsicht überfordert:
" Parteien und Verbände verselbständigen sich immer mehr und reagieren immer
weniger passend auf die Interessen und Bedürfnisse der Bürger. Die Politik wird
zum bürokratischen Apparat (Guggenberger 1980). " Die moderne "Volkspartei"
wird immer weniger zum Integrations- und Orientierungspunkt für bestimmte Milieus.
Damit können sie keine kollektiven Identitäten mehr begründen, können keine
persönliche Lebenssituation in ein schlüssiges Gesamtbild der Politik übersetzen.
Dies führt zur Herausbildung neuer kollektiver Ersatzidentitäten, die sich um
partikulare Interessen organisieren. " Klages betont die Selbstüberlastung des
politischen Systems durch den Ausbau des Sozialstaates mit hohen rechtlichen
Ansprüchen. " Durch die Notwendigkeit der Verregelung aller Bereiche ("Durchstaatlichung
der Gesellschaft" (Hirsch)) wird der Staat immer mehr als Verursacher belastender
Umwälzungen gesehen. " Mit der Beschleunigung der gesellschaftlichen Umwälzung
erhöht sich der Umfang von Unruhen und Protest, die jedoch als anomisch gekennzeichnet
und mit dem Ausbau des sicherheitsstaatlichen Apparates beantwortet werden.
Der Staat scheint an eine Grenze seiner Handlungsfähigkeit zu stoßen: einerseits
muß er weiterhin für Wachstum sorgen, um das bisher gewohnte Maß an Stabilität
und Sicherheit weiter vermitteln zu können. Stagnation ist nicht möglich, denn
das kapitalistische System benötigt Wachstum und Expansion zu Funktionieren.
Dieses Wachstum kann der Staat aber nicht mehr herstellen, weil die herkömmlichen
Mittel der ökonomischen Steuerung nicht ausreichen. Es kann aber "weiteres Wachstum
gar nicht wünschen, weil die Folgen weiteren industriellen Wachstums schlicht
unerträglich wären und Konflikte einer Art heraufbeschwören würden, die sich
mit den Mitteln herkömmlicher staatlicher Politik nicht unter dem Deckel halten
lassen würden" (Interview mit Klaus Offe In: Argument 124, 1980). In der Bundesrepublik
diagnostiziert Offe als Folge dieser Problemkonstellation "ein hohes Maß an
Entformalisierung: alle greifen zu Aktionsformen, die aus den Schienen, die
in Gestalt des politischen Systems und seiner Institutionen ausgelegt sind,
herausspringen" (Interview mit Klaus Offe In: Argument 124, 1980). Raschke als
ökologisch orientierter Vertreter der Wertwandeltheorie sieht die Widersprüchlichkeit
des gesellschaftlichen Rationalisierungsprozesses in den "mit Industrialisierung
und Technisierung der Bedürfnisbefriedigung verbundenen Vergesellschaftungseffekte[n]"
(Brand 1982, 90). Die "Krise der industriellen Zivilisation" läßt sich in drei
Dimensionen beschreiben (Raschke 1980): " Erstens eine "zunehmende Selbstdestruktivität"
industriekapitalistischer Vergesellschaftungsformen: die Zerstörung der natürlichen
Grundlagen menschlichen Lebens, die Zunahme psychosozialer Selbstzerstörung,
das Anwachsen des militärischen Vernichtungspotentials, und eine selbstzerstörerische
Dynamik des Nord- Südkonflikts. " Zweitens die abnehmende Gesamteffizienz des
produktiven Systems: den steigenden ökonomischen, physischen, psychischen, sozialen
und ökologischen Kosten steht der fallende Nutzen überflüssiger und im Überfluß
vorhandener industrieller Güter gegenüber. " Drittens sieht Raschke eine abnehmende
Lösungskompetenz aller gesellschaftlichen Institutionen: die aus der industriellen
Entwicklung resultierenden Probleme können nicht mehr ohne sozialschädliche,
gesundheitlich und ökologisch gefährliche Folgewirkungen auf dem Wege wissenschaftlich-
technischer Innovationen gelöst werden. Diese Krisentendenzen fördern die Skepsis
am technischen Fortschritt, Zweifel an der Struktur des Industriesystems und
den Zerfall des mit ihm korrespondierenden Wertsystems. Der Wertwandel versteht
Raschke so, daß die durch die Krise bewirkte Verunsicherung und Umorientierung
nun zu einer Ablösung des "Verteilungsparadigmas" hin zu einem Paradigma der
"Lebensweise" führt. "Das Charakteristikum des sich abzeichnenden neuen Paradigmas
besteht [...] in einer Rückbewegung von Systemstrukturen und Systemdenken zum
Individuum und seinen Bedürfnissen als primären Ansatzpunkt von Politik" (Raschke
1980, 30, Auslassung d. A.). Gegen das Große steht das Kleine, gegen die Anonymität
die Überschaubarkeit, gegen die komplexe Vermittlung die Unmittelbarkeit. Doch
was heißt das: weg vom System, hin zum Einzelnen? Ist nicht das "System" auch
so aufgebaut, weil es den Interessen von Einzelnen oder von Gruppen entspricht?
Geht es nicht vielmehr darum zu sehen, wie die Interessen und das Verständnis
der Einzelnen gelagert sind? Und so entsprechen eben die Bedürfnisse des Besitzbürgers,
"das utilitaristische Interessenkalkül, die marktförmige Organisation der Wirtschaft,
die rechtsförmige, parlamentarische Organisation des Staates, das industrielle
Wachstum als Bedingung der profitablen Verwertung seines Kapitals, die Privatheit
des kleinfamiliären Lebens", nicht mehr den heutigen Jedoch meint Karl- Werner
Brand, daß die empirischen Befunde des Wertwandels nicht zu einem neuen alternativen
Werthorizont aufgebläht werden sollten, sondern, bescheidener, festzuhalten
wäre (Brand 1982, 94f): " "an der Erschütterung des traditionell bürgerlichen
Wertsystems sowie seiner Verschiebung in Richtung auf hedonistische, egalitäre
und partnerschaftliche Werte. " an der Bedingtheit dieses Wertwandels durch
die Veränderung der Vergesellschaftungsform und der Problemlagen unter reformkapitalistischen
Bedingungen, zu denen die Erfahrungen der Überflußgesellschaft (Inglehart) ebenso
gehört wie die der Strukturkrise des industriellen Systems (Rasche) " an der
Einsicht in die sozialstrukturell gefilterte, durch unterschiedliche Grade der
Betroffenheit, durch Schule und berufliche Sozialisation geprägten Verarbeitungs-
und Aktualisierungsformen dieser Struktur- und Wertkrise an der empirisch wohl
erwiesenen Tatsache, daß junge Erwachsene mit hohem Bildungsgrad und im Humandienstleistungsbereich
Beschäftigte in höherem Maße als andere Gruppen 'postmaterialistische' bzw.
'ökologisch- humane' Wertorientierungen ausbilden und deshalb- neben anderen
Gruppen- zu Trägern des industriekritischen Protestes werden können" (Brand
1982, 94f). 3.5 Heterogenisierung J. Hirsch sieht nur in radikalem Reformismus
die Möglichkeit eines revolutionären Wandels, denn die neuen sozialen Bewegungen
sind durch die "augenscheinliche Zerfaserung gesellschaftlicher Konflikte" selbst
dezentralisiert und segmentiert, enthalten "politisch weitertreibende, aber
auch zutiefst widersprüchliche politische Momente". " Wir müssen deshalb davon
ausgehen, daß die Herausbildung sozialrevolutionärer Bewegungen und Prozesse
heute weniger denn je einer objektiven Logik ökonomischer und gesellschaftlicher
Entwicklungen gehorcht. Da die kapitalistische Gesellschaft weder ihren eigenen
Totengräber produziert noch ein direkt erwachsendes revolutionäres Subjekt hervorbringt,
so eröffnet nur noch ein radikaler Reformismus die Möglichkeit eines revolutionären
Wandels." (Hirsch 1983, 165) Hirsch ist es wichtig, der Gefahr der Integration
in die herrschenden Strukturen entgehen zu können als auch neue nichtbürgerliche
Formen der Vergesellschaftung entwickeln zu können. Dennoch scheint es ihm illusorisch,
sich von der Gesellschaft und ihren politischen Prozessen einfach abkoppeln
zu wollen. Durch eine institutionelle Politik sollen die Bedingungen geschaffen
und die Spielräume gesichert werden, um die Erfahrungs- und Lernprozesse zu
ermöglichen. Ein solches taktisches Verhältnis zu den politischen Institutionen
sei allerdings nur dann möglich, wenn es eine tragfähige Infrastruktur gegengesellschaftlicher
Arbeits- und Lebensformen gäbe. 3.6 Habermas: Das Projekt der Moderne Habermas
versteht das "Projekt der Moderne" als das Bemühen, die objektivierenden Wissenschaften,
die universalistischen Grundlagen von Moral und Recht, die autonome Kunst in
ihrem jeweiligen Eigensinn weiterzuentwickeln, aber gleichzeitig auch die kognitiven
Potentiale aus ihrer esoterischen Form zu entbinden und für die Praxis, d.h.
für eine vernünftige Gestaltung der Lebensverhältnisse, zu nutzen. Der Irrtum
der Versuche alternativer Bewegungen sieht er darin, einen dieser Bereiche allein
mit der Alltagspraxis kurzschließen zu wollen, ohne zu berücksichtigen, daß
sich in den Verständigungsprozessen der Lebenswelt kognitive Deutungen, moralische
Erwartungen, Expressionen und Bewertungen zwanglos durchdringen können müssen.
Eine differenzierte Rückkoppelung von Wissenschaft, Ästhetik und Moral ist notwendig,
jedoch durch die fortschreitende Zerstörung lebensweltlicher Kommunikationsprozesse
nicht ausreichend möglich. Die differenzierte Rückkoppelung ist nur möglich,
wenn die Lebenswelt aus sich heraus Institutionen entwickeln kann, die die systematische
Eigendynamik des wirtschaftlichen und administrativen Handlungssystems begrenzt
(Habermas 1973). 1 Die alternativen Bewegungen 1.1 Begriffsbestimmung Was ist
"alternativ"? Schon bei der Betrachtung der Begriffsdefinition des Wortes "alternativ"
wird die unterschiedliche Bewertung der Stellung der alternativen Bewegung gegenüber
der Gesellschaft deutlich: Alternation (lat.): Abwechslung; alternativ: wechselweise,
abwechselnd Alternative (lat.): Lage, in der man zwischen zwei Dingen wählen
muß, das Entweder-Oder (Brockhaus, Kleines Konversationslexikon 1920, 50) Alternative
[franz.]: 1. Allgemein Notwendigkeit der Entscheidung zwischen zwei einander
ausschließenden Möglichkeiten. 2. Logik Verbindung von Aussagen durch das ausschließende
"Oder" ("entweder- oder"). Diese Aussagenverbindung ist nur dann wahr, wenn
eine der verbundenen Aussagen wahr und die andere falsch ist (Meyers Neues Lexikon
1961, 200). Im Wort "Alternative" steckt also die Aussage des sich einander
ausschließenden Entweder- Oder. Aber schließen die alternativen Bewegungen wirklich
die Gesellschaft aus und umgekehrt? Oder: bilden sie in der Gesellschaft eine
Alternative? Und: ist die Gesellschaft nicht selbst vielfältig gegliedert; ein
buntes Ganzes? Und: kann man überhaupt eine Grenze ziehen und definieren: Wer
ist alternativ, und wer nicht? Welche Kriterien sind zu erfüllen, um als alternativ
bezeichnet werden zu können? Gerade die heutigen individualisierten und vielfältigen
Lebensformen machen eine Grenzziehung zwischen alternativen Bewegungen und der
bestehenden Gesellschaft nahezu unmöglich. "Letztlich gibt es [...] wohl überhaupt
kein 'objektives' Kriterium der Zugehörigkeit zur Alternativbewegung" (Huber
1980, 27). Andererseits: wo beginnen Veränderungen in der Gesellschaft? Alternative
Bewegungen haben oft die unangenehme Aufgabe einer Vorreiterrolle: ihr bleibt
die Aufgabe des Kampfes, gescholten und ungewürdigt. Bald aber gehören die Veränderungen
zur Normalität, werden akzeptiert, als Verdienst des politischen Systems gefeiert
und allsogleich von der Wirtschaft okkupiert. Alternative Bewegungen lasen sich
hier leicht als Ventil und Auffangbecken für gesellschaftliche Probleme und
Krisen mißbrauchen und mißdeuten. 1.2 Kultur, Gegenkultur und Subkultur Da alternative
Bewegungen die moderne Gesellschaft nicht umstürzen, sondern "nur" reformieren
können, kann man ihre Wirkungsweise erklären, indem man ihren Einfluß auf die
bestehende Kultur als Subkultur, nicht als Gegenkultur begreift. J. Clarke definiert
Kultur und Gegenkultur und macht das Zusammenspiel der scheinbaren Gegensätze
deutlich. Er schreibt, daß "die Kultur einer Gruppe oder Klasse [...] die besondere
distinkte Lebensweise dieser Gruppe oder Klasse [umfaßt], die Bedeutungen, Werte
und Ideen, wie sie in den Institutionen, in den gesellschaftlichen Beziehungen,
in Glaubenssystemen, in Sitten und Bräuchen, im Gebrauch der Objekte und im
materiellen Leben verkörpert sind. Kultur ist die besondere Gestalt, in der
dieses Material und diese gesellschaftliche Organisation des Lebens Ausdruck
findet. Eine Kultur enthält die 'Landkarten der Bedeutung', welche die Dinge
für ihre Mitglieder verstehbar machen. Diese 'Landkarten der Bedeutung' trägt
man nicht einfach im Kopf mit sich herum - sie sind in den Formen der gesellschaftlichen
Organisationen und Beziehungen objektiviert, durch die das Individuum zu einem
gesellschaftlichen Individuum wird. Kultur ist die Art, wie die sozialen Beziehungen
einer Gruppe strukturiert und geformt sind, aber sie ist auch die Art, wie diese
Formen erfahren, verstanden und interpretiert werden" ( Clarke u.a. 1981b, Auslassung
d. A.). Gegenkultur steht im offenen Konflikt mit der herrschenden Klasse und
versucht, ihre kulturelle Hegemonie zu erschüttern und zu brechen. Untergeordnete
Kulturen können aber auch mit der dominanten Kultur koexistieren. Die kulturelle
Hegemonie einer Klasse ist nie universell. Sie ist ein "bewegliches Gleichgewicht",
welches "gewonnen und errungen, produziert, reproduziert und erhalten werden"
muß (Gramsci). Subkulturen sind "kleinere stärker lokalisierte und differenzierte
Strukturen innerhalb eines der größeren kulturellen Netzwerke". "Subkulturen
gewinnen aufgrund distinktiver Aktivitäten und Kristallisationspunkte der Gruppengestalt;
sie können lockere und festere Bindungen aufweisen. Manche Subkulturen sind
nur locker definierte Strömungen oder Milieus innerhalb der Stammkultur: sie
besitzen keine eigenständige Welt ", andere entwickeln eine klare kohärente
Identität und Struktur.". "Die latente Funktion der Subkultur besteht darin,
die Widersprüche, die in der Stammkultur verborgen und ungelöst bleiben, zum
Ausdruck zu bringen und zu lösen, wenn auch in "magischer Weise". (Cohen zit.
n. Clarke u.a. 1981b, 73) In "magischer Weise" deshalb, weil die Lösung dieser
Widersprüche nicht real, sondern symbolisch, imaginär, in der Ausbildung eines
eigenen subkulturellen Stils (Kleidung, Musik, Rituale, Umgangsformen etc.)
erfolgt (Clarke u.a. 1981b). 1.3 Gemeinsamkeiten der alternativen Bewegungen
So verschiedenartig die alternativen Bewegungen sind, so viele Gemeinsamkeiten
lassen sich doch erkennen: die Entwicklung nichtbürgerlicher Lebensformen als
Alternativen zur Kleinfamilie und zu "normaler" Berufsarbeit; die Betonung der
Gemeinschaft und gleichzeitig des Individuellen; die Nähe zur Natur und die
Beachtung des menschlichen Körpers. Daneben wird Wert auf Ganzheit, Echtheit
und Authentizität gelegt, rationales Denken wird begrenzt eingeordnet. Alle
diese Merkmale lassen sich als eine Ablehnung der "modernen" Gesellschaftsstrukturen
deuten, wenn nicht der enge Bezug der alternativen Bewegung zur Gesellschaft
wäre. Alternative Bewegung ist nur möglich unter den Bedingungen der heutigen
Gesellschaft. Sie hat "Sehnsuchtskennzeichen", aber in ihren Aussagen auch unerhörte
Gültigkeit für die Gefahren der Gesellschaftsentwicklung, auf die sie hinweist.
Die deutsche Gesellschaft des 20. Jahrhunderts erzeugt in Abständen alternative
Denk- und Lebensweisen. Das Erscheinen des alternativen Lebensmodells scheint
selbst Bestandteil der gesellschaftlichen Strukturen zu sein. Zwar ist jede
Bewegung neu für sich entstanden, aus Reaktion auf eine konkrete Bedürfnis-
oder Problemlage der Gesellschaft. Trotzdem kann man parallel zur Entwicklung
der Gesellschaft eine nicht nur quantitative Entwicklung der Alternativbewegung
feststellen: von einem Leben außerhalb der Gesellschaft in der Boheme über die
Veränderung von Teilen der Gesellschaft in der Jugendbewegung und zu revolutionär-
theoretischen Veränderung(-swünsch-)en in den 60-er Jahren hin zu pragmatisch-
praktischen Veränderung des Lebens in der Gesellschaft der neunziger Jahre scheint
sich die alternative Szene einer Vorstellung zu nähern, einen Platz in der Gesellschaft
zu finden, der eben durch die Andersartigkeit, das Provokative und die Umsetzung
der Kreativität gekennzeichnet ist. 1.4 Theorien und Erklärungen alternativer
Bewegungen Bei einer Thematik, die einen selbst existentiell betrifft, muß man
darauf achten, daß nicht die eigene Parteinahme eine Analyse behindert. In der
gängigen Politik werden alternative und neue soziale Bewegungen oft in Kategorien
eingeordnet, die eine objektive Sichtweise auf die Bewegungen verhindern: sind
neue soziale Bewegungen verklärter romantischer Protest; sind sie auf eine neue
Art konservativ; sind sie mystisch- antirational oder greifen sie in reflektierter
Weise an den Problemzonen der Gesellschaft an? Ich glaube, so vielseitig sich
alternative Bewegungen und Projekte darstellen, so vielseitig sind auch ihre
Irrungen und Wirrungen. So darf man die Bewegungen nicht pauschal beurteilen,
sondern möglichst objektiv alle Seiten der Vielseitigkeit beleuchten. Dem soll
der Auszug verschiedener Erklärungsmuster alternativer Bewegungen im folgenden
dienen: einerseits die differenzierte Betrachtungsweise beizubehalten und andererseits
Kategorien zu finden, die die Kennzeichen der alternativen Bewegungen verallgemeinern
können. Keine Beschreibung kann allein für sich beanspruchen, das volle Bild
darzustellen, sondern bezieht sich auf die Komplexität jeweils aus einem anderen
Blickwinkel und kann so zumindest empirische Gültigkeit beanspruchen. Unterschieden
werden zuerst zwei grundlegende Positionen: " Zyklische Erklärungsansätze: Alternative
Bewegungen werden verstanden als die Verarbeitung der (subjektiven) Schwierigkeiten
und Probleme, die sich aus der technischen und bürokratischen Modernisierung
der Gesellschaft ergeben. Es wird davon ausgegangen, daß die Proteste nur einen
'Ausgleichsmechanismus' darstellen, der 'das Leben erträglicher macht', jedoch
nicht den Anspruch einer reflektierten sozialwissenschaftlichen Analyse erheben
können. " Lineare Erklärungsansätze: Sie gehen davon aus, daß die heutige Gesellschaft
auch nur ein 'Durchgangsstadium' darstellt, dessen sich verschärfende Probleme
auf die Notwendigkeit einer grundlegenden Veränderung hinweisen. Die Problemlagen
sind nicht einfach für die technisch- bürokratisch organisierte Gesellschaft
konstituierend, sondern entstehen gerade durch die historische Entwicklung neu.
Lineare Erklärungsansätze werden unterschieden in " Politisch- institutionelle
Ursachen: das Versagen des politischen Systems, das Schwinden von Legitimation
und Repräsentationsdefizite werden als Ursachen für die Entstehung alternativer
Bewegungen angesehen. Industrie-, bürokratie- und wachstumskritische Bewegungen
stehen nicht notwendig im Gegensatz zu den ordnungspolitischen Prinzipien der
Demokratie. Sie reichen von der totalen Verweigerungsstrategie bis hin zu parlamentarischer
Vertretung. " "Überschießende" Erwartungen und Bedürfnisse ("rising demands"):
Durch den Anspruch der Gesellschaft, durch Medien und Wirtschaft genährte Erwartungen
können nicht erfüllt werden und führen dadurch zum Entstehen von Versuchen,
unter anderen Bedingungen diese Erwartungen durch alternative Lebensgestaltung
zu erfüllen. Hier wird zum Beispiel ein "postmaterialistischer Wertwandel" (R.
Inglehart) konstatiert. " Reaktion auf verschärfte Problemlagen ("need defence"):
objektiv sichtbare Krisenfolgen beschleunigter industrieller Entwicklung werden
als Ursachen der alternativen Bewegungen gesehen. 1.4.1 Richard Löwenthal Löwenthal
(Löwenthal 1979) geht als "repräsentativer Vertreter einer entschieden modernistischen
Argumentation" (Brand 1982, 12) von der Überzeugung aus, "daß nur die Bewahrung
der grundlegenden Werte des westlichen Zivilisationsmodells - des Glaubens an
die Autonomie der Vernunft, an die Einzigartigkeit des Individuums; an den bindenden
Charakter freiwillig eingegangener Gemeinschaften ; an die Grenzziehung zwischen
individuellem Wollen und gemeinschaftlicher Notwendigkeit durch rechtliche Satzung;
sowie der Wertschätzung der Arbeit als Verdienst und Sinnerfüllung des Lebens
- eine Bewältigung der krisenhaften Folgeprobleme der beschleunigten Industrialisierung
ermöglicht" (Brand 1982, 12). Löwenthal behauptet, die aufgetretenen Krisensymptome
seien entstanden, weil sich die Menschen noch nicht ausreichend auf die Moderne
eingestellt hätten: die inneren Werte und die davon abgeleiteten Institutionen
und Verhaltensnormen sind noch zu wenig an die immer schnellere Veränderung
der Lebensbedingungen angepaßt (Löwenthal 1979, 81). Für ihn verwerfen die alternativen
Bewegungen mit irrationalen Intentionen die modernen rationalen Errungenschaften.
Und so betitelt er die Krisensymptome entsprechend: "Niedergang der Arbeitsethik",
"Verteufelung der produktiven Leistung", der "anarchische Ultra-individualismus",
die "Flucht aus Individualität und bewußter Selbstkontrolle in die Drogenkulte"
(Löwenthal 1979, 29). Auch die bewußte Abwendung der Ökologie- und Alternativbewegung
von zentralen Aspekten des westlichen Zivilisationsmodells wird hier nur als
Spiegelbild der Gesellschaft im Sinne einer Entweder- Oder- Alternative, gedeutet.
Die moderne Gesellschaft ist das Gegebene, alternative Bewegungen sind die Vandalen,
die Zerstörer, die vom Selbsttrieb bestimmten Anarchisten. 1.4.2 Bernd Guggenberger
Ebenso wenig brauchbar ist die Herangehensweise von der entgegengesetzten Seite.
Während Löwenthal nicht einmal einen Blick riskiert, ob in den alternativen
Bewegungen nicht doch der Keim zu neuen strukturellen Veränderungen der Gesellschaft
liegt, existieren auch einige neuere Analysen - wie die von Bernd Guggenberger
(Guggenberger 1980), die eindeutig Position auf Seite der Veränderer beziehen.
Mit ihrer Annahme eines "geistigen Strukturbruchs" von den alten Werten des
"Habens" hin zu den neuen Werten des "Seins"; bzw. mit der Annahme eines neuen
"Paradigmas der Lebensweise" (Raschke) bestätigt sich nur die Alternativbewegung
selbst und klopft sich auf die Schulter. Für Bernd Guggenberger erwächst aus
der Abwehr eines "zweifelhaft gewordenen angsterzeugenden, über die Maßen belastenden
Fortschritts" in Verbindung mit der "sozialen Umbruchsituation von der Industrie-
zur Dienstleistungsgesellschaft" (Guggenberger 1980, 54) der neue Wertehimmel
einer Gegengesellschaft. Die "Abwehr" des Fortschritts ist jedoch eine tief
konservative Haltung, sie übersieht die erneuernden, gesellschaftsverändernden
Potentiale der Alternativbewegung und sieht nur ein "Zurück zu...", also die
Aufgabe bestimmter Errungenschaften, als möglich an. Die traditionellen Richtwerte
in Guggenbergers Analyse sind Leistung, Effizienz, Hierarchie, Gehorsam, Qualifikation,
Produktivität, technische Perfektion, Disziplin, Lustaufschub, Karriere, Macht
und Status; diese werden durch die neuen Werte Partizipation, Humanverträglichkeit,
Solidarität, Lebensqualität, Selbstbestimmung, Kreativität, Mitmenschlichkeit,
Persönlichkeitserweiterung ersetzt. "Die gegenüber der industriellen Leistungswelt
"humanere" Dienstleistungswelt begünstige "autonom -dezentrale Organisationsformen,
direkte Mensch- zu Mensch- Beziehungen", sie verlange "in besonderem Maße Phantasie,
Kreativität und umfassende Teilhabe". Durch die "ungeheure Expansion der Freizeitkultur"
werde "das Ethos der Leistung, der Konkurrenz und des Wachstums Schritt für
Schritt durch ein Ethos des 'sozialen Wohlbefindens', der 'immateriellen Lebensqualität'
und der humanen 'Zuträglichkeit' ersetzt" (Guggenberger 1980, 55). 1.4.3 Karl-
Werner Brand: alternative Bewegungen als Bestandteil moderner Vergesellschaftung
Karl- Werner Brand geht davon aus, daß "die Ökologiebewegung, wie sie sich in
den siebziger Jahren herausgebildet hat, [...] ein spezifisches Phänomen hochindustrialisierter
reformkapitalistischer Gesellschaften" ist (Brand 1982, 26f, Auslassung d. A.).
Ihre Ursachen scheinen weniger in den Grenzen der Ausbeutung und Zerstörung
der natürlichen Lebensgrundlagen zu liegen, als es ihr Selbstverständnis suggeriert.
Er begründet dies damit, daß es eine Zerstörung sozialer Lebensräume durch wirtschaftlichen
Raubbau in großem Maßstab auch zu anderen Zeiten gab (Verkarstung des Mittelmeerraumes,
Fabrikhallen und Mietskasernen in den frühkapitalistischen Industriestädten).
Weil weder die Verbesserung des Kapitalismus noch die Errichtung einer Ökodiktatur
angestrebt wird, scheint es für Brand fraglich, " ob die Probleme ökologischer
oder gesundheitlicher Bedrohung tatsächlich einen so zentralen Stellenwert [...]
besitzen, daß [...] das System 'wirtschaftliches Wachstum' insgesamt in Frage
gestellt wird" (Brand 1982, 27, Auslassung d. A.). Für Brand scheint es eher
zum "Komplex (hoch-)industrieller Vergesellschaftung" zu gehören, der zur Erschütterung
des Glaubens an den technisch- industriellen Fortschritt und damit zur Kritik
an industrieller Entwicklung als solcher geführt hat. "Stimmt diese These, lassen
sich die 'neuen sozialen Bewegungen' der späten sechziger, der siebziger und
achtziger Jahre auf eine säkulare Entwicklungstendenz industrieller reformkapitalistischer
Vergesellschaftung und der dadurch geschaffenen krisenhaften Folgeprobleme zurückführen;
so ginge es nunmehr darum, den damit verbundenen Komplex neuer Problemlagen,
neuer krisenhafter Erfahrungen zu entschlüsseln" (Brand 1982, 28, Hervorhebung
d. A.). 1.5 Anhänger, Mitglieder alternativer Bewegungen Bei der Untersuchung
der Anhänger der alternativen Bewegungen könnte man, den geschichtlichen Erfahrungen
folgend, doch davon ausgehen, daß die Mitglieder sich aus Schichten und Gruppen
konstituieren, die an den Rand gedrängt, ausgebeutet sind und in einer Abwehrhaltung
stehen. Vielmehr verwundert es, daß die empirischen Untersuchungen eine ganz
andere Struktur zutage fördern: Den Kern der neuen sozialen Bewegungen bilden
"Angehörige der jüngeren in den 60-er und 70-er Jahren politisch sozialisierten
Nachkriegsgenerationen, die sich entweder noch in weiterführender Ausbildung,
vornehmlich im sozialen, kommunikativen oder humanwissenschaftlichen Bereich
befinden oder die bereits entsprechende Berufstätigkeiten ausüben" (Brand u.
a. 1986). Übereinstimmend wird davon ausgegangen, "daß es sich vorwiegend um
jüngere Leute handelt, die einen überdurchschnittlich hohen Bildungsgrad aufweisen
und aufgrund ihrer Sozialisation eine postmaterialistische Werthaltung vertreten.
Schulze spricht ausdrücklich von einem "Selbstverwirklichungsmilieu", dessen
Mitglieder überdurchschnittlich gebildet - Abitur ist keine Ausnahme - und deutlich
unter 40 Jahren sind" (Hellmann 1996, 144). "Es dominieren kreative und psychosoziale
Berufe wie Therapeuten, Sozialpädagogen, Lehrer, Designer, Architekten, aber
auch Jungmanager und Ingenieure sind hier zuhause. Auffälliger ist noch das
gleichzeitige Vorhandensein sich scheinbar widersprechender Personengruppen:
alternative und integrierte; Feministinnen und Karrierefrauen; Singles und Familienorientierte;
Arbeitslose und Berufstätige" (Schulze, Gerhard 1993). Extreme Selbsterfahrung,
gekoppelt mit politischem Engagement, aber auch permanente Unzufriedenheit zeichnen
das Selbstverwirklichungsmilieu vor allen anderen Milieus aus. Es ist der Antityp
der Existenzform des Arbeitermilieus: ein starker Drang nach außen und die übergroße
Neigung zur Selbstdarstellung. Es ist geradezu "ein Zwang, immer originell sein
zu müssen; Individualität zu repräsentieren; egal, wie" (Sennett, Richard 1991).
Karl Werner Brand unterscheidet diese Milieu noch nach den Entstehungsbedigungen:
die Entstehung aufgrund eigener Betroffenheit durch die Folgelasten der industriellen
Modernisierung und die Entstehung aufgrund spezifische Sensibilitäten gegenüber
den Folgeproblemen der industriellen Zivilisationsweise. Zu ersterer gehören
Menschen, die in peripheren oder nicht länger profitablen Regionen leben, Jugendliche
mit geringerer Qualifikation, ältere Arbeitnehmer, Frauen, Jungakademiker mit
sozialwissenschaftlicher Ausbildung, die von Dequalifikation und Deklassierung
bedroht sind und Gruppen, die in unmittelbarer Weise durch industrielle Großprojekte
(Autobahnen, Atomkraftwerke, Flughafenbau) der durch umweltverschmutzende chemische
Industrien beeinträchtigt werden (Brand, Karl- Werner 1982, 154). Aufgrund eigener
Sensibilitäten kann man Gruppen der neuen Mittelschichten, deren materielle
Grundbedürfnisse befriedigt sind, sich aber im Wettbewerb um positionelle Güter
zunehmend der Beeinträchtigung durch die externen Folgen wirtschaftlichen Wachstums
ausgesetzt sehen, im Humandienstleistungsbereich beschäftigte Gruppen, die durch
ihre Tätigkeit anspruchsvollere Bedürfnisse und eine höhere Sensibilität entwickeln
und unter den Bedingungen materieller Sicherheit sozialisierte bildungsmäßig
hochqualifizierte postmaterialistisch orientierte Teilgruppe der Nachkriegsgeneration
(Brand, Karl- Werner 1982, 154). M. Kaase geht davon aus, daß neben der Unzufriedenheit
mit der gegenwärtigen politischen Situation ein geringes Vertrauen in die institutionalisierten
Artikulationskanäle sowie gleichzeitig eine hohe Einschätzung der eigenen politischen
Einflußchancen vorliegen muß, damit es zu Aktionen kommt (M. Kaase 1976). Das
Selbstverwirklichungsmilieu scheint einen Bezug dazu zu setzen. Die neuen sozialen
Bewegungen sind heterogen (Brand 1982), denn die Krise ist eher unstrukturiert
und beruht auf dem Zerfall der geordneten kulturellen Hegemonie und des industriellen
Entwicklungsparadigmas Es ist kein eindeutiges Kollektivsubjekt als Adressat
oder Gegner der neuen Protestbewegungen auszumachen. Die Bewegung ist in sich
differenziert. Form und sozialstrukturelle Verankerung der alternativen Bewegungen
lassen sich durch ihre Zuordnung zu drei Konfliktlinien systematisieren: - industrieller
Leistungskern - Peripherie (aus der Sicht einer ökonomiekritischen bzw. klassentheoretischen
Analyse) - Materialismus - Postmaterialismus (Einstellungskonstrukt) - Modernismus
- Antimodernismus (Vergleichend gewonnen aus der Geschichte sozialer Bewegungen)
(Brand 1982, 155f). 1.6 W. D. Narr: Durchsetzungsstrategien W. D. Narr schreibt,
daß es den alternativen Bewegungen nicht um eine Änderung der Inhalte von Politik,
sondern, viel allgemeiner: um eine Änderung der Politikform geht. Die große
Politik, die sich ständig den Sachzwängen wie Wirtschaftswachstum, internationale
Konkurrenz, technologische Entwicklung, Sicherheit nach Innen und Außen gegenüber
sieht, läßt sich nur dann wirksam verändern, wenn man ihre Organisationsformen
grundsätzlich infrage stellt und konzeptionell und praktisch mit anderen Formen
experimentiert. Die Organisationsformen, die gerade die Politik vor Veränderungen
sperren, sind gekennzeichnet durch Bürokratisierung und Zentralisierung, Abstraktion,
prozeßlose Politik und telemediale Vermittlung. Das Ziel der neuen sozialen
Bewegungen ist ja die Brechung der "Eigendynamik bürokratisch- industrieller
Rationalisierungs- und Subsumtionsprozesse" (W. D. Narr: Zum Politikum In: Leviathan,
2/1980). Gekennzeichnet ist diese neue Politikform durch die entschiedene Ablehnung
der "Stellvertreterpolitik" hin zu einer sehr subjektzentrierten Form des Politischen,
von der "bedürfnisorientierten" bis hin zur "Politik in erster Person". In der
Ökologiebewegung steht eher die dezentrale, basisdemokratische Organisationsform
im Vordergrund. Bürgerinitiativen konzentrieren sich in ihrer Arbeit auf die
Lösung konkreter Problemlagen, Politik gerät erst in die Kritik, wenn sich ihre
Abschirmung, ihre Interessengebundenheit oder Unbeweglichkeit erwiesen hat.
Die Schwierigkeit bei der Umsetzung der neuen Formen in der Politik besteht
darin, daß die neuen Formen der Politik in der Umgebung der alten entwickelt
werden müssen und sich daher auf die Auseinandersetzung mit den herrschenden
Institutionen und Verfahren einlassen müssen. Damit besteht die Gefahr, ihrer
organisatorischen Eigendynamik zu erliegen. Die Versuche der Durchsetzung neuer
Politikformen setzen auf zwei Arten an: Einmal wird versucht, die politischen
Realitäten, die sich in den Parteienstrukturen widerspiegeln (Links- Rechts-
Achse), zu entkoppeln und um eine neue Konfliktlinie zu organisieren. Die neue
Konfliktlinie ist die des Materialismus/Postmaterialismus. Die vorherrschendne
Parteienstrukturen entsprechen nicht mehr den Notwendigkeiten: traditionelle
Parteiloyalitäten werden geringer. Gründe dafür sind die Auflösung der Verankerung
in homogenen Klassenmilieus; die Entwicklung zu Volks- oder Massenparteien;
obrigkeitsstaatliche Orientierungsweisen werden durch hedonistisch geprägte
Verhaltens- und Orientierungsmuster ersetzt. Der Bezug zum politischen Geschehen
erhält dadurch einen eher pragmatisch- instrumentellen Charakter. Mit der Verbreitung
von Bildungschancen, mit der Sättigung materieller Bedürfnisse und Erfahrung
steigender Wohlfahrtskosten entstehen postmaterialistische Wertprioritäten,
die vom bestehenden Parteien- und Verbandssystem nicht oder nur ungenügend berücksichtigt
und vermittelt werden (Brand, 173ff). Die zweite Art und Weise ist die Formierung
als politische Kraft: Die Entwicklung der alternativen Bewegungen scheint sich
um zwei soziale Brennpunkte unterschiedlicher Struktur zu formieren: Gruppen,
Projekte, Scenes und Teilbewegungen und um die Bürgerinitiativen (Brand 1982,
181). Durch die zunehmende Vernetzung selbstorganisierter Projekte liefern diese
Zusammenschlüsse, obwohl sie Politikformen gar nicht implizit verändern wollen,
sondern nur Freiräume, Selbsthilfe und Abwehr gegen repressive oder kriminalisierende
staatliche Maßnahmen ermöglichen wollen doch das Vorbild dafür, daß es anders
auch funktioniert. Sie wirken "als Schrittmachermodelle, als Katalysatoren der
gesellschaftlichen Verbreitung alternativer Wert- und Handelsmuster, die den
Machtanspruch des Systems, auf Dauer gesehen, ins Leere laufen lassen." Alternative
Bewegungen und Projekte können nun einerseits als kriminalisierte Abweichler,
andererseits als integrierende Sozialbewegung definiert werden. Je nachdem fällt
auch die Unterstützung oder Unterbindung, z. B. durch staatliche Repression,
finanzielle Austrocknung oder Kriminalisierung aus. Um nun die Schrittmacherfunktion
der Alternativbewegung zu erhalten, ist eine Vermittlung in den politischen
Raum erforderlich. Besonders die Aktionen der Bürgerbewegungen machen die wachsende
Unangebrachtheit des Mehrheitsprinzips in der Demokratie (Offe 1980) deutlich
(z.B. die Ungleichheit von Zuständigkeits- und Wirkungsbereich bei großtechnischen
Lösungen), ohne daß sie dafür allerdings eine Lösung anbieten können. Immerhin
bilden sie durch ihre Ansätze basisdemokratischer Formen politischer Kultur
Ausgangspunkte für die Modifikation politischer Formen (Brand 1982, 182f). 1.7
Clarke: Unabhängigkeit und Vernetzung Clarke macht auf die Ambivalenz des Verhältnisses
von Spontaneität und der Verankerung in Lebensweltbezügen und der andererseitigen
Notwendigkeit des Aufbaus einer organisatorischen Infrastruktur aufmerksam.
Ein geringer Grad der institutionellen Verfestigung und der ideologischen Konsistenz
der neuen sozialen Bewegungen hat den Vorteil, "die Bildung breiter und thematisch
wechselnder Koalitionen" (Brand 1982, 189) ermöglichen zu können. Hier ist keine
Parteidisziplin und keine ideologische Abgrenzung notwendig. "Diese ad hoc Mobilisierung
themenzentrierter Koalitionen lebt [...] vom Erfolg, von der Aktion, von der
massenmedialen Aufmerksamkeit" (Brand 1982, 190, Auslassung d. A.). Doch wenn
keine Erfolge auftreten, wenn keine Aktionen stattfinden, verläuft sich das
(resignierte) Publikum. Notwendig für die langfristige Durchsetzung der Themen
der alternativen Bewegungen ist deshalb "ein Bestand an organisatorischer Infrastruktur"
(a.a.O.). Notwendig ist eine Partei neuen Typs, "die strukturell in der Bewegung
verankert und auf den Primat basisdemokratischer Politikformen bezogen bleibt,
zugleich jedoch die programmatische Vereinheitlichung und organisatorische Vernetzung
vorantreibt" (a.a.O.). Die Frage ist hier, ob es für eine in das parlamentarisch-
repräsentative System eingebundene Partei überhaupt möglich ist, diesen Ansprüchen
zu genügen. Sie ist ja verfassungsrechtlich in das Parteiensystem eingebunden,
bleibt den Zwängen der Parteikonkurrenz unterworfen du unterliegt der Eigendynamik
der parlamentarischen Repräsentation. Gelingt es allerdings nicht, "breite gesellschaftliche
Bündnisse herzustellen und politisch abzusichern, so ist - zumindest in der
Bundesrepublik - die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, daß verschärfte ökonomische
Krisenerfahrungen und wachsende Unsicherheit in weiten Kreisen der Bevölkerung
zu einer Verstärkung obrigkeitsstaatlich- faschistoider Reaktionsmuster führen,
die einer harten staatlichen Repressionsstrategie gegenüber den neuen sozialen
Bewegungen ebenso den Rücken stärken wie der Durchsetzung eines forcierten Industrialisierungskurses"
(Brand 1982, 195). Die erreichten Ergebnisse der alternativen Bewegungen ließen
sich durch die Kriminalisierung der Anhänger und durch subkulturelle Marginalisierung
rückgängig machen. 1.8 Ansatzpunkte alternativer Konzepte Es zeigt sich, "daß
sämtliche Funktionen, die den neuen sozialen Bewegungen zugeschrieben werden,
an Folgeproblemen funktionaler Differenzierung ansetzen und damit Gesellschaft
zur Systemreferenz haben" (Hellmann 1996, 72). Alternative Bewegungen setzen
also an dem zwiespältigen Feld der Folgen gesellschaftlicher Differenzierung
an. Darin liegt auch die Heterogenität der Konfliktfelder und damit die Heterogenität
der alternativen Bewegungen begründet. Funktionelle Differenzierung ist die
Grundlage der modernen differenzierten Gesellschaft. Aber sie bildet ein System
heraus, welches die Eigendydnamik besitzt, nach und nach alle Lebenssphären,
die der Mensch aufgrund seines Menschseins benötigt, zu okkupieren. Ganzheitlichkeit
steht gegen Funktionalität. Wenn die Gesellschaft funktioniert - und man könnte
sich ein soziales, ökologisches Funktionssystem ausdenken -, dann ist kein Platz
da zum Nichtfunktionieren, dann sind die Glieder der Gesellschaft, die nicht
funktionieren, ausgeschlossen. Dann ist auch kein Platz da für die Suche nach
sich selbst, für Versuche, Experimente, einen eigenen Lebensstil zu finden.
Beide Bestrebungen, die notwendig erscheinende Differenzierung und die ersehnte
Ganzheitlichkeit, bedingen einander; dieses diffizile Wechselspiel ist der Schauplatz
der Auseinandersetzungen der alternativen Bewegungen. "Für mich ist Fortschritt
durchaus auch Rückschritt, also: sich zu disziplinieren, sich von diesen massenhaften,
durch Werbung entwickelten Bedürfnissen frei zu machen, sich wieder darauf zu
besinnen, was man als Mensch, als biologisches Wesen überhaupt ist, das schien
mir irgendwann immer wichtiger zu werden, weil davon die Überlebenschance der
Menschheit überhaupt abhängt." (Interview 1) Der Hauptstrom der Gesellschaft
ist die Bewältigung der Marktwirtschaft und die weitestgehende Integration,
um nicht im Abseits zu stehen. Und Marktwirtschaft bedeutet: das Geld hat eine
ganz, ganz wesentliche Bedeutung; es wird durch Marktmechanismus geregelt, also:
über Angebot und Nachfrage regelt sich der wesentliche Teil dieser Gesellschaftsordnung,
und das führt eben in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung dazu, daß ganz
wesentliche, in seiner Biologie begründeten Bedürfnisse unterdrückt werden und
dafür ersetzt werden, Ersatzbefriedigungen geschaffen werden, von der Industrie,
die was verkaufen will" (Interview 1). Das Ziel der Bewegung ist die Suche nach
dem "echten Leben": die fordistische Wirtschaft, die auf Produktions- und Ansatzsteigerung
gleichermaßen aufgebaut ist, schafft künstliche Bedürfnisse, die als fremd empfunden
werden, als Ersatzbefriedigungen. Die Produktion schafft nur die "Mittel des
Lebens", nicht das Leben selbst. Sie sind nur ein Ausweichen vor den "echten"
Bedürfnissen, die manchmal idealistisch, manchmal aber auch aus der Erkenntnis
heraus, daß Konsum und Materielle Dinge zwar das menschliche Leben ermöglichen,
aber nicht selbst das Leben sind, formuliert werden. Dem von Sachzwängen bestimmten
System fehlen die menschlichen Komponenten: die echte politische Mitbestimmung,
die Einflußmöglichkeit auf die Lebensumstände, in denen man sich aufhält, die
Möglichkeit der Heimatfindung, das Erleben der sinnvollen Ergebnisse der eigenen
Arbeit. Kreativität steht gegen Funktionserfüllung, Individualisierung gegen
neue Formen der Gemeinschaft, Hierarchie steht gegen Demokratie. Es ist ein
Spannungsfeld, in dem der Kampf der beiden Ansprüche stattfindet; aber nur,
indem es ein Spannungsfeld bleibt, können neue Konzepte erprobt werden, die
es erlauben, die Entfremdung des Menschen in der hochentwickelten industriellen
Gesellschaft zu verringern. "Die Alternativen sind näher an den praktischen
Dingen, die das Leben bedeuten; für mich ist: auf meine Biologie abgestimmtes
Leben, das ich mir einen Teil meines Essens selber produziere, und daß ich mir
einen Teil meiner anderen, meiner Freizeitbedürfnisse auch selber befriedige
und mir die nicht durch andere befriedigen lasse. Selbstbestimmung ist so ein
ganz wesentlicher Fakt: also, auf meinen eigenen Körper zu hören, und zu sagen:
das ist meins, ich als Individuum möchte gerne in diese Richtung sein, und das
mache ich jetzt auch" (Interview 1). 1.9 Unterschiede und Abhängigkeiten Der
Platz der alternativen Bewegungen liegt an der Nahtstelle zweier Entwicklungsrichtungen:
Differenzierung und Entdifferenzierung. Um den "Logiken" der Sachzwänge der
Differenzierung entkommen zu können, müssen teilweise vollständige Abgrenzungen
von deren Funktionsweise erfolgen, obwohl es letztendlich wohl darum gehen wird,
Grenzen von Differenzierung zu definieren und auch in konkrete praktische Lebensmodelle
umzusetzen. "Ich denke, wir sind relativ demokratisch, versuchen das Ganze zu
organisieren, wir haben keine harte Hierarchie, die dann auch so knallhart durchgesetzt
wird, sondern wir sind ein Team, das mehr oder weniger alles miteinander entscheidet
und auch durchsetzt. Jeder hat seine Spezialgebiete, aber letztendlich wird
alles miteinander abgesprochen und entschieden. Das denke ich ist eine ganz
große Abgrenzung zu Industrie und Wirtschaft überhaupt. Übereinstimmung; denke
ich, daß so ein Laden genauso funktioniert wie eine Fabrik. Daß es eine Art
"Produktion" gibt, wir sind ein Dienstleistungsunternehmen; wir "produzieren"
Lebensfreude, Freizeitgestaltung für die Menschen und da unterscheiden wir uns,
denke ich, überhaupt nicht, also wir müssen immer daran arbeiten, unser Produkt
so gut wie möglich an den Menschen zu bringen. Das ist einfach unsere Existenzberechtigung"
(Interview 2). 1.10 Aufgaben, Bedeutung und Funktion alternativer Bewegungen
Die Aufgaben der alternativen Bewegungen leiten sich aus den Folgen funktioneller
Differenzierung ab: die Errichtung neuer Formen von Gemeinschaft, politischer
Betätigung und Mitsprache und die Eigenstärkung gesellschaftlicher Persönlichkeiten.
Dabei sieht Hirsch vorrangig an, " Selbstorganisation und autonome Interessenwahrnehmung
bei praktischer Veränderung der Arbeits- und Lebensverhältnisse durchzusetzen;
" Konsequent darauf verzichten zu müssen, mithilfe des Staates emanzipatorische
Vorhaben zu betreiben. " Bedingungen für die Entstehung, Artikulation und Realisierung
anderer, nicht durch den Mechanismus der bürgerlichen Gesellschaft deformierter
Erlebnismöglichkeiten und Bedürfnisse zu schaffen; " Durch Abkoppelung von Zwängen
der Lohnarbeit und des Markts eine kollektiv selbstverwaltete Produktion zu
errichten, der Abbau von Hierarchie und Arbeitsteilung, das Experimentieren
mit neuen Technologien, Produktionsformen und Kommunikationsweisen, die Einführung
nicht deformierter und zwangsweise zurechtgebogener Verkehrsformen, die Ausbildung
sozialer Kreativität, solidarische Selbsthilfe zu realisieren (Hirsch 1983,
165). "Na, das [die alternativen Bewegungen] ist die natürlichste Opposition,
die es gibt, überhaupt. Und die Opposition bewirkt ja, daß man darüber nachdenkt
erstmal" (Interview 1). "Ich glaube auch nicht, daß die Funktion der alternativen
Bewegung ist, 'zurückzukurbeln'. Funktion ist, bestimmte Dinge eben einzugrenzen;
zu sagen: Jetzt geht's aber wirklich nicht weiter, sonst geht's schief" (Interview
1). "Daß es Möglichkeiten gibt, außerhalb von Kommerz und strengem Durchziehen
usw. arbeiten zu können, daß man für sich noch einen Platz finden kann, wo ganz
viel Spaß und Lebensfreude dabei ist, man aber trotzdem, wie in der Wirtschaft
- rackern muß. Aber trotzdem ist dieser Ausgleich mit da, ganz viel von sich
da mit reingeben zu können und aber auch zu wissen, daß man damit ganz viel
erreichen kann" (Interview 2). 1.10.1 Selbstbestimmung Die Fähigkeit und die
Möglichkeit, über das eigene Leben zu bestimmen: verschiedene Lebensstile leben
zu können, auf die eigenen Bedürfnisse eingehen zu können, sich verändern zu
dürfen und zu können, ist ein wichtiges Ziel für die Mitglieder alternativer
Bewegungen. Das Produktionssystem, das zwar die Grundlage für ein lebenswertes
Leben schafft, hat aber durch seine Eigendydnamik erreicht, daß wir es für das
Eigentliche halten. Diese Eigendydnamik besteht darin, daß sich immer mehr Lebensbereiche
wirtschaftlichen Sachzwängen - auch ökologische Notwendigkeiten (Ökodiktatur)
ließen sich darunter fassen - unterordnen müssen. Die Gesellschaft wird mit
einem dichter werdenden Netz von Regelungen und Systemen überzogen, in dem man
den Eindruck hat, fremden Notwendigkeiten untergeordnet zu sein, funktionieren
zu müssen. Die planerischen Aktivitäten werden von der Handlungs- und Experimentierebene
des Einzelnen zur Systemebene verlagert. Dadurch wird der "Pol der psychischen
Selbststeuerung" aufgelöst (politische Psychologie). Es können jedoch nicht
alle Bedürfnisse systemimmanent gelöst werden, weil diese Tätigkeitsform auf
andere Ziele (Sicherung des Lebensunterhalts) gerichtet ist, als auf die Suche
nach dem Menschsein, nach dem sinnvollen Leben. Menschen entwickeln Zufriedenheit
in den Lebensbereichen, die sie selbständig gestalten und kontrollieren, während
sie unzufrieden auf anonyme Versorgung von außen, durch Staat oder Gesellschaft,
reagieren (Klages 1980, 60). Dem Menschen muß wieder mehr zugetraut werden.
Dazu ist es nötig, "aus der Schiene herauszuspringen", die allseitige Versorgung
und Sicherheit verspricht und Risiken einzugehen. Alternative Bewegungen müssen
chaotisch sein und Experimentiermöglichkeiten offenhalten; eben auch mit der
Option, Fehler zu begehen. Doch gerade die Reaktion auf unvorhergesehene, auf
Problemstellungen, für die man die eigene Verantwortung übernehmen muß, schärft
die Konfliktfähigkeit des Menschen. "Selbstbestimmung ist so ein ganz wesentlicher
Fakt: also, auf meinen eigenen Körper zu hören, und zu sagen: das ist meins,
ich als Individuum möchte gerne in diese Richtung sein, und das mache ich jetzt
auch" (Interview 1) 1.10.2 Beanspruchung des öffentlichen Raumes Das politische
System repräsentiert nicht mehr die politischen Konstellationen der Gesellschaft.
Es hat sich gegenüber den Bedürfnissen und Ansprüchen selbständig gemacht (Offe).
Durch "Strukturen einer entpolitisierten Öffentlichkeit", durch die Aufrechterhaltung
eines staatsbürgerlichen und beruflich- familialen Privatismus nur kann der
drohende Legitimationsentzug gegenüber dem Staat abgewehrt werden (Habermas
1973). Alternative Bewegungen versuchen, die "Strukturen der entpolitisierten
Öffentlichkeit" zu durchbrechen, indem sie den "öffentlichen Platz" der Gesellschaft,
der bisher nur von der Ratio bestimmt war, in gleicher Weise für das Subjektive
beanspruchen. Alternative befinden sich auf einer Bühne, sie spielen ihre Andersartigkeit
aus. Aber in ihrer Andersartigkeit liegt auch Verwandtschaft mit dem Publikum;
ohne grundlegende Beziehung hätte man sich eben nichts zu sagen. "Möglich wäre,
daß die Alternativbewegungen Veränderungen szenisch darstellen - indem sie Tendenzen
ausleben, welche sich unbewußt in der gesamten Gesellschaft finden." (Conti
1996, 210). Einerseits wird es dadurch möglich, das korrupte System "Entschädigungsleistung
gegen Folgebereitschaft" zu durchbrechen, Politik darauf aufmerksam zu machen,
näher an den Bedürfnissen der Menschen sein zu müssen; andererseits durchbricht
die öffentliche Thematisierung die Verschiebung der persönlichen Probleme ins
Private, zu Anomiepotentialen. Die Offenlegung schafft ein Aha- Erlebnis für
andere Menschen, die die aufgetretenen Schwierigkeiten bisher auf sich selbst-
als schlechte Anpassung oder Unfähigkeit- bezogen haben. Es wird deutlich, daß
es systemische Ursachen sein können. 1.10.3 Ort des Ausprobierens In der Gesellschaft
werden durch die Verregelung aller Bereiche die Chancen, eigene Erfahrungen
auszubilden, geringer. Experiment bedeutet Unsicherheit, Anpassung bedeutet
Sicherheit, wenn auch mit dem unguten Gefühl, daß das gesamte System, an das
man sich anpaßt, durch die Anpassung aller destabilisiert wird. Es sind in der
Gesellschaft Orte des Versuchs notwendig. Die Gesellschaft ist aber so konzipiert,
daß sie diese Orte nicht schaffen oder erhalten kann. Die alternativen Bewegungen
können dadurch, daß sie nicht effizient sein müssen, die Möglichkeit dazu bieten.
Aber, um diesen Platz bieten zu können, sind sie auf die Finanzierung aus der
produktiven Sphäre angewiesen. Solange diese Aufgaben von der Gesellschaft noch
nicht als notwendig eingeschätzt werden, wird es immer wieder Diskussionen um
die Finanzierung solcher "Spielereien" geben. "Wir haben einfach den Platz gefunden:
Freizeit und Erholung, Lebensgestaltung. Den Leuten die Möglichkeit geben, sich
hier auszuprobieren, sich vorzubereiten auf ihr Leben; ob es nun Kinder oder
Jugendliche sind oder Leute, die einfach nur hier landen und festgestellt haben,
daß sie den Weg, den sie bisher gegangen sind, nicht weitergehen können oder
wollen; wo wir ein Ort sind, wo man sich neu orientieren kann" (Interview 2)
. "Also das wichtigste ist mir, eine Möglichkeit; eine räumliche, eine formale
also und eine inhaltliche Möglichkeit gefunden zu haben, das an Gescheitem probieren
zu können, was ich für gescheit halte oder mir zuwächst, was gescheit sein könnte"
(Interview 3). 1.10.4 Beispielwirkung "Und das, denke ich mal, rührt alles daher,
daß ich mit Leuten in Berührung kam, die mir in schöner Weise gezeigt haben,
was man noch alles machen konnte neben dem, was ich zu Hause erlebt habe." (Interview
3) Alternative Bewegungen haben Beispielwirkung: einmal erweitern sie durch
ihre Existenz die persönlichen Lebensspielräume der Einzelnen, andererseits
strahlen sie auf die Gesellschaft aus. Oft geben alternative Projekte in der
Jugendphase Orientierung und Raum für Experimente. Hier zeigen alternative Projekte,
daß sie jugendliche Rebellion in einen Zusammenhang bringen können, der eine
gezielte Auseinandersetzung mit den bestehenden Normen ermöglicht. Die Erfahrungen
werden meist ins Erwachsenenleben integriert und beeinflussen so die Gesellschaft.
Das bestehende Wirtschaftssystem begründet alle seine Einschränkungen der persönlichen
Lebensräumen mit ökonomischen Notwendigkeiten. Die Existenz alternativer Bewegungen
aber wird trotz ihrer vielen Schwierigkeiten zum Stolperstein, an dem sich gesellschaftliche
Entwicklungen prüfen lassen können. Die alternativen Bewegungen sind gewachsen,
durch ihre konstante "Vorarbeit" ist es möglich geworden, innerhalb der Gesellschaft
Veränderung auszuprobieren und neue Perspektiven zu eröffnen. "In meinem Falle,
wo ich mich mit dem Lehmbau / ökologischen Bauen befasse, ist tatsächlich meßbar
- und zwar in erschreckender Weise [...], daß das, was wir tun, Wirkung hat.
Das ist nämlich so, daß die Entwicklung zum ökologischen Bauen, insbesondere
zum Lehmbau, wieder aktiviert ist. Also abgebrochen ist der Lehmbau etwa 1955
in Deutschland insgesamt und in Europa auch, als Bauform, weil die chemische
Industrie und andere Industrien sagten: das kann man alles viel besser und viel
schöner und viel anders machen und die Wiedergeburt des Umgangs mit natürlichen
Materialien, darunter mit Lehmbau, entstand etwas eher im Westen Deutschlands,
aber nahezu unerheblich eher, nämlich etwa 1980 haben die ersten begonnen, vereinzelt
mit Lehm zu arbeiten; aus künstlerischen, emotionalen oder anderen Gründen und
wenig später haben sich einige damit im Osten Deutschlands damit befaßt, auch
schon zu DDR- zeiten. Und jetzt passiert folgendes: daß die um 1980 bemitleideten
und belächelten; auch kritisierten Ökobauer Deutschlands fast gleichziehen;
oder fast ist der Stand erreicht, daß darüber nicht mehr zu lächeln ist seitens
der Öffentlichkeit; daß die Presse es positiv berichtet; daß Banken und Versicherungen
beginnen, ökologisch errichtete Bauten höher zu bewerten [...]. Also wir erreichen
jetzt die Schwelle der Normalität beim Lehmbau und beim ökologischen Bauen.
Und verrückt wird's, daß sich diese scheinbar Alternativen, die sich damit befaßt
haben, langsam Gedanken machen müssen, was passiert, wenn sich die Mittel- und
Großindustrie sich dessen bemächtigt; und das tut sie bereits; dann könnte es
glatt sein, daß in fünf Jahren von den Beginnern des Ganzen nahezu keiner mehr
Arbeit hat, weil die anderen das Know-how übernommen, verfeinert, vermasst haben.
Das ist negativ für die, die das begonnen haben und unter Nachhintanstellung
ihrer persönlichen Lebensumstände also mit Emphase gekämpft haben für das, was
sie da wollten. Und irgendwann kommt dann der mittlere oder Großindustrielle
und sagt: das ist aber schön, wir machen das jetzt folgendermaßen weiter, und
wenn sie Lust haben, können sie hier mitarbeiten und wenn nicht, dann lassen
sie das bleiben. Und wenn sie hier mitarbeiten, dann erscheinen sie morgen hier
im Anzug und schneiden sich mal ihren Zopf ab. So. Das wäre also der negative
Teil. Und der positive, den man dennoch sehen muß ist, daß es durch diese, die
das begonnen haben, so Raum gefunden hat, daß es tatsächlich dazu kommt. Daß
mehr ökologisch gebaut werden wird als herkömmlich. Daß sozusagen die Alternative
gar keine mehr ist, sondern: das Gegebene, das Tägliche." (Interview 3) 1.10.5
Alternativbewegung als Sozialagentur Einerseits besteht für Huber die Gefahr,
daß sich die alternativen Bewegungen der nachindustriellen Dienstleistungsbereiche
annehmen und diese verstärkt, vermarkten, professionalisieren und monetarisieren,
andererseits sind die alternativen Bewegungen stets in der Gefahr, "das Signum
der objektiven Marginalisierung, des wirtschaftlichen Lückenfüllers, einer (durchaus
effektiven) Sozialagentur für an den Rand gedrängte, Gebrochene und Ausgestiegene"
zu tragen (Huber 1980, 64). Für ihn liegt die Bedeutung der Alternativbewegung
in einer allgemeinen Lebensreform, die den sozialen Unterbau der Gesellschaft,
den informellen Sektor, "gegenüber dem formellen Überbau neu beleben". In der
Gefahr stehen alternative Bewegungen immer: sind sie das Sammelbecken für Aussteiger,
für Typen, die "Null Bock" haben oder sind sie gesellschaftlich relevant in
ihren Problemlösungsversuchen? Nun ist es für alternative Bewegungen verlockend,
Aufgaben im Dienstleistungsbereich zu übernehmen, dadurch ihre Ökonomie zu konsolidieren
und ihr Bild in der Öffentlichkeit zu verbessern: "eine solide, fleißige Gemeinschaft".
Hier besteht die Gefahr der Monetarisierung, der Ausdehnung des Systems auf
informelle Handlungsbereiche. Endfrage bei der zumindest lockenden Übernahme
von Aufgaben aus dem Sozialbereich ist: werden gesellschaftliche Probleme durch
die alternative Tätigkeit beschwichtigt, Betroffene ruhiggehalten und damit
das System stabilisiert oder werden Impulse der Veränderung weitergegeben? Bei
dieser grundlegend beachteten Einordnung können alternative Bewegungen vielseitige
Möglichkeiten anbieten, sich auf das Leben vorzubereiten, Möglichkeit der Bewältigung
von Sprüngen in der Entwicklung zu schaffen, sich auszuprobieren, eigene Grenzen
zu ertesten. "Wir haben einfach den Platz gefunden: Freizeit und Erholung, Lebensgestaltung.
Den Leuten die Möglichkeit geben, sich hier auszuprobieren, sich vorzubereiten
auf ihr Leben; ob es nun Kinder oder Jugendliche sind oder Leute, die einfach
nur hier landen und festgestellt haben, daß sie den Weg, den sie bisher gegangen
sind, nicht weitergehen können oder wollen; wo wir ein Ort sind, wo man sich
neu orientieren kann" (Interview 2). 1.10.6 Kai- Uwe Hellmann: Die Beobachtung
der Folgeprobleme funktionaler Differenzierung In der funktionell differenzierten
Gesellschaft macht jedes Funktionssystem, was es will. Es gibt keine Möglichkeit
der Abstimmung zwischen den Funktionssystemen. Gerade das Fehlen einer einheitlichen
Vernunft oder einheitlichen Operationsbereiche, die eine Abstimmung ermöglichen
würden, führt zur immer weiteren Entfernung der Bereiche ("Zentrifugalbewegung")
voneinander (Hellmann 1996, 61). "Es fehlt also innerhalb des Formprinzips funktionaler
Differenzierung an einem spezifischen Funktionssystem, das sich wiederum der
Folgeprobleme annehmen oder zumindest doch auf sie aufmerksam machen würde.
(Hellmann, 27) Auch Politik kann das nicht leisten, denn sie hat keine Verfügungsmacht
über die anderen Bereiche und keine Abstimmungsmöglichkeit. Eben diese fehlende
allgemeine Abstimmung der Gesellschaft über die gesamtgesellschaftlichen, über
die Systembereiche hinausgehenden Probleme ist Aufgabe der alternativen Bewegung.
Sie "greift Themen auf, die keines der Funktionssysteme, weder die Politik,
noch die Wirtschaft, weder die Religion, noch das Erziehungswesen, weder die
Wissenschaft noch das Recht als eigene erkennen würden" (Luhmann 1991, 153).
Sie ist es, die vor allem auf diese Form von Folgeproblemen funktionaler Differenzierung
als 'Frühwarnsysteme' aufmerksam macht. "Ihre Existenz scheint sich geradezu
der Existenz dieser Folgeprobleme zu verdanken. Ohne sie - so scheint es - würde
die moderne Gesellschaft noch immer nicht wissen, welch bedrohlichen Gefährdungen
sie sich selbst aussetzt. Insofern stellt sich der Eindruck ein, als ob den
neuen sozialen Bewegungen [...] eine vielleicht nicht geringer einzuschätzende
Bedeutung zukommt als den funktionsspezifischen Teilsystemen moderner Gesellschaft"
(Hellmann, 27, Auslassung d. A.). 1.10.7 Kai- Uwe Hellmann: Repräsentation der
Einheit der Gesellschaft Alternative Bewegungen nehmen in der Gesellschaft einen
Platz ein, als ob sie die Position eines Gegenübers hätten (Luhmann 1991). Damit
begegnen sie einem weiteren Folgeproblem funktioneller Differenzierung: daß
der modernen Gesellschaft eine einheitliche Selbstbeschreibung fehlt. Gerade
durch den Protest stellen sich die Bewegungen jenseits einer - widersprüchlichen
- Grenze. Das Aufmerksammachen auf Risiken konfrontiert die Gesellschaft mit
den Folgeproblemen ihrer Organisationsform und damit auch mit sich selbst in
einer Weise, wie es kein anderes Funktionssystem bieten kann (Hellmann 1996,
64). 1.10.8 Kai- Uwe Hellmann: Ausgleich von Freiheit und Gemeinschaft Die Wechselwirkung
von Modernisierung und Individualisierung bewirkt, daß immer mehr möglich wird
bei immer geringer werdenden Begrenzungen. Es ist "nicht nur die Auflösung primärer
Bindungen festzustellen, sondern auch die Ausbildung neuer Formen der Vergemeinschaftung"
(Hellmann 1996, 65). Mit steigender Freiheit sinkt die Möglichkeit der Identität.
Neue soziale Bewegungen haben deshalb auch die Aufgabe der Identitätsbildung;
ein "Gleichgewicht zwischen Freiheit und Gemeinschaft" (Heimann 1980, 160) herzustellen.
Gerade Risikos - die zwar äußerst unwahrscheinlich sind, aber wenn sie auftreten,
katastrophale Folgen haben - geben einen Grund zu Abgrenzung und neuer Identitätsfindung
durch gemeinsame Betroffenheit. 1.10.9 Kai- Uwe Hellmann: Betroffenheit und
Entscheidung Die verschiedenen Protestformen treten "gegen [oder auch für] bestimmte
politische Entscheidungen ein" (Mehlich 1983). Es geht um eine "Um- bzw. Neudefinition
der Staatsbürgerrolle" (141), darum, die Spaltung in Entscheidende/ Handelnde
und Entscheidungsnehmern / Erlebenden aufzuheben. Betroffene sollen auch selbst
mitentscheiden können. Durch diese Entdifferenzierung der im politischen System
vorherrschenden Rollentrennung wird das politische System insgesamt in Frage
gestellt, denn wo bleibt die Aufgabe der Politik, wenn Betroffene direkt und
unvermittelt auf ihre Probleme reagieren wollen? 1.11 Alternative Ökonomie "
Geht es beim Alternativen nur darum, der Mittel und Materialien sich zu versichern,
die die Nichtalternativen zur Verfügung stellen (gerne bis zähneknirschend),
damit die Alternativen alternativ sein können - dann wäre alternativ schon sehr
egoistisch, wenn alternativ sich darin gefällt, sich mästen zu lassen. " (Interview
3) Der alternativen Ökonomie kommt eine besondere Bedeutung zu. Mit der privatistisch-
konsumtiven Existenzform im bürgerlichen Staat werden den Menschen Ersatze angeboten,
die an Stelle der eigentlichen Bedürfnisse treten und einen hohen Ressourcenverbrauch
bewirken. Alternative Bewegungen suchen danach, die wirklichen Bedürfnisse zu
befriedigen. Sie wollen das Karussell des mehr Herstellen und mehr Konsumieren
durchbrechen. Doch man kann sich nicht aus der kapitalistischen Ökonomie abkoppeln,
ohne ihren strukturellen Zwängen ausgesetzt zu sein. Hirsch bezeichnet die Vorstellung
als illusorisch, daß sich gegenökonomische Inseln ausbreiten könnten und so
den Kapitalismus überwinden (Hirsch 1980d, 156f). Die Unterkapitalisierung der
alternativen Projekte zwingt sie dazu, aufgrund ihrer Unterkapitalisierung eine
selbstausbeuterische Subsistenzwirtschaft in Kauf zu nehmen oder sich von der
Unterstützung von Sympathisanten abhängig machen. Setzen sie sich allerdings
den Zwängen des Marktes und der Konkurrenz aus, so werden sie bei ihrem Bestreben,
sich zu stabilisieren, effizienter zu arbeiten und sich regional zu vernetzen,
fast zwangsläufig kapitalistisch organisierte Formen der Arbeitsgliederung und
des Arbeitsprozesses übernehmen. Hier besteht die Gefahr, daß sich, wenn sich
Alternativprojekte den Marktbereich (Psycho- Gesundheits-, Sozial-, Bildungs-
und Unterhaltungsmarkt) erschließen, bisher noch nicht von der "Megamaschine"
vereinnahmte Bereiche verstärkt zu vermarkten, zu professionalisieren und zu
monetarisieren. Eben die Unfähigkeit zur Produktion von Produktionsmitteln und
die geringe Kapitalausstattung zwingen die alternativen Projekte, sich in Lücken
und Nischen des kapitalistischen Wirtschaftssystems anzusiedeln, an Stellen,
die für das dominante System unrentabel sind. Damit bewirken diese Bewegungen
nicht die angestrebte Transformation der Gesellschaft, sondern eher eine Stabilisierung,
bieten Fluchtpunkte und neutralisieren politischen Widerstand. 2 Kann ich dir
helfen? Soziale Arbeit im Kontext alternativer Bewegungen 2.1 Was hat Soziale
Arbeit mit alternativen Bewegungen zu tun? Soziale Arbeit und alternative Bewegungen
sind die legitimen, wenngleich allenfalls verschämt anerkannten Kinder der funktionierenden,
an wirtschaftlichen Prinzipien orientierten Gesellschaft. Keiner vermag sich
dieser "Familienmitglieder" zu entledigen; sie scheinen wichtig zu sein und
trotz der Kostspieligkeit der sozialen Arbeit und der Verunsicherungskomponente
der alternativen Bewegungen wichtige Aufgaben im Gefüge der Gesellschaft zu
spielen. Im folgenden soll es darum gehen, das Verhältnis zwischen beiden zu
klären und eine Perspektive für die Sozialarbeit zu erarbeiten, wie mit alternativen
Bewegungen umgegangen werden könnte. "'Arbeitsgesellschaft' und 'Sozialstaat'
bedingen sich wechselseitig: Wir treiben so viel Sozialaufwand, weil wir so
viel arbeiten; und wir arbeiten nicht zuletzt deshalb so viel, weil unsere Gesellschaft
einen so hohen Sozialbedarf hat [...] Und umgekehrt: Eine weniger mobile, weniger
starr arbeitsteilige Gesellschaft mit einem dichten Netz lebendiger sozialer
Beziehungen braucht weniger Erwerbsarbeit, um ihren 'Sozialbedarf' zu decken"
(Guggenberger 1988, 76, Auslassung d. A.). Unsere moderne westliche Gesellschaft
hat einen insgesamt zu hohen Ressourcenverbrauch, weil sie materielle Mittel,
die sich besser zur Profitmaximierung eignen, höher einschätzt als das Leben
selbst. Andererseits fehlt uns, weil sich die Welt nicht im Materiellen beschränkt,
nun ein kontinuierlich weitergegebenes Wissen, eine Gesprächsebene um "das Leben".
Beides hat in seiner Wechselwirkung dazu geführt, daß wir auf einer verzweifelten
Suche unsere Welt ausbeuten. Die Differenzierung der Gesellschaft ist auch ein
Ausdruck dafür, sich mithilfe von Abgrenzung anderen Menschen nicht nähern zu
müssen. Jeder hat seine Aufgabe und kein anderer darf ihm reinreden. Und es
gibt auch keinen Grund, jemandem anderen reinzureden. Beziehung ist nicht erwünscht,
Funktionalität ist erstrebt. Woher kommt nun das Bedürfnis des Menschen, sich
von anderen zu distanzieren, sich abzugrenzen? Selbstbestimmung und die nicht
erstrebenswerten Verhaltensweisen von Generationen vor uns ist eine Seite. Die
eigentliche Ursache, finde ich, ist die Entfernung von sich selbst. Eigentlich
sind alle Menschen gleich und alle Dinge auf der Erde, in der großen Komplexität,
sind verwandt, haben eine Beziehung zueinander. Doch kein Mensch darf mehr er
selbst sein: große Religionen und Philosophien haben den Menschen vorgeschrieben,
anders zu sein und zu werden, als er ist. Man hat sich keine Zeit mehr gelassen,
selbst in sich hineinzuhören, erkennen zu können, wer man ist und: zuzulassen,
so zu sein, wie man ist. "Erlösung aus der Welt", "Befreiung von der Arbeit"
sind alles Bestrebungen, vor der realen Komplexität zu fliehen. Wer sich weiß
und sich in seiner ganzen Bandbreite akzeptiert, findet zu einer Beziehungsfähigkeit
zu anderen Menschen, zu "Dingen" und zur Natur. Jeder Mensch ist einmalig, "singt
sein eigenes Lied" und kann es auch nur selbst finden. Der moderne Mensch hat
sich ein System von universellen Sicherheiten und Versorgungssystemen geschaffen,
in dem er gefangen ist und außerhalb dessen er sich kein Leben mehr vorstellen
kann. Die Menschen haben durch bürgerliche Vergesellschaftung viele Komponenten
ihrer Menschlichkeit verleugnet: die Sexualität, die Verschiedenheit, die Unzulänglichkeit,
die Endlichkeit, die "Bodenlosigkeit des Menschseins", die Spiritualität. Diese
Dinge, wenn sie denn nun wieder zum Vorschein kommen, sorgen für Verschämtheit,
Unsicherheit oder Abwehr dieser Gefühle durch starkes, lautes Auftreten. Man
traut sich selbst nicht zu, so "pervers" zu sein, traut es anderen nicht zu
und hat noch keinen Weg gefunden, diese Dinge zu leben und zu kommunizieren.
Der Mensch ist zwar ein soziales Wesen und sein Inneres bildet sich auch durch
äußere Bedingungen, aber letztendlich muß jeder seinen Weg selbst gehen. Doch
viele können ihn nicht gehen. Hier beginnt die Aufgabe von Sozialarbeit: Menschen
auszurüsten, selbst ihren eigenen Weg gehen zu können. Sozialarbeit gehört zum
System. Sie wird bezahlbar erst durch wirtschaftlichen Erfolg, sie ist eingegliedert
in das funktional differenzierte System, sie ist das systemimmanente Mittel,
die Auswirkungen der "Arbeitsgesellschaft" erträglich zu machen. "Der Sozialstaat
bietet also keine 'Ernstfall'prävention; er ist vielmehr das ganz alltägliche
Schmiermittel für das ganz alltägliche Funktionieren dieser Gesellschaft, der
Puffer, der die Kollisionen abmildert" (Guggenberger 1988, 83). Was kann Sozialarbeit
nun tun, wenn sie für eine präventive Veränderung der Gesellschaft gar nicht
legitimiert ist? Einstieg dazu ist die Einsicht, "daß sich die in Ressortzuständigkeiten
befestigte Trennung von Wirtschaftspolitik als 'Produktionspolitik' und Sozialpolitik
als 'Distributionspolitik' von der Sache her längst nicht mehr aufrechterhalten
läßt" (Guggenberger 1988, 77). Heutzutage wird begonnen, die Wichtigkeit des
Sozialen als die Grundlage für gesellschaftliches Leben und Produktion zu erkennen.
Beide Bereiche sind eng verknüpft; gesellschaftliche Reproduktion beschränkt
sich eben nicht auf materielle Produktion. Ebenso gehören dazu Bildung, Gesundheitsvorsorge,
Arbeitsmarktpolitik. Der "soziale Unterbau" einer Gesellschaft ist konstituierend
für Produktion, der "materielle Unterbau" einer Gesellschaft ist konstituierend
für das Soziale. Da sich nun in der Gesellschaft ein Bewertungswandel vollzieht,
vom Bedeutungsprimat der Wirtschaft hin zur Anerkennung des Sozialen als Voraussetzung
für Gesellschaft und für Wirtschaft, so eröffnen sich für die Sozialarbeit neue
Aufgabenbereiche. Sozialarbeit muß aufhören, die Menschen einzusortieren, zu
versorgen und ruhigzuhalten, sondern im Gegenteil als ihre wichtigste Aufgabe
ansehen, allen eine aktive Beteiligung am gesellschaftlichen und politischen
Leben zu ermöglichen. Sozialarbeit muß in der zerrissenen Gesellschaft Kommunikationsräume
eröffnen, Tabuthemen brechen, Beteiligungsmöglichkeiten sichern. Sie muß Lebensbedingungen
schaffen, die es den Menschen ermöglichen, nicht immer wieder der Gemeinschaft
zur Last zu fallen, sondern selbst ihre Angelegenheiten lösen zu können. Dazu
muß die Fähigkeit der einzelnen Menschen geschaffen oder gestärkt werden und
Bedingungen geschaffen werden, unter denen Menschen sich selbst organisieren
können. Um die Fähigkeit der einzelnen Menschen zu verstärken, müssen Orte existieren,
wo man sich selbst suchen kann, sogenannte "Experimentierfelder". Dazu gehören
z.B. umfassende, ganzheitliche Bildung, freiere Schulen, Herausforderungen wie
Auslandsaufenthalte, Kommunikationsmöglichkeiten, Freiräume und informelle (Nachbarschafts-)strukturen
und private Hilfsstrukturen. Um kleinteilige regionale Lebenswelten miteinander
zu verknüpfen, ist eine integrierende Gesamtschau notwendig, die Kommunikation
über die Grenzen hinweg ermöglicht. Zur Zeit fehlt es jedoch an "Meta- Erzählungen"
(Salustowicz 1998, 111), an einer sozialen Utopie, an "utopischen Energien"
(Habermas 1996, 141ff). Ziel der Sozialen Arbeit sollte immer wieder sein, Menschen
in die Selbständigkeit zu führen, also nicht von der sozialen Hilfe abhängig
zu machen. In dieser Hinsicht wäre auch darüber zu reflektieren, wie soziale
Arbeit damit umgehen könnte, daß sie mit ihrem Erfolg ihren eigenen Arbeitsplatz
abschafft. Würde die Sozialarbeit nun noch strukturell am Umbau der Gesellschaft
mitwirken, könnte sie sogar die Existenz der sozialen Arbeit im Ganzen nicht
mehr notwendig machen. Im folgenden werde ich einige mir wichtig erscheinende
Punkte behandeln, bevor ich ein Konzept politischer Sozialer Arbeit von Prof.
Dr. Piotr Salustowicz näher erläutere. 2.1.1 Eigenkräfte stärken "In einer Gesellschaft
der schrumpfenden Arbeit ist es eine fatale Illusion, 'soziale Sicherheit' nach
wie vor auf das Vorhandensein zentralstaatlicher Versorgungsstrukturen zu gründen
[...] Der Sozialstaat in seiner heutigen Gestalt läßt sich nur aufrechterhalten
und ausbauen auf dem Boden eines expandierenden Wirtschaftssystems" (Guggenberger
1988, 83, Auslassung d. A.). Die Priorität der heutigen Sozialen Arbeit sollte
darauf liegen, die Menschen systemunabhängig zu stärken: durch Aufbau ihrer
Eigenkräfte und Konfliktbewältigungsmöglichkeiten und durch Unterstützung von
Nachbarschaftsstrukturen und informellen Hilfssystemen. Notfalls muß Sozialarbeit
davon ausgehen, Menschen damit auch fähig zu machen, gegen die eigene Behörde,
das eigene Sozialsystem zu opponieren. Ebenso beklagenswert, wie es ist, daß
das soziale Versorgungsniveau sinkt, ebenso gut ist es, wenn die Menschen dadurch
immer größere Bereiche ihres Umfelds selbst regeln können (und müssen). Menschen
entwickeln Zufriedenheit in den Lebensbereichen, die sie selbständig gestalten
und kontrollieren, während sie unzufrieden auf anonyme Versorgung von außen
(durch Staat oder Gesellschaft) reagieren. "Wer mit der Mindestrente auskommen
muß, dafür aber in lebendigen Familien- und Nachbarschaftsbeziehungen lebt,
vielleicht sogar weiß, wo es Obst, Gemüse, Brennholz und ein Glas Wein umsonst
gibt - ist der wirklich ärmer dran als der andere, der mit dem doppelten Renteneinkommen
am Rande einer Trabantensiedlung im 13. Stockwerk einer teuren Neubauwohnung
lebt, einzig auf sich selbst gestellt und auf jene, bei denen er sich gegen
Geld Güter und Leistungen kaufen kann?" (Guggenberger 1988, 85) Jede Erhöhung
sozialer Leistungen bringt mit der Bindung der Menschen an die Verteilungsmaschinerie
eine noch stärkere Erhöhung der in Steuern und Abgaben zu erbringenden Abgabelasten,
denn die Verteilungsmaschinerie arbeitet mit einem großen Aufwand an Personal
und Bürokratie. Von 1960 bis 1980 sind die sozialen Kosten von 63 Milliarden
auf 450 Milliarden gestiegen. Es geht aber auch nicht um eine Reprivatisierung
sozialer Lebensrisiken wie Alter, Erwerbsunfähigkeit etc., sondern es geht um
die Wiedergewinnung des Menschen als soziales Wesen. 2.1.2 Umbau der Arbeitsgesellschaft
vorbereiten Ebenso wichtig ist es für die Soziale Arbeit, ihren Anteil an der
Vorbereitung zur Veränderung der Arbeitsgesellschaft zu leisten. Es gibt noch
zu wenige Modelle, die die Auswirkungen z.B. einer Grundversorgung reflektieren.
Es gibt noch zu wenig Orte, in denen die Erhöhung der Wertschätzung von Ehrenamt
und freiwilliger Arbeit gelebt wird. Ein Netz und eine Organisierung von ehrenamtlicher
Arbeit, von informellen Tätigkeiten wird schon von Vereinen getragen, ist aber
noch brüchig und unverläßlich finanziert. Das Ziel der Technisierung, nämlich
Arbeit zu sparen, wurde erreicht. Was nun als Schreckensbild vor der Gesellschaft
mit den vielen Arbeitslosen steht, muß verändert werden, daß wir die Möglichkeiten
nutzen können. Hier ist die Arbeit mit Arbeitslosen wichtig. "Es gilt, die Gestaltbarkeit
unseres Verhältnisses zur Arbeit neu zu entdecken und zu begründen" (Guggenberger
1988, 117) Ebenso fehlt ein Verteilungsmodus für die Arbeit: "Anders als 1929
und in den Folgejahren stehen wir nicht in einer Produktions-, sondern in einer
Verteilungskrise. Unser Problem ist nicht die Knappheit, sondern das Fehlen
eines überzeugenden Verteilungsmodus, der, Zug um Zug, in die Leerstelle des
als Verteilungsmechanismus verblassenden Arbeitslohns einrücken könnte" (Guggenberger
1988, 123). Guggenberger erarbeitet eine Strategie mit drei Zielperspektiven:
Langfristiges Grundziel: Tätigkeitsgesellschaft mit verkürzten Erwerbsarbeitszeiten,
aufgewerteter Eigenarbeit, flexiblen Übergängen formelle/ informelle Arbeit
und selbständigem Freizeitverhalten. Mittelfristiges Ziel: neue vernachlässigte
Bedürfnisfelder vor allem im Umwelt-, Bildungs- und Sozialbereich zu erschließen.
Kurzfristiges Ziel: Arbeit für alle, die arbeiten wollen, flexible Möglichkeiten
für die, die weniger oder anders arbeiten wollen (Guggenberger 1988, 124). "Und
weil das jetzt schon alles zu bedenken ist, ist es präventive Arbeit der Sozialarbeit
jetzt schon, im Vorfeld. Sich da einzumischen in die gesellschaftliche Diskussion
über den Wert von Arbeit als Sozialisierungsmittel und was passiert, wenn dieses
nicht zur Verfügung steht; da wird man nämlich asozial, wenn Arbeit sozial ist.
Und eine gesellschaftliche Entwicklung anzustoßen, die Arbeit, auch wenn sie
nicht im herkömmlichen Sinne wie heute betrachtet wird. Wenn also einer, der
heute weiß, der wird niemehr Arbeit bekommen, das gleiche Empfinden zu geben
wie jemandem der Arbeit hat. Also die Leute mental und die Gesellschaft im Ganzen,
soweit umzubauen, daß sie die eine Arbeit gleichwertig zu der anderen Betrachten
und bei der einen ist das Ergebnis ein gemeinnützig mit dem positiven Feedback:
auch ich sozialisiere mich darüber und die- an der realisiert sich mit der Möglichkeit,
noch Geld zu verdienen. Also alle sozialisieren sich in ähnlichen gesellschaftlichen
Grunddefinitionen von Leben und Arbeit; und dann gibt es noch Möglichkeiten,
Geld zu verdienen über diese Grunddefinition drüberweg. Die jetzige Betrachtung
ist doch die: die, die Arbeit haben, das sind doch die, die es geschafft haben;
die wenigen. Dann gibt es die "Zwischengeparkten", die ABM und Fortbilder. Und
dann gibt's noch die, die gar nicht mehr verwendbar sind, die es gar nicht geschafft
haben; noch nicht mal eine ABM- Stelle zu kriegen, geschweige denn zu den zu
gehören, die einen Job haben. Und da das sich nicht mehr großartig verändern
wird, muß man, damit die Gesellschaft nicht an ihrer Eigentrauer entzwei geht,
muß man das philosophisch umbauen. Wäre das Aufgabe der Sozialarbeit? Ja. Natürlich.
Ich muß dir gerade sagen, daß die Sozialarbeiter eine große Bedeutung dabei
haben, obwohl ich mit schöner Regelmäßigkeit feststelle, daß sie Mühe haben,
mir in meinen Überlegungen wenigstens zu folgen." (Interview 3) 2.2 Neue Aufgaben
der sozialen Arbeit Durch die immer schwieriger werdende Möglichkeit, das Leben
über Berufsarbeit zu finanzieren, sind immer mehr Menschen darauf angewiesen,
außergewöhnliche Lebens- und Überlebensstrategien zu entwickeln. Dabei geraten
sie bei ihrer Hilfesuche in Konflikt mit den standardisierten bürokratischen
Formen der Hilfegewährung des sozialen Apparats. "Betrachten wir das System
staatlichen Helfens insgesamt, so liegt sein verborgener Sinn freilich in der
umgekehrten Richtung: es verhindert, daß die Gesellschaftsmitglieder, die in
Übereinstimmung mit den geltenden Werten und Normen erfolgreich sind, mit dem
Elend in Kontakt kommen, das diese Ordnung auch produziert und ihre Werte in
Frage stellen könnte. Es wird abgespalten, versorgt, verwaltet, kontrolliert.
Diejenigen, die aus dem Leistungssystem herausfallen, werden im 'sozialen Netz'
aufgefangen; das ist der Vorteil des Sozialstaats; aber auch gefangen; das ist
sein Nachteil. Lieber wird Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe gezahlt als die
Arbeit mit demselben Geld umverteilt" (Volmerg 1990, 154) Will sich das Soziale
System an veränderte gesellschaftliche Bedingungen anpassen, so müssen die Vertreter
dieser Institutionen die Möglichkeiten erhalten, für die Wahrnehmung neuer Anforderungen
offen zu werden. 2.3 Funktion und Rolle Sozialer Arbeit Das bisherige konstitutionelle
Paradigma der sozialen Arbeit ist die Versorgungsleistung des Staates für Bedürftige.
Sozialarbeit muß ihr Verständnis dahingehend ändern, daß die Zivilgesellschaft
überlebensnotwendig die Partizipation aller ihrer Mitglieder hat und als größte
Gefahr nicht die materielle Unterversorgung von Mitgliedern hat, sondern die
Ursache und Entstehung von Ungerechtigkeiten; nämlich die Unmöglichkeiten von
Teilen der Gesellschaft, an der Gesellschaft teilzunehmen. Materielle Versorgung
muß somit das Ziel haben, die Teilhabe an den gesellschaftlichen Prozessen zu
ermöglichen. Neue soziale Bewegungen können in der individualisierten postmodernen
Gesellschaft Heimat, Schutz und Sicherheit geben und andererseits Experimentierfeld
sein für Veränderungen. Die neuen sozialen Bewegungen haben darauf aufmerksam
gemacht, daß gerade die Problemfelder, für die sich kein gesellschaftlich differenziertes
System zuständig führt, die Gesellschaft in ihrem Grundbestand gefährden. Genauso
flexibel und vielseitig wie die Aktionen der alternativen Bewegungen muß soziale
Hilfe werden, wenn sie passende Hilfe gewähren möchte. Dazu müssen die Kommunikationsmöglichkeiten
in den Strukturen der Sozialen Arbeit verbessert werden. 2.3.1 Salustowicz:
Politische Soziale Arbeit Prof. Dr. Piotr Salustowicz entwirft ein neues Bild
des Verständnisses Sozialer Arbeit als politischer Sozialer Arbeit (Salustowicz
1998). Ausgehend von der Hauptfrage: wie kann "soziale Gerechtigkeit unter den
Bedingungen einer Globalisierung vom und Entmoralisierung durch den Markt in
einer von Individualisierung und Entsolidarisierung geprägten postmodernen Gesellschaft
gesichert werden" (111) - untersucht er die drei Schlüsselkategorien: Solidarität,
Zivilgesellschaft und die politische Soziale Arbeit. Ohne Solidarität ist kollektives
Handeln nicht möglich. Wie ist die Solidarität in der individualisierten und
entmoralisierten Gesellschaft der Postmoderne möglich? Ist die Zivilgesellschaft
eine Form der sozialen Solidarität, die sich dem Prinzip "Brüderlichkeit" verschreibt
und sozial ungerechte Verhältnisse zu transzendieren sucht? Ist die Zivilgesellschaft
ein Ort der "selbstorganisierten Herstellung sozialer Gerechtigkeit?" (Rödel
u.a., 1989; Böllert, 1996). Wo finden sich dann die Solidaritätspotentiale der
Zivilgesellschaft und wie sind sie zu mobilisieren? Welche Perspektive hat die
politische Soziale Arbeit, die sich als politische Aufklärung und Aktivierung
der sozial Benachteiligten reflektiert und definiert? Salustowicz untersucht,
wo denn nun das Widerstands- und Protestpotential der Gesellschaft gegen die
Übermacht des Marktes (als Verteiler des materiellen Wohlstandes), gegen den
Staat (Überdominante Herrschaftsform) und die Nation (nationalistisches Mythos)
ist. Wo ist sozusagen die Solidarität (von Teilen) der Gesellschaft, auf die
die politische Soziale Arbeit bei ihrer Zielrichtung bauen kann? 2.3.1.1 Zur
Solidarität Braucht eine moderne Gesellschaft Solidarität? Kann sie nicht durch
einen reinen Austauschmechanismus von Gütern zusammengehalten werden? Ist eine
Gesellschaft mit hoher Solidarität (Nationalismus!) besser als eine mit niedriger
(ausgegrenzte Bedürftige)? In weniger entwickelten Gesellschaften findet man
die "mechanische Solidarität" (Durkheim 1977). Sie ist die Fähigkeit, aus dem
Vergleich von Schmerz und Erniedrigung anderer die Erkenntnis der Ähnlichkeit
und die Schlußfolgerung zu praktisch solidarischem Handeln zu ziehen. Der Preis
des Aufgehens in der Gemeinschaft ist der Verlust der Individualität des Einzelnen
(112). Während diese Form der Solidarität charakteristisch für Gesellschaften
ist, die auf dem Ähnlichkeitsprinzip basieren, stellt Durkheim für die funktional
gegliederte Gesellschaft das Konzept der "organischen Solidarität" gegenüber.
Die organische Solidarität ist aus der Arbeitsteilung abgeleitet. Je arbeitsteiliger
die Gesellschaft wird, desto individueller kann jeder seinen Teil zur Solidarität
beitragen; die Gesellschaft wird ein organisches, verwobenes Ganzes. In der
modernen Gesellschaft aber steht die Solidarität auf dem Prüfstand: die Individualisierung
bringt mit sich, daß die naturwüchsigen Solidargemeinschaften an Bedeutung verlieren;
gleichzeitig eröffnen sich erhebliche soziale Risiken beruflicher und sozialer
Art. Soziale Integration muß heute durch ein expandierendes sozialstaatliches
System hergestellt und abgesichert werden (inszenierte Solidarität). Was aber
passiert, wenn der Sozialstaat immer mehr abgebaut werden muß? Wer übernimmt
die Aufgabe? Soll sie, wie im Falle der Reprivatisierung von sozialen Versicherungen
wieder auf die Schultern der Einzelnen gewälzt werden? In der modernen Gesellschaft
ist Solidarität ein knappes Gut geworden. Begünstigte haben alle Möglichkeiten,
die Benachteiligten werden anomisiert und ausgegrenzt (Riedmüller 1984, 85).
Die Globalisierung des Marktes liefert häufig das Argument für den puren Kapitalismus:
Sozialstaat muß abgebaut werden, Wirtschaft muß flexibler reagieren können.
Zusammenfassung: Solange soziale Sicherungen soziale Risiken so abfedern können,
daß eine Verschlechterung der Lebenslage nicht als ungerecht empfunden wird,
vermindert fortschreitende Individualisierung das Solidaritätspotential in der
Gesellschaft. Da der "Kapitalismus pur" aber nicht in der Lage ist, eine gerechte
Gesellschaft zu entwickeln, und breite Schichten der Bevölkerung aus den sozialen
Sicherungssystemen ausgeschlossen werden, ist mit der Entstehung von neuen Solidaritätspotentialen
zu rechnen. Dies kann - so die These - möglicherweise in der Zivilgesellschaft
stattfinden. 2.3.1.2 Die Zivilgesellschaft Was ist das nun, diese "Zivilgesellschaft"?
Sie ist ein Teil der Gesellschaft neben Politik, Wirtschaft und Nation. Sie
setzt sich zusammen aus unabhängigen Vereinigungsformen für unpolitische Zwecke,
deren Bedeutung aber nicht im Leben außerhalb des politischen Systems liegt,
sondern in der Art, wie sie in dieses integriert sind und welches Gewicht sie
in ihm haben (Taylor 1991, 77). Zivilgesellschaft, also die Summe der organisierten
Bürger, die Interesse an Politik und Anteilnahme an öffentlichen Angelegenheiten
zeigen, scheint wichtiger für eine Gesellschaft zu sein als deren wirtschaftliche
Entwicklung. Bei den gesellschaftlichen Umwälzungen in der ehemaligen DDR hat
sich die Zivilgesellschaft als Akteur politischen Handelns gezeigt. Mit dem
Ruf "Wir sind das Volk" hat sich gezeigt: "Das Volk hat außerhalb jeder politischen
Struktur eine Identität, es hat Ziele, man könnte sogar sagen: einen Willen.
Im Namen dieser Identität und diesem Willen gehorsam haben sie das Recht, politische
Strukturen zu schaffen oder abzuschaffen" (Taylor 1991, 73). Zivilgesellschaft
ist nicht strukturell organisiert, und doch hat der Mythos ihrer Existenz, hat
die "Stimme des Volkes" eine Veränderung der grundlegenden Machtstrukturen ausgelöst.
Nun gibt es sehr viele heterogene soziale Bewegungen, die von kurzer oder längerer
Dauer sind, sich aus dem System ausgrenzen oder mit dem System ökonomisch verschmelzen
- doch wie kann die Gesellschaft verändert werden? "Inwieweit sich die Gesellschaft
und inwieweit sich die Politik dem Wert der sozialen gerechtigkeit verpflichtet
fühlen, kann erst beantwortet werden, wenn es gelingt, einen konsensfähigen
Maßstab für die Beurteilung von Gerechtigkeit intersubjektiv zu verankern" (Salustowicz,
119). 2.3.1.3 Zivilgesellschaft, soziale Gerechtigkeit und Sozialstaat Welche
Rolle fällt dem Sozialstaat bei der Herstellung sozialer Gerechtigkeit zu? Rödel,
Frankenberg und Dubiel (Rödel u. a. 1988) versuchen eine demokratietheoretische
Begründung von Sozialpolitik zu liefern. Demokratie und Willensbildung hat immer
etwas mit den konkreten Lebensumständen zu tun. Die Zugangsmöglichkeiten zum
öffentlichen Raum und damit zu politischen Artikulationsmöglichkeiten hängen
von den konkreten Lebensbedingungen ab und können auch blockiert sein. Sozialpolitik
als Ausdruck ziviler Solidarität zielt folglich darauf ab, die Bürger, soweit
sie der Hilfe bedürfen, nicht als fürsorgebedürftiger Einzelfall bürokratisch
zu verwerten, sondern politisch zu befähigen und zu ermächtigen. Ihr Problem,
sei es Armut, Arbeitslosigkeit oder Wohnungsnot, wäre demnach wegen des drohenden
oder faktisch eingetretenen Ausschlusses aus der öffentlichen Sphäre als Gefährdung
der öffentlichen Freiheit zu thematisieren und zu lösen (Rödel u. a. 1988, 183).
Aber der Sozialstaat ist in der Krise; und mit seiner Krise wären nun nicht
mehr nur die materielle Versorgung, sondern auch die Beteiligungschancen gefährdet.
Soziale Gerechtigkeit läßt sich immer nur vorläufig realisieren und unterliegt
und unterliegt der immer vorläufigen Gestaltung der Gesellschaft und ihrer Demokratie.
Hilfe zur Selbsthilfe, die Möglichkeit, öffentlich Protest zu erheben und für
alternative Konzeptionen öffentliche Unterstützung zu mobilisieren, sollte Element
der Verfassungsgebung werden. Die Grundsicherung der materiellen Existenz ist
die Bedingung der Möglichkeit öffentlicher Freiheit. Diese Zivilgesellschaft
bedarf einerseits der Pflege, andererseits steht sie unter Mobilisierungszwang.
Sowohl die Pflege als auch die Mobilisierung können die Aufgabe einer politischen
Sozialen Arbeit sein (Salustowicz 1998, 123). 2.3.1.4 Die politische Soziale
Arbeit Es geht um eine aktive politische Rolle der Sozialen Arbeit. Politik
ist hier die Durchsetzung bestimmter Ziele und Zwecke mithilfe des Mediums "Macht".
Grundwerte wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit sind für die politische
Soziale Arbeit grundlegend. Sie liefern auch die Legitimität des politischen
Handelns, das in Ausnahmen bis zum zivilen Ungehorsam reichen kann. Es geht
also nicht nur um die Befähigung von Sozialarbeitern, sich selbst politische
für die Hilfebedürftigen zu engagieren, sondern auch um das Vermögen, einen
politischen Protest oder sogar eine Bewegung mit sozialpolitischen Zielen organisieren
zu können. Dabei sollte sich die politische Soziale Arbeit auf eine Zivilgesellschaft
stützen können. Piven und Cloward (Piven u.a. 1979) haben sich für eine Strategie
ausgesprochen, die auf eine Mobilisierung der Hilfsbedürftigen und nicht auf
deren Organisierung setzt. Um eine effektive Mobilisierung von Hilfsbedürftigen
leisten zu können, schlugen sie vor, eine "Organisation von Organisatoren" zu
etablieren (Studenten, Geistliche, Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung, Sozialarbeiter,
militante Sozialhilfeempfänger). Als Taktik legten sie diesen eine breite Aufklärungs-
und Öffentlichkeitsarbeit über die Sozialrechte und Ansprüche, Identifizierung
von den informellen Leadern und Schlüsselpersonen in Slums, Ermutigung von Hilfsbedürftigen,
ihre rechtlichen Ansprüche auf Hilfe geltend zu machen und die , Organisierung
von Protesten, Protestmärschen und Demonstrationen nahe. "Eine Sicherung sozialer
Gerechtigkeit scheint ein Resultat einer Dialektik zwischen Reflexion und Selbstreflexion,
Fremdbestimmung und Selbstbestimmung, Organisation und Selbstorganisation sowie
Hilfe und Selbsthilfe zu sein. In diesen Prozessen fällt einer politischen Sozialen
Arbeit die Aufgabe zu, diese Dialektik den Benachteiligten transparent zu machen"
(Salustowicz, 125). Sind die Benachteiligten im Prozeß der Zivilgesellschaft
nicht vorhanden, kommt die Zivilgesellschaft zu kurz. 2.4 Nachsatz Materielle
Versorgung ohne politische Kultur bedeutet oft nur Ruhigstellung und Verdrängung
eigentlicher Bedürfnisse. Der Gesellschaftsaufbau, der sich über Ersatzbefriedigungen
organisiert, bewirkt einen hohen unsinnigen Ressourcenverbrauch. Die moderne
Gesellschaft, will sie nicht an sich selbst zugrundegehen, braucht einen grundlegenden
Wandel. Eine Gesellschaftsveränderung, die sich aus Reformen und nicht aus Revolutionen
ergibt, benötigt eine beteiligte Gesellschaft. Alle Gesellschaftsglieder müssen
befähigt sein, ihre Bedürfnisse zu kennen und die Möglichkeit haben, ihre Stimme
im politischen Prozeß zu äußern. Ich habe die Hoffnung, daß das Konzept politischer
Sozialer Arbeit mit dazu beitragen kann, politische Beteiligung und Artikulation
größeren Kreisen der Gesellschaft zu ermöglichen. 3 >